Wissenschaftselite oder Markt der Eitelkeiten?

Im Gespräch mit Carsten Pötter

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In diesem Magazin werden – direkt oder indirekt – Themen gestreift, die mehr oder weniger mit der Wissenschaft zu tun haben und somit mit Glaubenssätzen, die auf das Leben von uns allen Einfluss haben. FRIEDA ist und war schon immer für mehr interdisziplinären Dialog, davon ausgehend, dass sich darüber Erkenntnisse erschließen lassen könnten, die zu weniger fragmentierten Einzelergebnissen führen, sondern zu einem übergeordneten, von tiefer Erkenntnis getragenen und integrierenden Wissen.

Bei den Medizin Studierenden geht der Trend derzeit mehr in Richtung Facharztausbildung. Dabei wäre ein interdisziplinärer Austausch, so findet FRIEDA, besonders in diesem Bereich sicher hilfreich.

Die Hybris in der Forschung

Mit großer Besorgnis beobachtet FRIEDA die Entwicklung in der Reproduktionsmedizin, der Keimzellenforschung und der Nanotechnologie, vergleichsweise neue und für die Industrie lukrative Gebiete der Wissenschaft. Erinnert sei hier an den Beitrag „Spenderkinder“, in dem die interviewte Vertreterin des gleichnamigen Vereins beschreibt, dass sich auf den „Kinderwunsch-Tagen“ in Berlin, im Februar 2017, Unternehmen präsentierten, deren Angebote klar gegen derzeit hierzulande geltendes Gesetz verstoßen – eine Werbeveranstaltung, in deren Rahmen die „schöne neue Welt“ der künstlichen Befruchtung idealisiert wird.

Im öffentlichen Diskurs wird über diese Themen nicht angemessen diskutiert und wenn, dann meistens auf geschönte Weise. Ethische Fragen und mögliche Risiken werden, wenn überhaupt, nur am Rande behandelt. So war es bereits in der Geschichte und anscheinend hat der Mensch nicht viel dazugelernt.

Und: Was technisch möglich ist, wird auch gemacht und wenn nicht offiziell, dann im Verborgenen!

Gerade in Bezug auf die Keimzellenforschung wird die Hybris der Wissenschaft aktuell wieder mehr als deutlich. FRIEDA verweist auf einen Ende Januar 2017 auf youtube veröffentlichten Werbefilm des amerikanischen Salk Institutes, ein Werbefilm, der für sich spricht…

https://www.youtube.com/watch?v=1hyqzAe0-Q8

(Keine Direktverlinkung in diesem Fall – ggf. Link kopieren und selbst eingeben…)

Alles abgeschrieben?

In dem Beitrag „Fluoridierung – toxisch oder harmlos?“ berichtet die interviewte Zahnärztin, dass sie sich im Zuge ihrer Forschungen und ihrer Dissertation sehr fundiert mit nahezu der gesamten Fachliteratur zum Thema Fluoridierung auseinandergesetzt hat. Dabei fiel ihr auf, dass sich die eine Veröffentlichung auf die andere stützte, ohne dass klar wurde, auf welche Primärliteratur man sich verließ, also auf wessen Studie die ursprüngliche Theorie beruht. „Je tiefer man da gräbt, um den ersten Urheber dieser Theorie zu ermitteln, desto schwammiger wird es“, so die Zahnärztin.

All das ließ bei der Betreiberin dieses Portals einmal mehr die Frage aufkommen: Wie funktioniert Wissenschaft?

FRIEDA im Gespräch mit Carsten Pötter

FRIEDA: In Ihrem Buch „LebensNetze“ beschäftigen Sie sich auch mit dem Thema Wissenschaft. Dürfte das, was die Zahnärztin über ihre Recherchen sagte, auch auf andere Bereiche der Wissenschaft übertragbar sein?

Carsten Pötter: Gestatten sie mir zunächst eine Anmerkung zu ihrer Eingangsformulierung. Ein Studierender ist nicht das gleiche wie ein Student. Beide Begriffe bringen zwei völlig unterschiedliche Haltungen zum Ausdruck. Politisch korrekte und „gegenderte“ Begriffe dienen nicht der Wertschätzung von Geschlechtern und der Verhinderung von Diskriminierung, sondern der Gedankenkontrolle.

