Wertschätzung – mehr als ein Modewort

Im Gespräch mit Ralf Besser

(c) Dipl.-Ing. Ralf Besser

Viele reden von Wertschätzung. Klingt gut, aber der Begriff an sich scheint inzwischen ebenso ausgelutscht zu sein wie das Wort Nachhaltigkeit. Häufig taucht er auf, die Verwendung wird beliebiger und am Ende ändert sich nicht viel – oder doch? Wikipedia definiert den Begriff übrigens wie folgt: „der Sachverhalt, dass Menschen jemandem Achtung, Bewunderung und Respekt entgegenbringen“.

Ralf Besser ist zumindest einer, der seine Ideen von Wertschätzung in konkretes Handeln umgesetzt hat. „Vertrauen und Kontakt gekoppelt mit kritischem Hinterfragen ist die Basis für fruchtbare Entwicklungen“, ist auf der Seite der von ihm gegründeten Stiftung mit dem Namen „ralf besser stiftung für lebenswerte(s)“ zu lesen. Frieda dachte: „Das unterschreibe ich glatt“ und bat Ralf Besser um ein Interview, um mehr über ihn und seine Arbeit herauszubekommen.

Frieda: Herr Besser, Sie sind von Haus aus Diplom-Ingenieur. Im Jahre 2007 gründeten Sie eine Stiftung, die sich im engeren und weiteren Sinne mit Werten beschäftigt. Was war für Sie der Anlass dazu?

Ralf Besser: Diese Frage kann ich nur sehr persönlich beantworten. Während meines Studiums hatte ich eine tiefe Lebenskrise aus der ich mich über Jahre hinweg wieder herausgearbeitet habe. So etwas prägt. Im Kern ging es um meinen Lebenssinn, den ich mühsam wieder finden musste. Daraus entstand irgendwann die Idee, einen Ort der Begegnung zu gestalten, an dem sich Menschen über den eigenen Lebenssinn in einem freien Raum austauschen können.

Frieda: Die Stiftung veranstaltet im Stiftungshaus in Bremen-Borgfeld Werte-Cafés. Dazu laden Sie oft auch Menschen ein, die ihre Kunst präsentieren, sei es in Form von Musik, Malerei, Schauspiel oder auch auf andere Weise. Welche Rolle spielt die Kunst in Bezug auf die „Werte-Bildung“ einer Gesellschaft?

Ralf Besser: Kunst inspiriert, lässt weiter und oft auch quer denken. Gerade die Musik löst Gefühle und Stimmungen aus, von denen man sich getragen fühlen kann, weckt die eigene Sinnlichkeit und öffnet damit andere Zugänge zu sich selbst. In meiner Stiftung versuche ich aus dieser Resonanz heraus einen Schritt weiter zu gehen: Sich selbst darin bewusster wiederzufinden oder sich darüber einfach besser kennen zu lernen. Daher sind in jedem WerteCafé Austauschsequenzen gestaltet, durch die man sich anders begegnen kann. In den HörArtKonzerten meiner Stiftung geht das über Zuhörexperimente, um tiefer in die Klänge einzutauchen. In den WerteCafés werden aber auch andere Themen angeboten: Märchen werden inszeniert, Unternehmensberater hinterfragt, Schauspieler reflektieren mit den Gästen ihre Stücke oder die Frage wird geklärt, welche praktischen Funktionen eigentlich Werte für das eigene Leben haben können.

Stiftungshaus Borgfeld
(c) Ralf Besser

Frieda: Seit Bestehen der Stiftung haben Sie unterschiedliche Projekte unterstützt. Dabei geht es immer um Wertevermittlung bzw. darum, das Bewusstsein für Werte zu sensibilisieren. Wie war bisher die Resonanz darauf?

Ralf Besser: Ja, ich unterstütze Projekte, die im weiteren Sinn mit Werten zu tun haben. Das sind häufig Theateraufführungen. Allerdings beteiligt sich meine Stiftung nur dann finanziell an den Projekten, wenn die erlebten Werte darin durch Reflexion bewusster erlebbar gemacht werden. Manche Künstler erleben das als sehr unterstützend, andere wiederum als eine Art Einmischung und wollen ihr Projekt genauso durchführen, wie sie es geplant haben. Das ist auch vollkommen in Ordnung, nur unterstütze ich sie dann nicht. In den Projekten, in denen die WerteReflexion stattfinden konnte, hat es die ‚Tiefe‘ oder die ‚persönliche Berührung‘ verstärkt. Und das ist meine Absicht, ohne inhaltlich einzugreifen.

Frieda: Werte und Sinne – was hat das für Sie miteinander zu tun?

