Zeitgeist der Spinnenepoche

Im Gespräch mit Dr. Norbert Enders

(c) Cover: Vortragsreihe „Die Spinnenarzneien“, Verlag homsym

In der Tiefenpsychologie haben wir gelernt, dass, wenn die Differenzierung zwischen dem Ich und dem Unbewussten zu weit geht bis zur Entfremdung -, die Entfremdung zur Fragmentierung der Persönlichkeit und zum psychischen Zusammenbruch führen kann. Diese Bedrohung scheint in der allgemeinen Weltentwicklung eine Parallele zu finden. Wir müssen versuchen, den Zusammenhang unseres bio-psychischen Organismus mit den Feldern, die ihn umgeben, und in denen er enthalten ist, zu verstehen“, schreibt der jungianische Psychologe und homöopathische Arzt Edward C. Withmont in seinem Buch Psyche und Substanz. Rastlosigkeit, Einzelgängertum, Narzissmus, Promiskuität, Profitgier, Verrohung der Sprache, zunehmende Aggressivität, Mangel an Geborgenheit, digitale Demenz, Robotorisierung, Transhumanismus, Abkopplung von der Natur, Trennung von naturgegebenen Gesetzen das sind nur einige der Merkmale dieses Zeitgeistes, den Dr. Norbert Enders als Zeitgeist der Spinnenepoche bezeichnet.

Dr. Norbert Enders ist einer der renommiertesten und dienstältesten deutschen Homöopathen. Er studierte in Heidelberg, Lausanne und Tübingen Medizin. Als approbierter Arzt begab er sich schon früh auf die Suche nach einer Medizin, die den Menschen als Ganzes betrachtet und erlebt. Inspirierende Begegnungen mit vielen der großen Homöopathen des letzten Jahrhunderts, darunter auch Edward C. Whitmont, Mathias Dorcsi und Tomas Paschero, beeinflussten ihn schon beizeiten auf nachhaltige Weise. Wien sei damals die Hochburg der Homöopathie gewesen, und das Interesse der Bevölkerung daran sei kontinuierlich gestiegen, doch die Ärztekammer sei weniger begeistert von dieser Entwicklung gewesen und habe ihn öfter wegen Scharlatanerie angeklagt, sagt Dr. Enders in einem Interview mit dem AHZ Spektrum. (Quelle: AHZ Spektrum (2016; 261 (4): 1-3).

Anfang der 1970er Jahre studierte Dr. Enders noch Anthropologie und Soziologie in Asien, um ein besseres Verständnis von Menschen und deren Verhalten zu bekommen. Wegen Überarbeitung siedelte er 2000 nach Frankreich um. Doch dort fehlten ihm die Patienten schon bald und er eröffnete eine kleine Praxis, übersetzte Fachbücher ins Französische und umgekehrt, gab Kurse für interessierte Laien und Fachleute und praktizierte weiter als homöopathischer Arzt.

Darüber hinaus schrieb Dr. Enders selbst viele Sach- und Fachbücher, vor allem um Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten: EndersHandbuch Homöopathie”, EndersHomöopathische Hausapotheke”, Homöopathie für Kinder”, „Bedrohte Kindheit“, „Homöopathie unterwegs“ sowie einige, die bei TRIAS/Thieme erschienen sind, und noch „Umbelligeren, Pflanzen des Luftigen“, herausgegeben bei BoD.

In der Homöopathie geht man davon aus, dass Symptome mit der potenzierten Form von jenen Substanzen behandelbar seien, die diese Symptome in der stofflichen Welt eigentlich erst verursachen. Am 31.08.2018 schrieb die Ärztezeitung in einem Beitrag mit dem Titel Patienten wollen bei Homöopathie-Verordnung mitreden, dass eine Studie des Meinungsforschungsinstituts TNS aus 2018 ergeben habe, die große Mehrheit der Deutschen wolle bei Therapie- und Arzneimittelwahl mitentscheiden. Allein 64 Prozent der Befragten hielten es laut der Studie für wichtig, dass ihr Hausarzt auch Präparate aus der Naturmedizin oder Homöopathie einsetze.

