Vernetzt denken – Was bedeutet das?

FRIEDA im Gespräch mit Carsten Pötter

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Als Interviewpartner stellte Carsten Pötter sich für FRIEDA-online schon mehrere Male zur Verfügung. Alle Interviews mit dem Apotheker aus Visbek, und einige Gastbeiträge aus seiner Feder, sind unter „Pötters Perlen“ zu finden – je nach Thema auch in anderen Rubriken.

Zusammen mit dem Heilpraktiker Jörg Helge Drews gründete Carsten Pötter die Akademie für Bewusstseinsmedizin. In den Statuten dieser Akademie ist zu lesen, dass die Komplementärmedizin ohne ein vernetztes Verstehen der Wirklichkeit nicht auskommt. „Vernetztes Denken in der Medizin“ lautet auch der Titel eines Vortrages, den Carsten Pötter auf seinem Youtube-Kanal zur Verfügung stellt. Er ist am Ende dieses Beitrages zu finden.

„Damit sich der Patient selbst heilen und seine Potentiale und Anlagen leben kann, müssen physische Altlasten genauso entfernt werden wie psychisch-emotionelle und spirituelle Fesseln und Glaubenssätze. Um dem Menschen auf seinem Wege richtig therapeutisch begleiten zu können, braucht der Behandler ein umfassendes Verständnis von Ursachen und Wirkungen, die nicht nur im Bereich der Medizin zu suchen sind, sondern auch in Geschichte, Religion, Psychologie und Soziologie“, heißt es dort weiter.

FRIEDA im Gespräch mit Carsten Pötter

FRIEDA: Dank des Internets pflegen wir ja heute eine Menge von Netzwerken, die sich somit in einer virtuellen Wirklichkeit abspielen, wobei man den Eindruck gewinnt, dass die physische Begegnung der Teilnehmenden dabei eher selten bis gar nicht stattfindet. In Ihrem eingangs erwähnten Vortrag sagen Sie, Sie nähmen wahr, dass das Wissen über Netzwerke, die biologischer Natur seien, vergleichsweise gering wäre. Wie meinen Sie das konkret?

Carsten Pötter: Mein Lehrer, Ulrich Jürgen Heinz, sagte mir in den Neunziger Jahren einmal, dass wir uns nicht mehr vernetzen müssen, da wir es bereits sind. Was wir tun sollten ist, uns genau das klarzumachen. Wenn letztlich alles aus einer Quelle stammt, hängt auch alles mit allem zusammen. Das bedeutet, dass alles Tun letzten Endes Auswirkungen auf das biologische Netz hat und früher oder später über Rückkopplung auf seinen Absender zurückfällt, weil in einem Netz immer ein Ausgleich geschaffen wird.

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FRIEDA: Nichtsdestotrotz sorgen virtuelle Netzwerke heute ja weltweit für Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, die früher schon wegen der geografischen Entfernungen so nicht möglich gewesen wären. Wie ist es angesichts Ihrer Antwort auf die erste Frage zu verstehen, wenn Menschen sich beispielsweise in virtuellen Netzen mittels der Kommentarfunktionen über verschiedene politische Entwicklungen ereifern, denken wir mal an die derzeit auf Internetforen intensiv diskutierten Themen wie Zuwanderung, ritueller Kindesmissbrauch im Vatikan und in anderen „elitären“ Kreisen etc.. Wenn Leute über diese Themen informieren und sich auf die eine oder andere Art dazu äußern, welchen Rückkopplungseffekt hat das dann? Und: Worauf beziehen Sie sich mit dem Postulat, dass in einem Netz immer ein Ausgleich geschaffen würde?

Carsten Pötter: Wir sollten davon ausgehen, dass nichts unbeobachtet bleibt. Das heißt, dass unliebsame Meldungen, die jemand an eine öffentliche Pinnwand heftet, über einen Späher oder einen Denunzianten an eine entsprechende Stelle, die uns gern vor Fake-News und Hass-Reden schützen wollen, gemeldet wird, die dann mit einem Rollkommando anrückt. Während sich in einem System kommunizierender Röhren ein einheitliches Füll-Niveau einstellt, steht in einem Netz der schwächste Knoten unter Druck. Die Frage ist: Hält er die Punktbelastung aus, kann er von seinen Nachbarn Unterstützung erwarten oder wird er eliminiert?

FRIEDA: Ihre letzte Antwort, die mit einer Frage endet, lasse ich mal für sich wirken. Zurück zum vernetzten Denken: In dem Interview mit der Biologin und Heilpraktikerin Dr. Annette Pitzer wurde schon auf die Frage eingegangen: „Integrative Medizin – Was ist darunter zu verstehen?“ Seit Jahren sind ja Begriffe wie „Ganzheitlichkeit“ und Begriffspaare wie „Körper, Geist und Seele“ im alltäglichen Sprachgebrauch, wenn es um den Bereich Heilung geht. Es gibt daher durchaus Bestrebungen, in der Medizin interdisziplinärer zu kooperieren, doch anscheinend gelingt das noch nicht so, wie Sie sich das vorstellen. Woran mangelt es Ihrer Ansicht nach?