Einschub FRIEDA: Danke für den Hinweis. FRIEDA ist selbst keine Befürworterin des Gender-Mainstreams und hat das in diesem Magazin schon mehrfach deutlich gemacht; dass der Begriff „Studierende“ eine „gegenderte“ Form von „Student“ sein könnte, war FRIEDA bisher nicht bewusst. Die Formulierung „Studierende“ wurde somit nicht mit Blick auf „Gender-Konformität“ gewählt; die subjektive Assoziation dabei war, den kontinuierlichen Prozess des Studierens deutlich zu machen. Aber – man lernt ja nie aus…

(c) Carsten Pötter

Fortsetzung Antwort Carsten Pötter: Nun zu ihrer Frage. Das beschriebene Phänomen ist leider in allen akademischen Gebieten zu beobachten. Bezüglich der Erfahrung, die die Zahnärztin gemacht hat, kann ich nur jedem geistig wachen Menschen dazu raten, Quellenkritik zu betreiben. Dieses Werkzeug ist Voraussetzung für die Überprüfung des Wahrheitsgehalts. Voltaire hat einmal das Bonmot geprägt: „Geschichte ist die Summe der Lügen, auf die man sich geeinigt hat.“ Wer sich zum Ursprung einer Aussage vorwagt, findet ganz häufig etwas ganz anderes als es gegenwärtig erzählt oder kolportiert wird. Wer als Wissenschaftler agieren will, sollte sich zunächst fragen, was er selbst darunter versteht und ob er das, was er als Selbstanforderung formuliert, auch umsetzen kann und darf.

Wer im akademisch geprägten Raum etwas werden will, sollte sich an übliche Gepflogenheiten halten, nicht aus dem Rahmen zu fallen und keine Bemerkungen zu produzieren, die den Verdacht nahelegen, er hege Zweifel an dem aktuell verabredeten Weltbild. Er wird sonst schnell feststellen, dass er Gefahr läuft, akademisch heimatlos zu werden.

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Ich möchte an dieser Stelle an Galileo Galilei erinnern, der erkannt hat, dass das geozentrische Weltbild nicht der Wahrheit entspricht. Er vertrat diese Meinung zunächst, aber letztendlich, widerrief er vor der Inquisitionskommission, um das Schicksal von Giordano Bruno nicht teilen zu müssen. Obwohl er dem Flammentod entrann, starb er wenig später. Seiner Lebenslüge konnte er nicht entfliehen.

Ich habe in meinem Berufsleben einige Wissenschaftler kennen gelernt, die mir ihr Leid klagten. Wenn ich dann nach ihren gesundheitlichen Baustellen forschte, wurden Kopf- und Bauchschmerzen genannt, wodurch die einfachste Kompensation zum Ausdruck kam. Andere klagten über Herzbeschwerden und depressive Phasen als Ausdruck dafür, dass sich ihre Lebenswirklichkeit nicht mit ihren eigenen Bildern deckte.

FRIEDA: „Sobald Wissenschaft die Methoden der Wissenschaft zu untersuchen beginnt, begibt sie sich in einen Teufelskreis, da sie schlechterdings etwas beurteilen kann, dessen Bestandteil sie selbst ist“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie meinen Sie das konkret?

Carsten Pötter: Sie kennen das Phänomen, dass kein Betrug so wirksam ist, wie der Selbstbetrug. Wenn der Emittent eines Postulats gleichzeitig Prüfer ist, also in Personalunion agiert, ist schwerlich glaubhaft zu machen, dass das Postulat korrekt ist. Es bedarf einer anderen Methodik, denn nur so wird gewährleistet, dass die Betrachtung und die Beurteilung nicht durch dieselbe Brille erfolgen wie die, die beim Erstellen eines Postulats auf der Nase getragen wurde.

