„Turne bis zur Urne“

Im Gespräch mit "Oma Frieda"

(c) Jutta Lindner alias „Oma Frieda“

„Turne bis zur Urne“ – Das ist das Motto von Jutta Lindner alias Oma Frieda. Die unendlichen Welten des virtuellen Universums führten uns zueinander – und letztendlich zu einem Interview mit der saarländischen Kabarettistin. Jutta Lindner war zwanzig Jahre als Krankenschwester tätig. Schon während ihres Berufes entdeckte sie die Leidenschaft für Comedy. Ende der 1980er Jahre ging es dann richtig los: Auftritte in verschiedenen Amateurgruppen sorgten für erste Bühnenerfahrungen.

Beruf und Hobby verschmolzen über die Jahre immer mehr zur Berufung, bis die 1968 in Neukirchen an der Saar Geborene ihren Job in der Klinik an den Nagel hängte und seit 2009 als Künstlerin quer durch Deutschland tourt. Jutta Lindner baute 1988 die Comedygruppe „Die Orwesse“ (dt. Essensreste) auf, die allerdings lediglich ein Jahr bestand, und gründete 1994 die „Laufmasche“, eine Frauenkabarettgruppe, bei der sie bis 2006 selbst aktiv mitspielte. Während all der Zeit schrieb sie eigene Sketche und Texte. Nachdem die Wechselfälle des Lebens die „Mädels“ in verschiedene Himmelsrichtungen verstreuten, spezialisierte Jutta Lindner sich auf ein Soloprogramm.

Als „Nachtschwester Lackmeier“ wurde sie für unterschiedlichste Veranstaltungen gebucht, darunter Pflegekongresse und Gesundheitsmessen. Mit der Zeit kristallisierte sich eine neue Figur heraus: „Oma Frieda“. Die agile Seniorin ist inzwischen mit fünf abendfüllenden Programmen unterwegs und ermutigt Menschen auf humorvolle Weise dazu, sich nicht von Anti-Aging und Schönheitswahn verrückt machen zu lassen.

FRIEDA im Gespräch mit Jutta Lindner

FRIEDA: Als Krankenschwester waren Sie überwiegend in der urologischen Abteilung einer Klinik tätig. Wurde Ihnen die Lust am Kabarett schon in die Wiege gelegt oder war es später der Krankenschwesterberuf, der ihre humorvolle Seite zutage förderte?

Jutta Lindner: Der Spaß an Schauspiel und Kabarett / Comedy besteht schon seit meiner Jugend. Es gab dann mehrere Projekte und Programme, erst im Ensemble und später solo – inhaltlich querbeet zu allen erdenklichen Themen des Lebens. Die Idee speziell zu der „Nachtschwester Lackmeier“ entstand im Klinikalltag, in dem oft komische, kuriose und auch kritikwürdige Situationen vorkommen. Da kommentierte ich öfter mal „Was hier abgeht, ist kabarettreif“. Und irgendwann fiel der Groschen: Genau, warum nicht mal ein Programm zum Thema Krankenhaus machen?!

Bsp. Patienten: 2-Bett-Zimmer, der eine Schweißfüße, der andere frische Knoblauchzehen gegessen… die „Geruchskulisse“ kann man sich vorstellen!!! Allerdings beschwerte sich der Herr mit den Schweißfüßen bitterlich über des anderen Knoblauch… und umgekehrt…

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FRIEDA: Als Nachtschwester Lackmeier tourten Sie ab 2007. Die Figur „Oma Frieda“ entstand parallel ab 2008. Wie kam es dazu?

Jutta Lindner: Die „Nachtschwester“ erzählt in ihrem Programm auch von „ihrer taffen Oma Frieda“ und gibt einige Kommentare von ihr zum Besten, z.B. „Eine Frau fängt an zu leben, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Mann auf dem Friedhof“.

Eines Tages, Anfang 2008, kam eine Anfrage eines Bankverbundes im Westerwald, dass dieser einen Neujahrsempfang inkl. Fortbildungsnachmittag für Mitarbeiter zum Thema „Senioren als Bankkunden“ veranstalte (evtl. Probleme der Senioren mit Geldautomaten, mit der Kommunikation wg. Schwerhörigkeit, mit Fortbewegung mittels Rollator / Rollstuhl durch evtl. zu enge Räume, Drehtüren, Stufen…) und noch einen humoresken Programmpunkt suche.