FRIEDA im Gespräch mit Dr. Norbert Enders

FRIEDA: Im Vorfeld unseres Interviews stellten Sie mir ein wenig Material zur Verfügung, das ich nicht nur mit großem Interesse las, sondern auch mit viel Respekt vor Ihrem großartigen Engagement für die Homöopathie und somit für die Menschen. Als ich die Liste mit den Beschreibungen unseres Zeitgeistes las, war ich einigermaßen erschrocken, denn das, was Sie als Spinnenepoche bezeichnen, zeigt sich vor unseren Augen in der Tat auf mehr als anschauliche Weise täglich. In Ihrer Vortragsreihe „Die Spinnenarzneien, die den Untertitel trägt Wie falle ich am besten auf?, gehen Sie speziell auf die Spinnen Tarantula hispanica, Mygale, Latrodectus mactans, Theridion und Aranea diadema ein. Was veranlasste Sie dazu, sich näher mit den Spinnenmitteln zu befassen?

(c) Dr. Norbert Enders

Dr. Norbert Enders: Vorweg noch zu den eingangs beschriebenen Merkmalen der Spinnenepoche: Allein diese erwähnten Kriterien sprechen für eine zunehmende Destruktivität, dem das negative Jammern und Klagen über sich, Gott und die Welt, zur Seite steht. Und dass die große Mehrheit der Deutschen bei der Arzneimittelwahl mitreden will, ist ein erfreuliches Ergebnis, denn der Wunsch der Patienten ist eine der tragenden Säulen der Homöopathie.

Nun zu Ihrer ersten Frage: In erster Linie rief die Zunahme der Verordnungen von Spinnenarzneien dazu auf, und dies vor allem bei Kindern, die der Tarantel bedurften. Die Beobachtung des Zeitgeistes, die zunehmende Eile, Destruktivität, Vereinzelung, Heimlichtuerei etc. veranlassten mich dazu, einen größeren Wissensbogen zwischen den substanziellen Eigenschaften von Spinnenarzneien (Chitin-Panzer, Netz, Gift etc.), ihrer Anmutung und ihrem Sozialverhalten bis hin zu den alten Mythologien zu spannen.

FRIEDA: Missglückte emotionale Bindungen können zu Narzissmus führen, weil dann wichtige Entwicklungsschritte zu einer integren, erwachsenen und verantwortungsbewussten Persönlichkeit nicht erfolgen. Neben einer augenscheinlichen Zunahme von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen in der Bevölkerung, ist auch eine Steigerung von Psychopathen zu beobachten. Marie-Françoise Hiriguyen beschreibt die perfiden Verhaltensweisen von Psychopathen beispielsweise in ihrem Buch Die Masken der Niedertracht. In der auf Wachstum und Renditen konditionierten Gesellschaft scheint Psychopathie ja inzwischen schon beinahe eine gängige Persönlichkeitsstörung zu sein, die allerdings immer weniger auffällt, wenn es immer mehr von diesen Charakteren gibt. Psychopathen stellen sich gern als Opfer dar und verdrehen alles ins Gegenteil. Wie sehen Sie das?

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Dr. Norbert Enders: Ganz und gar stimme ich M.-F. Hiriguyen zu. Was für uns noch natürlich war (und noch seine Gültigkeit hat), ist für den narzisstischen Egozentriker heute psychopathologisch. Die Mediokrität lebt vorwiegend in der miasmatischen Sykose, d.h., sie lebt nebeneinander her, ohne die Bedürfnisse des Anderen zu bemerken. Sie reden nur über sich und ihre materiellen Erfolge, um die Gesellschaft zu beeindrucken und um aufzufallen. Und der Rest der Durchschnittsmenschen bewundert deren Pfauenräder. Solches Verhalten ist höchst pathologisch, weil wir Menschen in erster Linie soziale Wesen sind. In aller Demut! Zu dieser offenbaren Ellenbogen-Rücksichtslosigkeit passen alle erwähnten Spinnengifte. Die zugehörigen Menschen sind ja so sehr mit sich selbst beschäftigt.

