Zurück zur Gemeinschaft

Im Gespräch mit Karl-Heinz Meyer

(c) Logo Ökodorf-Institut

„Wir haben hohe Gebäude, aber eine niedrige Toleranz, breite Autobahnen, aber enge Ansichten. Wir verbrauchen mehr, aber haben weniger, machen mehr Einkäufe, aber haben weniger Freude. Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien, mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit, mehr Ausbildung, aber weniger Vernunft, mehr Kenntnisse, aber weniger Hausverstand, mehr Experten, aber auch mehr Probleme, mehr Medizin, aber weniger Gesundheit (…) Wir machen neue Computer, die mehr Informationen speichern und eine Unmenge Kopien produzieren, aber wir verkehren weniger miteinander. Es ist die Zeit des schnellen Essens und der schlechten Verdauung, der großen Männer und der kleinkarierten Seelen, der leichten Profite und der schwierigen Beziehungen. Es ist die Zeit der schnellen Reisen, der Wegwerfwindeln und der Wegwerfmoral, der Beziehungen für eine Nacht und des Übergewichts. Es ist die Zeit der Pillen, die alles können: Sie erregen uns, sie beruhigen uns, sie töten uns…“, sind Auszüge aus einem Zitat, das angeblich vom Dalai Lama stammt, und das in voller Länge u.a. auf der Seite Netzfrauen zu finden ist.

Das, was früher in dörflichen Gemeinschaften und Großfamilien im besten Fall möglich war, nämlich der Zusammenhalt „der Sippe“ und eine autarke Selbstversorgung, streben inzwischen immer mehr Menschen an, die dem „Paradox unserer Zeit“ den Rücken kehren wollen. Sie sehnen sich nach einem Leben, das sich wieder mehr an den Rhythmen der Natur statt am Funkwecker orientiert, einem generationsübergreifenden Zusammensein, einer gesünderen Lebensweise und nach natürlichen Heilmethoden.

Karl-Heinz Meyer, von Haus aus Diplom-Ingenieur, erkannte schon vor Jahrzehnten den wachsenden Bedarf an wirklich nachhaltig orientierten Lebensmodellen. 1992 gründete er das Ökodorf-Institut im Ökodorf bei Hannover. Gemeinsam mit Sabine Ainjali initiierte er 1995 im Südschwarzwald die erste Delfin-Lebensgemeinschaft. Eine zweite Delfingemeinschaft mit Landsitz in Herrischried entstand auf Initiative von Karl-Heinz und Sabine Meyer im Jahre 2016.

FRIEDA im Gespräch mit Karl-Heinz Meyer

(c) Karl-Heinz und Sabine Meyer

FRIEDA: Delfinlebensgemeinschaft – was bedeutet das genau?

Karl-Heinz Meyer: Der Delfin steht in einigen indianischen Traditionen für die Verbindung von Himmel und Erde. Das passt gut zu unserer Arbeit für die Verbindung von Spiritualität & Ökologie – aus unserer Sicht sind das eh zwei Seiten der gleichen Medaille…

FRIEDA: Ihr helft auch bei der Vernetzung von überregionalen Festivals, organisiert beispielsweise Gruppentreffen für andere Gemeinschaften oder Gründungswillige sowie Prana-Wander-Touren. Außerdem stellt ihr umfangreiches Informationsmaterial zur Verfügung für Interessierte, die selbst eine Gemeinschaft gründen wollen. Wie hat sich die Nachfrage in den letzten Jahren entwickelt?

K.-H. M.: Um 1980 war ich in Deutschland fast der Einzige, der Beratung für Gemeinschaftssuche/gründung & Adressvermittlung weltweit angeboten hat. Heute gibt es dutzende Kollegen, und trotzdem bin ich gut ausgelastet, also ein Indiz dafür, dass die Nachfrage sehr gestiegen ist. Und auch das Angebot: Inzwischen gibt es Tausende unterschiedliche Gemeinschaften in Deutschland.

FRIEDA: Lässt es sich in den Gemeinschaften auch ganz individuell leben oder bilden Gruppenrituale einen wesentlichen Schwerpunkt?

