Wechselmodell: Salomos Urteil – Letzte Instanz

Wie die Rechtsprechung mit den Menschenrechten des Kindes umgeht

Taschenbuch, 53 Seiten, 7,90 Euro oder Kindle-Edition 3,99 Euro

Ein Gastbeitrag von Melanie Stalner

Kennen Sie noch die biblische Geschichte vom salomonischen Urteil?

Der weise König Salomo hält Gericht – eine königliche Aufgabe in biblischer Zeit – und fällt Urteile in strittigen Angelegenheiten. Zwei Frauen werden vor ihn gebracht, zusammen mit einem neugeborenen Kind. Jede der beiden Frauen beansprucht für sich, Mutter des Kindes zu sein. Da König Salomo trotz intensiver Befragung nicht herausfinden kann, wer denn nun die wahre Mutter des Kindes ist, schlägt er vor, das Kind mit dem Schwert in zwei Hälften zu teilen und jeder der beiden Frauen eine Hälfte zu geben.

Da wirft sich eine der Frauen dem König flehend zu Füßen und bittet darum, das Kind zu verschonen. Er möge es dann lieber der anderen Frau geben. Die Bittende ist – so erkennt Salomo – die wahre Mutter.

3.000 Jahre Überlieferung trennen dieses Ereignis von der Gegenwart. Es gehört zum kulturellen Weltwissen. Jeder, der die Geschichte zum ersten Mal hört, hält den Atem an, als König Salomo seinen blutigen Vorschlag macht und ist ebenso erleichtert, als Salomo schließlich für das Kind entscheidet. Es ist unbedeutend, ob jene Frau, die sich dem König zu Füßen warf, nun tatsächlich die wahre Mutter des Kindes war oder nicht. Entscheidend aber ist, dass für sie das Leben des Kindes wichtiger war als ihr Sieg über die Konkurrentin.

Gerichtlich verordnetes Wechselmodell – Das Schwert der Justiz

Warum erzähle ich das? Seit dem Februar dieses Jahres ist das Unglaubliche eingetreten: Die deutsche Justiz nimmt nun – nach einem Grundsatzurteil des BGH – für sich das Recht in Anspruch, ein Kind zu halbieren, und getrennten Elternteilen jeweils eine Hälfte zuzuteilen.

Gerichte dürfen nun auch gegen den Willen eines Elternteiles das so genannte „Wechselmodell“ verordnen, um den Aufenthalt der Trennungskinder festzulegen. Aber kann man ein Kind per Gesetz aufteilen wie Sparguthaben, ein gemeinsames Haus oder den Hausstand? Ist es ein „Besitz“, den die Eltern sich teilen können oder müssen? Kann man von Eltern, die sich nicht außergerichtlich über den Aufenthalt ihres Kindes einigen konnten, die in der Regel eine hochstrittige Scheidung hinter sich haben, erwarten, dass sie von nun an als „Team“ gemeinsam das Wohl ihres Kindes im Auge haben? Ist das nicht unglaublich naiv?

Stehen bei einer solchen durch das Gericht herbeigeführten Entscheidung nicht in erster Linie die wirtschaftlichen und persönlichen Interessen eines Elternteils – häufig des Vaters – im Vordergrund – nicht jedoch das Kindeswohl? Welche weitreichenden Folgen dieses fatale Grundsatzurteil mit sich bringt und wie sich die gleiche juristische Handlungsweise bereits in unseren Nachbarländern – unabhängig vom persönlichen Leid der betroffenen Kinder – zum gesellschaftlichen Problem entwickelt, ist der Gegenstand meines neuen Buches Wechselmodell: Die Verstümmelung der kindlichen Psyche.

Kinder brauchen in der Regel (Ausnahmen mag es geben ) Sicherheit, Kontinuität und einen festen Bezugspunkt. Eine Trennungssituation ist für ein Kind natürlich zunächst schlimm, denn seine kleine Welt bricht auf einmal auseinander. Es hat in der Regel beide Elternteile gleich lieb und hegt möglicherweise wirklich den Wunsch, beide gleichviel für sich zu haben. Doch dieser Wusch – selbst wenn er vom Kind ausgeht – kann nicht dem Kindeswohl entsprechen, wenn eine Entscheidung für das „Wechselmodell“, das ja diesen Ansatz verfolgt, gegen den Willen eines Elternteils vor Gericht durchgesetzt wird.

Die diesbezügliche Auseinandersetzung zeigt ja bereits, dass die „Teamfähigkeit“ der Elternteile niemals in ausreichendem Maße vorliegen kann. Wenn Eltern sich voneinander trennen, weil sie nicht mehr miteinander auskommen, wie sollen sie da in der Lage sein, künftig noch dichter und intensiver – denn das erfordert das „Wechselmodell“ – miteinander zusammenarbeiten? Darüber hinaus bedeutet die Umsetzung des „Wechselmodells“ von Kind und Eltern ein Höchstmaß ein organisatorischer Disziplin, emotionaler Stabilität und finanzieller Unabhängigkeit. Kurz gesagt: Das „Wechselmodell“ kostet Zeit, Bindungskontinuität und Geld.

Woher rührt dann nun aber der Wunsch, das „Wechselmodell“ per Gericht durchzusetzen? Die Antwort ist einfach. Die Entscheidung für das „Wechselmodell“ hat eine Anpassung des zu zahlenden Kindesunterhaltes zur Folge. Dies stellt natürlich für den unterhaltspflichtigen Elternteil – in der Regel ist das der Vater – eine finanzielle Entlastung dar, falls er seinem Teil der Unterhaltsverpflichtung besonders kostengünstig nachkommt. Ein Kinderzimmer, Kleidung und Schulmaterial? Was heißt das schon?! – Zeitaufwand für das Kind? Wofür gibt es moderne Medien?!

Hinter dem harmlos erscheinenden Begriff „Wechselmodell“ entwickeln sich in vielen, wenn auch nicht allen Fällen menschliche Tragödien, in denen das Kind im Spannungsfeld der ungelösten elterlichen Konflikte zum permanenten Opfer einer Lebenssituation wird, auf die es selbst keinen Einfluss hat, mit deren Konsequenzen es aber womöglich für den Rest seines Lebens selbst belastet sein wird.

(Melanie Stalner)

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Ggf. zum Weiterlesen:

Soziopathie als gesellschaftliche Herausforderung, Gewalt in der Partnerschaft, Gefühle artikulieren statt Gewalt ausagieren, PAS – Parental Alienation Syndrome, Die Heilung der Mutterwunde durch die eigene Stimme u.v.a.m. 

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