Carsten Pötter: Das liegt nach meinem Kenntnisstand daran, dass einerseits kein kohärentes Bild von der Welt existiert und andererseits, dass diejenigen, die interdisziplinär arbeiten sollten, ihre Deutungshoheit verlieren, was mit Bedeutungsverlust einhergeht. Daran besteht kein sonderliches Interesse. Wie eben ausgeführt, beruht das kohärente Bild der Welt darauf, dass nichts wirklich getrennt voneinander existiert. Welt ist nur von denen verstehbar, die Zusammenhänge erkennen und Bezüge herstellen können. Das setzt voraus, Muster wahrzunehmen und die Prinzipien abzuleiten, auf denen diese Muster beruhen.

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Die Fähigkeit, die Welt so anzuschauen und wahrzunehmen, wird seit 700 Jahren systematisch untergraben. Die Verfassung des modernen und aufgeklärten Menschen geht auf das Spaltungsbewusstsein zurück, dessen geistige Fundamente in der Frührenaissance gelegt wurden. Als sich das Wissen von der Welt zunehmend vermehrte, wurden in Europa die ersten Universitäten gegründet. Diese wurden allerdings nicht vom heiligen, sondern vom katholischen Geist dominiert. Jeder Student (Studierende gab es zu dieser Zeit zum Glück noch nicht) musste sich zunächst mit Philosophie auseinandersetzen, bevor er Jurisprudenz, Theologie oder Medizin studieren durfte. Die Naturwissenschaften waren zu dieser Zeit noch philosophisch geprägt und von einem einheitlichen Verstehen der Welt getragen. Seinen Ausdruck fand dieses Wissen in der Alchemie, die sich im Wesentlichen mit Wandlungsprozessen beschäftigte. In der Alchemie ging es um das geistige Gold und nicht um das physische, was heute gern kolportiert wird. Sein Hauptprotagonist Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt unter dem Namen Paracelsus, wurde dem damaligen Establishment zunehmend gefährlich, was dazu führte, die Alchemie als philosophisch getragene Naturwissenschaft zu zerstören. Das war die Geburtsstunde des universitären Schismas, nämlich die Trennung in Geisteswissenschaften und die Chemie. Um den medizinischen Teil der Alchemie zu retten, benannte Paracelsus diesen in Spagyrik um.

In dieser Zeit hat die Universität ihren universalen Anspruch, Welt einheitlich zu erfassen und zu beschreiben, verloren. Sie hat nicht nur zwei künstliche Hemisphären geschaffen, die bis heute existieren, sondern innerhalb dieser weitere Zersplitterungen hervorgerufen, die in eigenen Begrifflichkeiten agieren und sich voneinander abgrenzen. Daraus ist das heutige Spezialistentum erwachsen, dessen Mitglieder zwar von ganz wenig sehr viel, aber vom Rest keinerlei Ahnung haben. Auf diesem Nährboden hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine Mentalität entwickelt, die sich einerseits durch Fachwissen und andererseits durch Eitelkeit charakterisieren lässt. Es ist dieser Eitelkeit zuzuschreiben, dass viele „Fachleute“ Probleme damit haben, auf Augenhöhe Repräsentanten anderer Fakultäten zu begegnen. Dominante Persönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, anderen die Wichtigkeit und die Bedeutsamkeit der eigenen Fachrichtung zu unterstreichen und die eigene Sicht auf die Dinge klar zu machen. Diese Geisteshaltungen verhindern einen wirksamen interdisziplinären Austausch.

FRIEDA: Aus meiner Sicht ginge interdisziplinäres Arbeiten nicht mit dem Verlust der Deutungshoheit einher; allerdings kann ich nachvollziehen, wie Sie das meinen, dass möglicherweise die Furcht vor dem Verlust der jeweiligen Deutungshoheit einer der Gründe dafür sein könnte, interdisziplinären Austausch zu meiden. Dass der katholische Geist die Universitäten beeinflusste, und zwar auf eine spaltende Weise, glaube ich gern. M.E. sind die Wurzeln für diese Spaltung jedoch noch sehr viel früher zu suchen. In ihrem Werk „Der Kampf gegen Weisheit und Macht der matriarchalen Urkultur Ägyptens“ schreibt die Schweizer Psychologin Doris Wolf: „Von einer Generation zur anderen werden die einmal aufgestellten, schönfärberischen Theorien übernommen und durch ständiges Wiederholen zu unantastbaren, allseits bekannten ‚Tatsachen‘ gemacht. Unter Wissenschaftlern scheint darüber hinaus das Akzeptieren von disziplinären Grenzen und definitionsberechtigten Personen üblich zu sein. Es existiert eine stillschweigende Übereinkunft, sich gegenseitig nicht ins Gehege zu kommen. Diese Praxis ist besonders hinderlich für den wissenschaftlichen Fortschritt und fördert das Zementieren beliebter Irrtümer. Zudem herrscht eigentlich eine Zensur. Außenseiter, die Täuschungen aufdecken und morsche Pfeiler unter schönen Theoriegebäuden wegziehen, müssen mit bösen Angriffen, Häme und vor allem dem Vorwurf der ‚Unwissenschaftlichkeit‘ rechnen. Dabei geht es vielen Wissenschaftlern lediglich um Wissenskontrolle und Wissenssteuerung.“ (S. 29/30 im erwähnten Buch).