Ralf Besser: Das ist für mich eng aneinander gekoppelt. Werte sind so etwas wie Grundausrichtungen im eigenen Leben, wie zum Beispiel Fairness, Ordnung oder Transparenz, die oft so tief verwurzelt sind, dass sie als sinngebend erlebt werden und dem Leben einen Rahmen geben. Jeder Mensch hat seinen persönlichen WerteKanon, der allerdings aus meiner Erfahrung heraus oft unreflektiert ist. Die eigene WerteWelt zu entdecken ist ein erfüllender Prozess. Das erlebe ich immer wieder.

Frieda: Zum Thema Werte haben Sie auch viel publiziert und sind im Bereich Weiterbildung unterwegs, um Ihr Wissen auch anderen zugänglich zu machen. Sieht man sich die Titel Ihrer Publikationen an, scheinen Sie auch Erkenntnisse aus der Hirnforschung darin verarbeitet zu haben. Würde man Sie nun zum Bildungsminister ernennen, welche Maßnahmen gehörten zu Ihren ersten Amtshandlungen?

Ralf Besser: Ja, allerdings fokussiere ich in meinen Veröffentlichungen eine besondere Richtung. Mir geht es nicht um die WerteDefinition, was zum Beispiel viele Unternehmen in der Form von Leitbildern machen, sondern um die WerteReflexion. Das Erleben der Werte, die immer schon vorhanden sind, im Alltag der Lebenserfahrungen, um sie dadurch mehr in den Fokus des eigenen Handels zu bringen.

Und was würde ich unternehmen, wenn Sie mir die Rolle als Bildungsminister zuweisen würden? Ganz bestimmt würde ich keine Werte verordnen. Meine erste direktive Maßnahme wäre aber, die Lehrerausbildung zu verändern. Das Lehrerstudium würde man nur noch nach einer mehrjährigen beruflichen Erfahrung außerhalb des Schulwesens absolvieren können. Ich denke, dass wir Lehrer und Lehrerinnen brauchen, die mitten im Leben stehen und Kinder und junge Menschen aus dieser Perspektive heraus wiederum in das gesellschaftliche Leben hinein begleiten. Von der Schule in das Studium und dann wieder in die Schule ist dafür nicht der richtige Weg.

Frieda: Was halten Sie vom so genannten Home-Schooling?

Ralf Besser: Werte lassen sich aus meiner Erfahrung nicht kognitiv vermitteln. Es braucht das – reflektierte – Erleben. Es braucht die damit verbundenen Emotionen und das Spüren der eigenen Sinnhaftigkeit. Das lässt sich nur schwer durch Selbstlernprozesse erreichen. Mein Spruch dazu ist: ‚Menschen brauchen Menschen‘. In der zugewandten Begegnung entstehen einfach andere Prozesse und persönliche Auseinandersetzungen, allein schon dadurch, wenn man miteinander redet. Die Frage ist, wie sich die Eltern auf welche Art und Weise auf ihre Kinder einstellen. Aus meiner Richtung können Werte nicht vermittelt werden, sondern sich ‚nur‘ durch wiederholte Reflexion und eigene Entdeckungsprozesse entwickeln. Ob Home-Schooling das allein bewirken kann, stelle ich in Frage.

Frieda: Angesichts der neueren Ergebnisse aus der Hirnforschung regen sich hier und da schon Ansätze für neue Reformen mit dem Ziel, Lernen und Lehren sinnlicher zu gestalten, um der Funktionsweise des Gehirns gerechter zu werden. Das aktuelle Schulsystem ist ja nach wie vor sehr durch Konkurrenzdruck gekennzeichnet. Lehrer haben immer mehr mit Bürokratie zu tun und Schüler sind dem Leistungsdruck oft kaum noch gewachsen, was sich nicht zuletzt auch im steigenden Konsum von Psychopharmaka schon bei Jugendlichen zeigt. Woran krankt Ihrer Meinung nach das gegenwärtig vorherrschende Schulsystem?

Ralf Besser: Ich möchte auf diese Frage mit einem Zitat aus einer Szene aus dem Film „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl antworten, der sich weltweit Schulprojekte angeschaut hat, bei denen versucht wird, andere Wege zu gehen. In dem Film wird ein kleiner Junge gefragt, wie er es mit dem Abgucken hält. Der Junge antwortet spontan und aus dem Bauch: „Wieso abgucken? Ich will doch wissen, wie gut ich bin?“ Diese Antwort spricht Bände. In der Schule sollten neben den Inhalten, die natürlich vermittelt werden, ebenso die Lebensthemen eine große Bedeutung haben: „Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um?, Wie setze ich mir Ziele?, Was ist mir wichtig? Wie lerne ich am besten? Wie gehe ich mit meinen Freunden um? usw. usw.“ Meine Erkenntnis aus der Hirnforschung ist, dass das Gehirn nicht für das Faktenlernen, sondern für das Muster- oder Prinzipienlernen optimiert ist. Hirnforscher nennen das Heuristiken. Und die lernen wir eher unbewusst im alltäglichen Tun. In der Schule wird aber die Inhaltsvermittlung in den Vordergrund gerückt, die für die Schüler zudem kaum Alltagsrelevanz hat. Sie lernen sozusagen „sinnlos auf Vorrat“, lernen aber in diesem System zu überleben, indem sie für die Klausuren auswendig lernen. Lehrer nennen das ironischerweise „Bulimie-Lernen“. Das sind nur zwei Aspekte, die ich kritisch sehe. Schulen, die sich weiterentwickeln, verfolgen fast alle Ansätze der Selbstorganisation der Schülerinnen und Schüler mit konkreten Rahmenbedingungen. Da wird wunderbarerweise experimentiert. Jede Schule muss dazu, so denke ich, mit allen Beteiligten eine eigene Form finden.

