Soziopathie als gesellschaftliche Herausforderung

Im Gespräch mit Melanie Stalner

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Mit drei handlichen Ratgebern zum Thema Soziopathie wendet Melanie Stalner sich insbesondere an Frauen, die in das Netz eines Soziopathen geraten sind. „Umgang mit Soziopathen“, „Trennung vom Soziopathen“ und „Soziopathen-Prinzip“ lauten die Titel der zwischen 60 und 100 Seiten umfassenden Bücher. Das nächste Buch der Autorin „Glücklich leben trotz Umgang mit Soziopathen“ erscheint im Juni 2017.

Soziopathie – identifizieren, informieren, vorbeugen

Dass es sich bei Soziopathie/Psychopathie um kein Thema handelt, das sich auf düstere Filme reduzieren lässt, sondern das eine gesellschaftliche Relevanz von lange unterschätzter Bandbreite hat, zeigt sich in den letzten Jahren nicht zuletzt an den stark zunehmenden Publikationen in diesem Bereich. Viele Bücher stammen von Frauen, die selbst zum Zielobjekt eines Mannes mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen geworden sind. Zumindest haben diese Frauen überlebt. Andere sind vielleicht unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, psychisch und körperlich erkrankt oder zogen sich völlig zurück, um irgendwo noch einmal ganz neu anzufangen. In einem aber dürften sich die überlebenden Frauen, und gewiss auch die Männer, die es mit dieser „Spezies“ zu tun hatten, einig sein: „Danach“ entspricht das gewohnte Weltbild nicht mehr dem, für das es gehalten wurde.

FRIEDA im Gespräch mit Melanie Stalner

FRIEDA: Wie viele andere Frauen, mit denen ich inzwischen in Kontakt stehe, dürften auch Sie selbst mehr oder weniger mit einem Soziopathen zu tun gehabt haben, wenn Sie heute solche Bücher schreiben. Die „Dynamik“ in derartigen Konstellationen, und oft sind das ja Paarbeziehungen, scheint immer sehr ähnlich zu sein. Die Männer drängen sehr darauf, möglichst schnell in den Lebensbereich, möglichst die Wohnung, der anvisierten Frau einzuziehen. Die Frauen haben häufig ein ausgeprägtes Helfer-Syndrom und gehen dem Soziopathen, der sich gegenüber der Frau und in der Öffentlichkeit als Traummann präsentiert, somit buchstäblich schnell in die Falle. Sobald sich diese Männer sicher sind, beginnt eine schleichende Verwandlung zum Alptraummann. Frauen, die sonst durchaus lebenskompetent sind, werden buchstäblich einer Gehirnwäsche unterzogen, weil die Signale des Mannes immer widersprüchlicher werden, die bereits bestehende emotionale Bindung und die Hoffnung, „ihn heilen zu können“, die Frauen aber in ihrer Illusion gefangenhält, bis es entweder zu spät ist oder sie das Dilemma rechtzeitig erkennen. Die Beiträge in diesem Magazin, verbunden mit Buchempfehlungen, dienen der Aufklärung, zumal nahezu alle mir bekannten Frauen bestätigen, bei Polizei und anderen Behörden auf wenig Verständnis gestoßen zu sein. Oftmals erleben sie dort sogar eine Täter-Opfer-Umkehr, denn die Behörden wollen sich mit Fällen wie diesen nicht befassen, zumal die Ermittlungen problematisch sind, denn der Soziopath ist zumindest in zwei Bereichen ein Virtuose: In der Täuschung und der Manipulation.

(c) Melanie Stalner

Sie schreiben in Ihrem ersten Buch „Umgang mit Soziopathen“: „Es gibt unterschiedliche Bezeichnungen für solche Menschen, aber jede einzelne umfasst nur einen Teilaspekt der Persönlichkeit, mit der du es vermutlich zu tun hast. Und es ist schwer, einen Begriff zu finden, der einerseits alle Aspekte seiner gestörten Persönlichkeit umfasst und andererseits doch trennscharf und konkret ist…!“ Die Fachliteratur unterscheidet zwischen Soziopathie und Psychopathie. In allen drei Titeln der erwähnten Bücher sprechen Sie hingegen von Soziopathie. Worin liegt aus Ihrer Sicht der Unterschied?

