Trauma überwinden

Damit der Himmel blauer wird...

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Normalerweise gibt es vor jedem Interview, das FRIEDA bisher veröffentlichte, eine redaktionelle Einleitung, die mal kürzer, mal länger ist. In diesem Fall ist sie sehr kurz. Warum? Der weitgehende Verzicht auf eine Einleitung hat bei diesem Thema etwas mit der Auswahl der Interviewpartnerin zu tun. Dami Charf ist Psychotherapeutin (HP) und Lehrende, die – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen aus diesen Berufsgruppen – sehr Persönliches öffentlich macht. Und dass sie genau das tut, macht sie keineswegs weniger professionell als andere. Dami Charf hat sich intensiv mit dem Thema Trauma beschäftigt, weil sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Seele in Scherben liegt. Darum soll sie – ohne lange Vorrede – gleich selbst zu Wort kommen.

FRIEDA im Gespräch mit Dami Charf

FRIEDA: Mit einem Videoclip und auch mit Text schildern Sie auf Ihrer Website Ihren persönlichen Weg. Dass Sie als Kind einer deutschen Mutter und eines marokkanischen Vaters in den 1960er Jahren geboren wurden, hätte Ihnen, wie Sie erläutern, den Start ins Leben nicht gerade vereinfacht, zumal Ihre Mutter charakterlich instabil und Ihr Vater gewalttätig gewesen sei. Die Kehrwende kam bei Ihnen nach dem ersten Selbsterfahrungskurs, ein erster Schritt zu neuen Horizonten jenseits des erlebten kindlichen Dramas. Heute begleiten Sie Menschen psychotherapeutisch, wobei Sie sich auf die Therapie von Patienten mit traumatischen Erfahrungen spezialisiert haben: Schock- und Entwicklungstrauma sowie Möglichkeiten der Selbstregulation sind dabei Ihre zentralen Themen. Was ist überhaupt ein Trauma?

(c) Dami Charf

Dami Charf: Ein traumatisches Ereignis wird klassischerweise als ein überwältigendes und meist auch lebensgefährliches Ereignis bezeichnet, das für die Person nicht zu bewältigen ist und für die sie keine sogenannten Coping-Mechanismen hat, also keinerlei Mechanismen oder Verhaltensweisen, wie sie die Situation auf irgendeine Weise managen oder eben bewältigen kann. Das ist die klassische Definition für Schock-Trauma, obwohl es sicherlich noch unterschiedliche andere gibt. Das heißt, es geht um ein einzelnes oder singuläres Ereignis im Leben einer Person.

Wenn wir im gesellschaftlichen Zusammenhang über Trauma sprechen, sind damit meistens Schock-Traumata gemeint. Auch dann werden fast immer nur große lebensbedrohliche Ereignisse darunter verstanden, wie Krieg, Katastrophen, Vergewaltigungen und auch das ist leider falsch. Ich bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass auch Schock-Traumata Bestandteil des menschlichen Lebens sind. Wir werden operiert, was traumatisch sein kann. Ich spreche hier bewusst von kann und nicht muss. Es gibt aber auch die Möglichkeit, nach einem Unfall, nach einem Sturz, nach einem Verlassenwerden durchaus Symptome zu entwickeln, die einem Trauma zuzuordnen sind.

Das viel größere Thema, weil es eben ein eher „unten liegendes“ Thema ist, ist das Entwicklungs-Trauma. Dazu gehören beispielsweise auch Bindungsverletzungen. Gemeint sind damit eher Ereignisse, die sich nicht in Einzelereignisse aufteilen lassen, sondern man kann sich das so vorstellen, dass eine lange andauernde Periode von überhöhtem Stress zu solch einem Entwicklungs-Trauma führen kann. Das hat Auswirkungen auf die Person, besonders, wenn sie sehr jung ist. Dazu kann auch gehören, wenn man viel alleine gelassen wurde als Kind oder alleine im Krankenhaus war als Baby, lauter Faktoren also, die unser erwachsenes Gehirn nicht unbedingt als bedrohlich oder sehr stressig einordnet. Für das Gehirn eines Babys oder Kindes ist es das aber.

