Zum Opportunismus geboren?

Prof. Dr. Gerald Hüther würde seine Kinder zu Rebellen erziehen

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Mit „Jeder Mensch ist irgendwie komisch“ betitelte der Spiegel Ende Oktober ein Interview mit der Philosophin Ariadne von Schirach. Untertitel: „Wer bin ich? Und wie bin ich?“

„Ariadne von Schirach hat ein Buch über Charaktertypen geschrieben und erkannt: unsere Selfie-Kultur ist depressiv. Und jeder einzelne von uns hat eigentlich einen an der Marmel.“ (Quelle: Spiegel)

„Na toll, für so eine Erkenntnis braucht man doch kein Philosophiestudium!“, dachte Frieda im ersten Moment. Dass viele von uns mehr oder weniger depressiv sind und mindestens einen an der Marmel haben, ist ja nun wirklich keine Erkenntnis mit Quantensprungpotenzial. Aber nichts gegen Frau von Schirach. Immerhin brachte es ein etwas älteres Werk von ihr mit dem Titel „Du sollst nicht funktionieren!“ auf die Bestsellerlisten.

Was uns Menschen „irgendwie komisch“ macht, könnte sicher ein abendfüllendes Thema sein. Frieda beschäftigt sich heute mal speziell mit dem Opportunismus und stellt sich die Frage, ob wir Menschen als Opportunisten auf die Welt kommen, was zu bezweifeln ist, oder zu Opportunisten erzogen werden. Anlass für diese Überlegungen gab folgende Beobachtung in den letzten Tagen: Die durch ein sehr unterschiedliches Klima geprägte Berichterstattung vor und nach den US-Wahlen zeigte, wie schnell der Kurs verändert wird, wenn der Wind sich dreht.

Nach der monatelangen Schlammschlacht zwischen Mrs. Clinton und Mr. Trump im gewohnten amerikanischen Entertainment-Stil – mit der hiesigen Presse als „Support“ – sind es nun nicht wenige von jenen, die kurz vor dem Wahlergebnis noch gegen D.T. wetterten, danach aber schon deutlich moderatere Töne anstimmten. Nachdem sich die Gemüter allmählich beruhigen, tauchen auch hierzulande in der Presse plötzlich Fotos von „Trumps hübschen Töchtern“ auf, die vorher medial nicht existierten bzw. maximal negativ dargestellt wurden, und Melanie Trump, vorher noch als zwielichtiges, unsympathisches Ex-Model im Schatten ihres vermögenden Gatten präsentiert, wird nun auch schon mal ab und an in einer Randnotiz als „facettenreiche First Lady“ gehandelt. Nebenbei bemerkt: Facettenreich – sind wir das nicht alle?

Das mit den Fähnchen und dem Wind…

Während einige noch darüber spekulieren, ob Trump sich als Präsident halten wird oder gar plötzlich einem „allein agierenden geistig umnachteten Attentäter“ zum Opfer fällt (räusper…), wird insgesamt also schon mal prophylaktisch bessere Stimmung gemacht. Der Mann hat ja jetzt Macht. Besser, mit den Wölfen heulen, als weiterhin die Schafe in eine bestimmte Richtung treiben. Allmählich scheint die imaginäre Botoxspritze also wieder die eine oder andere Falte in der medialen Orangenhaut zu glätten.

Wendehälse nannte man Menschen, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängten, als die Mauer zwischen der DDR und der BRD nach und nach bröckelte. Gemeint waren mit dem Begriff Leute, die ihre Gesinnung vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Systems recht schnell der neuen politischen Lage anpassten. Und Opportunismus nennt man so etwas generell.

Irgendwo, irgendwie, irgendwann: Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte das Phänomen der Persilscheine auf, eine weitere Form opportunistischen Verhaltens. Mutmaßliche nationalsozialistische Straftäter ließen sich „entlasten“, um einen besseren Leumund zu erhalten. Nach dem Zusammenbruch der DDR waren die „Täter“ auch irgendwie „dann mal weg…“ und viele frühere Mitläufer tauchten irgendwann wieder in diversen Positionen und Positiönchen auf.