FRIEDA: Wie sieht in der Praxis so ein „spinnenhafter Heilungsprozess“ ungefähr aus, wenn das richtige Mittel gefunden wurde?

Dr. Norbert Enders: Er gestaltet sich wie jeder andere homöopathische Heilverlauf; falls die Arznei lege artis ausgewählt wurde, mit dem Ziel, zur Mitte der Person, zu sich selbst, zurückzufinden. Je nach Verkrustung des Krankheitsprozesses kann die Heilung ihre Zeit (und Geduld) fordern.

FRIEDA: Können Sie beschreiben, mit welchen Symptomen Menschen bei Ihnen Hilfe suchten, welche Spinnenmittel dann angezeigt waren und wie sich der weitere Verlauf gestaltete?

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Dr. Norbert Enders: Bei Kindern und Jugendlichen verursachen die Klagen der Mütter (oder Pflegemütter) eine Übernervosität (Hyperkinese), Lernschwierigkeiten in der Schule (ADHS) und konstant oppositionelles Verhalten zu Hause; sie sprengen jegliche Hausordnung. Das ist ziemlich anstrengend. Im Grunde sind sie das strampelnde Opfer einer überkontrollierenden, alles besserwissenden, kaltherzigen Mutter (oder seltener eines entsprechenden pseudoautoritären Vaters). Hierbei ist in erster Linie Tarantula angezeigt. Mithilfe dieser Arznei entschleunigen sie recht bald.

Erwachsene kommen meist wegen „Ängste vor allem mit teilweise qualvollen, grundlosen Panikanfällen. Bei einer derartigen Patientin, einer einfachen Bäuerin aus dem Hinterland von Nizza, eröffnete sich im ersten Gespräch eine eigenartige Kaufsucht; sie fuhr regelmäßig in die Stadt runter, um Schuhe einzukaufen, die sie größtenteils nie trug. Das belastete sie sehr, denn eigentlich konnte sie sich diese Geldausgabe gar nicht leisten. Nach einigen Hochpotenzen von Aranea legten sich die Ängste und der impulsive Kaufrausch.

FRIEDA: Es heißt ja Liebe Seele geh voran, der Körper folgt dann irgendwann. Welche körperlichen Symptome ordnen Sie klassisch den Spinnenmitteln zu?

Dr. Norbert Enders: Die enorme Nervenanspannung äußert sich körperlich vor allem durch Ticks jeglicher Art, v.a. im Gesicht, durch Rucken und Zucken der Muskeln, durch Steifheit des Rückens und der Beine und durch funktionelle Bauchbeschwerden wie Völle, Übelsein, Krämpfe (Nabelkolik der Kinder) ohne klinischen Nachweis, wie auch durch Herzenge (Angina pectoris). Engegefühle und das Gefühl der Zusammenschnürung von Kopf bis zu den Füßen, sind körperliche Hauptkriterien.

FRIEDA: Nicht zuletzt durch immer mehr Umweltgifte nimmt auch die Unfruchtbarkeit zu. Die Industrie und Wirtschaft haben hier gleich wieder vermeintliche Lösungen zu bieten, nämlich die Reproduktionsmedizin, Leihmutterschaften etc. Was das alles für systemische Auswirkungen haben könnte, mag man sich gar nicht ausmalen. Ethik scheint immer weniger von Bedeutung zu sein. Welche dieser Trends bringen Sie auch mit Spinnenmitteln in Verbindung?

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Dr. Norbert Enders: Meine Freundin Heike, die sich um Kinderwunsch-Eltern kümmert, drückt in diesem Zusammenhang meine eigenen Gedanken aus:

Hier wäre z.B. gerade die totale Rollenumkehr im heimischen Schlafzimmer zu nennen, denn gemäß Schwangerschaft-App und Eisprungkalender hat dort bei meinen Patientinnen (fast) nur noch die (erkrankte) Frau das ‚Zepter in der Hand‘, und es taucht das Bild der übergroßen weiblichen Spinne mit dem sich abmühenden kleinen Männchen auf.