FRIEDA: Wer sich mal mit den Verbandelungen zwischen den Behörden, Instituten und der Industrie/Wirtschaft beschäftigt, stößt häufig auf Ämterhäufung. In dem Beitrag „Gesundheitsrisiko Impfungen“ in diesem Magazin wird u.a. aus einem Artikel aus der taz zitiert, der auf die Verbandelungen der STIKO (ständige Impfkommission) mit Pharmaherstellern verweist. Auch in anderen Bereichen, wie Gentechnik, Trinkwasser, Nanotechnologie dürften ähnliche „Phänomene“ zu finden sein. Haben wir Ihrer Ansicht nach überhaupt eine unabhängig Forschung?

Carsten Pötter: Es gibt zwar das Primat der freien Forschung und der freien Lehre, aber die Universitätswirklichkeit sieht völlig anders aus. Es gibt keine freie Wissenschaft. Die Wissenschaft ist eine Hure. Sie bedient denjenigen, der bezahlt. Die Gehälter des akademischen Personals werden entweder vom Staat oder der Industrie bezahlt, sofern Lehrstühle gestiftet sind. Beide verfolgen stets eigene Interessen. Der Staat wird keinen Hochschullehrer tolerieren, der das System in Frage stellt, und die Industrie wird nur jene protegieren, die ihr nützlich sind. Das bedeutet, dass an den Hochschulen nur noch das generiert wird, was der herrschenden Meinung, also der Meinung der Herrschenden, entspricht. Das setzt sowohl bei Professoren als auch bei Studenten ein umsichtiges Arrangement bezüglich des eigenen Anspruchs voraus. Wer an der Uni Karriere machen will tut gut daran, den Vorstellungen derer zu entsprechen, die Geld und Reputation verteilen. Hier gilt die Maxime: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Da ist es nur von Vorteil, nicht zu gründlich zu sein, weil sonst die Gefahr besteht, Dinge hervorzuholen, die sich mit der verabredeten Lehrmeinung nicht decken. Diese mangelnde Gründlichkeit wiederum führt dann automatisch zur selektiven Auswahl von Quellen, die unproblematisch sind. Sollte ein Hochschullehrer im Rahmen seiner Tätigkeit auf Dinge stoßen, die seinem Lehrinhalt widersprechen, hat er es schwer, seine Inhalte zu vertreten. Wenn er es dennoch tut, wird ihm nahegelegt, auf Linie einzuschwenken. Weigert er sich, droht ihm der Entzug der Lehrerlaubnis. Wagt er sogar ketzerische Dinge zu vertreten, kann ihm der Titel entzogen werden. Hier liegt der Grund, warum Titel nur verliehen und nicht verschenkt werden. Die Leihgabe kehrt nämlich bei Unzuverlässigkeit zurück.

FRIEDA: Wer legt eigentlich fest, was als Wissenschaft zu bezeichnen ist?

Carsten Pötter: Das legen die Wissenschaftler selbst fest und die berufen sich auf die aktuell anerkannten Denkmodelle. Als anerkannt gilt nicht das, was wahr ist, sondern das, was dem Utilarismus dient und den Zugang zu den Futtertrögen nicht gefährdet. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die Zeiten, in denen Galileo Galilei lebte, vorbei seien. Die Bühne hat sich geändert, die Inszenierungen sind dieselben.

FRIEDA: Ist Wissenschaft dann eigentlich nur ein Markt der Eitelkeiten, der sich gar nicht an den Interessen der Menschen und der Natur orientiert, sondern bei dem es nur um die Vorteile einzelner Figuren und deren Profite geht?