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Melanie Stalner: Das ist eine gute Frage. Zu beiden Begriffen gibt es zahlreiche, oft widersprüchliche Definitionen. Der Begriff „Psychopath“ ist schon längst zum „Klischee“ geworden, eine Worthülse, in die bei Bedarf alles Mögliche gepackt wird. Ich persönlich finde es problematisch, eine individuelle Persönlichkeit einfach mit einer bestimmten Bezeichnung zu etikettieren und in eine Schublade zu stecken. Andererseits gibt es aber auch bestimmte wiederkehrende Verhaltensmuster, die man definieren muss, um Persönlichkeitsstörungen zu erfassen, und so kommt man leider nicht um die Verwendung dieser Begriffe herum.

Soziopathischem und psychopathischem Verhalten ist sicher eine krankhafte Egozentrik, die wiederum gekoppelt ist an fehlende emotionaler Empathie, gemeinsam. Den Soziopathen zeichnet aus, dass er von seiner Umgebung oft als charismatisch und „nett“ wahrgenommen wird, und sein antisoziales Verhalten eher in einer verborgenen, oft familiären Grauzone auslebt, die ihm stets eine Rückzugsmöglichkeit bietet.

Soziales Ansehen ist ihm sehr wichtig. Er ist in der Regel nach außen hin sehr kontrolliert, ein Meister der Manipulation und ein pathologische Lügner. Psychopathisches Verhalten dagegen geht meiner Meinung nach noch darüber hinaus. Ein Psychopath durchbricht die verkleidende Oberfläche, ist noch zerstörerischer – manchmal auch sich selbst gegenüber.

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FRIEDA: Unabhängig von einer diagnostischen Differenzierung dieser beiden Störungen – haben wir es dabei eher mit einem neueren Phänomen zu tun, das inzwischen durch die Medien nur mehr ins öffentliche Bewusstsein dringt, oder gab es Ihrer Ansicht nach schon immer Soziopathen/Psychopathen?

Melanie S.: Ganz bestimmt! Soziopathen/Psychopathen gab es schon immer. In unserer modernen Informationsgesellschaft haben diese Menschen jedoch, meiner Meinung nach, heutzutage eine geringere Rückzugsebene und treten dadurch inzwischen auffälliger hervor. Ein Beispiel: Wenn früher Frauen mit Depressionen oder ähnlichem zum Arzt kamen, so hat man die Gründe für diese Symptomatik meist ausschließlich bei ihnen selbst gesucht. Wer hätte einen offensichtlich „fürsorglichen Ehemann“ verdächtigt, die Ursache dafür zu sein? Die Problematik wurde ja auch schon vor Jahrzehnten filmisch umgesetzt, etwa in Filmen wie „Gaslight“.

Heute bieten soziale Medien und Foren jedoch mehr und mehr Möglichkeiten, um sich miteinander auszutauschen. Das Weltwissen nimmt also ständig zu, und so wird auch das Versteckte mehr und mehr aufgedeckt. Langsam erkennen wir, dass das Charisma mancher Menschen häufig ihre Abgründe verdeckt. Etiketten wie „Genie“ oder „Ausnahmepersönlichkeit“ entschuldigen viel, doch mittlerweile sind wir zum Glück in eine Zeit eingetreten, in der auch die Persönlichkeiten von Unternehmern und Staatsoberhäuptern immer genauer analysiert werden

FRIEDA: Eine Betroffene sagte vor einer Weile zu mir, ihr ehemaliger soziopathischer Partner habe gleichzeitig Verhältnisse mit mehreren Frauen geführt. Das diene diesen Männern wohl dazu, ihre multiplen Persönlichkeitsanteile auf verschiedene Frauen zu „verteilen“, wobei es sein könne, dass durchaus über längere Phasen eine konstantere „Beziehung“ zu einer Frau geführt werde, ohne dass diese überhaupt auf die Idee käme, mit wem sie es zu tun hat und womöglich nicht ahne, dass ihr Partner parallel Affären zu weiteren Frauen pflege. Wie sind Ihre Erfahrungen da?

Melanie S.: Dazu kann ich leider, oder zum Glück, nichts sagen. Es scheint mir aber nahe liegend. Der Soziopath schafft sich auf diese Weise mehrere verschiedene Rückzugsräume, in denen er sich von den jeweiligen Facetten seiner verschiedenen Verkleidungen erholen kann.

