Spenderkinder ohne Lobby?

Über die Bedeutung der Herkunft

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Laut Angaben von DI-Netz, der Deutschen Vereinigung von Familien nach Samenspende, kommen in Deutschland jährlich derzeit ungefähr 1.200 Kinder auf die Welt, die mit Hilfe von „Fremdsamenspenden“ gezeugt worden sind. Heute gibt es in Deutschland insgesamt rund 110.000 Menschen nach solch einer Samenspende. Tendenz steigend.

„Sobald genetische und soziale Elternschaft gezielt von der Geburt an auseinanderfallen, handelt es sich bei den so gezeugten Kindern um Spenderkinder“, erläutert der Verein Spenderkinder auf seiner Website. Unter einer Samenspende versteht man die Übertragung von Sperma eines in der Regel fremden Spenders in die Gebärmutter einer Frau, um eine Schwangerschaft einzuleiten. Eine Variante des Verfahrens ist, eine „im Glas“ befruchtete Eizelle mittels eines Katheters durch die Scheide in die Gebärmutter zu übertragen. Dann handelt es sich um eine In-Vitro-Fertilisation. Mit der In-Vitro-Fertilisation einher geht fast immer eine – keineswegs nebenwirkungsfreie – medikamentöse Begleitung mit Hormonen wie GnRH-Agonisten oder GnRH-Antagonisten, je nach Hormonstatus der Frau.

Zu welchen Konflikten es insbesondere bei den Kindern führen kann, deren Mütter sich mittels Fremdsamen befruchten ließen, wird öffentlich kaum diskutiert. Der 2009 von betroffenen Menschen gegründete und ehrenamtlich tätige Verein Spenderkinder engagiert sich für mehr Aufklärung und Transparenz in diesem Bereich. Die Vereinswebsite bietet Interessierten eine Fülle von Informationen rund um das Thema.

FRIEDA sprach mit Anne*, Psychotherapeutin, Gründungs- und Vorstandsmitglied von „Spenderkinder“.

FRIEDA: Was ist das Kernanliegen des Vereins?

Anne: Unser Kernanliegen ist die Respektierung des Rechts des Kindes auf Kenntnis seiner eigenen Abstammung. Wie alle Menschen haben auch Spenderkinder ein Recht, die Identität ihrer genetischen Elternteile zu erfahren. Dieses Recht ist keineswegs neu, sondern herrschende juristische Meinung seit spätestens den 60er Jahren. Die Samenspende ist in Deutschland seit 1970 erlaubt. Bereits im Deutschen Ärzteblatt von 1970 wies der Justiziar der Bundesärztekammer auf das Recht des Kindes hin, den Namen des Spenders zu erfahren. Dennoch ist es für Spenderkinder in Deutschland sehr schwierig, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Häufig bekommen sie zu hören, es seien keine Unterlagen mehr vorhanden. Viele Spenderkinder wissen gar nichts von ihrer Entstehungsweise. Im Dezember 2016 verabschiedete die Bundesregierung einen Entwurf für ein Samenspenderregistergesetz. Dieser Entwurf sieht die Einrichtung eines zentralen Registers vor, in dem die Daten aller Samenspender und Empfängerinnen gespeichert werden und für die Kinder abrufbar sein sollen. Das begrüßen wir sehr; 47 Jahre nach Zulassung der Samenspende in Deutschland ist es mehr als überfällig. Davon profitieren allerdings frühestens die ab 2018 gezeugten Kinder und auch nur diejenigen, die von ihrer Entstehungsweise erfahren. Aus unserer Sicht – die international viele Spenderkinder teilen –wäre es wichtig, den Samenspender als genetischen Vater im Geburtsregister einzutragen, genau wie bei adoptierten Menschen auch. Bei einer Eheschließung wird von vielen Standesämtern ein Ausdruck aus dem Geburtsregister gefordert, um „Ehehindernisse“ auszuschließen. Nur so lassen sich unwissentliche Verbindungen enger genetischer Verwandter verhindern.