Carsten Pötter: Die Universitäten verstehen sich schon lange nicht mehr als Sachwalter des Wissens, sondern verdingen sich als Dienstleister für Informationen und bedienen diejenigen, die die Rechnungen begleichen. Der akademische Markt ist besonders für jene Menschen attraktiv, die bislang nicht die Anerkennung erfahren haben, die sie zum Leben brauchen und gleichzeitig über besondere kognitive Fähigkeiten verfügen. Wer um seiner selbst willen nicht anerkannt ist, sucht sich Ersatzstrukturen, die diese Anerkennung verheißen. Die Alma mater ist so eine Einrichtung, in der die Illusion von Gemeinschaft gepflegt wird. Nicht ohne Grund heißt der Mensch, der den Studenten durch seine Dissertation begleitet, Doktorvater, und nicht selten ist das der Mensch, der jene Eigenschaften in sich versammelt, die beim eigenen Vater vermisst wurden. Das Problem beginnt dann, wenn die in diesem Rahmen erhaltene Wertschätzung persönlich verstanden wird. Was viele Menschen nicht durchschauen, hat damit zu tun, dass die Anerkennung, die sie erhalten, nicht ihnen als Mensch gilt, sondern nur ihrer Leistung. Wenn diese Anerkennung wegfällt, verschwindet damit auch die damit verbundene Wertschätzung und Reputation, also die Währung im akademischen Betrieb. Gemessen wird der Marktwert an der Häufigkeit ihrer Publikationen in Nature und Science, um nur die wichtigsten Periodika zu nennen, die Reputation verteilen. Wenn dann nichts ist, auf das der Betreffende zurückgreifen kann, wirkt sich dieser Zustand existenzbedrohend aus und fördert eine häufig anzutreffende Spielart des verdrängten Minderwertes zu Tage: Narzissmus und verletzte Eitelkeit. Wer sich diesem Mangelthema nicht stellt, ist offen für alle Sirenenklänge, die ihm suggerieren, das zurückzubekommen, was er verloren hat.

Ähnliches ist auch bei Menschen anzutreffen, die sich eine bestimmte Lehrmeinung zu eigen gemacht haben und diese zum Evangelium erheben. Jeder Reifeprozess setzt aber das Bewusstsein voraus, dass alle Kenntnis jeweilig ist und dass diese bestenfalls als temporäre Konstruktion gelten kann, bis daraus eine eigene Meinung oder Haltung entsteht. Dann ist es notwendig, das auf dem Schild getragene Bild zu Grabe zu tragen und an dessen Stelle das eigene Bild zu stellen. Wenn aber kein eigenes Bild vorhanden oder zugänglich ist, wird das Tabernakel gegen alle Angriffe verteidigt.

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Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass akademische Wirklichkeit wenig mit Wahrheit und Wahrheitsfindung zu tun hat, da sie in ihrem Wirken nicht frei ist. Das führt bei den Akteuren zu einer Zementierung der infertilen Haltung und die Verhinderung des Erwachsenwerdens, die eine emotionelle und keine rationale Reife erfordert. Wer sich um Authentizität bemüht, kommt an zum Teil sehr schmerzhaften Erfahrungen nicht herum, denn nur, wer sich seinen Anlagen und Erinnerungen stellt, kann daran wachsen. Dabei entpuppt sich die Angst vor der Auseinandersetzung als der größte Lehrmeister. Diese ist frei von Eitelkeiten und Projektionen. Fritz Riemann beschreibt diese Spielarten in seinem Buch „Grundformen der Angst“ sehr anschaulich.

FRIEDA: Die Elite von Wissenschaftlern, Elite im Sinne von „den Besten und Verantwortungsbewussten“, dürfte demnach Ihrer Ansicht nach nicht in Institutionen zu finden sein?

Carsten Pötter: Das ist aus den genannten Gründen leider so. Die Bedingungen werden ja auch nicht besser. Wer sich einmal mit dem Bologna-Prozess beschäftigt, wird feststellen, dass hinter der deklarierten Absicht, Schul- und Hochschulabschlüsse anzuerkennen und diese zu „harmonisieren“, nichts anderes steht, als die Wissensvermittlung auszuhöhlen und zu entwerten. Das, was heute als Bachelor (nicht zu verwechseln mit der „anspruchsvollen“ Kuppel-Show im Privatfernsehen) und Master-Studiengang angeboten wird, ist weit entfernt von den inhaltlichen Abschlüssen zu meiner Studentenzeit. Die Universitäten sollen keine selbst denkenden Menschen mehr freisetzen, sondern konditionierte Zweibeiner, die sich perfekt in Arbeitsprozesse integrieren lassen und dabei wenig auffallen. Ein Hochschulabschluss heißt im Grunde genommen nur, dass sich jemand erfolgreich einer Dressur unterzogen hat.