FRIEDA: In Ihren Büchern postulieren Sie, dass die Ursachen für die Neigung, antisoziale Persönlichkeitsstörungen zu entwickeln, vorwiegend in einer problematischen Kindheit zu suchen seien. Dass das keineswegs immer so sein muss und es viele Fälle gibt, in denen Soziopathen/Psychopathen durchaus behütet aufgewachsen sind, wird in der Fachliteratur jedoch häufig bestätigt. Auch einige der mit mir in Kontakt stehenden Frauen sagten, dass „ihre“ Psychopathen nicht aus dysfunktionalen Familien stammten. Mit anderen Worten: Die Störung kann womöglich angeboren sein; einige dieser „Persönlichkeiten“ verfügen anscheinend alle über die Fähigkeit, ihr Umfeld schon von kleinauf zu täuschen und zu manipulieren. Was sind Ihrer Ansicht nach, grob beschrieben, die Merkmale, an denen Soziopathen zu erkennen sind?

Melanie S.: Das, was zunächst ein Widerspruch zu sein scheint, ist bei näherem Hinsehen gar keiner. Ich denke nicht, dass es zwingend dysfunktionale Familien sind, in denen Soziopathen aufwachsen. Es ist im Gegenteil eher das Wort „behütet“, das in mir ein ungutes Gefühl hervorruft.

Häufig sind es gerade diese „behüteten“ Kinder, die früh lernen mussten zu funktionieren, damit das Außenbild der Familie keine Risse bekam. Oft haben sie dabei nie gelernt, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. „Behütet“ könnte man in diesem Fall also auch durch das Wort „unmündig“ ersetzen. Ein Kind, das so aufwächst, kann nur schwerlich Selbstbewusstsein entwickeln. Solch ein Kind hat von früh an gelernt, die Täuschung als einzige Möglichkeit der Selbstbehauptung anzusehen.

Wenn in der Familie stets alles unter den Tisch gewischt wird, wenn es nach außen hin heißt „Wir haben keine Probleme!“, genau dann werden diese Probleme beständig größer und größer. Die „behütenden“ Eltern trainieren also prinzipiell ihre Kinder systematisch darauf, sich als Erwachsene soziopathisch zu verhalten. Unbedingter Zwang zur Anpassung erzeugt Heuchelei und Lüge.

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FRIEDA: Der polnische Psychiater Dr. Andrezej Łobaczewski schrieb vor Jahrzehnten das Buch Politische Ponerologie, das 1984 in polnischer Erstauflage erschien. Das Buch wirft unter anderem die Frage auf, ob unsere Demokratien tatsächlich getarnte, von Psycho- und Soziopathen geführte Pathokratien seien. Angesichts der Tatsache, dass wir auch 2017 immer noch keinen Weltfrieden haben, obwohl Menschen sich seit Ewigkeiten Frieden nschen rften, erscheinen Łobaczewskis Ausführungen schlüssig. Ihr Buch Soziopathen-Prinzip trägt den Untertitel …oder wie sich unsere Gesellschaft von Innen zerstört. Anscheinend schätzen Sie die Tragweite der Problematik ähnlich schwerwiegend ein wie Dr. Łobaczewski?

Melanie S.: Ich bin keine Theologin, aber die Faszination des kompromisslosen Handelns ist etwas, dem wir uns schon als Kind kaum entziehen können. Kinder sind nicht böse oder grausam, doch einige lieben es, im Spiel miteinander die kompromisslosen „Helden“ zu spielen. Vielleicht, weil „kompromisslos“ zu sein von ihnen mit Freiheit gleichgesetzt wird. Was verboten ist, was abgelehnt wird, das ist für Kinder oft besonders interessant.

Ich bin eigentlich vorsichtig mit solchen Verallgemeinerungen, doch ich denke, man kann sagen, dass die Faszination, die kompromisslose Heldenfiguren seit jeher auf uns ausüben, es gerade soziopathischen Persönlichkeiten immer wieder ermöglicht, exponierte Positionen zu erlangen.