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Die Neigung zur Spaltung und der Mangel an Bereitschaft zur interdisziplinären Kooperation kann m.E. nicht losgelöst von der Entwicklung des Patriarchats gesehen werden und das entstand vor ca. 5000 Jahren durch eine Invasion. Doris Wolf beschreibt (quellenbasiert), wie die über sehr lange Zeit männerdominierte Geschichtsschreibung und auch die lange männerdominierte Archäologie die Weiblichkeit nicht nur „wegretuschierte“, sondern oftmals sogar trivialisierte und diffamierte. Wer die Welt heute verstehen will, inklusive Ideologien, Religionen, Politik sowie den aktuellen Trends in der Reproduktionsmedizin, dürfte nach der Lektüre der Bücher von Doris Wolf sowieso einen „etwas anderen“ Blick auf die Geschehnisse haben. Solange die Beweise für eine matriarchal geprägte urgeschichtliche Epoche unter den Tisch gekehrt werden, kann es aus meiner Sicht zu keiner seligmachenden Erkenntnis bzw. zur Akzeptanz eines kohärenten Weltbildes kommen – und somit auch zu keiner nachhaltigen gesellschaftlichen Heilung. Aber das nur nebenbei. Was ist das Wesensmerkmal der kohärenten Welt aus Ihrer Sicht?

Carsten Pötter: Das Charakteristikum der kohärenten Welt ist die Vernetzung. Stellen Sie sich ein dreidimensionales Gitternetz vor. In diesem Modell ist jeder Knotenpunkt über seine Nachbarn mit allen anderen Knotenpunkten verbunden. Vergrößern wir darüber hinaus die Knotenpunkte, stellen wir fest, dass diese ebenso aufgebaut sind. Das Prinzip, das im Großen sichtbar ist, setzt sich auch im Kleinen fort. Wir nennen das ein Muster. Das Prinzip ist in den graphischen Abbildungen der fraktalen Geometrie zu erkennen. Die faszinierenden Strukturen entstehen durch einfache Wiederholung von sogenannten Julia-Mengen, also Teilmengen von komplexen Zahlenebenen. In diesem Muster werden Wiederholungen von Proportionen sichtbar. Betrachten Sie einen Baum und berechnen Sie die Verhältnisse von Hauptstamm zu seinen Ästen 1. Ordnung. Sie entdecken das Proportionsprinzip auch beim Übergang zu den Ästen 2. und 3. Ordnung. Diese Proportionen finden Sie auch bei den Adern der Blätter. Das, was sich oberhalb des Bodens ausdrückt, wiederholt sich unterhalb der Oberfläche als Wurzelgeflecht. Es zeigt sich dasselbe Prinzip. Der Baum A steht über sein Wurzelnetzwerk mit dem Baum B in Verbindung und tauscht sich aus. Das Wurzelnetzwerk selbst ist auch nur als Knotenpunkt verstehbar, der seinerseits in der Erde mit Mikroben wechselseitig in Verbindung steht. Dieses Prinzip der Vernetzung begegnet uns in der gesamten Natur und kann als universelles Lebensmerkmal verstanden werden.

FRIEDA: Danke für diesen anschaulichen Exkurs. Er zeigt nicht nur die bestehenden Verbindungen, sondern auch die wechselseitigen Abhängigkeiten innerhalb des Systems. Man könnte sich das Verbindungsprinzip auch als eine spezielle Dialogform vorstellen. Wieso funktioniert dieser unter den Menschen so schlecht?

Carsten Pötter: Das liegt daran, dass sich die Dialogpartner vor dem Austausch nicht darauf verständigen, auf welcher Ebene die Kommunikation stattfinden soll. Solange der Eine auf UKW sendet und der Andere auf Mittelwelle empfängt, kann das nicht funktionieren.

FRIEDA: Das ist einleuchtend. Demnach ist die Welt ein wenig wie ein Radio zu verstehen. Andererseits gelingt der interdisziplinäre Dialog unter Menschen ja beispielsweise im kulturellen Bereich. Da kommt mir unweigerlich auch das Bild eines Orchesters in den Sinn. Zwar steht das gemeinsame Musizieren dabei im Vordergrund, doch innerhalb des Orchesters gibt es viele verschiedene Individuen und Instrumentalisten, die allerdings innerhalb einer Disziplin agieren. Je größer ein Orchester ist, desto mehr ist anscheinend die Notwendigkeit eines Dirigenten erforderlich, während in kleineren Orchestern das Improvisieren gut gelingen kann. Warum tun sich die unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen aus Ihrer Sicht anscheinend so schwer damit, interdisziplinär zu kooperieren? Fehlt der „Dirigent“ (rechte Hirnhälfte?), mangelt es an konzeptflexiblem Denken oder gibt es aus Ihrer Sicht andere Gründe dafür?

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Carsten Pötter: Das von Ihnen bemühte Bild ist zwar plausibel, stellt aber kein interdisziplinäres Arbeiten dar. Das Orchestrieren beruht auf der Synchronisation seiner Mitglieder. Sie stimmen sich auf ein Thema ein und jeder kennt seinen Part in der Aufführung. In einem Orchester treffen in der Regel keine Egomanen aufeinander, sondern Menschen, die ein gemeinsames Anliegen verfolgen. Darüber hinaus ist das Musizieren keine kognitive, sondern eine emotionelle Leistung. Wenn das Anliegen authentisch ist, gelingt der Auftritt immer dann, wenn sich die Musiker einordnen und ihrem Herzen Ausdruck verleihen.