Sehr bezeichnend sind auch die Varianten, bei denen der eigene Mann oder eine andere arme Kreatur nur noch den Samen in irgendeiner Form zu Verfügung stellen darf, wodurch die sinnlich lustvoll-instinktive körperliche Liebe völlig in den Hintergrund tritt und Frauen/Männer vom Mensch(lich)SEIN trennt!“

Im weitesten Sinne bildet sich hier auch das Missbrauchsthema ab, bei der sich die Frau vieles rund um den Palast des Kindes(wie ich die Gebärmutter liebevoll zu nennen pflege) selbst antut: Sex, wenn man nicht will, nur weil die Schwangerschafts-App das empfiehlt, Hormone bis zum Abwinken, gynäkologische Eingriffe, die mitunter schmerzen und keinen Raum für Herzenswärme lassen, und leider häufig Fehlgeburtserlebnisse aufgrund des frühen Monitorings erzeugen.

Alles erfolgt zweckgebunden und häufig mit dem unterschwelligen Gefühl einer kleinen Hysterie, denn das Sensorium ist völlig überreizt. Die lähmende Angst, nicht dazuzugehören“, kinderlos zu bleiben, nicht in die Erwartungshaltungen der Gesellschaft zu passen, SCHEITERNerfahren zu müssen, ist die treibende Kraft und lässt viele aus einem Fight and Flight Modus nur schwer herauskommen. Und was macht die Natur? Genau das Richtige! KEIN Baby – denn welchen Sinn hätte es, sein Genom in diesem Modus weiterzugeben?

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Die Beziehungs-Vermittlungs-AppModamiliy ist eine Gelddruckmaschineeines wachsamen amerikanischen Bankiers, der erkannt hat, dass ein Vernetzungstool fehlt für einen Wachstumsmarkt, auf dem sich viele egoistische Non-Empathen, Singles oder gleichgeschlechtliche Paare tummeln, die schnell ihrem eigenen Leben auf der Überholspur etwas Sinnhaftigkeit in Form eines Kindes hinzufügen möchten:

https://www.rtl.de/cms/modamily-die-neue-app-zum-kinderkriegen-4126541.html

https://www.instyle.de/lifestyle/modamily-app-partnersuche-kinderkriegen

Die Periodizität der Spinnenarzneien ist sicher etwas, was meinen Damen vielfach fehlt (Zyklusanomalien!) und nicht zum Ähnlichkeitsprinzip bei der Arzneiwahl passt. Häufig treffe ich auf Frauen ohne jeglichen Rhythmus, und erst wenn dieser im Herzen, im Leben und der Menstruation wieder einkehren darf, ist der Boden für Heilung geebnet. Die moderne Frau ist hier wie ein steiniger Acker, der zuerst bereinigt werden muss, bevor der Same darin wieder aufgehen kann

FRIEDA: Von dem eben erwähnten Beispiel abgesehen, haben wir ja generell einen gigantischen Apparat des medizinischen Establishments, der den Eindruck erweckt, es gehe dabei in erster Linie um Kundenbindung und darum, Menschen zu verwalten. Die Krankenversicherungen zahlen häufig für Präparate und Methoden, die nicht nur die Solidargemeinschaft der Versicherten extrem belasten, sondern die Patienten eher weiter von sich entfernen, als dass sie ihnen dabei helfen, zu sich selbst zu finden. Mittels der Homöopathie möchten Sie hingegen bewirken, dass der Mensch zurück zu seinem inneren Kern und somit seinem inneren Glück findet. Doch dazu muss der Mensch zunächst einmal auch bereit sein. Könnte man es so sehen, dass jene Menschen, die sich für die Homöopathie entscheiden, in der Regel auch schon bereit sind, ihr Leben völlig neu auszurichten oder kommt dieser Prozess der Selbstreflexion und Kurskorrektur über das homöopathische Mittel dann erst in Gang?