Es kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der mit den Inhalten existentiell verknüpft ist. Der Wissensbetrieb Universität ist nicht nur an seine eigenen Spielregeln gebunden, sondern er hat sich mehr oder weniger freiwillig der Sprachkontrolle unterworfen, in der peinlichst darauf geachtet wird, dass politisch korrekte Begriffe benutzt werden. Es ist befremdlich, dass die akademischen Hoheitsgebiete der deutschen Sprache, namentlich die Philologie, keine Einwände gegen das Sprachdiktat vorbringen. Damit wird die These bestätigt: Die Wissenschaft ist eine Hure. Ich werde im Zuge meiner Antworten keine politisch korrekten Bezeichnungen benutzen, weil deren Nutzung zu erkennen gibt, dass auf die Nutzung des eigenen Verstandes verzichtet wird. Die Bezeichnung Politische Korrektheit ist für sich genommen eine contradictio in adiecto, da Politik nichts mit Korrektheit zu tun hat, sondern dem Primaten der Macht dient. Entweder ist etwas korrekt, oder eben nicht. Die Wahrheit bedarf keines wie auch immer gearteten Adjektivs, weil sie genau genommen durch das Hinzufügen einer Einschränkung in ihr Gegenteil verkehrt wird. Den ausgebildeten Dialektikern sollte das auffallen, aber aus der Ecke kommt kein Widerspruch. Warum wohl nicht?

Im Klartext bedeutet das dann, dass mittels Politischer Correctness Lügen kaschiert werden, auf die sich jene Kreise geeinigt haben, die davon profitieren.

FRIEDA: Wie sieht es hier speziell im Bereich der Medizin aus?

Carsten Pötter: Die Medizin ist davon besonders betroffen, da diese in den sogenannten Gesundheitsmarkt eingebunden ist. Auch das ist ein Etikettenschwindel. Es gibt kein Gesundheitssystem, da Gesundheit nicht systematisiert werden muss. Wir haben es mit einem Krankheitssystem zu tun, in dem der Mensch in vielen Bereichen auf seine reine Nützlichkeit reduziert wird. Er ist von der Geburt bis zum Tod Strukturen unterworfen, die nicht seinem Wohl dienen, sondern seiner Kontrolle und da die Medizin – zumindest die, die an den Universitäten vermittelt wird – die Weihen der Wissenschaft empfangen hat, sind ihre Methoden sakrosankt.

Streng genommen ist aber Medizin nichts anderes als Esoterik. Wenn Homöopathen vorgeworfen wird, dass der Anwender daran glauben müsse, weil es keine Beweise für das Verfahren gäbe, so ist den Medizinern der Vorwurf zu machen, dass sie ebenso agieren. Wer von ihnen überprüft die vielen Statistiken, auf denen die Modelle der schulmedizinischen Postulate beruhen? Wer das nicht selbst tut, macht nichts anderes als daran zu glauben, dass diese richtig und wahr seien. Diese Prinzipienableitung ist wahrscheinlich nicht mehrheitsfähig, nicht zuletzt deswegen, weil die Abgrenzung auf Seiten der etablierten Wissenschaft lebensnotwendig ist, denn nur dadurch kann sie ihren Hoheitsanspruch durchsetzen. Wissenschaft ist kein sich selbst begründendes Terrain, sondern eingebunden in Macht- und Bevormundungsstrukturen einerseits und ökonomische und damit finanzielle Bereiche andererseits. Damit ist Wissenschaft letztlich nicht frei. Aus diesem Grunde ist interdisziplinäres Arbeiten auch so schwierig, weil mit dem Verschwinden der (künstlich aufrechterhaltenen) Grenzen auch die Deutungshoheit verloren geht und diese wird verteidigt, wie der Unfehlbarkeitsanspruch des Pontifex in Glaubensfragen. Nebenbei: Ist der Papst tatsächlich katholisch?