Völlig andere Bedingungen herrschen auf dem Feld der Wissenschaften. Die Probleme beginnen schon mit der Begrifflichkeit. Was gilt als Wissenschaft und wer legt dazu die Kriterien fest? Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das Interview über die Wissenschaftselite. Das, was sich im klassischen Wissenschaftsbereich schon als schwierig darstellt, wird im medizinischen Sektor nicht besser. Wer hier mitreden will, sollte evidenzbasiert arbeiten, das heißt, er muss seine Ansätze mit Studien untermauern, die seine Annahmen bestätigen. Das, was für den Katholiken der Katechismus ist, ist für den Schulmediziner die Studie und noch besser sind Metastudien. Das ist die Geschäftsgrundlage.

FRIEDA: Dennoch möchte ich das Bild des Orchesters noch einmal heranziehen, besonders den Satz aus Ihrer obigen Antwort: „Das Orchestrieren beruht auf der Synchronisation seiner Mitglieder. Sie stimmen sich auf ein Thema ein und jeder kennt seinen Part in der Aufführung.“ Synchronisation erscheint mir hierbei als Schlüsselbegriff verbunden mit dem Hinweis, sich gemeinsam auf ein Thema einzustellen. Steht das gemeinsame Thema (Anliegen) im Zentrum der Aufmerksamkeit, lässt sich also Synchronisation erreichen, denn alle Individuen des Orchesters profitieren ja von einem erfolgreichen Auftritt. Dass es in der Musikerszene keine Egomanen geben soll, sehe ich übrigens anders; allerdings ist bei einem Auftritt, der dem ganzen Orchester dient und an dem das Publikum auch Freude haben soll, die Synchronisation das Ziel aller, wenngleich die Individuen vielleicht außerhalb dieses Rahmens durchaus auch egomanische Aspekte ausleben. Worauf ich hinaus will: Ich glaube, es mangelt beim interdisziplinären Austausch bzw. der Bereitschaft dazu, nicht unbedingt daran, dass durchweg kein Interesse daran besteht, sondern daran, dass es vermutlich keinen gemeinsamen Fokus gibt und somit keine Synchronisation. Können Sie anhand eines Beispiels aus der Praxis darstellen, etwa anhand einer bestimmten Erkrankung, wie ein interdisziplinärer Therapieansatz Ihrer Ansicht nach im besten Fall aussehen und gelingen könnte?

Carsten Pötter: Der Fokus ist auch hier der springende Punkt. Vor einem interdisziplinären Ansatz müsste man sich also auf die Fragestellung einigen, was denn im Fokus der Therapie stehen soll. In der anerkannten Schulmedizin geht es nicht um den Betroffenen, sondern um seine Erkrankung. Therapiert wird nicht Simone Müller, sondern ihre Multiple Sklerose, die von Simone Müller losgelöst betrachtet wird. Eine Krankheit kann nach meinem Verständnis nur im Kontext der Geschichte des Menschen verstanden werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es keine MS per se gibt, sondern lediglich Menschen, deren Organismus ein Bild zum Ausdruck bringt, das als MS klassifiziert wird. Die Klassifikationen liefern im Medizinbetrieb die Ausgangsbasis, denn nur so können Krankheiten statistisch erfasst und standardisiert werden. Dieses Modell ist das Fundament, auf dessen Grundlage die pharmazeutische Industrie Substanzen entwickelt, die in der Lage sind oder sein sollen, spezifische Stoffwechselprozesse beeinflussen zu können, um erwünschte Effekte zu erzielen. Bei diesem Modell spielt die Genese eines Menschen so gut wie keine Rolle. Die Frage, was den Organismus veranlasst hat, ein solches Beschwerdebild auszudrücken, wird zu keiner Zeit gestellt. Sie begnügt sich bei der MS mit der Feststellung, dass die Myelinscheide durch autoaggressive Prozesse zerstört wird und identifiziert in diesen Zusammenhang molekulare Mechanismen. Sie fragt nie, warum der Organismus das tut. Und das ist nach meinem Verständnis die wichtigste Frage überhaupt. Was kommt zum Ausdruck?

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Ein interdisziplinärer Ansatz sollte nie gegen eine Krankheit gerichtet sein, sondern versuchen, den Weg nachzuzeichnen, an dessen Ende ein pathophysiologisches Bild zum Ausdruck kommt, das mit MS umschrieben wird. Solange nicht klar wird, was wirksam ist, macht die Bekämpfung des Ausdrucks keinen Sinn. Um das Bild mit dem Orchester nochmal aufzugreifen: Wenn ein Instrumentalist dissonante Töne verursacht, beispielsweise mit einem Piano, brächte es nichts, die Tasten zu entfernen, die dissonante Töne verursachen, sondern dass ganze Piano müsste ggf. neu gestimmt werden. Es geht also um die Ursachenkaskade.

Interdisziplinäres Arbeiten geht drei fundamentalen Fragen nach:

  1. Was ist das Phänomen (Krankheit, Störung) in sich selbst?
  2. Was kommt durch das Phänomen zum Ausdruck und welcher Eindruck steckt dahinter?
  3. Wer drückt sich über das Phänomen aus?