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Der Verein Spenderkinder setzt sich außerdem dafür ein, dass die familiensystemischen Herausforderungen der Familiengründung zu dritt, wie wir die Familiengründung durch Samenspende gerne bezeichnen, wahrgenommen werden. Derzeit gibt es keine verpflichtende psychosoziale Beratung für Wunscheltern und Spender. Das geht zu Lasten der Kinder. Männer, die Samen spenden, sollten unbedingt darauf hingewiesen werden, dass sie sich selbst zwar als Spender sehen mögen, für das Kind aber genetischer Vater sind, den das Kind höchstwahrscheinlich im Laufe seines Lebens kennen lernen möchte. Für das Kind ist es wünschenswert, dass der genetische Vater dann auch Interesse an einem Kontakt hat und das Kind nicht als Störenfried aufgefasst wird. Der Spender sollte also auch mit seiner Partnerin oder seinem Partner, und möglichen weiteren Kindern, über seine genetische Vaterschaft gesprochen haben und offen zu dem Kind stehen können. Für das Kind kann es außerdem verletzend sein, zu wissen, dass der Spender nur wegen des finanziellen Anreizes Samen abgegeben hat. Samenspenden sollten deshalb nicht kommerziell erfolgen. Diese und weitere politische Forderungen hat der Verein Spenderkinder auf seiner Internetseite zusammengefasst.

FRIEDA: Wird das Thema rund um Samenspenden medial Ihrer Ansicht nach zu positiv dargestellt?

Anne: Wir erleben es so, dass das Thema insbesondere von Seiten der Reproduktionsmedizin und von Seiten der Eltern recht einseitig positiv dargestellt wird. Wie alles im Leben hat aber natürlich auch die Familiengründung durch Samenspende negative Aspekte. Zum einen gibt es nach wie vor Spenderkinder, die nicht über ihre Entstehungsweise aufgeklärt sind. Einige Mitglieder unseres Vereins berichten, sie hätten – auch als sie noch nichts über die Samenspende wussten – das Gefühl gehabt, dass irgendetwas mit ihrer Familie (oder schlimmer noch, mit ihnen selbst) nicht stimme. Davon wird man nicht notwendigerweise depressiv, aber es kann dennoch eine unnötige Belastung und Selbstzweifel für das Kind bedeuten. Die meisten Spenderkinder berichten daher auch bei einer späten Aufklärung von einem Gefühl der Erleichterung; ein Spenderkind sagte „Ich konnte meinen Gefühlen wieder trauen“. Ein anderes Spenderkind hat ohne das Wissen seiner Eltern einen Vaterschaftstest gemacht und seine Eltern dann mit dem Ergebnis konfrontiert. Der Bruder (ebenfalls Spenderkind) weiß bis heute nichts davon.

Auch wenn Eltern ihre Kinder vorbildlich im Wissen um ihre Entstehungsweise aufwachsen lassen und die Daten des genetischen Vaters für das Kind sicher hinterlegt sind, sind nicht alle Schwierigkeiten aus der Welt: Immer wieder erleben wir, dass Spenderkinder zwar von ihrer Entstehungsweise wissen, gleichzeitig aber spüren, dass sie mit ihren Eltern, insbesondere mit den sozialen Vätern, lieber nicht darüber sprechen. Das Kind kann in einen Loyalitätskonflikt zwischen seinen eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen des sozialen Vaters geraten, wenn es den Wunsch spürt, mehr über seinen genetischen Vater zu erfahren, aber auch die Not des sozialen Vaters wahrnimmt, der weiterhin als (alleiniger) Vater anerkannt werden möchte. Viele Spenderkinder machen sich erst als Erwachsene auf die Suche, obwohl sie von der Samenspende schon lange wissen.

Von Elternseite erleben wir ein starkes Bedürfnis, dass diese Form der Familiengründung gesellschaftlich akzeptiert wird. Manchmal wirkt es auf uns so, als sollten wir als Kinder diese Familienform befürworten, um unsere Eltern zu entlasten und zu rehabilitieren. Wir Spenderkinder erleben jedoch gar keine mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz unserer Familien oder gar unserer selbst. Wir sehen uns auch nicht in der Verantwortung, die Entscheidung unserer Eltern zu rechtfertigen. Wir treten für eine kritische und umfassende Auseinandersetzung mit den positiven und negativen Seiten einer Familiengründung durch Samenspende ein.