Drei ganze Generationen haben sich inzwischen darüber echauffiert, wie die Menschen in den zwanziger und dreißiger Jahren den Aufstieg von menschenverachtenden Diktaturen haben zulassen können und ignorieren dabei vollkommen die Mechanik soziopathologischen Verhaltens. Vor 5.000 Jahren gab es Soziopathen, die einen Stamm von ein paar hundert Kriegern anführten. Heute gibt es leider welche, die die Zukunft des Weltklimas bestimmen und zudem noch über Atomwaffen verfügen.

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FRIEDA: Mit Ihrer Antwort sprechen Sie m.E. etwas Wichtiges an, um bewusst zu machen, wie sehr sich narzisstisches Verhalten in unterschiedlichen Schweregraden bereits in der Kindheit etablieren kann, wenn die Eltern immer nur „den Schein wahren“ wollen. Was die „Faszination des kompromisslosen Handelns“ angeht – bietet die patriarchal-imperialistisch-strukturierte Gesellschaft, die es ja seit Jahrtausenden gibt, und deren Struktur durch Ideologien und Religionen fixiert wurde, ja m.E. auch geradezu einen Nährboden dafür, dass Kinder, besonders Jungen, in eine Ellenbogenmentalität hineinwachsen. Jungen werden zudem oft geschont, während bei der Erziehung von Mädchen häufig, und das nach wie vor, ganz andere Kriterien gelten. Um zu veranschaulichen, was ich damit meine, zwei Beispiele aus dem eigenen Erleben:

Vor Jahren erzählte mir eine befreundete Mutter, deren Tochter sehr talentiert beim Schachspielen war, dass in der Schule ein Schachturnier stattfinden sollte. Auf die „Schach-AG“ war die Schule sehr stolz. In den Vorjahren hatte ein Junge stets die Turniere gewonnen, doch dessen „Thron“ war nun in Gefahr durch das Mädchen, ich nenne sie an dieser Stelle mal Lisa. Einen Abend vor dem Turnier rief der Vater des „Sieger-Sohnes“ bei Lisas Vater an und bot ihm eine stattliche Summe Geldes, nur damit Lisa seinen Sohn entweder gewinnen lassen oder aber selbst nicht am Turnier teilnehmen würde. Zum Glück ließ sich Lisas Vater nicht auf dieses Angebot ein. Für mich stellte sich aber die Frage, welche Werte der Mann seinem Sohn vermittelte, wenn er ihn mit der Botschaft aufwachsen ließ, für Geld könne man alles kaufen und von Frauen habe man sich nicht besiegen zu lassen. Übrigens handelte es sich um eine Schule in einem für das Bildungsbürgertum bekannten Stadtteil. Die Eltern des Sohnes gehörten auch zu jenen, die sich gern für die Elternsprecherkandidatur aufstellen ließen. Deren Engagement als Elternsprecher beschränkte sich dann aber – nebenbei bemerkt – meist darauf, zum Schuljahresende Geld einzusammeln, um der Klassenlehrerin ein Geschenk zu machen…

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Zweite Beobachtung: Ein städtischer Spielplatz, Sandkastensituation, drei Kinder spielen im Sand, zwei mit Plastiktraktor, eines mit Förmchen: Ein Junge, etwa 5 Jahre alt, ein kleinerer Junge, etwa 3, und ein Mädchen, etwa gut ein Jahr alt. Als sich die Jungs nicht beobachtet fühlten, weil deren Eltern – und auch die Mutter des Mädchens – sich etwas weiter entfernt unterhielten, begann der ältere Junge damit, das Mädchen mit Sand zu bewerfen – und zwar in deren Gesicht. Sofort begann auch der jüngere Junge damit. Beide Jungs lachten und das kleine Mädchen versuchte, mit den Händen den Sand abzuwehren und ihn sich aus den Augen zu wischen. Es sah sich nach der Mutter um; es weinte aber nicht. Nachdem die beiden Jungs immer mehr Spaß daran hatten, das Mädchen zu bewerfen, wurde der Vater der Jungs aufmerksam und begann, mit den beiden zu diskutieren – auf die „politisch-pädagogisch korrekte antiautoritäre“ Art. Die Situation zog sich etwa 10 Minuten hin. Der Fünfjährige schmollte, während der Vater argumentativ auf ihn einredete, spürbar nervöser werdend, denn es gab ja Publikum – umso notwendiger war die „political correctness“: „Yannik, aber wir wollen doch alle in Frieden leben! Du sollst doch andere Kinder nicht mit Sand bewerfen! Darüber haben wir doch schon ganz oft gesprochen zu Hause! Wenn du noch einmal, dann aber….!“ Während der Vater seinem älteren Sohn also ein Verständnis für pädagogische Inhalte abverlangte, warf der Zweijährige weiter mit Sand auf das Mädchen ein, das inzwischen krabbelnd versuchte, dem Ort der Peinigung zu entkommen. Die Mutter hatte alles beobachtet und sagte nun lachend zum Vater der Söhne: „Ach, das kann die ab!“ Ich fand diese Beobachtung erschreckend – zumal im 21. Jahrhundert. M.E. parentifizierte der Vater seine Söhne, indem er sie auf eine kognitive Ebene stellte, die ja oft noch nicht einmal bei älteren Kindern vorausgesetzt werden kann. Er drohte dem Jungen, handelte aber nicht. Der Junge erlebte keine Konsequenzen, sondern nur leere Drohungen. Das war natürlich dann auch das, was die Söhne „lernten“: „Mein Verhalten hat keine Konsequenzen! Es wird sowieso nur herumgelabert! Erwachsene handeln nicht!“

