Von der Kunst, ein Mensch zu sein

Über das Projekt "Wenn Richten, ... dann Aufrichten!"

Interpretation der Skulptur „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ mit dem Titel „Gaia“, eine Gemeinschaftsarbeit von Peter H. Kalb und Axel Flitsch
(c) Peter H. Kalb

Die Art und Weise, wie von Menschen über andere gerichtet und mit dem Scheitern von anderen Menschen umgegangen wird, ist ein Thema, mit dem sich Peter H. Kalb seit Jahren auseinandersetzt. „Wenn Richten, … dann Aufrichten!“ lautet ein weltumspannendes Kunstprojekt, das der 1961 in Hof geborene Künstler 2011 zusammen mit der Autorin Gisela M. Bartulec ins Leben gerufen hat. Der mehrfach ausgezeichnete Künstler Peter H. Kalb lebt und arbeitet heute in Nürnberg, wo er sich gemeinsam mit Gisela M. Bartulec dafür engagiert, das Projekt bekannter zu machen. Das entscheidende Anliegen des Projektes „Wenn Richten…dann Aufrichten!“ ist, die Öffentlichkeit mittels der Kunst dafür zu sensibilisieren, empathischer mit dem persönlichen Schicksal anderer umzugehen. Gerade im öffentlichen Leben wird persönliches oder berufliches Scheitern von Menschen gern medial ausgeschlachtet. So genannte soziale Plattformen bieten über Kommentarfunktionen jenen, die zu allem eine Meinung haben und aus dem öffentlichen Gesichtsverlust anderer für sich ableiten, selbst moralisch überlegen zu sein, eine virtuelle Bühne.

Peter H.Kalb und Gisela M. Bartulec möchten in einer Zeit, in der Begriffe wie Nachhaltigkeit und Wertschätzung in unterschiedlichsten Zusammenhängen genannt werden, besonders auf das Nachhaltige und die Wertschöpfung im Zwischenmenschlichen aufmerksam machen, denn die öffentliche Meinung kann gnadenlos sein, wenn es darum geht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Da die Umwelt auch widerspiegelt, wie es um die Qualität des menschlichen Miteinanders bestellt ist, berührt „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ ebenso Themen, die im engeren oder weiteren Sinne mit Lebensräumen zu tun haben.

(c) Künstler Peter H. Kalb, Fotograf: Carlheinz Schanzenbach

Im Gespräch mit Peter H. Kalb

FRIEDA: Erfolgte die Annäherung an die Themen „Richten“ und „Scheitern“ aus einer künstlerischen Intention heraus oder waren es eher persönliche Beweggründe?

Peter H. Kalb: Die Kunst hat schon viele Dinge entdeckt und die meine ist am Wesentlichen interessiert. Diese künstlerische Intention gründet sich auf meinen ungewöhnlichen Blick auf die Welt. Ich sehe ständige Wiederholungen menschlichen Verhaltens. Diese Wahrnehmung transportieren die Bilder, die ich von „Wenn Richten, dann Aufrichten“ gemalt habe und die ich Erscheinungsformen nenne. An ihnen erkennt man die Vielfältigkeit dieses Prinzips. Da ist die Natur, wie sie hinter dem Menschen steht, ihn aufrichtet, und der Titel lautet „Beiße nicht die Hand, die Dich nährt“. Oder da ist der Mensch, der hinter einem Skelett steht, umringt von unzähligen Totenköpfen, und der Titel lautet „Im Namen Gottes“. Ich kann gar nicht anders als diese Wahrnehmung in einer für mich eindeutigen Form festzuhalten und damit für den Menschen sichtbar und begreifbar zu machen. Die Gemälde laden den Betrachter ein, meinem Blick auf unsere Welt zu folgen und dabei diese Struktur für sich selbst zu ergründen. Besonders gut gelingt dies bei der Performance, die ich mit diesen „Kunstwerken der Erscheinungsformen“ gebe.

Bei „Wenn Richten, dann Aufrichten“ sind die Auswirkungen dieser unreflektierten Entscheidung, die der Mensch seit Anbeginn der Zeit trifft, oftmals verheerend. Beginnen wir klein und überlegen uns, wie wir uns selbst oftmals im eigenen Kopf beschimpfen, weil wir dieses oder jenes hätten besser oder anders machen können, oder der Nachbarschaftsstreit, bei dem man nur die Fehler des anderen sieht und für die eigenen blind ist, das Mobbing in Firmen, weil es dem Menschen eine tiefe Lust verschafft, in einer Gemeinschaft über jemanden zu lästern, weil man sich selbst dann so groß und gut fühlt. Ganz bedenklich wird es, wenn Länder über andere Länder richten und der Ansicht sind, man könne anderen Nationen die eigenen Maßstäbe aufdrücken, sich über dieses Volk erheben und Macht ausüben, denn dann sind wir schneller in einen Krieg verwickelt als wir an Frieden nur denken können.