FRIEDA: Warum tun sich augenscheinlich viele Eltern so schwer damit, den Spenderkindern die Wahrheit zu sagen? Könnte das auch etwas mit narzisstischer Eitelkeit zu tun haben oder womöglich auch damit, den „Spendervater“ nicht als potenziellen Konkurrenten im System haben zu wollen?

Anne: Die Aufklärung des Kindes bedeutet, Kontrolle abzugeben. Wenn das Kind Bescheid weiß, spricht es möglicherweise auch mit anderen darüber. Vielleicht erzählt es im Kindergarten oder der Oma davon. Dann würde auch die Unfruchtbarkeit des sozialen Vaters offenbart. Das ist für viele Männer ein sehr sensibles Thema. Abgesehen davon besteht bei vielen Eltern die Sorge, dass die familiären Beziehungen, insbesondere die Beziehung zum sozialen Vater, darunter leiden könnte und das Kind sich auch für den anderen Mann interessieren könnte. Tatsächlich gaben in einer Studie über 80 Prozent 12-17jähriger aufgeklärter Spenderkinder an, dass sie den Spender im Laufe ihres Lebens vermutlich gerne kennen lernen würden.

FRIEDA: Wie ist es mit der Bindung zum Vater, der ja immer in dem Bewusstsein leben muss, dass das Kind nicht wirklich von ihm abstammt. Ist es für diese Männer womöglich auch – bewusst oder unbewusst – ein Konflikt, ein Kind, das biologisch von einem „Phantom“ stammt, liebevoll zu erziehen?

Anne: Eine Familiengründung durch Samenspende ist eine Familiengründung zu dritt. Das heißt, familiensystemisch betrachtet gehört der Spender mit dazu. Er hat eine existenzielle Bedeutung für die Entstehung des Kindes und ist dessen genetischer Vater. Er verfügt über etwas, was der soziale Vater nicht hat, nämlich fruchtbare Keimzellen und über eine unauflösbare Verbindung zum Kind. Es liegt auf der Hand, dass diese Konstellation bei allen Beteiligten nicht nur Freude auslösen kann. Neben Dankbarkeit kann der soziale Vater ihm gegenüber gleichzeitig auch Angst, Wut, Neid, Trauer, etc. empfinden. Auch seiner Partnerin gegenüber, die biologisch betrachtet ein Kind von einem anderen Mann bekommt und ebenfalls über eine genetische Verbindung zum Kind verfügt, sind ambivalente Gefühle denkbar. Schließlich kann auch die Beziehung zum Kind eine ambivalente sein. Das Kind, das sie bekommen, ist etwas anderes als das ursprünglich gewünschte. Es ist nicht das genetisch eigene, auch wenn man es von außen nicht sehen kann. Manche soziale Väter berichten selbst von Fremdheitsgefühlen gegenüber ihren Spenderkindern. Das ist verständlich, aber es wäre hilfreich für die Väter und Kinder, wenn die Väter darauf vorbereitet würden. Es ist wichtig, dass eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der narzisstischen Kränkung durch die eigene Unfruchtbarkeit erfolgt, damit insbesondere der soziale Vater das Kind wirklich annehmen kann – mit allen seinen fremden Anteilen. Dann müsste dem „Spender“ kein Platz am Rand mehr zugewiesen werden, sondern er dürfte sein, was er ist, ein leibhaftiger Mensch: der genetische Vater des Kindes. Indem der Samenspender als „Spender“ rhetorisch depersonifiziert wird, wird ein Stück weit eine Elternwunschwelt gestaltet und die gewünschten Rollen begrifflich klar vorgegeben, der Samenspender erhält einen kleinen Platz am Rand. Es kann zu Konflikten kommen, wenn die Kinder den Beteiligten eine andere Bedeutung zumessen. Abgesehen davon könnte man mal hinterfragen, was für ein Männerbild eigentlich transportiert wird, wenn wir genetische Vaterschaft wie eine Dienstleistung anbieten,

FRIEDA: Wie ist Ihre Haltung generell zu Samenspenden?