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Dr. Norbert Enders: Eine Medizin ist so gut oder so schlecht wie das Bild, das sie sich vom Menschen macht. In der etablierten Medizin, der Ich-Medizin, wie ich sie gerne nenne, wird der Patient bis hin zu Laborwerten reduziert und in Teile zerpflückt; in der Du-Medizin, zu der die Homöopathie gehört, bleibt der Mensch ein Ganzes, selbst in seiner eventuellen Desintegration.

Die Frage nach Wandlungswille und Wandlungfähigkeit ist natürlich essentiell in der Homöopathie. Einige sind ab der ersten Begegnung bereit, ihr rational und materiell verkrustetes Leben neu zu gestalten, andere möchten aus Enttäuschung über klinische Therapien einen „homöopathischen Ersatz”, wenigstens als „Dessert“ zu ihrer üblichen Pilleneinnahme. Mit der ersteren Ausprägung ist verständlicherweise gut zusammenzuarbeiten, die zweite Art der Motivierten schleppt man erstmal mit, immer in der Hoffnung, dass die stillschweigend bewusstseinserweiternde Arznei den Wandlungswillen anstößt, was bei vielen Patienten nach geduldiger Zeit auch geschieht. Das ist dann für mich der wundersame Augenblick, dass jene Patienten endlich „bei sich selbst”, so, wie die Schöpfung sie gedacht hat, angekommen sind. Tja, und einige wenige schleppt man eben ein Leben lang hinter sich her, falls sie nicht schon zuvor fernbleiben.

FRIEDA: Könnte es sein, dass sehr „spinnenhafte“ Menschen irgendwie ferngesteuert wirken und auch leicht manipulierbar sind?

Dr. Norbert Enders: Ja, mit „ferngesteuert“ haben Sie Recht – und der Zeitgeist manipuliert sie, weshalb sie kompensatorisch zu den großen Manipulatoren der Gesellschaft gehören, im Kleinen (Familie, Umfeld) und im Großen (Wirtschaft, Politik).

FRIEDA: Könnte es dann womöglich auch sein, dass mit dem ewigen und stereotypen Credo des Wirtschaftswachstums versucht wird, das eigentlich nötige geistig-seelische Wachstum in die Materie zu verschieben?

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Dr. Norbert Enders: Unbedingt ! Das ist ja eine der großen Manipulationen, die kaum einer bemerkt.

FRIEDA: Unser „Gesundheitsminister“ hat uns gerade die zwangsweise Organspende verordnet, die verpflichtend sein soll, sofern nicht beizeiten Widerspruch dagegen eingelegt wird. Der Mensch wird anscheinend nur noch an seinem Marktwert gemessen. Wie denken Sie darüber?

Dr. Norbert Enders: Das ist staatliche, willkürliche Bevormundung. Der Bürger schafft das Denken ab, denn der Staat kümmert sich doch um ihn. Man muss eben als ordentlicher Staatsbürger gut funktionieren, genauso wie in der Spinnenwelt, besonders als Opfer im Netz. Der Bürger wird abermals reduziert auf seine bloße materielle Existenz; der „Mythos Mensch”, der im Orient noch weitgehend reale Gültigkeit besitzt, wird mithilfe westlicher Ratio gestrichen, verdrängt, verbannt und eben durch mechanistische Funktionalität ersetzt. Die Kapitalmacht, unterstützt von Konsum- und Marktfetischisten, bestimmt das Geschehen in Politik und Gesellschaft.

FRIEDA: Sie sind nicht nur hierzulande einer der bedeutendsten Homöopathen, sondern auch international bekannt und angesehen. Neben Ihrer Praxistätigkeit waren Sie auch viel in der Welt unterwegs, teilweise auch in Krisengebieten. So waren Sie als junger Arzt 1968 sogar in Vietnam. Ihre Motivation dazu sprudelte aus Ihrer christlichen Grundhaltung, auf ethische Weise zu leben und zu handeln. Wie haben Sie die Site-Offensive des Vietcong über Saigon damals wahrgenommen?