Wer erkennen will, was MS in sich selbst ist, muss sie zunächst einmal beschreiben. Ich habe es bereits erwähnt: Es ist ein selbstzerstörerischer Prozess des Zentralen Nervensystems. Um zu verstehen, was damit zum Ausdruck kommt, muss man die Funktion des ZNS im Allgemeinen und die Zerstörung der Myelinscheide im Besonderen in ein analoges Bild übertragen. Das ZNS ist für die Entwicklung eigener Ideen und Lebensimpulse zuständig, die dann über das Periphere Nervensystem (PNS) weitergeleitet werden. Wird der Mensch an der Entwicklung von eigenen Impulsen und Ideen gehindert, braucht dieser kein ZNS mehr und die Selbstzerstörung wird initialisiert. Solange es Menschen gibt, die glaubhaft vermitteln können, dass sie es besser wissen, was gut für einen anderen Menschen ist, ist das ZNS überflüssig. Eigene Impulse und Ideen sind gegenüber den Vorstellungen von anderen bedeutungslos und somit wertlos. Bleibt die Frage, wer über das Krankheitsbild zum Ausdruck kommt. Ist in der Biografie des Betroffenen kein Hinweis bezüglich Bevormundung zu erkennen, sollte ermittelt werden, für wen und wessen Geschichte er das stellvertretend tut.

Der bis hier skizzierte Weg stellt nur die Bestandsaufnahme dar und liefert noch keinen therapeutischen Ansatz. Da sich die isolierte Betrachtung auf den Befund der Zerstörung der Myelinscheide beschränkt, ohne das Motiv aufzudecken, bleibt in diesem System nichts anderes übrig als nach Substanzen zu suchen, die die Zerstörung verhindern. Selbst wenn das gelingt, ist nicht sichergestellt, dass sich die wirksame Geschichte auf einer anderen Ebene auszudrücken versucht. Ein interdisziplinärer Ansatz sollte daher das Ziel verfolgen, die wirksamen Speicherungen zu entdecken und sichtbar zu machen. Ob die Verfahren zielführend sind oder nicht, hängt davon ab, ob es gelingt, die Klärungsprozesse nicht über den Verstand, sondern über die Emotionalebene erlebbar abzubilden. Ich persönlich habe dazu Konzepte aus dem Bereich von Resonanzmitteln entwickelt, die einen solchen Prozess katalytisch unterstützen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Speicherungen nur durch Verwandlung unwirksam gemacht werden können, da es sich letzten Endes um einen energetischen Ausdruck handelt, der mit einem geschichtlichen Eindruck in Beziehung steht. Das, was war, kann nicht verändert werden, wohl aber seine gespeicherte Erinnerung. Energie kann auch nicht zerstört werden. Seine Form kann vom Ausdruck A in den Ausdruck B verwandelt werden. Das therapeutische Ziel ist erreicht, wenn der Ausdruck B nicht mehr weh tut, und der Betroffene keine MS mehr ausbilden muss.

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FRIEDA: Heißt das, dass man MS heilen kann?

Carsten Pötter: Ob man das kann, weiß ich nicht. Heilen kann sich der Betroffene nur selbst, denn alle Heilung ist nichts anderes als Selbstheilung. Dazu muss der Betroffene einen Erkenntnis- und Klärungsprozess gehen und aushalten wollen, auf dem er mit vielen unschönen Erinnerungen konfrontiert wird. Heilung ist ein anderes Wort für „vollständig werden“, d. h. die Dinge in sein eigenes Sein zurückzunehmen, die zu ihm gehören und andererseits die Dinge zurückzugeben, die anhaften. Das erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Die Frage ist doch, wann bin ich bereit, meine Lektion zu lernen? Wenn ich in diesem Leben nicht willens oder bereit bin, bekomme ich das gleiche Thema später nochmals präsentiert, bis ich es verstanden und geklärt habe.

FRIEDA: Ob in der Medizin oder in anderen Bereichen, etwa in der Ökologie, wird nach wie vor häufig symptom- statt ursachenbasiert zu therapieren versucht. Ein Beispiel: Wenn die Meere mit Plastik vermüllen, gibt es zwar vielleicht maximal strengere Umweltauflagen, doch die Ursache für die Vermüllung bleibt bestehen. Würde man Rahmenbedingungen schaffen, um die Vermüllung der Meere von vorneherein zu vermeiden, bliebe einem die oft kostspielige Symptombekämpfung erspart. Mangelt es auch hier an vernetztem Denken oder liegen die Gründe in diesem Fall woanders, beispielsweise im Unvermögen, heilsame Rahmenbedingungen zu schaffen?

Carsten Pötter: Ich glaube schon, dass den entscheidenden Akteuren klar ist, dass unser Wirtschaftssystem, so wie es konstruiert ist, diese Auswirkungen zwangsläufig nach sich zieht. An den Taten ist erkennbar, dass an Heilung kein Interesse besteht. Und diejenigen, die die Zusammenhänge erkennen und sogar benennen, werden nicht selten dem Vorwurf der Verschwörungstheorie ausgesetzt. Nur wenige Menschen halten die Konsequenzen aus. Viele reihen sich früher oder später wieder in die systemkonformen Modelle ein.