FRIEDA: Nun stimmen Sie mir sicher zu, dass es auch sehr gute und integre Wissenschaftler gibt, denen das Gemeinwohl wichtiger ist als persönliche Reputation und Profite. Wo sind diese zu finden?

Carsten Pötter: Wahrscheinlich nicht an den Hochschulen, oder akademischen Instituten, sondern eher in individuellen Studierräumen und Laboratorien, in denen sich der Einzelne auf eine Aufgabe konzentriert und sich darauf einlässt, eine Idee in sich reifen zu lassen, unabhängig von Zuwendungen und öffentlichen Futtertrögen, deren Nutzung immer an Bedingungen geknüpft ist. Ein Mensch, der sich einer Sache oder einem Anliegen verschreibt, erkennt in diesem Anliegen letzten Endes sich selbst und seinen Ausdruck, dem er sich verpflichtet fühlt. Ich glaube, dass wirklich große Dinge nur im inneren Dialog hervorgebracht werden können, da dieses Ringen nichts anderes ist als die Auseinandersetzung und das nachfolgende Zusammenfügen des eigenen SELBST. Das Hervorbringen von Lösungen ist eine Singulärleistung. Menschen können zwar in Gruppen zusammenarbeiten, aber jeder sollte seinen spezifischen Aspekt dazu beitragen. Wenn sie zehn fast leere Batterien zum Betreiben eines Gerätes heranziehen, wird dieses Gerät nicht funktionieren. Es ist eine volle Batterie notwendig, die die entsprechende Spannung zur Verfügung stellen kann. Die Kunst am Ende besteht darin, zehn singuläre Ansätze so zu verknüpfen, dass ein kohärentes Gesamtbild entsteht.

FRIEDA: Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach die Mitgliedschaft in sogenannten elitären Clubs, um die politische und/oder wissenschaftliche Karriereleiter zu erklimmen?

Carsten Pötter: Die Kaderschmieden oder Denkfabriken dienen nur einem Zweck, nämlich der Durchsetzung der aktuellen Doktrinen. Eliten sind immer Systemeliten. Das ist keine Bestenauslese, in der sich die klügsten Köpfe um die besten Lösungen ringen, sondern ein Zirkel, in dem sich die am besten Angepassten tummeln, um im Sinne ihrer Auftraggeber zu wirken. Das wird immer dann deutlich, wenn sich Repräsentanten dieser Clubs vor Kameras stellen oder in Sprechschauen zu profilieren suchen. Diese Menschen sind tatsächlich in der Lage, ihre eigene Dialektik auszuhebeln und suggerieren dem Zuschauer, dass all das, was diese Zirkel produzieren, der Wahrheit entspricht, und wer daran Zweifel hegt, wird zumindest als Anhänger einer Verschwörungstheorie bezichtigt und sollte sich daher dringend ärztlicher Hilfe bedienen.

FRIEDA: Sie haben sich viele Gedanken über das Leben gemacht. In dem Beitrag „Zum Opportunismus geboren?“ stellt FRIEDA sich schon die Frage, ob Opportunismus angeboren oder erworben ist. Warum schließen sich Menschen eigentlich in „elitären Gruppen“ zusammen und was macht Menschen nach Ihren Erkenntnissen opportunistisch?

Carsten Pötter: Das Gruppenbewusstsein ist zunächst einmal ein Ersatz für echtes Selbstbewusstsein, welches frei ist von Exzentrizität und hypertrophem Ego. Wenig authentische Menschen haben das Bedürfnis, sich im Außen mit anderen zu vergleichen und sich über deren Wertekanon zu definieren, über den dann die Anerkennung generiert wird, die ihnen ohne diesen Zirkel verwehrt bleibt. Sich angenommen, akzeptiert und wertgeschätzt fühlen, gehört zu den Grundbedürfnissen des sozialen Wesens. Denn nur so entsteht Verbundenheit, das Gegenteil von Alleinsein. Das Gefühl des Alleinseins korreliert mit dem Gefühl des Verlassenseins. Das ist für viele Menschen existenzbedrohend. Sie werden dann alles tun, um sich eingebunden zu fühlen und nutzen dabei die Strukturen aus, die ihnen dieses Gefühl glaubhaft vermitteln. Der Zugang zu elitären Gruppen ist aber immer an bestimmte Bedingungen geknüpft. Und die wichtigste ist Loyalität. Wer sich illoyal verhält, wird der Vergünstigungen verlustig, die mit dem Zirkel verknüpft sind. Wer in diesen Räumen weit kommen will, braucht vor allem proktologische Fertigkeiten, die ihm gestatten, sich im Rektum von denen, die ihm vorgesetzt sind, zu orientieren.