Der Horst aus der ersten Reihe in der zweiten Klasse war auch schon so…

Viele von uns kennen mehr oder weniger opportunistische Menschen und sind teilweise selbst auch nicht ganz frei von diesem Verhalten. In der Schule war’s der Nachbar, der – nicht unbedingt intelligenter als man selbst – es immer irgendwie schaffte, sich die Gunst der Lehrerschaft durch ein Signal aus der Skala „zwischen Anpassung und Speichelleckerei“ zu sichern. Die Rede ist hier übrigens nicht von Diplomatie. Später im Beruf sind’s dann die Schleimer, die noch über den unwitzigsten Scherz des Chefs schallend lachen und beim Elternabend weiß man eigentlich schon vorher, wer sich „trotz Ämterhäufung“ wieder einmal für die Wahl zum Elternsprecher aufstellen lässt, dann aber im Endeffekt nicht für die Belange der fremden Kinder, sondern nur für die der eigenen eintritt…

Opportunismus kommt übrigens von „opportunus“ (lat. „bequem“) und er begegnet uns überall: Elitäre Kungelclubs, deren Mitglieder sich hinter dem Deckmantel gemeinnütziger Veranstaltungen neue Geschäftsbeziehungen und andere Privilegien erhoffen, Vereinsmeierei, Vetternwirtschaft im kleineren oder größeren Stil, Lobbyismus, Seilschaften im globalen Kontext. Im Dunstkreis der Privilegien ist die Gesinnung so gehaltvoll wie ein Instant-Espresso. Nützlichkeitserwägungen oder Gruppendruck verursachen eben „charakterliche Flexibilität“, das situationskompatible Ändern von Meinungen sowie Verhaltensweisen. Opportunismus ist i.d.R. ein mit Persönlichkeitsschwäche assoziierter Begriff.

Wie war doch gleich die Frage?

Wird der Mensch zum Opportunisten geboren oder wird Opportunismus erworben? Sascha Armutat und Achim Seisreiner (Hrsg.) sind in dem Buch „Differenzielles Management – Individualisierung und Organisation in systemischer Kongruenz“ der Ansicht, dass Opportunismus nicht angeboren, sondern „durch die Einbettung – oder besser Nichteinbettung – in soziale Beziehungen hervorgerufen wird. Demnach begünstigt die Nicht-Einbettung in soziale Beziehungen opportunistisches Verhalten? In dem Buch geht es eigentlich, wie der Titel schon vermuten lässt, um Management. Nicht alles daraus, aber einige der Gedanken lassen sich wohl auch auf den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn übertragen. So ist auf S. 11 in besagtem Buch die Rede von „institutionalisiertem Misstrauen“, das auf eine Art „selffulfilling prophecy“ dazu führe, aus loyalen Mitarbeitern opportunistische „Agenten“ zu machen. Überträgt man diesen Gedanken also auf die gesamte Gesellschaft, könnte das schlichte Gemüt daraus ja schlussfolgern, dass „institutionalisiertes Misstrauen“ opportunistische Verhaltensweisen fördert. Nebenbei gefragt: Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?

Mit anderen Worten: Je mehr Kontrolle, desto mehr Denunzianten und Systemkonformisten? Dass an der Idee etwas dran sein könnte, beweisen totalitäre Systeme seit Menschengedenken. Ob Gestapo oder Stasi, KGB, CIA, NSA oder Verfassungsschutz – je totalitärer, misstrauischer und kontrollgesteuerter eine Nation ist, desto größer ist anscheinend die Bereitschaft, andere auszuspionieren, die dem jeweiligen System in die Quere kommen könnten und desto weniger ist die Bevölkerung zum Widerstand bereit. Loyalität existiert dann anscheinend nicht mehr seinen Mitmenschen, geschweige denn freiheitlichen und demokratischen Prinzipien gegenüber, sondern nur noch gegenüber dem System-Konstrukt, von dem der opportunistische Charakter annimmt, dass es ihn trägt und ihm nicht zur Gefahr wird, solange er sich anpasst und er womöglich noch jene, die dem System kritisch gegenüberstehen, denunziert.

Nach Charles Darwin hingegen handeln alle Lebewesen opportun, um optimal existieren zu können. Ob Darwin, dessen Erkenntnisse hier nicht näher betrachtet und hinterfragt werden sollen, auch „Geist und Seele“ des Individuums „Mensch“ in seine Theorien einbezogen hat, ist fraglich bis unwahrscheinlich.

Viele, viele krumme Rücken, kommen nicht nur vom Bücken…

Aber was könnte es eigentlich bedeuten, „optimal zu existieren“? Während ein „optimales Existieren“ durchaus auf Eigenschaften wie Integrität, Loyalität und Authentizität verzichten kann, um „im System“ angepasst und ohne anzuecken zu funktionieren, dürfte mit „optimal leben“ etwas anderes gemeint sein. Dass so viele Menschen hierzulande Rückenprobleme und Depressionen haben, hat ja vielleicht nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sie zwar „optimal existieren“, aber nicht „authentisch leben“?