Freiheit ist vor allem Freiheit des Denkens. Dazu gehört das selbstständige Fragenstellen. Der wache Geist sollte sich fragen: Wem nützt es und wer hat ein Interesse an einer bestimmten Entwicklung und wer finanziert es? Das unterscheidet den domestizierten Primaten vom erwachsenen Menschen. Der wirklich Erwachsene stellt Fragen und der kritiklose Konsument nimmt alle Zumutungen fraglos hin. Ihn interessiert nur das Zertifikat auf der Verpackung:

Dieses Produkt ist frei von unliebsamen Wahrheiten.

Das System simuliert Sicherheit, die Sicherheit des Käfigs.

FRIEDA: Und, wie Bert Hellinger schon sagte, ist vielen Menschen der vertraute Käfig lieber als das unbekannte Glück (…). Was verstehen Sie eigentlich unter „analogem Denken“ und wie ist der Trend zur Digitalisierung (Fragmentierung) vor diesem Hintergrund zu sehen?

Carsten Pötter: Das analoge Denken ist eine Bezeichnung für das Denken oder Vorstellen in Bildern. Sie ist die Voraussetzung für das eigene Assoziationsvermögen. Die Analogie ist das gedankliche Werkzeug, in Entsprechungen zu denken und dann Bezüge herzustellen und abzuleiten. Es gibt dafür eine Prüfinstanz: Die Intuition. Diese Ebene bietet einen Zugang zu allgemeinen Wahrheiten. Wenn sich etwas gut anfühlt, ist es in der Regel wahr und richtig. Fühlt es sich hingegen schlecht an, ist es in der Regel gelogen und falsch. Es überrascht daher kaum, dass im Zuge des sogenannten Postfaktischen das Gefühl im Fadenkreuz der Mächtigen und ihrer Repräsentanten steht. Der aufgeklärte Zweibeiner möge sich nicht von seinem Gefühl leiten lassen, sondern sich an die Fakten halten. Da der Mensch in der Regel nicht in der Lage ist, Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, bleibt nur die Intuition als Instanz. Wenn er diese Ebene aufgibt, hat er keinen inneren Kompass mehr, der ihm die Richtung aufzeigen kann.

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Die Macht in der digitalen Welt liegt in der Kontrolle der Bilder durch Entfernen der eigenen und dem Implementieren von fremden zu bestimmten Zwecken. Das digitale Kunstwesen ist hedonistisch ausgerichtet und systemkompatibel, denn es unterwirft sich freiwillig und bereitwillig dem jeweiligen Administrator, ohne zu murren oder lästige Fragen zu stellen. Der Homo facebook erscheint bereits am Horizont und soll den Homo sapiens verdrängen. Ob diese Rechnung aufgehen wird, liegt an den bewussten, analogen Wesen.

FRIEDA: Wie schon in einigen anderen Beiträgen auf FRIEDA-online „angestupst“, etwa in „Die Parkinson‘sche Erkrankung“ und „Souveränität: Von Karpfen und Delfinen“ scheint es für einen Paradigmenwechsel des Bewusstseins, und somit auch für ein kohärentes Weltbild, wichtig zu sein, eine Emergenz zu erreichen. In seinem Buch „Die erwachende Erde“ schreibt der Physiker und Psychologe Peter Russell: „Erst wenn die Energie auf eine bestimmte Weise organisiert ist, können die Eigenschaften von Materie emergieren und sich manifestieren; erst wenn viele Einheiten von Materie auf eine bestimmte Weise kollektiv organisiert sind, kann Leben emergieren und sich manifestieren; und erst wenn viele lebende Zellen auf bestimmte Weise kollektiv organisiert sind, emergiert und manifestiert sich Bewusstsein“.

In der von Ihnen und Jörg Helge Drews gegründeten Akademie für Bewusstseinsmedizin beschäftigen Sie sich auch mit systemischen Aufstellungen, eine Methode, mittels derer sich beispielsweise gewisse Muster in Familiensystemen sichtbar machen und lösen lassen. Diese Methode zeigt, dass sehr viele Konflikte unbewusste Ursachen haben und oft über Generationen hinweg wiederkehren, bis sie über die Bewusstwerdung sozusagen aufgelöst werden können. Unterdrückte Emotionen spielen dabei auch eine entscheidende Rolle. Auch die Lügen der Ahnen lösen sich „im System“ nicht in Wohlgefallen auf. So können abgetriebene Kinder ebenso wie „Kuckuckskinder“ über Generationen hinweg buchstäblich Schatten auf das System werfen. Die Heilung von Körper, Geist und Seele braucht somit mehr als Pillen oder Globuli. Wie sähe Ihrer Meinung nach das ideale Behandlungskonzept mit Blick auf interdisziplinären Austausch statt?

Carsten Pötter: Lassen Sie mich zunächst etwas zu Peter Russell sagen. Nach meinen Wahrnehmungen manifestiert sich kein Bewusstsein, wenn sich lebende Zellen auf bestimmte Weise kollektiv organisieren. Das Bewusstsein ist die Triebkraft des Manifestationsprozesses.

Der Gedankengang erinnert an die Ausführungen von Colin McGinn, der in seinem Buch Wie kommt der Geist in die Materie konstatierte, dass Bewusstsein auf irgendeine Weise mit dem Gehirn gekoppelt sein müsse. Er musste aber einräumen, dass er kein Konzept für das Bewusstsein habe, geschweige denn, wie das Gehirn als materielle Manifestation mit dem immateriellen Bewusstsein in Verbindung stehen könne.