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Was das Mädchen angeht: Ich kannte die Mutter nicht, sprach sie aber später wegen des Vorfalls an und fragte sie, wieso sie so sicher sei, dass es ihrer Tochter nichts ausmache, von zwei älteren Jungen mit Sand beworfen zu werden. Schließlich war die Tochter noch sehr jung und konnte auch noch nicht sprechen, sich also nicht selbst äußern, ob es ihr was ausmachte, Sand in die Augen geworfen zu bekommen oder nicht. (Es ist aber m.E. davon auszugehen, dass niemand sich gern mit Sand bewerfen lässt…). Nicht einmal der Impuls, zu weinen oder zu schreien bei diesem Übergriff der Jungen war bei dem kleinen Mädchen noch da; vermutlich hatte es schon „gelernt“, den Mund zu halten und Übergriffe zu dulden, denn die Botschaft der Mutter war ja sogar öffentlich mit einem Lachen untermauert: „Das kann die ab!“

Sie sagten in Ihrer vorherigen Antwort, kompromisslos zu sein werde mit Freiheit gleichgesetzt und Verbotenes sei für Kinder oft besonders interessant. Damit erwähnen Sie einen wichtigen Aspekt, der mich eben dazu veranlasste, diese beiden Beobachtungen näher auszuführen. Wenn Eltern versuchen, auf der rationalen Ebene bewusstes Reflektieren über eigenes Handeln zu erreichen, Gefühle dabei aber ausgespart werden, „lernen“ Kinder, dass bestimmte Gefühle nicht erlaubt sind. Kinder sind jedoch immer Symptomträger der Familien, letztendlich also der ganzen Gesellschaft.

Daher bin ich der Ansicht, dass angesichts der Zunahme an narzisstisch schwer gestörten Persönlichkeiten bis hin zu Formen der Soziopathie/Psychopathie Aufklärung außerordentlich wichtig ist – und zwar schon an der Basis, also im Elternhaus, in der Schule und in allen pädagogischen Bereichen. Das zum Beispiel halte ich für sehr viel wichtiger als kleine Kinder nun schon mit „Frühsexualisierungsmaterialien“ im Kindergarten zu konfrontieren – womöglich in den Händen von Leuten, die selbst nicht erwachsen geworden sind…

Was möchten Sie Frauen noch mit auf den Weg geben – abgesehen davon, dass Sie die Lektüre Ihrer Bücher empfehlen?

Melanie S.: Ich denke, dass viele Frauen heute oft vor dem Problem stehen, zahlreichen Rollenerwartungen entsprechen zu müssen. Sie wollen attraktiv sein, erfolgreich im Beruf und zudem auch noch perfekte Mütter und laufen dabei Gefahr, sich selbst als Individuum aus den Augen zu verlieren. Viele erkennen oftmals erst zu spät ihre physischen und psychischen Grenzen. Ich denke, Frauen müssen wieder lernen, mehr auf ihre inneren Gefühle zu hören. Wenn sich etwas „falsch“ anfühlt, dann ist es auch falsch.

FRIEDA: Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Austausch!

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