Die Skulptur(en) und World-Statement „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ by Peter H. Kalb

FRIEDA: Worum geht es konkret bei dem Projekt?

Peter H. Kalb: Konkret geht es darum, eine Präsenz in der Welt zu schaffen für „Wenn Richten, dann Aufrichten“, damit wir Tag für Tag daran erinnert werden, dass es an uns liegt, ob wir richten oder aufrichten. Das klingt so banal, aber der Mensch ist sich nicht bewusst, wie oft er am Tag ein Urteil fällt, das man als ein Richten ansehen kann. Die kleine unlimitierte Skulptur ist dabei der nachhaltige Aspekt, der auch noch besteht, wenn es mich auf dieser Welt nicht mehr gibt, und sie kann somit auch nachfolgenden Generationen noch als Orientierung dienen.

Gleichzeitig plane ich Großskulpturen im öffentlichen Raum. Die Menschheitsgeschichte ist durchflutet von Geschichten, die diese Entscheidung zugunsten des Richtens oder des Aufrichtens geschrieben hat. Jetzt ist es an der Zeit, die historischen Auswirkungen davon zu dokumentieren, als Mahnmal, wo das Richten sein Grauen verbreitet hat, und als Denkmal, wo das Aufrichten ersichtlich wird. Die Skulpturen werden davon erzählen, wohin es führt, wenn sich viele Menschen zu dem einen oder anderen entschließen.

Überrascht hat mich, dass Fotos von der Skulptur „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ aus allen Teilen der Welt eintrafen. Es ist außergewöhnlich, dass ein Kunstwerk sogar mit auf Reisen geht. So haben mich Fotos erreicht, auf denen die Skulptur vor der Oper von Sydney aufgenommen wurde oder aus dem australischen Outback, bei einer Versammlung in Kenia, aus den Straßen Barcelonas, Valencias, ja sogar aus den USA und den Wohnungen ihrer Besitzer aus ganz Europa. Das verbindet uns alle miteinander.

Eingereichte Fotos aus aller Welt.
links: Foto aus Kenia, eingereicht von Axel Flitsch, Harambee e.V. – rechts: Foto aus Sydney, Australien, eingereicht von Attila Pereghy

Und ein weiterer wesentlicher Part in dem Kunstprojekt sind die Statements aus allen Gesellschaftsschichten, die uns erreichen, und die von ihrem Blick auf die Skulptur „Wenn Richten, dann Aufrichten“ erzählen. Sie malen ein Bild von dieser Grundstruktur, die dem Menschen vererbt wird, ein Bild, das in den schillerndsten Farben leuchtet und uns bewusst macht, dass diese Grundstruktur unser Miteinander stark beeinflusst. Besonders freut es mich auch, dass die Skulptur „Wenn Richten, dann Aufrichten“ anderen Künstlern als Inspiration dient und sie diese, mit meiner Erlaubnis natürlich, in ihre Kunstsprache übersetzen und damit andere Erfahrungsfelder öffnen.

FRIEDA: Können Sie dazu einige Beispiele nennen?

Peter H. Kalb: Es würde wohl den Rahmen dieses Interviews sprengen, all die Statements zu nennen, obwohl es gerade diese Vielfalt ist, die den besten Einblick bieten würde. Eine von vielen interessanten Künstlerinterpretationen erhielten wir von Setia Nugraha aus Indonesien mit dem Titel „Bapak Dewan“. Dabei geht es um die Wahlversprechen der indonesischen Volksvertreter, die sich nach der Wahl an nichts mehr erinnern können und die der Künstler auffordert: „Wenn Richten, dann Aufrichten am Volk“, auch wenn die Wahl vorbei ist. Dieses Beispiel zeigt, wie global dieses Prinzip ist, denn die Vergesslichkeit der Volksvertreter findet sich nicht nur in Indonesien.