Es ist Aufgabe des bewussten Menschen, die Emergenz, also das Auftauchen der Zeichen, wahrzunehmen und seine Schlussfolgerungen zu ziehen. Bewusstsein entsteht nicht; Bewusstsein ist. Es liegt an jedem selbst, Bewusstsein als energetische Quelle des ALLEINENSEINS zu begreifen. Aus dieser Quelle stammt alles und alles Werdende steuert dorthin zurück, beladen mit Erfahrungen aus der polaren Welt. Darum geht es letztlich. Jeder Mensch ist angetreten, um nach Hause zurückzukehren. Und jeder hat seinen spezifischen Auftrag, der durch die individuelle Seelenfrequenz codiert ist. Diese Frequenz zu dekodieren und den freigelegten Inhalt zum Ausdruck zu bringen, ist der Plan, der erkannt werden will.

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Ein systemisches Behandlungskonzept sollte den Anspruch haben, den im Menschen angelegten Plan offenzulegen und diesen anhand der inneren Widersprüche deutlich zu machen. Wenn es nichts ohne Grund gibt, geht es darum, eben diesen zu finden. Dazu müssen die richtigen Fragen gestellt werden: Was passiert und warum passiert es? Dabei spielt die systemische Arbeit eine wichtige Rolle, wenn am Ende nicht nur die Fragen beantwortet werden, sondern darüber hinaus eine Regel zum Handeln steht. Denn nur zu wissen, was und warum etwas geschieht, ohne eine Idee davon zu haben, was mit dieser Erkenntnis zu tun ist, führt nicht zum Ziel.

Idealerweise verläuft dieser Prozess in vier Phasen. In der Phase 1 geht es um das Erkennen, warum etwas da ist und was es bedeutet. In der Phase 2 sollten die erkannten Verschränkungen, Verklebungen und Abhängigkeiten geklärt werden und zwar auf allen Ebenen, durch alle Zeiten und durch alle Dimensionen. Läuft die Klärungsphase nicht vollständig, entwickelt sich aus dem unerkannten Keim das Bekannte wieder zurück. In der Phase 3 geht es darum, den geklärten Raum mit dem eigenen Sein zu füllen. Entscheidend dabei ist, dass das niemand für uns leisten kann. Erfüllung ist stets Selbsterfüllung. Unsere Eltern oder unsere Partner können das nicht, da sie in der Regel auch mangelbehaftet sind. Unterbleibt die Selbsterfüllung des gereinigten Raumes, füllt sich dieser in kurzer Zeit mit genau jenem Inhalt wieder an, der mit Mühe entfernt worden ist. In der letzten Phase müssen die energetischen Verbindungen gelöst werden. In der Versöhnungsphase zeigt sich, wie wirksam die Phasen 1-3 vollzogen worden sind. Diese Bewusstseinsarbeit sollte insbesondere von Resonanzmitteln in Kombination mit passgenauen Ritualen unterstützt werden, die nichts aufzwingen, sondern wie energetische Schlüssel funktionieren und den Zugang zu den entsprechenden Speicherungen freilegen. Solche Prozesse verlangen von den Therapeuten einiges ab, da sie nicht eingreifen sollen, sondern nur anwesend und nicht wehtun sollen. Das halten nur diejenigen aus, die diesen Prozess selbst schon durchlebt haben.

FRIEDA: Derzeit wird viel über einen gesamtgesellschaftlichen Wandel gesprochen. Es ist sogar vom nahenden so genannten „Goldenen Zeitalter“ die Rede. Auf der anderen Seite zerfetzen Menschen sich im Vorwurf und es scheint vielen schwer zu fallen, einen Konsens zu bilden. Die Politik, irgendwelche „Eliten“ werden für die Gesamtsituation verantwortlich gemacht, doch die Bereitschaft, sich konkret für neue Modelle und Strukturen zu engagieren, scheint vergleichsweise gering zu sein. Nehmen Sie das auch so wahr und wenn ja, worauf führen Sie das zurück?

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Carsten Pötter: Das hat mit dem fehlenden Bewusstsein und der fehlenden Verantwortlichkeit zu tun. Etwas zu wissen, ist etwas anderes als es zu tun. Verantwortung heißt, zu den Antworten zu stehen, die auf die eigenen Fragen gefunden werden und dann die Konsequenzen auszuhalten. Das Goldene Zeitalter ist das Zeitalter des Bewusstseins. Diejenigen, die in dieses Zeitalter eintreten werden, wissen, dass sie Teil des göttlichen Bewusstseins hier auf Erden sind und ihr eigenes Tun und Lassen vollverantwortlich zu vertreten haben. Hier gilt es, die sogenannte Terra incognita, (Unbekanntes Land) zu erkunden und zu kultivieren. Dort gibt es keine Schuld, kein Gut und Böse, keine Opfer und Täter, sondern nur noch Schöpfer, eingebunden in das unmittelbare Erleben von Ursache und Wirkung.