FRIEDA: Betrifft ein Trauma nur die Seele oder auch den Körper?

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Dami Charf: Da wir Körper sind, können wir das eigentlich überhaupt nicht trennen. Wir haben ja diese Dualität eingeführt, Verstand und Geist oder Seele und Körper, aber letztendlich müssen wir alle zugeben, dass dann, wenn unser Körper nicht mehr ist, wir auf jeden Fall tot sind, was auch immer wir über die Seele oder ein Leben nach dem Tod denken. Aber für diese irdische Existenz sind wir dann einfach tot, weil es den lebendigen Körper nicht mehr gibt.

Der andere Punkt ist, dass wir über den Körper leben. Wir drücken über ihn Freude und Trauer aus, man sieht an unserer Haltung schon von weitem, wie es uns geht. Das heißt, der Körper ist ein Ausdruck dessen, was ich bin. Wenn wir Menschen ansehen, können wir ihnen zwar nicht in die Seele gucken, aber wir können ihre verkörperte Seele sehen und ein Stück weit von ihrem Charakter, von ihrer Art, am Körper wahrnehmen. Das heißt, traumatische Ereignisse betreffen uns immer auch körperlich, denn der Körper speichert eben auch die Ereignisse.

Zu unserem Körper gehört ja auch unser Gehirn und das ist dreiteilig; zumindest kann man das so grob einteilen. Und der älteste Gehirnbereich ist das Stammhirn, auch als Reptiliengehirn bekannt. Der etwas jüngere Gehirnteil, und da reden wir nun von etwa 200 statt 500 Millionen Jahren, ist das limbische System, der neuere Teil ist der Neo Cortex mit etwa 100.000 Jahren. Das Stammhirn hat die Aufgabe, uns zu schützen. Es ist für unser Überleben zuständig, das limbische System für die Emotionen in unserem Leben. Traumatische Ereignisse werden im Stammhirn gespeichert und deswegen sind sie über Sprache überhaupt nicht erreichbar. Traumatische Ereignisse, vor allem, wenn sie geschehen, wenn wir noch sehr jung sind, beeinflussen natürlich auch die Gehirnentwicklung und vor allem das Gedächtnis, was dann nicht mehr so gut funktioniert.

FRIEDA: Wie gehen Sie therapeutisch vor? Unterscheiden Sie bei der Herangehensweise auch zwischen Schock- und Entwicklungstrauma und wenn ja, inwiefern?

Dami Charf: Ich bin ja Körperpsychotherapeutin und mache somit Körperpsychotherapie. Und deswegen geht es mir nicht in erster Linie nur darum, zu hören, was mir jemand erzählt, sondern zu sehen, was mir auch der Körper erzählt.

Wer sich schon eine Weile mit sich selbst beschäftigt, weiß, dass Erkenntnisse toll sind, aber nicht unbedingt eine Veränderung zur Folge haben. Wir verändern uns leider nicht auf Grund einer Erkenntnis. Ich sage immer gerne: „Wenn es nur um Erkenntnis ginge, wären wir alle kurz vor der Erleuchtung.“