Interpretation der Skulptur „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ by Peter H. Kalb von Setia Nugraha, Fotokünstler aus Indonesien, mit dem Titel „Sehr verehrte Volksvertreter Indonesiens (Parlament) … wenn richten, … dann aufrichten!“

Ein weiteres Beispiel ist ein Video, das von dem Gedicht „Ich erinnere mich“ von G.M. Bartulec zu „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ adaptiert wurde. Dazu komponierte Dirk Poggenpohl („Carlos der Eisbär“) aus Osnabrück ein Musikstück. Der Text des Gedichtes wurde von der Berliner Schauspielerin Alexandra Lange gesprochen und die Foto-Inspiration realisierte Bettina Thieme. Aus diesen Komponenten entstand also ein Video, das zum Reflektieren einlädt und gleichzeitig ein Miteinander demonstriert, das – mit der richtigen Wahl – uns allen offen steht. Aber eigentlich müssten wir jede einzelne Interpretation aufführen, weil jede ihre ganz individuelle und spannende Facette hat.

FRIEDA: Wie viele Künstler aus wie vielen Nationen sind bereits an Ihrem Projekt beteiligt und auf welche Weise?

Peter H. Kalb: Derzeit sind 35 bildende Künstler, 13 Literaten, zwei Musiker und ein Kurzfilmer an dem Projekt mit eigenen Interpretationen beteiligt. Sie kommen aus Marokko, Kenia, Indonesien, Niederlande, Schweiz, Österreich und Deutschland. Jeder von ihnen hat die Skulptur „Wenn Richten, dann Aufrichten“ in die eigene Kunstsprache übersetzt und viele Themen damit beleuchtet. So wurde zum Beispiel der Umgang des Arbeitsamtes mit arbeitswilligen, aber schwer vermittelbaren Menschen unter dem Aspekt der Skulptur beleuchtet. Weitere Themen, über die reflektiert wurde, sind Gewalt, Kindersoldaten, Missbrauch, Behinderung, aber auch persönliche Entwicklung, Umwelt, Klima, Erde, denn auch hier sind es die Entscheidungen, die jeder Einzelne trifft, die dazu beitragen, ob unser Planet gesund erhalten werden kann oder nicht.

FRIEDA: Was in der Politik oft nicht möglich erscheint, vermochte die Kunst mit all ihren Facetten schon immer und sie vermag das auch heute noch: Sie verbindet Menschen, sie transportiert Emotionen – was kann die Kunst Ihrer Ansicht nach noch, was die Politik nicht kann oder nicht zu können scheint?

Erscheinungsformen der Skulptur „Wenn Richten, … dann Aufrichten“ – links: „Beiße nicht die Hand die Dich nährt“ – rechts: „Im Namen Gottes“ von Peter H. Kalb

Peter H. Kalb: Die Kunst ist in der Lage, eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf der sich jeder Mensch versteht. Nehmen wir ein Musikstück oder ein Bild; beides spricht ohne Sprache und ist trotzdem von allen erfahrbar. Man kann niemanden per Gesetz dazu zwingen, Vorurteile abzulegen oder Ängste zu überwinden. Künste können aber dazu anregen, Überzeugungen zu überdenken, auch einmal hinter die Ängste zu sehen und vielleicht, den wahren Auslöser dafür zu finden, ohne dass es den Blitzableiter „Fremdenhass“ braucht. Das Kunstprojekt „Wenn Richten, dann Aufrichten“ zum Beispiel ist multikulturell, religionsübergreifend, regierungsunabhängig und global. Jeder kann sich daran beteiligen, egal welcher Nationalität, Hautfarbe, Gesellschaftsschicht der Mensch angehört, oder welches Bildungsniveau er hat.

FRIEDA: Heißt das jetzt, wir dürfen alle nur noch aufrichten?

Peter H. Kalb: Nein, das heißt es nicht. Natürlich dürfen, ja, sollten wir dort noch richten, wo uns die Situation umfassend bekannt ist, wenn wir darüber nachgedacht haben, was unser Gegenüber in eine solche Situation hatte bringen können, und wo wir zumindest einige Faktoren beleuchtet haben. Wenn wir dann immer noch der Ansicht sind, dass hier gerichtet werden muss, dann ist es unabdingbar, dies auch zu tun, oftmals auch um andere Mitglieder der Gesellschaft zu schützen. Wichtig ist, dass die Entscheidung reflektiert getroffen wird.