Bei der Internet-Recherche war man auf mich gestoßen, weil im „Nachtschwester“-Programmtext auch „die taffe Oma Frieda“ vorkam. Also wollte man – passend zum Thema – die Figur „Oma Frieda“ engagieren. Nun gab es die Bühnenfigur als solche ja gar nicht… aber ich wollte mir das lukrative Angebot nicht entgehen lassen und schuf recht spontan die „Oma Frieda“ mit Perücke und senioren-liker Kleidung. Einige Sprüche der „Nachtschwester“ konnte ich in diese Rolle übernehmen, dazu kamen noch einige neue Ideen… So kam das gewünschte 20-Minuten-Programm zusammen und wurde positiv angenommen, auch bei späteren Auftritten (Kleinkunstabend, Geburtstagsfeier u.a.).

Daraus erwuchs zunächst eine 45-min.-Version, die ich in ein abendfüllendes Mischprogramm namens „Nachtschwester Lackmeier trifft Oma Frieda“ verpackte: 1. Hälfte Nachtschwester – Pause – 2. Hälfte Oma. Schließlich kam die „Oma“ auf 90 min, also als Komplettprogramm.

FRIEDA: Was war dann Ihre Motivation, die Rolle der Oma Frieda auszubauen?

Jutta Lindner: Diese „Oma“ hatte der „Nachtschwester“ irgendwann den Rang abgelaufen, da sie noch öfter gebucht wurde und noch eher das breite Publikum erreicht, quer durch alle Bildungsschichten und Altersgruppen, auch in Anbetracht der Tatsache, dass hierzulande die Senioren immer zahlreicher werden und es auch immer mehr Seniorenbeauftragte, Seniorenbüros, Senioreninitiativen und somit auch Veranstaltungen für diese Zielgruppe gibt, wo „Oma Frieda“ hervorragend reinpasst.

Die „Message“ der Oma Frieda, zusammengefasst in den Spruch bzw. Titel des ersten Programms „Turne bis zur Urne“, ist die, dass man auch im höheren Alter noch körperlich fit und auch geistig rege, quasi am Puls der Zeit, sein kann/sollte, z.B. offen für moderne Technik, interessiert am Zeitgeschehen, bereit für neue Aufgaben und Interessen – kurz, dass man nicht dem alten „Schaukelstuhl-Rollator-Rheumadecken“-Image verfällt (verfallen muss), sondern immer noch fit und taff sein kann.

FRIEDA: Pflegeeinrichtungen für Senioren wuchern ja seit Jahren beinahe wie Knöterich, eine Branche also, die angesichts der rasanten Zunahme an demenziellen Erkrankungen weiterhin boomen dürfte. Kann man als Kabarettistin demente, meist durch Medikamente sedierte alte Menschen denn überhaupt noch zum Lachen bringen?

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Jutta Lindner: Auftritte in Pflegeeinrichtungen sind in der Tat anders als sonstige. Wenn das Publikum ausschließlich aus hochbetagten, teilweise und in gewissem Maße von Demenz o.a. geriatrischen Krankheitsbildern betroffenen Bewohnern besteht, ist es vergleichsweise schwierig, Lacher und Feedbacks zu erzielen. Es ist die Frage, wie viel noch bei den Leuten „ankommt“. Ob und inwieweit die Menschen sediert sind oder aufgrund ihres Zustandes so introvertiert sind, entzieht sich meiner Kenntnis, wobei ich bei solchen Gelegenheiten schon ein „vereinfachtes, seniorenfreundliches“ verkürztes Programm anbiete, mit „schnellen“ Pointen, inhaltlich auf Themen von „anno dazumal“ bezogen (Erinnerungseffekte!) und auch mit altbekannten (Volks-)Liedern zum Mitsingen…

Und es gibt auch immer wieder Bewohner, die „voll dabei“ sind, schmunzeln und lachen. Gerne erinnere ich mich an eine 103-Jährige, die anschließend meinte: „Ich war heute so schlecht drauf, aber bei Ihnen konnte ich herzlich lachen, jetzt geht’s mir wieder besser!“

Es ist jedoch schon günstiger, sprich „stimmungs-hebender“, wenn sich auch jüngere Gäste in Form von Angehörigen, Mitarbeitern usw. dazugesellen. Oder wenn ich ausschließlich für Seniorenheim-Mitarbeiter (Betriebsfeste) spiele, was auch häufig geschieht.