FRIEDA: Die Geschichte scheint sich ständig zu wiederholen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

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Carsten Pötter: Es sind die grundsätzlichen Missverständnisse, die im Zusammenhang mit Wissenschaft in den Köpfen der Menschen zirkulieren. Hierzu gehört in erster Linie die Vorstellung, Wissenschaft sei ein Werkzeug, um sich einen objektiven Zugang zur Welt zu verschaffen, und das dieser Zugang frei von Aberglauben, Subjektivität und sonstigen Einschränkungen sei. Das Ziel, das mit dieser Vorstellung verknüpft ist, soll einen verlässlichen Rahmen für die eigene, mit vielen Fragezeichen versehene, Existenz etablieren. Hier sublimiert sich das Bild vom zoon politikon als aufgeklärtes, selbstbewusstes und souveränes Subjekt in der Welt. Nichts ist weiter davon entfernt als der Status Quo, denn die, denen wir zutrauen, diesen Weg zu bereiten und die Erkenntnisse zu präsentieren, indem sie die Paradigmen der Wissenschaft verinnerlichen und auch anwenden, sind dazu nicht in der Lage, weil ihre Methoden dazu untauglich sind. Das liegt insbesondere daran, dass ein Wissenschaftler nicht wirklich etwas untersucht, sondern im Prinzip seine im Außen projizierten Anmutungen beschreibt, also etwas in Form(eln) und Sprache zu gießen versucht, was er selbst – oder besser sein Gehirn – konstruiert. Das, was im Fokus seiner Betrachtung steht, entsteht letztlich nur dadurch, wie es William James formulierte, dass er diesem Ding im Gegensatz zu einem ignoriertem Ding oder einer Sache, seine Aufmerksamkeit schenkt. So folgt die Energie immer der Aufmerksamkeit. Alles entsteht nur dadurch, indem wir es nicht mit, sondern durch unsere Augen ansehen und damit unsere Ansichten bestätigen. In dem Moment, in dem es gelingt, aus der eigenen Ansicht die Einsicht zu gewinnen, dass die Sicht nichts anderes ist als eine Schau dessen, was sich offenbart, beginnen das Gewahrwerden und das Erkennen des unzeitlich Ungeteilten oder mit anderen Worten, des Göttlichen, in dem nichts unterschieden ist, sondern Subjekt und Objekt wieder vereint sind und es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt, sondern nur das immerwährende NU.

Zeit, wie sie der Philosoph Ken Wilber versteht, ist nichts anderes als die „sukzessive Betrachtung der Welt durch das Denken“. Es gehört daher zu den größten Herausforderungen, Abbildung von Wirklichkeit in der Wissenschaft immer als eine Projektion in einem dualem System zu verstehen, das Unterscheidungen nur deshalb treffen kann, weil es Einheitliches trennt und spaltet, und damit überhaupt erst differenzieren kann, was ihrem Wesen nach aber nicht entspricht. Lassen Sie mich das an einem Beispiel veranschaulichen. Analysieren wir die Epistel „Feiger Gedanken“ von Goethe auf der Elementarebene, so kommt (auszugsweise) dieses Ergebnis heraus: A: 9mal, B: 1mal, C:4mal, D: 3mal, E: 28mal usw. Was sagt diese Analyse über die Zeilen von Goethe aus? Nichts, gar nichts! Das analytische Ergebnis ist ohne Bezug zum Kontext sinnlos. Dennoch ist diese Vorgehensweise gängige Praxis. Ihre Gehaltlosigkeit wird nicht nur nicht erkannt, sondern dadurch, dass sie professionell vorgetragen wird, hinterlässt sie beim Empfänger das Gefühl von Seriosität. Der Verdacht von Manipulation oder Irreführung kommt gar nicht erst auf.