Anne: Unser Verein bezieht bewusst keine Stellung für oder gegen Samenspenden. Innerhalb unseres Vereins gibt es verschiedene Ansichten dazu. Wir haben jedoch insgesamt den Eindruck, dass die psychologischen Herausforderungen dieser Form der Familiengründung nicht ausreichend gewürdigt werden und die Eltern nicht deutlich genug über die Rechte und Bedürfnisse von Spenderkindern informiert werden. Für die Reproduktionsmedizin ist der Auftrag mit der Geburt eines Kindes erfüllt – für die Familie beginnen die Herausforderungen und ambivalenten Gefühle häufig erst später.

FRIEDA: Die Filmemacherin Maria Arlamovsky hat Reproduktionsmedizin und Leihmutterschaften auch in Ihrem Film „Future Baby“ thematisiert. Jedes zehnte heterosexuelle Paar ist heute bereits ungewollt kinderlos. Für die Reproduktionsmedizin bietet sich hier also ein boomender Markt. Dazu kommt, dass es immer mehr homosexuelle Paare gibt, die auf Samenspenden zurückgreifen oder sogar auf – in Deutschland derzeit noch verbotene Leihmutterschaften. Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass Sie die Argumentation der LSVD-Aktivistin Lisa Green, der Wunsch nach Kenntnis der Abstammung sei heteronormativ, nicht teilen. Was kritisieren Sie konkret an dieser Argumentation?

Anne: Die Argumentation zielt darauf ab, dass das Interesse eines Menschen an seinem unbekannten genetischen Elternteil durch die Heteronormativität in der Gesellschaft bestimmt würde. Frau Green vertritt die Ansicht, dass es deshalb Eltern freigestellt sein sollte, eine anonyme oder offene Samenspende zu wählen. Das finden wir höchst übergriffig. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung gehört zu den Persönlichkeitsrechten eines Menschen. Wir wünschen uns, dass dieses Recht respektiert wird, ungeachtet der sexuellen Orientierung der Eltern des Kindes. Die Tatsache, dass zur Entstehung eines Menschen ein Mann und eine Frau notwendig sind, ist keine repressive Norm zur Diskriminierung homosexueller Menschen, sondern eine biologische Gegebenheit.

FRIEDA: Auf Ihrer Seite haben Sie auch einige Zitate von Spenderkindern an „ihre Wunscheltern“ veröffentlicht. Eines davon lautet: „Bitte setzt euch mit der eigenen Unfruchtbarkeit auseinander, bevor ihr ein Kind mit Hilfe eines Dritten bekommt!“ Die Akzeptanz der Situation erfordert sicherlich bei vielen Eltern auch ein hohes Maß an Selbstreflektion. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung das Gefühl, dass bei vielen Eltern, die um nahezu jeden Preis ein Kind möchten, die Bereitschaft zur Selbstreflektion zu wünschen übrig lässt?

Anne: Nein, keineswegs. Viele Eltern setzen sich im Vorfeld sehr intensiv mit ihrer Situation auseinander. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist eine sehr komplexe Situation, bei der viele Menschen emotional sehr stark beteiligt sind. Bevor es zur Familiengründung mit Hilfe einer Samenspende kommt, haben viele Paare schon eine ganze Zeit des Wartens und manchmal auch andere Versuche hinter sich, doch noch mit eigenen Keimzellen schwanger zu werden. Unsere Erfahrung ist die, dass die betroffenen Paare davon in hohem Maße eingenommen sind, was auch eine Studie von Rauprich et al. bestätigt. In dieser Situation gilt es so viel Eigenes und Aktuelles zu verarbeiten, meist unter Zeitdruck, dass für eine Auseinandersetzung mit der Perspektive des Kindes 20 oder 30 Jahre später keine Kapazitäten mehr frei sind. Für die Wunscheltern gibt es in der Situation einfach Näherliegendes zu bedenken. Im Hinblick auf das Kind wäre es jedoch wichtig, die Wunscheltern psychologisch so zu unterstützen, dass sie im Vorfeld auch die Perspektive des Kindes und die Perspektive einige Jahre später einnehmen.