Erkenntnis ist ein wichtiger Schritt, ich würde sagen, ein guter Anfang. Das heißt, offensichtlich gibt es andere, tiefere Mechanismen in uns, die uns in alten Mustern und Strukturen festhalten, auch wenn sie uns nicht gut tun. Je mehr wir etwas erfühlen und neue Erfahrungen machen – und eine neue Erfahrung würde ich immer als einen körperlichen Prozess bezeichnen -, desto mehr können wir neue Muster bilden. Neue Lebensmuster bilden wir nicht dadurch, dass wir darüber nachdenken oder reflektieren. Das reicht meistens überhaupt nicht. Das brauchen wir aber als ersten Schritt, aber dieser erste Schritt reicht eben nicht. Wenn mir beispielsweise ein Mensch etwas erzählt, worüber er eigentlich stolz oder erfreut ist, gleichzeitig sackt er aber körperlich in sich zusammen, dann bekomme ich sozusagen eine nicht-kongruente Aussage. Die sprachliche Aussage ist zwar „Ich bin stolz“, aber der Körper verliert Energie. Dann würde ich therapeutisch natürlich untersuchen, was da gerade passiert, vielleicht, was es für diesen Menschen noch bedeutet, stolz zu sein. Auf diese Weise kommt man meistens sehr viel schneller an tiefere Erlebnisebenen.

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Der Hauptunterschied in der therapeutischen Herangehensweise bei Schock- oder Entwicklungstrauma ist, dass ich bei Schocktrauma nicht mit Emotionen arbeite, das heißt, ich möchte die Person nicht zuerst erzählen lassen, was sie erlebt hat, denn ein traumatisches Ereignis kann man nicht wirklich erzählen. Man kann entweder dabei dissoziieren, das heißt, man fühlt nichts mehr und spaltet sich von sich selbst ab, oder man wird von den ganzen Gefühlen überflutet, weil das schocktraumatische Erlebnis sozusagen den Rahmen gesprengt hat. Das wird bei jedem Erzählen eigentlich wiederholt und das ist nicht heilsam.

Beim Entwicklungstrauma kann man mehr mit Emotionen arbeiten. Letztendlich ist eines der übergeordneten Themen, die ich dabei sehe, der Kontakt, also in Beziehung zu sein, denn es gibt nichts, was uns mehr aus der Gesellschaft und dem Gefühl, dazuzugehören wirft, als ein Trauma. Ein traumatisches Ereignis oder eben auch ein Entwicklungstrauma, wirkt immer trennend zwischen uns und dem Leben, anderen Menschen und der Gesellschaft. Das ist eine der Haupttragiken dabei.

FRIEDA: Welche Rolle spielt das Zellgedächtnis des Körpers bei traumatischen Erfahrungen und, spezieller, welche das Stammhirn?

Dami Charf: Zum Thema Zellgedächtnis kann ich nicht so dezidiert etwas sagen. Ich sehe das eher so als Körpergedächtnis. Ich nehme an, dass Sie da das gleiche meinen. Das Stammhirn ist nur daran interessiert, dass ich überlebe. Das heißt, wenn ich ein traumatisches Erlebnis überlebt habe und dazu bestimmte Muster oder Verhaltensweisen gezeigt habe, dann sagt das Stammhirn „Super, du lebst noch!“, das heißt, immer bei Gefahr wenden wir dieses Muster an. Es gibt eine Funktion, die heißt Neurozeption, was bedeutet, dass der ältere Teil unseres Gehirns, das Stammhirn, zusammen mit dem limbischen System ständig die Umgebung scannt, um, und sei es auch nur bei leichten Übereinstimmungen mit einem ehemals erlebten gefährlichen Ereignis, eine Reaktion herbeizuführen, die reflexhaft ist. Das ist auch eine der Tragiken traumatisierter Menschen, weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht mehr selbst entscheiden können, wie sie eigentlich reagieren wollen. Ein Zeichen von Gesundheit ist, eine Pause zwischen Reiz und Reaktion machen zu können. Genau das ist aber oft bei traumatisierten Menschen unterbunden, weil das Stammhirn sofort eine Überlebensreaktion einleitet und nicht überprüft, ob der Reiz tatsächlich gefährlich ist oder nicht. Und das gehört zu den Dingen, die man natürlich wieder hinbekommen muss.

FRIEDA: Wie kommt es dazu, dass Menschen nach einer traumatischen Erfahrung geradezu erstarren und handlungsunfähig sind?