Ich möchte an dieser Stelle ganz deutlich zum Ausdruck bringen, dass es keine Objektivität gibt, weil das, was damit bezeichnet wird, letztlich von Menschen produziert wird. Das, was der Mensch abbildet, ist nur die Anschauung des Objektes durch das Auge des Betrachters, also anders formuliert, eine begrenzte und subjektive Betrachtung durch das codierte Filtersystem der eigenen Anschauungen, das Welt nicht in seinem Ungeteiltsein adaptiert, sondern als duale Antagonismen des Entweder/Oder. In dem Moment, in dem sich jemand für eines entscheidet, schließt er sein Gegenteil aus, gestaltet also bereits durch die Entscheidung Spaltung von meist unförderlichem Charakter, da mit dem Eintreten für das EINE sein Gegenteil abgelehnt oder gar bekämpft wird. Wissenschaft ist nichts anderes als Krieg mit isolierten, spaltenden Argumenten. Wir können überspitzt formulieren: Wissenschaft untergräbt und verhindert Erkenntnis, weil nach der Analyse keine Synthese erfolgt.

Unser Problem ist nicht die Quantität, sondern die Qualität – also weiterführende Inhalte. Die Absolventen der Universitäten und Hochschulen sollen in unserem gegenwärtigen System nicht mehr dazu befähigt werden, ihren Geist zu nutzen, sondern sich den Bedürfnissen der auf Rendite ausgerichteten Industrie klaglos zu unterwerfen. Bezahlt wird später nicht für das selbstständige Denken, sondern für das reibungslose Funktionieren ohne große Fragestellungen. Die Zeit der isolierten Fachleute sollte vorbei sein. Die Zeit für das Studium generale in den Universitäten ist mehr als überfällig, doch stattdessen wird die Wissensvermittlung noch weiter kastriert und diese dem Primat ökonomischer Nützlichkeit unterworfen. Forschung sollte daher interdisziplinär organisiert werden und vernetzt ablaufen, wenn sie für die Zukunft nachhaltige Lösungen anbieten will.

FRIEDA: Herzlichen Dank für das erneut inspirierende und bereichernde Gespräch!

Schlussbemerkung

Anzumerken ist, dass es zweifellos wunderbare Menschen in der Forschung gab und noch geben mag, aber ob diese Wissenschaft(l)er/innen (…) in behördlichen Institutionen oder in der Industrie zu finden waren/sind, ist eine Frage, die insgesamt sicher eher zu verneinen ist.

Erlösung aus Prägung
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Im universitären „Betrieb“ hatten/haben es querdenkende Menschen oft auch nicht leicht. Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnte, wurde schon in der Vergangenheit aus dem Verkehr gezogen oder erlebte andere Formen der Diskriminierung. So schrieb Reiner Metzger am 06.12.2003 in der taz: „Umweltmediziner per Express in Rente geschickt“ zum Umgang der Bremer Universität mit dem Umweltmediziner Prof. Dr. Frentzel-Beyme: „Ein fähiger Mann“, meint Frentzel-Beyme zu seinem Quasinachfolger Ahrens. Aber eben kein Umweltmediziner. Damit wird der forschende Teil dieser Spezies in Deutschland weiter dezimiert. Toxikologen und Umweltmediziner haben keinen guten Stand: Sind sie zu kritisch, ziehen sie sich den Ärger von Chemie- und Pharmakonzernen und damit leider auch von Regierungen und Wissenschaftsbürokratie zu.“

Allein das Beispiel Prof. Dr. Frentzel-Beyme bestätigt die Aussagen von Carsten Pötter, insbesondere seine letzte Antwort. Und dieses Beispiel ist keine Ausnahme. So schildert Dr. Heide Göttner-Abendroth in dem Interview mit FRIEDA, dass sie mit ihrer Sichtweise und ihrem Forschungsanliegen seinerzeit an der Universität kein entsprechendes Gehör fand.

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