Wenn wir nicht zum Opportunisten geboren werden, was sonst noch macht viele von uns dann dazu? Elternhaus? Sozialisation? Schulsystem? Mal ein paar Gedanken dazu aus Friedas Küchensoziologieschublade: Kinder werden auch heute noch oft so erzogen, dass ihre Urreflexe der Selbsterhaltung wie „Flucht, Rebellion, Kampfgeist und Wut“ unterdrückt werden, was in der Konsequenz Anpassung zur Folge hat. Wer schreit, quengelt oder gar wütend um sich schlägt als Kind, polarisiert und wird von der Umgebung oft als störend empfunden und mit Schnuller oder – je nach Alter – mit einem Butterkeks sediert, um „bloß endlich ruhig zu sein“. (Anm.: Kann ja auch wirklich nerven…). Aber warum können wir Erwachsenen emotionale Ausbrüche von Kindern häufig kaum aushalten? Vielleicht, weil damit die eigenen emotionalen wunden Punkte berührt werden? Weil heftige Gefühle irgendwie nicht angesagt sind in unserer „smarten“ Gesellschaft?

Im Schulsystem zählt Konkurrenz statt Kooperation – meistens zumindest. Unterdrückte natürliche Impulse führen zu Unterwerfung und Resignation, nicht zuletzt auch zu Opportunismus. All das, und womöglich auch autoaggressives Verhalten, könnten die Folgen des Blockierens vieler natürlicher Impulse sein und das nicht nur bei Kindern, sondern später auch als Grundhaltung im Erwachsenenleben vieler.

Im Schulalltag heißt Impulsunterdrückung konkret: stundenlanges Sitzen, Zuhören und Interessiertseinmüssen, Klingelsignal zur Pause und zu deren Ende, was zu einer Art Pawlow’schem Hund abrichtet, Freispiel in der Pause auf oft wenig einladenden Pausenhöfen, reglementierter Sportunterricht, überforderte Pädagogen, die sich mit immer mehr Bürokratie befassen müssen, oft nur noch den Lernstoff durchziehen und dabei vor allem vergessen, dass sie nicht von den Kindern selbst damit beauftragt wurden, von ihnen unterrichtet zu werden!

Was sagt die Hirnforschung? Erziehung zu Hause und in der Schule kann nur im Wechselspiel zwischen Anforderung und Spaß gelingen. Das gilt in der Schule und später in der Ausbildung sowie im Beruf. Der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther kam nach jahrelangen Forschungen zu vielen Ergebnissen, die das Potenzial in sich tragen, Bildungs- und Erziehungskultur nachhaltig zu reformieren. Er ist beispielsweise der Ansicht, dass die Gesellschaft Rebellen braucht. Was er damit genau meint, ist hier nachzulesen.

Das UBUNTU-Prinzip – trauen wir uns das zu? 🙂

Von einigen Naturvölkern ist bekannt, dass opportunistisches Verhalten dort eher nicht angesagt ist, weil das Gruppenbewusstsein auf Kooperation basiert und nicht auf einer Hackordnung. Das ursprüngliche – nah in Anlehnung an die Rhythmen der Natur geführte – Leben in Sippen war überschaubarer und erforderte Kooperation. Stammesoberhäupter mussten sich die Wertschätzung für ihr Amt verdienen und durften sich erst dann allgemeiner Loyalität erfreuen. Man begegnete sich, wie man heute sagen würde, auf Augenhöhe und mit Respekt, zumal man sich kannte – und das nicht etwa von Wahlplakaten, sondern aus dem unmittelbaren Leben. Viele Naturvölker wurden u.a. durch Missionare aus so genannten schriftlichen Hochkulturen zwangskonvertiert, belehrt, versklavt, entwurzelt und ausgebeutet. Die Missionare glaubten zu wissen, was diese Menschen brauchten und „verabreichten“ ihnen die eigene „Wahrheit“ notfalls mit Gewalt.

Geht’s in Zukunft vielleicht auch anders? Aus Südafrika ist das so genannte „UBUNTU-Prinzip“ bekannt. UBUNTU bedeutet „Ich bin, weil wir sind“ bzw. „Ich bin, weil du bist“. Dieser Lebensphilosophie ist unter anderem zu verdanken, dass es nach dem offiziellen Ende der Apartheit zu einer allgemeinen Tendenz in Richtung Versöhnung kam. Lesetipp dazu: „Das UBUNTU-Prinzip: Ein revolutionärer Plan für gerechteren Wohlstand“ von Michael Tellinger und Andrea Maier.

Logisch, das Thema „Opportunismus“ könnte man noch sehr viel weiter fassen, aber als Gedankenanregung soll das für heute nun reichen. Obwohl – ein Videotipp geht noch: „Warum schweigen die Lämmer?“, ein Beitrag des Psychologen und Hochschullehrers Prof. Dr. Rainer Mausfeld, der auf youtube zu finden ist.

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