Dr. Norbert Enders: Ich weinte… genau wie meine einheimischen Freunde! Der Wahnsinn eines „die Welt rettenden”, Geschäfte machenden Patriarchen-Krieges nach amerikanischem Ungeist war uns bereits vorher bewusst. Jetzt war es die menschlich sinnlose, nackte, tödliche Wirklichkeit. Nach dem Motto: „Rauchen tötet”! umgewandelt in „Kommunisten sind böse”! Nun war der Vietcong allerdings kein Kommunist, sondern ein Patriot, der nicht für eine kommunistische Ideologie kämpfte, sondern einfach gegen den destruktiven Besatzer seines Landes.

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FRIEDA: Ein weiterer Hilfseinsatz führte Sie 1970 auf die Philippinen. Wie kam es dazu?

Dr. Norbert Enders: Mein Leben lang war ich begleitet, geleitet, beschützt von irischen Sacré Cœur Nonnen („Sacret Heart”) durch fünfzig Jahre Freundschaft mit der verantwortlichen Oberin für Asien und später desgleichen von buddhistischen Mönchen – nach einem Rausschmiss aus Korea (Freiticket der Regierung nach Japan wegen Verdacht auf „kommunistische Aktivitäten”), wo ich versuchte, unterstützt von Edmond Kaiser, dem Gründer von „Terre des Hommes”, Straßenkinder in humanitären Institutionen zu platzieren, wurde ich in Tokyo von Sacré Cœur Nonnen empfangen und beherbergt. Meine geliebte Freundin Oberin meinte, ich müsse meine Erlebnisse und Reflexionen dazu an fernöstlichen Universitäten kundtun, wonach mich eine Reise über Hongkong, Singapur und Jakarta nach Manila führte.

Dort hielten mich das verheerende Elend und die unvorstellbare Spaltung zwischen Arm & Reich seit fast fünfzig Jahren gefangen. Jährlich kehrte ich, im hiesigen Winter, einige Wochen lang dorthin zurück, um meine Dienste einheimischen humanitären Privatorganisationen zur Verfügung zu stellen, da es zu meiner Lebensschau gehört, einen Teil meiner beruflichen Zeit dem bedürftigen Mitmenschen zur Verfügung zu stellen.

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich nun auf diese Weise in den ausgedehnten Slums von Cebu in der geographischen Mitte der Philippinen. Außerdem begleite ich die Organisation VPHCS (Visayan Primary Health Care Services) auf Katastrophen-Einsätzen durch Erdbeben, Erdrutsche und Taifune, wie auch nach jenem Zyklon, der vor zwei Jahren über Tacloban/Leyte wütete.

FRIEDA: Sie gehören auch der französischen Humanitären Organisation „Solidarité Homöopathie” an, eine Tochter von „Ärzte ohne Grenzen”. Wie stehen Sie zu dieser Organisation?

Dr. Norbert Enders: Die Zugehörigkeit zu dieser Organisation betrachte ich als missglücktes Intermezzo, da sie – wie viele andere Hilfsorganisationen – ohne fundierte Vorort-Kenntnisse zu Hause am grünen Tisch diktiert, was das Vorort-Mitglied zu tun hätte…. Na ja!!!

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FRIEDA: Sie ließen mir im Vorfeld unseres Interviews einige Dokumentationen von Fallgeschichten aus den philippinischen Slums zukommen. Angesichts dieser Schilderungen macht das Big Business der Pharmaindustrie einmal mehr fassungslos, da man Menschen anscheinend sehr wirksam mit vergleichsweise preiswerten homöopathischen Mitteln helfen kann. Können Sie einige exemplarische Fallgeschichten Ihrer Tätigkeit in den philippinischen Slums nennen?

Dr. Norbert Enders: Kapitalwachstum, Konkurrenz und Macht sind – wie heute in allen Geschäftsbereichen – die treibenden Faktoren der Wirtschaft, die auch die Politik und deren Marionetten diktieren…! Mediziner, Paramediziner, Hospitäler und Reha-Stätten sind heute längst Teil dieses menschenzerstörenden Geschäfts.