Generell wird „Oma Frieda“ aber nicht bloß für die „Seniorennische“, sondern für alle Gelegenheiten, sowohl für öffentliche Vorstellungen als auch für geschlossene Gesellschaften, gebucht, vom Kaninchenzucht-, Sport-, Wander- und sonstigen Verein über den runden Geburtstag und die Silber- oder Goldene Hochzeit bis zum Firmen-Weihnachtsfest. Die Themen sind so breit gefächert, vom Älterwerden, Altsein, von Sitten und Gebräuchen früher und heute, Schönheits- und Jugendwahn über kuriose Mitmenschen aus Verwandt- und Bekanntschaft bis zu aktuellen Themen aus Politik und Promiwelt, Fußball und und und… so dass quasi für jeden was dabei ist. Themen-Schwerpunkte nach Wunsch des jeweiligen Gastgebers flexibel gestaltbar.

Zum Thema „Senioren und Medikamente“ sei noch gesagt, dass nicht wenige Senioren (aus freier Entscheidung) sehr medikamentenaffin sind. Um es so zu umschreiben: sich von Verheißungen der Pharmaindustrie verlocken lassen. Dazu gibt „Oma Frieda“ einen Kommentar zum Besten, dass ihre Cousine Gertrud schon Zeit ihres Lebens für alle Zipperlein sofort Tabletten schluckt, jetzt im Alter aufgrund mehr Zipperlein auch umso mehr Tabletten, ihr Medikamentenschrank inzwischen begehbar ist… und wenn sie mal stirbt, hat die Pharmaindustrie ihre eigene Wirtschaftskrise… und Gertrud kann nicht normal beerdigt werden, sondern braucht ‘ne Sonderentsorgung à la Atommüll.

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FRIEDA: Der von mir sehr geschätzte Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther sagt ja, und zwar gilt das für junge und ältere Menschen gleichermaßen, dass das, was mit Freude und Begeisterung getan oder gelernt wird, das Gehirn auch günstig beeinflusst. Sehr anschaulich wird das in dem Dokumentarfilm „Young @ Heart„, bei dem ein Filmteam einen Seniorenchor bei den Proben und auf seiner Tournee begleitet, was beweist, dass selbst sehr alte und schon körperlich sehr beeinträchtigte Menschen noch zu enormen Leistungen fähig sind, wenn man sie ermutigt, an sie glaubt und ihnen mit Freude etwas Neues beibringt. (Nebenbei bemerkt: Ich liebe diesen Film!) Prof. Hüther gehört dank seiner zahlreichen Vorträge und Publikationen wohl zu einem der bekanntesten Hirnforscher. Ist Ihnen durch Ihre Auftritte, bei denen das Publikum ja insgesamt schon eher mindestens 50plus sein dürfte, bekannt, ob man sich auch mit solchen Themen beschäftigt?

Jutta Lindner: Wie gesagt, mein Publikum ist altersmäßig bunt gemischt, speziell bei Feiern jeglicher Art. Im „freien Verkauf“ allerdings stimmt es, dass das Publikum eher 50plus ist, was aber generell mit Interesse an solchen Veranstaltungen zusammenhängt, da Kabarett eher reifere als junge Menschen anspricht.

Zu Ihrer Frage: Meine (älteren) Zuschauer/innen beschäftigen sich durchaus mit dem Thema „Jung und fit bleiben“, oder so gesagt, sie leben die Thematik aus, indem sie zu meinen Vorstellungen kommen und sich darauf einlassen und sich amüsieren.

Nochmals zu Seniorenheimen: Mein Eindruck ist, dass einiges getan wird, um die Senioren zu beschäftigen und zu inspirieren. Es gibt spezielle Mitarbeiter wie Ergotherapeuten, Präsenzkräfte, die Aktionen wie Basteln, Singen, Gymnastik uvm. anbieten, um die Menschen so weit wie möglich noch aktiv zu halten.