FRIEDA: Viele Umweltmediziner sehen Ursachen der zunehmenden „ungewollten Kinderlosigkeit“ auch in Umweltgiften. Es gibt auch alternative Methoden, um Paaren dabei zu helfen, doch noch das ersehnte Kind zu bekommen. Werden Paare Ihrer Ansicht nach ausreichend über alternative Methoden und tiefer liegende Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit informiert oder ist die Reproduktionsmedizin womöglich ein „Zaubermittel“, das zu schnell zur Anwendung kommt?

Anne: Ein Hauptproblem der ungewollten Kinderlosigkeit ist vor allem die Tatsache, dass Menschen, insbesondere Akademikerinnen, immer später beginnen, eine Familie zu gründen, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Fruchtbarkeit bei vielen Frauen und Männern bereits reduziert ist. Auch bei Männern nimmt die Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter ab. Junge Menschen werden in den Schulen gut über Verhütung von Schwangerschaften aufgeklärt. Im Umkehrschluss entsteht leicht der Eindruck, unverhüteter Geschlechtsverkehr führe sofort zur gewünschten Schwangerschaft. Das muss nicht der Fall sein. Neben der Reproduktionsmedizin wären eine entsprechende Aufklärung über Fruchtbarkeit im Schulalter und Arbeitsplatzsicherheit mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherlich Maßnahmen, die dazu beitragen könnten, die Familiengründung zu einem biologisch günstigeren Zeitpunkt anzugehen. Das kann man kaum der Reproduktionsmedizin vorwerfen. Die Reproduktionsmedizin ist ein Markt, der auf die Entwicklungen in der Gesellschaft reagiert und natürlich auch ökonomische Interessen verfolgt. So ziehen zum Beispiel die wachsenden Möglichkeiten genetischer Screenings der Eltern im Vorfeld oder in einem Frühstadium der Schwangerschaft auch Menschen an, die ohne die Hilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen könnten. Auch Social-freezing ist ein Angebot für (noch) fruchtbare Frauen.

FRIEDA: Am 18. und 19.2.17 finden in Berlin die „Kinderwunsch-Tage“ statt. Sie sehen diese Veranstaltung kritisch, besonders weil sich dort im Messebereich Firmen positionieren, deren Interessen in erster Linie kommerziellen Ursprungs sein dürften, wie die spanische Reproduktionsklinik „IVFSpainAlicante“, die tschechische Reproduktionsklinik „Karlsbad Fertility“ sowie die amerikanische Reproduktionsklinik „OregonReproductiveMedicine“. Auch die ebenfalls teilnehmende dänische Samenbank „Cryos International DenmarkApS“ bietet anonyme Samenspenden an. Was stimmt Sie besonders besorgt bei Veranstaltungen dieser Art?

Anne: Diese Kliniken bieten Verfahren wie die Eizellspende und die kombinierte Eizell- und Samenspende an, die gegen das Embryonenschutzgesetz verstoßen. Die amerikanische Klinik bietet sogar Leihmutterschaft als Dienstleistung an. Leihmutterschaft ist in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern verboten, weil es gegen die Würde eines Menschen verstößt, gegen Geld gehandelt zu werden. Viele der teilnehmenden ausländischen Kliniken bieten außerdem anonyme Keimzellspenden an und ignorieren damit das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung, das sogar in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten ist. Und wir haben den Eindruck, dass sich daran – außer uns Spenderkindern – niemand stört. Wir finden es außerordentlich bedenklich, dass eine öffentliche Veranstaltung stattfinden soll, bei der ganz offensichtlich Methoden angeboten werden, die gegen die deutsche Rechtslage verstoßen. Die Veranstaltung wird durch einen Veranstalter organisiert, der auf Verbrauchermessen spezialisiert ist. Es scheint dabei allein um die Erfüllung des Kinderwunsches von Menschen zu gehen, ohne die Grenzen der geltenden Rechtslage zu respektieren. Die den Verboten zugrundeliegenden ethischen Bedenken werden völlig außer acht gelassen, dabei zeigt die Tatsache, dass es überhaupt zu solch einer Veranstaltung kommen konnte deutlich, dass es notwendig wäre, die ethischen Verbotshintergründe zu diskutieren bzw. erst einmal zu erklären.