Dami Charf: Begegnet uns eine gefährliche Situation, haben wir nur zwei Möglichkeiten: fliehen oder kämpfen. Das ist auch in verbalen Situationen so. Wir sind immer noch auf dem Stand von frühen Menschen, von Neanderthalern, das heißt, wir haben noch keine anderen Bewältigungs- oder Reaktionsmechanismen bei Gefahren. Das bedeutet, dass praktisch jede Situation abgeschätzt wird und man dann entsprechend reagiert. Damit meine ich nicht, dass der Kopf das in einer Gefahrensituation entscheidet, sondern die tieferen Überlebensmechanismen aus dem Stammhirn. Zum Beispiel: Ich sitze im Auto und sehe, von rechts kommt ein Schatten, der nicht anhält, dann versuche ich noch, Gas zu geben oder zu bremsen, aber das klappt womöglich nicht mehr, und dann gibt es irgendwann einen Punkt, an dem praktisch klar ist: „Es wird mir nichts nützen, was ich tue!“ Und das ist der Augenblick, in dem wir erstarren. Das ist praktisch wie das Not-Aus im Menschen. Dabei ist es egal, ob es eine Todesnachricht ist, die ich bekomme, ob mich jemand überfällt, ob ich im Auto sitze, also egal, um welche Situation es sich handelt, die ich nicht mehr bewältigt bekomme. Dann greifen sozusagen diese älteren Überlebensmechanismen und der Erstarrungsreflex gehört eben dazu.

Es gibt zwei Formen der Erstarrung, eine die energetisiert ist. Man spricht dann von einer Erstarrung im Hyperarousal, also von einer Übererregung. Wenn eine Situation langfristig bedrohlich bleibt, dann erstarrt man in einem Hypoarousal, also in einer Untererregung, weil man sich sozusagen ergibt. Man kann nichts mehr tun, man gibt auf. Das ist bei Kindern zum Beispiel oft so. Das ist auch mit Energieverlust oder Vitalitätsverlust verbunden. Und wieder hat sich das Stammhirn gemerkt, „Ich habe überlebt“, und das heißt, dass dieser Erstarrungsreflex dann im späteren Leben, oder im Erwachsenenleben, immer angewendet wird, wenn die Neurozeption sagt: „Es ist Gefahr im Verzug.“ Das geschieht dann natürlich viel zu oft und viel zu unangemessen, aber das Stammhirn will einfach nur überleben.

FRIEDA: Was bedeutet in dem Zusammenhang Dissoziation?

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Dami Charf: Meistens ist solch eine Erstarrungssituation mit einer Dissoziation gekoppelt. Man kann sogar sagen, dass, wenn eine Dissoziation stattfindet, die Wahrscheinlichkeit, später Symptome zu entwickeln, überproportional steigt. Zur Dissoziation hat mal jemand gesagt, das sei die Gnade des Lebens, beim Sterben nicht dabei zu sein. Ich finde, das ist eine ziemlich gute Beschreibung, denn bei einer Dissoziation spalten wir uns quasi von unserem eigenen Erleben ab. Diese Idee erscheint ein wenig befremdlich, weil man sie nicht mehr so richtig gut erklären kann. Oft, wenn Menschen über dissoziative Zustände nach traumatischen Ereignissen berichten, dann ist das einem Nahtoderlebnis, wie das oft beschrieben wird, sehr ähnlich. Und auch die Dissoziation gehört zu den Überlebensmechanismen, das heißt, auch später im Leben dissoziieren solche Menschen dann häufig bei Stress oder wenn ihnen etwas zu naherückt. Sie haben das dann nicht mehr im Griff, können also nicht mehr über ihre Reaktion bewusst entscheiden.

Ich glaube, dass wir in einer sehr dissoziierten Gesellschaft leben, weil es ganz viel darum geht, dass wir Menschen funktionieren und nicht darum, dass wir uns lebendig fühlen. Wir haben alle in einem bestimmten Maß „gelernt“, unseren Körper zu dissoziieren, uns nicht mehr zu spüren, uns also nicht mehr in unserem Körper zu Hause zu fühlen.