Sicher gibt es auch die Problematik, dass demenziell erkrankte Menschen, die aggressiv sind und oder weglaufen, sediert werden (müssen). Man mag über Sinn und Ausmaß streiten, jedoch gibt es gerade für Pfleger/innen das Problem des Personalmangels. Sicher würde man mit einem unruhigen Senior lieber beruhigend reden, doch was macht man, wenn man z.B. nur zu zweit oder zu dritt im Dienst und nachts allein (!) mit Dutzenden Betreuungsbedürftigen ist, die alle mehr oder minder Hilfe brauchen??? Wenn man als Pflegekraft „überall gleichzeitig“ sein muss… und wenn trotzdem was passiert, ist das schlecht für den Patienten / Bewohner UND für die Pflegekraft, die sich dann vielleicht noch verantworten muss, „nicht genug aufgepasst zu haben“. Dieses Problem kenne ich auch persönlich aus dem Krankenhaus. Es ist unter diesen Umständen leider ein notwendiges Übel, im Falle eines Falles zu Sedativa zu greifen…

FRIEDA: Haben Sie schon mal bereut, dass Sie Ihren Krankenschwesterberuf aufgaben und heute ausschließlich als Kabarettistin unterwegs sind?

Jutta Lindner: Nein, bereut habe ich diesen Schritt noch nicht! In den bisherigen acht Jahren war und bin ich stets gut im Geschäft, habe keine finanziellen Nöte und auch in den allermeisten Fällen (von einigen weniger erfreulichen Beispielen mal abgesehen) gute Auftritte, nette Veranstalter, lachfreudiges Publikum. Ich habe Abwechslung, komme viel herum…

Wenn ich – als Solistin! – etwas ein wenig vermisse, sind es die Teamarbeit und Gemeinschaft mit Kollegen. Zum Glück hatte ich damals viele nette Kollegen und ein gutes Betriebsklima. Mit dem einen Kollegenteam gibt es immer noch regelmäßige Treffen, bei denen nette Erinnerungen hochkommen.

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Aber den Berufsalltag als solchen vermisse ich nicht! Zumal ich in den 20 Jahren eine stetige Abwärtsentwicklung mitbekam: Personalabbau bei steigender Pflegebedürftigkeit der Patienten (Stichwort: immer älter werden, geriatrische Erkrankungen), ergo Stress, Sonderschichten, Überstunden…was mit dem eigenen steigenden Alter immer schwerer zu bewältigen ist und umso mehr Aussteiger mit sich bringt.

Hier kann ich mich nur dem viel propagierten Thema anschließen: Der Beruf muss attraktiver gemacht werden mit besserer Pesonalbesetzung und auch Bezahlung! Und wenn möglich auch flexibleren Arbeitszeitmodellen / Wunschdiensten hinsichtlich persönlicher Belange wie Familie, Alter, Neigungen (jemand macht vielleicht lieber Nachtdienste, andere wollen nur tagsüber arbeiten, der eine lieber am Wochenende, der andere weniger…).

FRIEDA: Ist Oma Frieda aktuell mit ihrem Programm unterwegs oder macht sie eine kreative Winterpause?

Jutta Lindner: Oma Frieda spielt ganzjährig, hat gerade im Winter Hoch-Zeit, z.B. Weihnachtsfeiern, Neujahrsempfänge. Man kann sich auf meiner Homepage über alle Termine informieren: (Button „Termine“) www.oma-frieda.com, dann auf dem mittigen Feld herunterscrollen. Dort findet man (neben vergangenen) aktuelle und künftige Termine, auch als Inspiration, wenn ich in der Nähe bin, mich als „Anschlusstermin“ oder überhaupt einmal zu buchen. Jene deutschlandweiten Auftritte, bzw. auch welche im benachbarten Ausland, wo deutschsprachiges Publikum vorhanden ist, will ich auch in Zukunft so praktizieren!

FRIEDA: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Jutta Lindner: Bitte gern! Ihnen ebenso!

Titelbild: (c) „Oma Frieda“

Ggf. zum Weiterlesen ein Artikel aus 2014, den ich seinerzeit für die raum&zeit geschrieben habe:

Immer wenn man ihnen Pillen gab…sowie als pdf hier: https://www.raum-und-zeit.com/cms/upload/Newsletter/newsletter_188.pdf

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Danke.

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