FRIEDA: Bei dieser Veranstaltung ist auch Dr. Petra Thorn, Mitglied des Deutschen Ethikrates, anwesend. Sie ist aber auch gleichzeitig Vorsitzende des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland. Wirft man einen Blick auf ihre Website, scheint die Dame auch sonst eine gewisse Ämterhäufung vorweisen zu können. Sehen Sie in den Berliner Kinderwunsch-Tagen eine rein kommerzielle Veranstaltung, bei der die Interessen der Spenderkinder gar nicht thematisiert werden?

Anne: Ja, die Kinderwunsch-Tage machten bereits im Vorfeld den Eindruck einer reinen Werbeveranstaltung für die Verfahren der Reproduktionsmedizin und die damit möglichen Familienformen. Nach außen wird die Veranstaltung als „Informationsveranstaltung“ deklariert; von neutraler Information kann jedoch keine Rede sein, wenn lediglich die positiven Aspekte eines Verfahrens bzw. der Form einer Familiengründung dargestellt werden.

Auch wenn Frau Dr. Thorn nicht ausdrücklich auf ihre Mitgliedschaft im Deutschen Ethikrat hinweist, so wird sie vermutlich von vielen als Ethikratsvertreterin wahrgenommen. Es setzt ein Zeichen, wenn sie diese Kinderwunschmesse ideell mitträgt. Lange Zeit war sie auch als Mitglied des Beratungsausschusses in einer entsprechenden Liste auf der Veranstaltungshomepage gelistet; diese Liste wurde interessanterweise vor einigen Wochen entfernt. Irritierend wirkt auf uns Spenderkinder insbesondere, dass wir in den vergangenen Jahren den Eindruck hatten, Frau Dr. Thorn setze sich hinsichtlich der Belange der Spenderkinder zumindest für eine Achtung des Rechts der entstehenden Menschen auf Kenntnis ihrer genetischen Herkunft ein. Dass die meisten der ausländischen Aussteller dieses Recht nicht respektieren, erfährt man erst nach Recherche auf deren Internetseiten. Auf das Recht der Kinder auf Kenntnis ihrer Abstammung wird an keiner Stelle der Veranstaltungshomepage hingewiesen und ein Ausschlusskriterium für die Teilnahme der ausländischen Kliniken war es offensichtlich auch nicht! Wir hatten angeboten, einen Vortrag zur Notwendigkeit der Aufklärung der Kinder über deren Herkunft beizutragen; dies wurde abgelehnt mit der Begründung, alle Vortragszeiten seien bereits vergeben. Stattdessen findet sich nun beispielsweise der Vortrag einer Ernährungsberaterin sogar dreimal im Programm. Das ist auch eine Form der Priorisierung.

FRIEDA: Was möchten Sie – sozusagen als Schlusswort – gern noch mitteilen?

Anne: Mir liegt es am Herzen die ethische Diskussion darüber, welche Verfahren der Reproduktionsmedizin wir in Deutschland erlauben möchten, in die Gesellschaft zu bringen. Bislang äußern sich hauptsächlich die unmittelbar Betroffenen, die Wunscheltern und die Reproduktion mit ihren ökonomischen Interessen. Ethische Argumente bleiben dabei auf der Strecke, weil persönliche und ökonomische Interessen im Vordergrund stehen. Dabei geht es um viel mehr. Es geht darum, zu überlegen, welche ethischen Standards wir als Gesellschaft verfolgen möchten, welches Menschenbild unseren Entscheidungen und unserem Handeln zu Grunde liegen soll. Grenzen werden häufig als einengend beschrieben und das Einreißen von Grenzen mit Fortschritt gleichgesetzt. Demgegenüber möchte ich zu bedenken geben, dass das bloße Einreißen von Grenzen etwas Pubertäres, etwas Maßloses hat. Als erwachsene Menschen können wir überlegen, welche Grenzen wir uns rechtlich setzen wollen, damit wir das, was wir tun, auch noch verantworten können.

FRIEDA: Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

* Der volle Name ist FRIEDA bekannt.

Titelfoto pixabay

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