FRIEDA: Warum helfen viele der bekannten Psychotherapien traumatisierten Menschen nicht wirklich?

Dami Charf: Meiner Meinung nach, weil eben der Körper in den meisten Psychotherapien ausgeschlossen wird. Dass heißt, es wird meist digital über Sprache gearbeitet, aber mit Sprache fasse ich eben nur einen sehr begrenzten Teil des Menschen. Der andere Punkt ist, dass bei Traumata, vor allem bei sehr frühen Traumatisierungen, diese verbale Ebene den Menschen nicht wirklich erreicht. Die tief in uns abgelegte Erfahrung uralter Botschaften und Erlebnisse, zum Beispiel, wenn eine sehr schwere Geburt vorlag oder das Kind nicht gewollt war, oder im Krankenhaus bleiben musste, dann wird ein Teil von uns nicht durch Sprache erreicht. Wenn ein Baby im Nebenraum liegt, nützt es ihm nur wenig, wenn es ab und zu mal etwas hört, sondern ein Kind muss fühlen, dass da jemand ist. Viele Menschen können kaum fühlen, dass man mit ihnen im Raum ist und dann ist es für sie wichtig, diese andere Person wirklich zu spüren.

Ich glaube, dass Psychotherapie immer auch mit Berührung einhergehen sollte, natürlich im Einverständnis mit dem Klienten. Es kann unendlich heilsam sein, mal eine Hand zu haben, die einen hält. Viele Klienten, die mit sehr früh erlebten Traumatisierungen kommen, haben meistens die längste Therapiegeschichte hinter sich. Sie können intellektuell über alles sprechen, aber sie spüren sich trotzdem nicht. Sie bleiben dann in so einem Teufelskreis, alles zu wissen, aber sich trotzdem nicht zu fühlen, sich abgeschnitten wahrzunehmen. Das wird meistens so beschrieben, als würde man wie durch eine Glasscheibe in die Welt gucken. Der andere Aspekt dabei ist eben, dass ein Schock-Trauma tief im Stammhirn gespeichert wird, und auch da eben das viele Darüberreden nicht viel nützt.

FRIEDA: Welche Möglichkeiten der Selbstregulation gibt es für Betroffene?

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Dami Charf: Ja, das ist jetzt schwierig zu beantworten, denn dazu müsste ich Anleitungen geben wie in meinem online-Kurs „Mit Trauma leben“, wenn man wirklich Selbsthilfe lernen möchte. Sich selbst zu regulieren hat ja verschiedene Ebenen. Ich muss lernen, Emotionen zu regulieren, aber um Emotionen zu regulieren, muss ich mich fühlen lernen. Ich muss begreifen, was mit mir los ist und auch Gnade walten lassen, was oft schon viel hilft, wenn ich mit mir selbst gnädiger werde. Es gibt Möglichkeiten, bei denen man Containment lernt, also sich selbst besser zu halten, oder auch Möglichkeiten, wie man Halt schaffen kann in seinem Alltag.

FRIEDA: Können Menschen schon prä- und perinatal traumatisiert werden und wenn ja, wie lässt sich das später verlässlich diagnostizieren und effektiv behandeln?

Dami Charf: Das ist eine große Frage. Teil 1, ja, natürlich können Menschen prä- und perinatal traumatisiert werden. Man vermutet, dass unsere Gedächtnis- und Erfahrungsbildung schon ab dem dritten Schwangerschaftsmonat funktioniert. Prä- und Perinatalpsychologen gehen sogar davon aus, dass das ab der Zeugung schon so ist. Lassen wir das mal dahingestellt und postulieren, dass das Kind in der Gebärmutter schon ab dem dritten Monat Erfahrungen sammelt im impliziten Gedächtnis, die sich als Muster und Erwartungen an die Welt später niederschlagen.