Fallgeschichten, gerade aus den Slums, gibt es etliche. Ich erwähne hier nur zwei von vielen: Die Geschichte der Grundschullehrerin Avicenna gleicht einem einzigen Drama. Erstmalig begegnete ich ihr im diesjährigen Mai. Sie war total erschöpft von diagnostischen und operativen Eingriffen und einer Serie von Chemotherapien für einen klinisch diagnostizierten „Bauchkrebs”. Viele Tränen flossen wegen der unerträglichen Nervenschmerzen und Bauchkrämpfe nach jeder Chemo. Es war nicht so schwierig, ihr und der begleitenden Familie zu erhellen, dass die Lebensqualität ihrer verbleibenden Jahre wichtiger sei als die eventuelle Verlängerung des Lebens mit qualvollem Leid. Als sehr intelligente, sehr geordnete Frau verstand sie rasch, woraufhin sie Arsenicum album D200 erhielt. Die kürzliche Wiederbegegnung mit ihr bestätigt ihr konsequentes Handeln entsprechend meiner Empfehlung. Sie ist schmerzfrei, hat zugenommen und kann wieder warmherzig lächeln. Gelegentliche Gaben von Arsenicum album M wurden ihr auf den Weg gegeben.

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Ähnlich erging es Verna, angeblich an „Brustkrebs“ leidend. Damals entdeckte der Gynäkologe Knoten in ihrer Brust und empfahl ohne weitere Diagnostik, die Brüste zu entfernen und danach die übliche Chemotherapie zu verabreichen (eine Spritze kostet 4000 € !!!). Alldem unterwarf sie sich widerspruchslos, bis sie, durch künstliches Leid schreitend, anfing, an der Wahrhaftigkeit der Geschichte zu zweifeln und unsere Ambulanz aufsuchte. Sie folgte danach unseren menschenwürdigen Ausführungen über Lebensqualität und wurde mit einer monatlichen Gabe von Sepia D200 auf ihren Weg geschickt. Später sah ich sie wieder, ohne den Schatten des damaligen Leides in ihrem trotz allem lächelnden Gesicht. Jedenfalls fühlt sie sich heute mit unserer Begleitung entschieden wohler. Gelegentliche Gaben von Sepia M werden sie weiterhin stärken.

FRIEDA: Wie ist man auf den Philippinen der Homöopathie gegenüber generell eingestellt?

Dr. Norbert Enders: Da muss man unterscheiden zwischen 2% Superreichen, 12% Mittelstand und 86% Megaarmut. Von letzteren sehen fast alle Zugehörigen keinen einzigen Arzt in ihrem Leben, denn jene sind westlichen Honoraren angepasst. Gleichermaßen ist die medizinische Praxis oft westlicher als der Westen. Die Megaarmen vertrauen meist auf die reichlich ansässigen, kostenfreien Heiler, die dem prähispanischen Animismus verbunden sind. Ihnen ist auch die Homöopathie willkommen, die übrigens seit drei Jahren auf den Philippinen staatlich erlaubt ist. Allerdings mangelt es an Ausbildung zur Homöopathie; bisher bleibe ich der einzige „klassische” Praktiker und Ausbilder und dies nur im Rahmen der dortigen Hilfsorganisationen. Dabei scheint sich ein weltweites Phänomen breitzumachen, dass die erhaltene Lehre bei den Krankenschwestern und -pflegern viel tiefer verankert ist als bei den anwesenden Ärzten…!

FRIEDA: Sie haben dort auch ein Stück Land erworben, wo Sie besonders jungen Menschen Perspektiven anbieten, wiederum im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe. Worum geht es dabei konkret?

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Dr. Norbert Enders: Eigentlich wollte ich nur einen ruhigen Ort in den Bergen suchen, um an den paradiesischen Stränden meines Rückzugsortes „Siquijor Island“ dem amerikanische Gejaule und Gekrächze, das die jüngeren Einheimischen und Touristen, als „Musik” bezeichnen, zu entfliehen. Allerdings ist das billig erworbene Bergland so groß, dass die eventuelle Ernte von Gemüse und Früchten den Eigenbedarf weit übertreffen wird.