Frieda: Sie sind auch als Trainer im Bereich Unternehmenscoaching tätig. Öffnet man sich dort mehr gegenüber Themen wie Wertschätzung oder handelt es sich dabei doch eher noch um ein Randthema?

Ralf Besser: Über Werte wird in Unternehmen geredet und, wie schon erwähnt, werden dazu häufig Leitbilder erstellt. Damit hat es meistens sein Bewenden. Unternehmen definieren gerne und denken bewusst oder unbewusst, dass das ein wichtiger Schritt ist. Aus meiner Erfahrung lassen sich Werte aber nicht so einfach definieren, weil sie zum einen jeder anders aus seiner Lebenserfahrung heraus definiert, sie sehr kontextabhängig ist, und sie dazu noch immer nur im überhöhten positiven Maße formuliert sind. Werte lassen sich aber nicht zu 100 % leben; sie brauchen Reflexion, inwieweit in welcher Situation die Werte überhaupt sinnvoll sind und welche Gegen- oder Grenzwerte benötigt werden, damit sie ausgewogen gelebt werden können. Der Wert Transparenz, zum Beispiel, braucht bewusst Einschränkungen, bis wohin die Transparenz sinnvoll ist. Meine Erfahrung geht einfach dahin, dass die WerteReflexion durch, wie ich es nenne‚ emotionale UmwegReflexionsRituale‘ der sinnvollere Weg ist, mit Werten umzugehen, um darüber Bewusstsein, Selbstverantwortung und das persönliche Wachstum zu unterstützen. Das sind aber langfristige Prozesse, auf die sich ein Unternehmen einstellen und wirklich wollen muss.

Frieda: Wenn man auf Ihre Website geht, verliert man leicht den Überblick, was Sie alles bewegen. Welche Projekte stehen für Sie zurzeit im Vordergrund?

Ralf Besser: Zum Thema Werte sind das zwei Aktivitäten: Zum einen habe ich mehrere Wertespiele, für Erwachsene, Organisationen aber auch für Schulen und Schülerinnen/Schüler entwickelt, die ich über meinen eigenen Verlag vertreibe. Und seit einigen Jahren bin ich Präsident des Forums Werteorientierung in der Weiterbildung e.V., in dem ca. 15.000 Trainer, Coaches und Berater über bestimmte Mitgliedsverbände organisiert sind. Auch in dieser Rolle erweitere ich die Möglichkeit, sich einem Berufskodex gegenüber zu verpflichten durch eine WerteReflexion, in der man seine eigenen biografisch geprägten Werte herausarbeiten kann. Ich stehe dafür ein, dass wir als Trainer, Coaches, Lehrer, Professoren Persönlichkeiten benötigen, die sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sind. Die zu ihren Besonderheiten stehen und sich dessen auch bewusst sind. Und sich nicht zu schade sind, auch über sich selbst lachen zu können.

Frieda: Sokrates soll gesagt haben: „Lernen besteht in einem Erinnern von Informationen, die bereits seit Generationen in der Seele des Menschen wohnen.“ Ihr Kommentar dazu lautet wie?

Ralf Besser: Ja und Nein. Wir werden durch unsere Gesellschaft, unsere Familie, unsere Freundeskreise und Partnerschaften – oft unbewusst – geprägt. Lernen ist für mich nicht erinnern, sondern das Bewusstmachen der gelernten Muster, die Reflexion seines eigenen Vorbildverhaltens und die Bewusstheit, dass jeder für das soziale Miteinander mitverantwortlich ist. Informationen allein sind für das Lernen zu wenig. Es geht um die Haltung, um Verantwortung für sich und andere. Wenn meine Stiftung dazu einen kleinen Beitrag leisten kann, dann freue ich mich darüber.

Frieda: Vielen Dank für das Interview!

Mehr Informationen über Ralf Besser unter

www.ralf-besser-stiftung.de

www.hoer-art.de

www.besser-wie-gut.de

Stiftungshaus Borgfeld, Garten
(c) Ralf Besser
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