Den nächsten Teil der Frage beantworte ich zunächst mit einer Gegenfrage: Kann man überhaupt etwas verlässlich diagnostizieren in der Psychotherapie? Man kann eigentlich immer nur rückschließen aus Zuständen, die Menschen einem beschreiben. Das, was ich gerade von sehr früh traumatisierten Menschen immer wieder höre, ist, dass sie sich so anders in der Welt fühlen. „Ich gehöre nicht dazu, die Welt ist ein gefährlicher Ort, ich sehe mein Leben durch eine Glasscheibe an, ich fühle meinen Körper nicht, ich habe keinen guten Zugang zu mir selbst, es fällt mir sehr schwer, Beziehungen zu haben…“. Ich kann also stets nur Rückschlüsse ziehen.

Ich persönlich glaube, dass es in der ganzen Psychotherapie und Psychologie nicht viele total verlässliche Diagnosen gibt, weil die Diagnose immer auch im Auge des Betrachters liegt. Das heißt, eine Person geht zu einem Psychologen und bekommt Diagnose A und beim anderen Psychologen Diagnose B. Da würde ich immer auf die Suche gehen. Wir wissen alle, Ärzte sind nicht unbedingt immer zuverlässig in der Diagnostik. Bei der Psychologie geht man von Rückschlüssen aus; es gibt da meiner Ansicht nach oft keine klaren Ursache-Wirkung-Muster. Meiner Meinung nach sollte die Behandlung sich immer wieder an den Grundthemen orientieren: Kontakt zu lernen, den Menschen in Kontakt zu bringen mit sich selbst und mit mir in dem Fall als Therapeutin, und jemandem dabei zu helfen, im Leben und in seinem Körper zu landen. Das sind für mich die großen Überschriften in dem Bereich.

FRIEDA: Könnte es sein, dass bei vielen Menschen, die sich heute beispielsweise aufgrund von Angststörungen oder Depressionen medikamentös behandeln lassen, tatsächlich traumatische Erfahrungen die wahren Ursachen für ihre Befindlichkeit sind, man also im Grunde völlig falsch therapiert?

Dami Charf: Das ist jetzt schwierig, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, aber ich persönlich würde das aus meiner Erfahrung heraus so bejahen, denn Depressionen und Angststörungen sind so etwas wie Ausschläge in der Regulation eines Menschen. Ich müsste da nun ziemlich weit ausholen, um das im Detail zu verdeutlichen. Man kann sich die Selbstregulationsfähigkeit vorstellen wie ein Fenster. Wenn die Selbstregulation – das Fenster – ständig nach oben durchbrochen wird, sind wir bei der Angst oder Angststörung. Wenn die Selbstregulation nach unten durchbrochen wird, dann sind wir bei der Dissoziation, der Depression, bei chronischer Müdigkeit oder Sinnlosigkeit usw.. Das heißt, diese Ausschläge nach oben und nach unten bedeuten, dass man bestimmte emotionale Zustände nicht mehr regulieren kann, sie entgleiten dann, nach oben also Angst, nach unten also Depressionen. Das sind durchaus Traumasymptome und ich glaube, dass viele Symptome, die wir heute kennen, etwas mit Selbstregulationsstörungen zu tun haben. Traumafolgen bzw. Traumata per se sind Selbstregulationsstörungen. Ich kann dann meine innere Regulation nicht mehr in einem angenehmen Bereich (innerhalb des Fensters) halten, sondern der schlägt einfach ständig oben drüber oder unten drunter und ich habe ständig mit Gefühlen zu tun, die ich nicht mehr gemanagt bekomme.

FRIEDA: Wird die Möglichkeit, dass ein Trauma vorliegt, demnach Ihrer Ansicht nach zu selten in Betracht gezogen?