Deshalb kam mir die Idee, das Land in Parzellen aufzuteilen und für die dortige arbeitslose Jugend zur Verfügung zu stellen. Wie man nun bebaut, ist durch Spezialisten vom dortigen Landwirtschaftsministerium kostenfrei gesichert. Die Einnahmen aus der vor allem in Restaurants vermarkteten Ernte gehören dem einzelnen Jugendlichen. Wer also fleißig pflanzen wird, dürfte seine Familie ernähren können. Dieses Unternehmen betrachte ich als „Hilfe zur Selbsthilfe” insofern, dass den Jugendlichen Land, Geräte und Hilfe zur Vermarktung zur Verfügung gestellt werden (wie z.B. Transport). Was der jeweilige Jugendliche nun daraus macht, ist alleine seine Angelegenheit.

FRIEDA: Das Interesse der Menschen an Homöopathie nimmt deutlich zu. Doch im Medizinstudium spiegelt sich dieser Bedarf eher nicht wider. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Dr. Norbert Enders: Gemäß dem Zeitgeist der Spinnenwelt beschränken sich die Daseinsinteressen in Medizin und Gesellschaft auf die Sinnesorgane und damit auf den an sie gebundenen Verstand und nicht an das Herzblut, in dem sich die Sinnesorgane vereinen sollten, um der mystischen, bzw. spirituellen Wesenheit des Menschen gerecht zu werden. Die Wahrnehmung des Menschen, der ja ein GANZES ist, wird ausschließlich ins Materielle verlegt, also aufs kartesianisch Sichtbare reduziert, und dies weitgehend auf Kosten des „Mythos Mensch”, wie ich jenen anderen, ebenso wesentlichen Teil menschlicher Existenz zu nennen pflege.

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FRIEDA: Möchten Sie angehenden Medizinern noch etwas mit auf den Weg geben?

Dr. Norbert Enders: Als Arzt sollte man relativ gesund sein an Seele, Geist und Körper, denn die Gefahr, seine Probleme und Konflikte auf den Patienten zu übertragen, ist allzu verführerisch und dem Hilfesuchenden sicherlich keine Hilfe.

Vermeiden Sie bewusst, als Opfer im klebrigen Spinnennetz von Banken und deren Kreditangeboten zu strampeln, nur um „statusgerecht” eine eindrucksvolle Praxis einzurichten. Ein guter Arzt spricht die Sprache seines Patienten, ist demütig, dankbar und bescheiden. Damit bleibt er offen für die Geschenke des Lebens und des Himmels. Die Zeiten der „Götterherrschaft” sind längst verstrichen, auch wenn das bisher nur wenige Ärzte bemerkt haben.

FRIEDA: Als ich Sie vor einiger Zeit anschrieb und um ein Interview bat, sahen Sie sich ein wenig in meinem online-Magazin FRIEDA um und stießen dabei auch auf das Interview mit Frau Dr. Hilde Schmölzer über das Matriarchat. Danach ließen Sie mich wissen, beim Matriarchat wären Sie dabei und einige Ihrer Freunde auch! Weder die so genannte Emanzipation noch Milliarden für die Gender-Gaga-Forschung vermochten es bisher, die Rolle der Frau in der Gesellschaft global wirklich zu verbessern. Missbrauchsskandale, Übergriffe usw., die sich in erster Linie gegen Frauen und Kinder richten, finden wir immer noch nahezu täglich in der Presse. Das mag auch daran liegen, dass im Kern noch weitestgehend das Patriarchat vorherrscht. Was finden Sie am Matriarchat reizvoll?

Dr. Norbert Enders: Es sind die urweiblichen Qualitäten, die mich am Matriarchat faszinieren:

  • luftige Erdgebundenheit statt ungelüftete Ideologien

  • Friede statt Kriege

  • Harmonie statt Kampf

  • Miteinander statt Konkurrenz im Gegeneinander

  • Mitgefühl statt Imponiergehabe

FRIEDA: Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Interview!

FRIEDAs Kaffeekasse:

 

Danke.

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