FRIEDA: Peter Russel schreibt ferner: „Die westliche Naturwissenschaft tut sich mit dem Begriff „emergierende Seinsordnungen“ mitunter schwer. Das liegt daran, dass eine ihrer Hauptmethoden zur Erfassung der Welt darin besteht, Phänomene und Prozesse in kleinere Einheiten aufzugliedern. Obwohl wertvoll auf manchen Gebieten (wie der physikalischen Chemie, der Technik und der Computer-Programmierung), hat diese so genannte reduktionistische Methode den Nachteil, dass entstehende neue Eigenschaften des Gesamtsystems nicht erfasst bzw. nicht behandelt werden.“ Und weiter: „Das Wort Bewusstsein wird auch benutzt zur Bezeichnung des Quantums für Aufmerksamkeit, die wir einem Erlebnis oder einem Vorgang zollen.“ Worauf ich mit diesen Zitaten hinaus will: Wenn ich die Medienbotschaften betrachte, inzwischen gerade auch die der so genannten alternativen Medien, so liegt der Fokus meistens auf Informationen, die die Sensationslust des Stammhirns triggern. Man sah das beispielsweise in letzter Zeit an der Berichterstattung über den G20-Gipfel und die Ereignisse in Hamburg. Auf der einen Seite stand die Berichterstattung des Mainstreams, auf der anderen die der alternativen Medien, die selbstredend von einer inszenierten Aktion mit gekauften Protagonisten ausgingen. Da fragte ich mich: Was bringt es überhaupt noch, seine Aufmerksamkeit auf solche äußeren Geschehnisse zu lenken und spielt es überhaupt noch eine Rolle, ob diese Ereignisse gelenkt waren oder nicht? Mit anderen Worten: Wäre es gerade in Zeiten wie diesen nicht effektiver, seine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was neue Visionen und konstruktivere Lösungen bietet statt auf das, was irgendwelche Strippenzieher inszenieren, um das Volk zu spalten und in wenig zielführende Diskussionen zu verstricken?

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Carsten Pötter: Die reduktionistische Methodik kann den Wesenskern nicht erfassen, weil durch die Analyse die Konfiguration zerstört wird. Wenn Sie einen Menschen in seine Bestandteile zerlegen, wissen Sie zwar, dass er aus x% Wasser, Kohlenstoff und Stickstoff, nebst Kleinteilen besteht, aber mit dieser Information können Sie nichts anfangen. Das ist der empirischen Methodik geschuldet, sich Wissen anzueignen und damit die Welt zu verstehen. In der Philosophie gibt es zwei grundsätzliche Vorgehensweisen: Die induktive und die deduktive. Mittels induktiver Methodik wird die Welt aufsteigend erfasst. Sie wird im Kleinen verstanden und dieses Wissen, genau genommen die erfahrenen Gesetzmäßigkeiten, werden auf das Große übertragen. Am Ende steht die induktive Definition, der allgemeine Satz. Im Unterschied dazu wird die Welt durch die deduktive Methodik absteigend erfasst. Sie wird im Allgemeinen verstanden und die gefundenen Gesetzmäßigkeiten auf das Einzelne heruntergebrochen. Ihr Ausgangspunkt ist die Regel, das Gesetz, die Definition. Am Ende steht die Bestätigung des Gesetzhaften am Einzelnen.

Wenn das Gesetz lautet, dass die Welt eine große Maschine ist und Sie dem zustimmen, stimmen Sie auch allen Ableitungen zu. Wenn Sie weiterhin glauben, dass Sie als Mensch nichts ausrichten können, bleiben Sie für Ablenkungen im Außen empfänglich und richten Ihre Aufmerksamkeit auf das, was Ihnen vorgesetzt wird. Die Frage ist, wer lenkt auf welche Art und Weise Aufmerksamkeit und was triggert mich dabei?

Grundsätzlich reagiert der Mensch nur auf das, was er bereits kennt, in ihm also bereits als Erinnerung abgelegt ist. Es ist daher unsinnig zu unterstellen, dass Menschen auf fremde Dinge oder Menschen gar feindselig reagieren. Einer Reaktion geht immer eine Aktion voraus. Der Mensch der Postmoderne ist zwar formal aufgeklärt und auch mit Wissen ausgestattet; dennoch nutzen nur wenige Menschen diese Werkzeuglichkeit auch entsprechend, weil sie nicht frei darüber verfügen. Wer in der Lage ist, Angst zu erzeugen, kontrolliert das Stammhirn der Menschen, da hier die Überlebensinstinkte hinterlegt sind. Diese Menschen sind für Sicherheitskonzepte empfänglich. Was allerdings nur wenigen Menschen klar wird, ist, dass das Sicherheitskonzept von denen angeboten wird, die die Angst erzeugen. Dann ist kein Platz für neue Visionen und konstruktive Lösungen.

FRIEDA: Was ist also zu tun?

Carsten Pötter: Es hilft zunächst der Frage nachzugehen, wer den Wurm auslegt, der als Köder fungiert, um damit den Strippenzieher zu identifizieren. Dann sollten sich die richtigen Menschen synchronisieren und voranschreiten. Wer vernetzt denken kann, lässt sich von Inszenierungen nicht mehr beeindrucken. Der Mensch ist gut beraten, seine Mangelthemen zu klären, denn nur dann wird er frei von Zumutungen und Erpressungsversuchen. Das erfordert allerdings Mut und Ausdauervermögen.

FRIEDA: Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

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