Dami Charf: Ich weiß natürlich nicht, wie andere Therapeuten, Ärzte, Psychologen das sehen. Menschen, die schließlich bei mir oder auf meiner Website landen, haben oft schon eine lange Odyssee hinter sich, bis sie endlich Erklärungen und Worte finden für das, was mit ihnen los ist und so etwas wie eine innere Heimat finden, in der sie das Gefühl haben: „Ja, das ist der Schlüssel zum Schloss, an dem ich schon so lange herumgewerkelt habe!“

FRIEDA: Sie erlebten selbst als Kind, wie der Mangel an einer verlässlichen Bindung dazu führen kann, dass ein Kind sich traurig, nicht geborgen und orientierungslos fühlt. Welche Bedeutung räumen Sie einer sicheren Bindung für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes ein?

Dami Charf: Die verlässliche Bindung kann man gar nicht hoch genug hängen. Eine sichere Bindung heißt immer auch, dass die Selbstregulation gefördert wird, dass wir uns sicher fühlen können im Leben, dass wir das Gefühl haben, dazuzugehören, wertvoll zu sein und, was dabei nicht zu vernachlässigen ist, je sicherer mein Boden ist, desto mehr Lust habe ich, die Welt zu entdecken, mich selbst zu entdecken. Das sogenannte Explorationsverhalten entsteht eigentlich erst, wenn das Umfeld als sicher genug erlebt wird.

Je unsicherer wir sind, desto mehr versuchen wir immer wieder, etwas festzuhalten. Ohne gute Bindungserfahrungen erleben wir das Leben nicht als Abenteuer, weil uns der Boden fehlt, und das ist eine der Haupttragiken missglückter Bindung.

FRIEDA: Nicht zuletzt seit Dr. Bruce Lipton, ein amerikanischer Entwicklungsbiologe, ist das Thema Epigenetik populär geworden, ein Spezialgebiet der Biologie, das sich mit den Eigenschaften der Zellen befasst und untersucht, inwieweit diese Eigenschaften auf Tochterzellen vererbt werden, ohne dass diese im Genotyp (im individuellen genetischen Bauplan eines Lebewesens) festgelegt sind. Werden traumatische Erfahrungen vererbt und wenn ja, welche Konsequenzen hat für auf die Folgegenerationen?

Dami Charf: Ich habe mich nur ein bisschen mit Epigenetik beschäftigt, aber nicht genug, um hier eine fundierte Aussage machen wollen würde. Soweit ich gelesen habe, ist es richtig, dass im Genotyp sozusagen traumatische Erfahrungen durchaus vererbt werden können. Aber die Epigenetik sagt ja gerade auch, dass nicht jedes Gen, das vorhanden ist, auch angeschaltet werden muss. Also sind wir hier wieder im sozialen Miteinander, bei der Bindung, wie Eltern mit ihrem Kind letztendlich umgehen. Ich bin ein großer Fan davon, Dinge nicht zu kompliziert zu machen, womöglich noch irgendwelche früheren Leben oder vorherige Generationen heranzuziehen, auf die ich keinen Einfluss mehr nehmen kann, sondern mit dem zu gehen, was ich jetzt beeinflussen kann und wo ich etwas tun kann.

Ich kann das Leben meiner Eltern nicht verändern. Aber ich kann mein Leben verändern und begreifen, wie ihr Verhalten auf mich gewirkt hat, zumal, wenn sie selbst traumatisiert waren. Das muss aber nicht dazu führen, dass ich das alles gut finde und verstehe, sondern es geht darum, mein eigenes Leiden ernst zu nehmen und zu sehen „Ja, da war jemand, der gar nicht empathisch sein konnte, weil er so mit seinen eigenen Themen und mit seiner Angst beschäftigt war, die ihn meistens ja auch unbewusst in der Hand hatte, dass da für mich nicht mehr viel übrig war.“ Und deswegen glaube ich daran, dass diese „Vererbungen“ hauptsächlich auf einer ganz banalen Ebene, nämlich im Verhalten von traumatisierten Menschen mit ihren Kindern, stattfindet. Da mag mehr sein, was auf uns wirkt, aber das muss nicht sein und das kann auch niemand beweisen. Da sind wir immer noch im Bereich der Annahmen, meinetwegen auch der fundierten Annahmen, aber ich glaube, dass wir selbst mit unserem eigenen kleinen Leben absolut genug zu tun haben, indem wir an dem arbeiten, wo wir auch eine Chance haben, etwas zu verändern.