FRIEDA: Die virtuelle „Ausstellung“ der Werke unterschiedlichster Künstler auf Ihrer Projekthomepage vermittelt einen Eindruck über die Vielfalt der Betrachtungsweisen des Themas. Dennoch ist das Kernanliegen des Projektes, auf die Bedeutung von Kontakt und Empathie aufmerksam zu machen, in jedem Werk spürbar. Sogar ein sehr junger Künstler, nämlich der 8-jährige Frederik, ist dabei. Wie kam es dazu, dass Sie das Werk eines Kindes in das Projekt aufgenommen haben?

Peter H. Kalb: Mir geht es bei den Künstlerinterpretationen nicht darum, der Öffentlichkeit nur die Gedankenwelt eines elitären Kreises zu präsentieren, sondern das Thema durch Vielfalt, Kreativität und unterschiedlichste Blickwinkel quasi durchsichtig zu machen. Frederik hat bei einem Künstlerkollegen einige Interpretationen zu dem Thema gesehen und sich auch sofort eine Meinung gebildet, dass für ihn „Wenn Richten, dann Aufrichten“ ein Ritter sein muss. Bei den Statements findet sich auch Lea, 9 Jahre, die ihre Mutter fragte: „Gilt es auch, wenn ich eine Blume wieder aufrichte, wenn sie den Kopf hängen lässt?“ Natürlich zählt auch das zum Aufrichten und so hat Lea das als kleine Fotostrecke dokumentiert.

FRIEDA: Im Bereich der Kunst wird ja angesichts leerer Kassen gern gespart, ob in der Kommunal- oder Bundespolitik. Das fängt oft schon in der Schule an, wo größerer Wert auf Naturwissenschaften gelegt wird als auf alles, was Raum für Kreativität gibt. Dabei dürfte die Kunst eine Art Schlüsselrolle bei Erkenntnis- und Lernprozessen spielen. Forschungsergebnisse aus der neueren Hirnforschung bestätigen, dass das, was spielerisch, sinnlich erlebbar und mit Begeisterung getan wird, das Gehirn fitter hält als beispielsweise Sudoku oder Kreuzworträtsel. Worauf führen Sie zurück, dass anscheinend gerade in diesem so wichtigen Bereich am ehesten gespart wird und welche Chancen bietet die Kunst generell?

Peter H. Kalb: Nicht nur die Kunst leidet unter dem schwindenden Interesse an schöngeistigen Inhalten, sondern auch viele andere kulturelle Einrichtungen. Der Mensch bekommt als Kind eine bestimmte Konditionierung mit und wenn diese nicht mit künstlerisch-ästhetischen Inhalten verknüpft ist, wird er auch als Erwachsener daran keine Freude haben. Obwohl PISA-Studien gezeigt haben, dass Schulen mit einem ausgewiesenen Kulturprofil in der Gesamtbewertung überdurchschnittlich gut abschneiden, ist es trotzdem sehr viel leichter, an den kulturellen Stellen Einsparungen vorzunehmen statt in wirtschaftlich relevanten Bereichen. Aber irgendwann wird man sich die Frage gefallen lassen müssen, ob man Profitgier und Verrohung der Gesellschaft nicht systematisch selbst herbeigeführt hat. Wenn für Feinsinnigkeit kein Platz mehr ist, darf man auch nicht darauf bauen, eine mitfühlende Gesellschaft um sich herum zu errichten, die tolerant miteinander umgeht.

Die Künste sind, wie kaum ein anderes Instrument, dazu in der Lage, Menschen miteinander zu verbinden: in grenzüberschreitenden Projekten, in einem multikulturellen Miteinander, in einer farbenfrohen Welt der Achtsamkeit untereinander.

FRIEDA: Was wünschen Sie sich für die Zukunft – als Künstler und als Mensch?

Peter H. Kalb: Die Zukunft gestalten wir durch das, was wir heute entscheiden. Ich würde mir eine Gesellschaft wünschen, die geschlossen ein Zeichen setzt für eine Welt mit mehr Aufrichten darin. Ich sehe die Welt mit ihrer Geschichte und Zukunft als Ganzes. Für die Zukunft kann ich mir nur vorstellen, dass die Vielzahl der Skulpturen weltweit eine neutrale Präsenz erreicht, um jeden Tag daran zu erinnern, wie unsere Welt aussehen kann, wenn wir die Entscheidung, ob wir richten oder aufrichten, bewusst treffen. Das ändert für mich alles, als Künstler und als Mensch.

FRIEDA: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg dabei, möglichst viele Menschen zu erreichen!

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