(c) Karl-Heinz Meyer
„Kreistanz“

K.-H. M.: Die Gemeinschaftsbewegung ist inzwischen sehr vielfältig. Auch aktive Nachbarschaften zähle ich dazu. Über die Hälfte der Gemeinschaften legen neben freiwilligen gemeinsamen Aktivitäten genauso Wert auf Individualität: eigene Wohnungen, Zeitsouveränität….

FRIEDA: Gelebte Spiritualität – darunter verstehen ja nicht alle Menschen dasselbe. Für manche ist das gemeinschaftliche OM-Singen ein Akt der Spiritualität, für andere die konkrete Arbeit im Garten. Wie bringen das die dir bekannten Gemeinschaften unter einen Hut?

K.H. M.: Wir z.B. singen ab und zu Lieder aus verschiedensten Traditionen, also auch mal einfach „nur“ lustige Lieder oder Lagerfeuer-Lieder, neben den vielen schönen spirituellen Liedern, die wir kennen. Oder es gibt Wunschtage, die reihum gestaltet werden. Da gärtnern dann halt auch mal die Sänger/innen…

FRIEDA: Sicher ist dir Auroville in Indien ein Begriff. 1968 gegründet, leben dort heute etwa 2.500 Menschen aller Hautfarben, Nationen, Religionen. Auroville war damals eine Utopie und die Gründerin Mirra Alfassa war seinerzeit schon etwa 90 Jahre alt. Kannst du dir vorstellen, dass auch in Deutschland „Inseln“ dieser Art entstehen oder neigt der Mensch irgendwann doch wieder zum Nachbarschaftsstreit und Jägerzaun?

(c) Karl-Heinz Meyer

K.-H. M.: Weder noch. Zur Zeit lassen die Strukturen in Deutschland kaum solche großen Inseln oder Ökodörfer zu. Dafür gibt es immer mehr aktive Nachbarschaften oder traditionelle Dörfer, die sich regenerieren und wiederbeleben…

FRIEDA: Wie geht ihr mit Konflikten innerhalb der Gemeinschaften um? Oder haben sich da alle „ganz doll lieb“?

K.-H. M.: In den meisten Gemeinschaften werden Konflikte offener und konstruktiver ausgetragen als in der normalen Gesellschaft. In meinem früheren Ökodorf bei Hannover wurde schon ziemlich am Anfang in den 80er Jahren eine Streitschule für Verständigung & Mediation gegründet. Sabine und ich sind gerade dabei, unsere manchmal anstrengenden, aber erfolgreichen Eheprozesse seit 1995 auszuwerten und für andere Paare und Gemeinschaften weiterzugeben.

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FRIEDA: Wie lautet deine Prognose für Deutschland/Europa die nächsten 2-3 Jahre betreffend?

K.-H. M: Probleme sind zum Lösen da. So, wie wir aus unseren Ehe- und Gemeinschaftserfahrungen gelernt haben, gibt es auch in der Gesellschaft einen immer größeren Anteil an Lernbereiten, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. Ich habe ja in meinen Gemeinschaften und in meiner Ehe auch nicht alles realisieren können, was ich mir ursprünglich vorstellte. Und habe dafür anderes Ungeplantes bekommen…

FRIEDA: Was sind eure nächsten Pläne/Projekte?

K.-H. M.: Statt Pläne im Kopf zu schmieden und die dann auf „Teufel komm‘ raus“ umzusetzen, oft auf Kosten anderer (und sei es nur, dass die eigenen Kinder darunter leiden, weil mensch sich lieber Projekten statt den Kindern widmet): Immer besser die „Innere Stimme“ (Gott oder wie immer andere es nennen) wahrnehmen und dann auch danach handeln.

FRIEDA: Vielen Dank für das Gespräch und euch weiterhin viel Erfolg!

K.-H. M.: Dir ebenso.

Titelfoto pixabay

Für weitere Kontakte:

www.gemeinschaften.de

www.pranawandern.de

www.engelmusik.net

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