FRIEDA: Hilfe zur Selbsthilfe scheint Ihnen ein wichtiges Anliegen zu sein. Sie bieten auf Ihren beiden Websites Traumaheilung und Psychotherapie Selbsthilfe eine Fülle an hilfreichem Material an, darunter auch ein ebook, das man sich gratis herunterladen kann. Zudem kann man bei Ihnen online-Kurse mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten buchen. Welche sind das im Einzelnen und welchen Personenkreis sprechen Sie konkret an?

Dami Charf: Ja, unbedingt. Ich habe irgendwann angefangen, Selbsthilfekurse zu kreieren. Einer der Hauptgründe dafür war, dass, nachdem ich angefangen hatte, bei youtube Videobeiträge ins Netz zu stellen, mein email-Aufkommen rapide gestiegen ist und sehr viele verzweifelte Menschen immer wieder um Tipps gebeten haben. Es gibt einfach für die persönliche Entwicklung, und schon gar nicht bei einem Traumhintergrund, keine guten Tipps. Wenn ich die hätte, wäre das toll, aber ich habe sie nicht.

Es ist eben eine Entwicklung, ein Weg, den man gehen muss, und auch mit Einsatz für sich gehen muss. Das ist nichts, was sich von heute auf morgen löst. Menschen suchen immer nach Erlösung, doch die wird es über ein Fingerschnippen nicht geben. Die andere Seite ist, dass gerade im Bereich Trauma Mythen bestehen, dass man da selbst auf keinen Fall irgendetwas tun kann, dass man da ausgeliefert ist und maximal nur in einer Klinik daran rührt, aber das ist meiner Ansicht nach Unsinn.

Es geht darum, Menschen zu ermächtigen und ihnen ein Empowerment zu geben, erstens in Form einer wirklich fundierten Psychoedukation in dem Sinne: Was passiert da? Warum bin ich so? Was sind die Mechanismen? Und, eine Herzensangelegenheit für mich ist, zu vermitteln: Du bist normal! So, wie du jetzt bist, ist es völlig normal aufgrund der Umstände, in denen du gelebt hast! Ansonsten versuche ich zu verschiedenen Themen in den Kursen, die ich da habe, Anleitungen zur Selbsthilfe oder zur Auseinandersetzung mit der Selbsthilfe zu geben und natürlich auch Übungen, wie man sich besser selbst regulieren kann, wie man mehr Boden findet und mit bestimmten Zuständen umgehen kann. Das ist mein Anliegen. Und dafür gebe ich auch gratis sehr viel Wissen heraus. Auch das ist mir eine Herzensangelegenheit oder eine Mission, aufzuklären, was Psychotherapie sein sollte, aber da ich ja auch von etwas leben muss, biete ich zusätzlich Seminare und Ausbildungen an sowie online-Selbsthilfekurse zu verschiedenen Themen.

FRIEDA: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ggf. zum Weiterlesen: Co-Abhängigkeit – Im Schatten der Sucht, Die Heilung der Mutterwunde durch die innere Stimme, Gewalt in der Partnerschaft, Gefühle artikulieren statt Gewalt ausagieren, Soziopathie – Eine gesellschaftliche Herausorderung, Linie 41: Kollektive Anosognosie?, Eltern-Kind-Bindungs-Kongress

Weitere Literaturtipps:

Peter A Levine, „Sprache ohne Worte“, Buch bestellen

Michaela Huber, „Trauma und die Folgen“, Buch bestellen

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