Vom Boom der Hobbyköche

Hat Jamie Oliver das verdient?

Gerücht photo
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TV-Koch-Shows erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Aber anscheinend scheitern die Nachahmungsversuche bei so manchen Leuten schon im Ansatz. Statt sich lange mit dem Artischockenrüsten und dem Sezieren von Granatäpfeln zu befassen, verdingt man sich dann lieber in der Gerüchteküche als Experte. Das erfordert weder Kenntnisse in der Haute Cuisine, noch verbrennt man sich dabei die Finger, höchstens die Lippen. Zutaten liefern die Medien jeden Tag als Instant-Brühe zum Aufkochen, so dass jeder zum Informationsbrei-Gourmet werden kann. Was die Guide Michelin-Sternchen dem Luxus-Restaurant sind, reicht dem Gerüchtekoch dann an „Likes“ auf Portalen wie facebook, egal, wie schwachsinnig oder womöglich denunzierend die Kommentarsuppe auch war.

„Gerüchte werden von Neidern erfunden, von Dummen verbreitet und von Idioten geglaubt“ ist ein populärer Spruch zu dem Thema. „Und von zu vielen geschluckt“, ergänzt Frieda. Was sagt uns denn Wikipedia dazu: „In dieser allgemeinen Bedeutung wird der Begriff gelegentlich mit „Klatsch“ und „moderne Sage“, im Fall der Skepsis oder nachgewiesenen Unwahrheit auch mit „Legende“ oder „Märchen“ synonym verwendet. Im engeren Sinne des Begriffs werden bei einem Gerücht – anders als beim Klatsch – die erzählten Ereignisse in der Regel nicht einzelnen Personen zugeschrieben; bei der modernen Sage sind demgegenüber konkrete Personen zwar vorhanden, werden aber namentlich nicht erwähnt. Strategisch lancierte Gerüchte in der Politik werden der Propaganda zugerechnet“.

 

Was hat denn Jamie Oliver mit Gerüchten zu tun?

Vermutlich nicht viel. Hätten Gerüchte nur nicht eine so lange Halbwertzeit im Gehirn und der öffentlichen Wahrnehmung und nicht so viel Einfluss auf Wahlen, Kaufentscheidungen und die generelle Meinungsbildung! Dann wäre das ja alles nicht so lästig. Wie nachhaltig Gerüchte wirken, lässt sich schnell im näheren Bekanntenkreis ermitteln, indem man mal ein paar Reizworte in die Konversation einfließen lässt. Zweifelt man dann auch noch die eine oder andere mediale „Wahrheit“ an, weil der gesunde Menschenverstand und/oder die innere Stimme einem irgendwie im reizüberfluteten Alltagsdunst zuflüstern wollen: „Hallooo? Da kann doch was nicht stimmen?“, dann ist Obacht angesagt. Topflappen suchen und Feuerlöscher holen. Ein falsches Wort und die „Unter-Haltung“ wird abgelöst durch sekundenlanges Schweigen. Das ist dann der richtige Moment für den Magenbitter, damit der Speichelfluss wieder einsetzen kann. Der Trigger ist gesetzt, das Gegenüber irritiert, ruft zeitgleich im Gehirn die bereits zu dem Thema vorhandenen und neuronal irgendwo abgespeicherten Informationen ab, kann nicht mehr selektieren, woher diese Informationen ursprünglich stammen (will das oft auch gar nicht…) und ob es sich womöglich um Gerüchte in der Datenbank gehandelt hat. Ob die Konversation in diesem Moment endet, zu einem Streitgespräch führt oder zu einem entspannten Wortwechsel, hängt von der Vertrautheit der Beteiligten ab, von der gemeinsamen Schnittmenge an sonstigen Übereinstimmungen und vielleicht auch davon, ob das Essen vorher geschmeckt hat und noch Bier im Kühlschrank ist. (Scherzalarm…)

Propaganda ist keine neue Erfindung

„Jeder weiß doch“, „Das stand doch in allen Zeitungen“…Wer die gängige Berichterstattung hinterfragt, hier und da mal skeptisch ist, kann doch nur ein Verschwörungstheoretiker sein – oder gar ein Rechtspopulist oder ein linker Ewig-Gestriger. Allein, wer sich die Frage stellt, ob nicht die Antifa womöglich selbst auf faschistische Weise unterwegs ist, und sich fragt, von wem die überhaupt finanziert wird, wer vermutet, dass Lobbyisten weltweit relevanten Einfluss auf politische Entscheidungen haben, oder gar Geheimdienste, steht unter Generalverdacht.

Propaganda war und ist seit Menschengedenken ein Instrument zur Meinungsmache, auf die Küche übertragen so etwas wie der Maggiwürfel: schnell zubereitet, aber nicht mehr als ein Extrakt aus Fleischabfällen und synthetischen Aromastoffen. Auf Propagandamechanismen wurde schon im Gymnasium in den 1970er Jahren im abgelegenen Ostfriesland im Deutschunterricht aufmerksam gemacht. Ein später Dank an Herrn Dr. Schrader, ehemaliger Deutschlehrer der Betreiberin dieser Seite…

Als er noch unter uns weilte, der gute Herr Dr. Schrader, sein Amt zu Zeiten des Kalten Krieges voller Eifer ausübte, unermüdlich hoffend, pubertierende ostfriesische Jugendliche zu mündigen Erwachsenen zu erziehen, sagte er:

„Glaubt nicht alles, was die Massenmedien berichten und schaltet euren Verstand ein! Hinterfragt, seid wachsam und zieht andere Quellen zu Rate!“

Die Meinung zu ändern, verbraucht Energie…

Gerüchte verbreiten sich schnell, zumal in virtuellen Zeiten. Untermalt mit entsprechenden Bildern verankern sie sich noch besser im Gehirn des Homo sapiens als über die nur gelesene oder auditiv empfangene Botschaft. Das ist so, als wenn sich der Geruch einer Brühwürfel-Suppe unwiderruflich in die Riechsensoren eingebrannt hat. Wenn man nur Brühwürfel und Instantsuppen kennt, ist einem die Artischocke suspekt wie ein Alien. Ist ein Gerücht erst in der Welt, hilft der heftigste Widerspruch kaum noch, denn wer seine Meinung manifestiert hat, hält an ihr fest. Das hat etwas mit im Gehirn ablaufenden Phänomenen zu tun, auch als „Kognitive Resonanz“ bezeichnet. Leon Festinger, seines Zeichens Sozialpsychologe, kreierte den Begriff im letzten Jahrhundert. Er postulierte, dass das „Nicht-Zusammenpassen“ zweier Gedanken eine negative Reaktion zur Folge habe, da der Mensch an und für sich seine Gedanken im Einklang halten wolle, um Missklang („Dissonanz“) zu vermeiden. Das Ändern der Meinung sei mit mehr Energieaufwand verbunden und der Organismus sei eben bestrebt, Energieverluste zu vermeiden. Und Energie sollen wir ja sparen wegen des Klimawandels. Das Kohlendioxid ist schuld. Na ja, in diesem Fall wohl nicht.

Unser Verhalten, das uns normal erscheint und von dem wir annehmen, dass es bewusst erfolgt, wird maßgeblich durch unser Unterbewusstsein bestimmt. Na klar, das ist nicht neu! Aber man sollte sich hin und wieder daran erinnern, dass das so ist. Das limbische System hat auf diese Vorgänge bedeutenden Einfluss. In seinem Buch »Think Limbic« beschreibt Hans-Georg Häusel das Phänomen genauer. Demnach formen und steuern drei Kräfte unser Denken und beeinflussen unser Handeln: „Balance – Dominanz – Stimulanz“. Häusel schreibt: „Auch die kognitive Entwicklung des Menschen, also seine von sich selbst behauptete Erkenntnisfähigkeit, setzt diese Programme nicht außer Kraft. (…) Aber genauso, wie wir die Schwerkraft unter normalen Umständen nicht wahrnehmen, bemerken wir die genetisch verankerten und wirksamen ‚biologischen Imperative‘ nicht.“

Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Diverse Experimente von Festinger lassen den Schluss zu, dass es sich bei der „Kognitiven Dissonanz“ um kein bewusstes, sprachgebundenes Phänomen handelt, sondern um einen automatisch ablaufenden Prozess auf neurobiologischer Ebene, der bei Menschen jeden Alters ähnlich abläuft. Das ist so ähnlich wie beim Thermomix. Man wirft bestimmte Zutaten in den Topf und der Rest läuft nach Programm. Na gut, der Vergleich hinkt etwas.

Paul Lafargue, Arzt und Politiker, schrieb bereits 1880 ein Buch mit dem Titel „Recht auf Faulheit“. Darin machte er die Arbeiter mitverantwortlich für ihre eigene Unterdrückung, weil die ihre Arbeit als Mittel zum Konsum in das Zentrum ihres Lebens stellten, soll heißen: Verbrauchermacht nutzen, um Teil der Lösung zu werden und nicht mehr Teil des Problems zu bleiben.

Wir stecken, was „das System“ angeht, „alle unter einer Decke“. Das Credo in diesem System folgt dem gebetsmühlenartig propagierten Glauben an Fortschritt: im Gleichschritt ums „Goldene Kalb“ marschieren. Wir spüren unsere eigene Stagnation dabei gar nicht, oder wollen sie nicht spüren, weil sie so ein unangenehmes Gefühl der Ohnmacht auslöst, und um wenigstens das Gefühl zu haben, noch irgendwie lebendig zu sein, bekriegen wir uns untereinander, gehen zwei Schritte vor und drei zurück, meinen dann auch noch, uns bewegt zu haben. Aber in der Natur will alles wachsen. Selbst Löwenzahn und Gänseblümchen bahnen sich durch Risse im Asphalt ihren Weg zum Licht.

Und was die Gerüchteküche angeht: Mehrere Quellen nutzen, direkt nachfragen, Verstand und innere Stimme einschalten, ruhig mal zusammen mit Menschen kochen, die unterschiedlicher Meinung sind! Vielleicht Erbsensuppe? Denn dem Pfurz ist es egal, aus wessen Hintern er kriecht, ob’s ein linker oder rechter ist! Jamie Oliver kann nichts dafür. Friedas Tischgebet lautet: Angesichts der Tatsache, dass wir alle Hunger haben, sollte es eigentlich nicht so wichtig sein, ob einer lieber grüne Soße, rote Grütze oder Braunkohl mag!

Buchtipps:

Eric Selbin, „Gerücht und Revolution“, Buch bestellen

Tom Faber, „Leon Festinger’s Theorie der kognitiven Dissonanz“, Buch bestellen

Hans-Georg Häusel, „Think Limbic!“, Buch bestellen

Thierry Paquot, „Ivan Illich – Denker und Rebell“, Buch bestellen

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