Selbstwirksamkeit durch „Bewegte Kunst“ mit aaAffentanz

Im Gespräch mit Sinda Vögele, Smaida Brestrich und Jennifer Lichtenberger

(c) Smaida Brestrich, Sinda Vögele und Jennifer Lichtenberger (v.l.n.r.) von aaAffentanz

Milliarden an Steuergeldern werden in die Digitalisierung an Schulen gesteckt. Nahezu alle politischen Parteien unterstützen diesen Trend. Warum sie das tun erschließt sich, wenn man sich die Sponsoren dieser Parteien ansieht. Was der Mensch für eine „artgerechte“ Entwicklung und seine Selbstwirksamkeit braucht, scheint weniger Staatsziel zu sein als das, was die Industrie fordert. Viele Wissenschaftler warnen vor Entwicklungen wie diesen, darunter auch Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, ehemalige Leiterin des Fachbereichs Neuroanatomie/Humanbiologie an der Universität Bielefeld, der Hirnforscher Dr. Manfred Spitzer und viele andere.

Der Begriff „Digitalisierung“ bedeutet übrigens ursprünglich „Umwandlung von analogen Werten in digitale Formate“. Die zunehmende Digitalisierung bringt es mit sich, dass sich Reizdichte und -frequenz laufend erhöhen. Das führt zu einer höheren Belastung der Sinnesorgane und somit zu Stress. Die Schulung der Selbstwirksamkeit, die eng an körperliches Erleben von An- und Entspannung gekoppelt ist, und auch darüber entscheidet, wie wir das Gegenüber wahr-nehmen, bleibt dabei häufig auf der Strecke.

Hinweis: FRIEDA-online betreibe ich auf eigene Kosten. Die hier empfohlenen Bücher etc. sind keine geschalteten Werbeanzeigen! Affiliate-Provisionen erhalte ich nur dann, wenn über DIREKTVERLINKUNGEN Bücher/Produkte bestellt werden. Ich empfehle die Waschkugel von ALEA BORN, da sie Waschpulver überflüssig macht – also ein sinnvoller Beitrag für die Umwelt ist. Zum Bestellen bitte einfach auf den Banner klicken.

Das Erleben von Kunst, Musik und Bewegung wird nach wie vor stiefmütterlich auf den Lehrplänen behandelt. Doch wie wichtig und wirksam gerade Elemente wie diese für Menschen sind, zeigt sich immer wieder, wenn Räume für die kreative Entfaltung und Körperarbeit bereitgestellt werden.

Solche Räume möchten auch Sinda Vögele, Smaida Brestrich und Jennifer Lichtenberger schaffen. Teilweise haben die drei Absolventinnen der Studienrichtung Kunsttherapie, Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg, Niedersachsen, ihre Ideen schon umgesetzt. Ihr Projekt heißt „aaAffentanz für Lebenskörper“. Mit ihrem Konzept wenden sich die Frauen in erster Linie an Schulen, aber auch an Menschen, die die Schulbank schon hinter sich gelassen haben.

FRIEDA im Gespräch mit Sinda Vögele, Smaida Brestrich und Jennifer Lichtenberger

FRIEDA: Wie kamen Sie auf die Idee zu solch einem Konzept?

Smaida: Ehrlich gesagt begann alles damit, dass ein Dozent uns auf die Idee brachte, ein Projekt in Indien zu starten. Wir hatten schon einiges geplant und viele Kontakte geknüpft, aber da kamen wir zu dem Schluss: Erst einmal wollen wir in Deutschland beginnen, dort, wo wir auch sozialisiert sind und uns am besten auskennen. Hier gibt es auch genügend Bedarf. Da brauchen wir nicht in ferne Länder zu reisen, um zu “helfen”. Das kam uns so authentischer vor.

Sinda: Da wir gemeinsam auch Yoga-Kurse für Erwachsene angeboten haben, war es uns ein großes Anliegen, eine ganzheitliche und nachhaltige Förderung auch für Jugendliche und Kinder anzubieten. Diese sollte auf unseren Grundwerten der Gleichwertigkeit, Individualität und Wertschätzung aufbauen.

Im klassischen Konzept der Ganztagsschule wird unserer Meinung nach vergessen, dass die Schüler mehr in die Natur gehen sollten, um sich auszugleichen und spielend auszutoben. In den Schulen lastet sehr viel Leistungsdruck auf den Schülern. Häufig werden die Schüler so schon zu Einzelkämpfern. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Jugendlichen von früh an das Wirtschaftsdenken eingeimpft bekommen und in eine Ellenbogengesellschaft hineinwachsen.

Deshalb wollten wir eine Brücke schlagen, um Kinder zu motivieren, wieder spielerisch in die Bewegung zu kommen, sich dabei kreativ und frei auszudrücken. Uns wurde in dieser Arbeit stark deutlich, dass die Schüler Erwachsene benötigen, die offen für ihre persönlichen Konflikte und Themen sind, und sich Zeit und Raum dafür nehmen. Das Ernstgenommenwerden und die Förderung der Individualität können den Schülern helfen, Orientierung für Entscheidungen zu finden und persönlich zu wachsen.

Buch direkt bestellen

Jenny: Interessant ist auch noch zu erwähnen, wie wir uns als Dreier-Team gefunden haben. Wir waren zusammen in einem künstlerischen Projekt bei den tibetischen “Monkey Year Teachings” im Milarepa Retreat Zentrum in Schneverdingen und verbrachten hier viel Zeit zusammen. Wir merkten schnell, dass zwischen uns ein besonderer (spiritueller) Austausch herrscht und spürten, wie gut wir unsere unterschiedlichen Talente und Persönlichkeiten gemeinsam ergänzten.

Smaida, die ja nicht nur Kunsttherapeutin, sondern auch Yogalehrerin ist, hat ihre Seelenqualitäten eher in den Bereichen Strukturierung und Steuerung. Sie hat viel Feuer und ist ein visionärer Geist, hat stets einen roten Faden bei der Hand. Bei Sinda, die ja auch Erzieherin ist, bereichert uns ihr Rhythmus als Motor, aber auch ihr ruhiger und fühlender Geist. Sie nimmt sich viel Zeit, um die Dinge in ihrem Inneren zu fühlen. Was mich betrifft – ich bin in der Natur Portugals aufgewachsen. Das konkrete Handeln (Hand), die Impulsgebung, Offenheit, Segel setzen im Flow mit dem Wind, das sind so meine Qualitäten. Ich kann mich gut von Altem lösen und auf Neues einlassen. Smaida (Kopf), Sinda (Herz) und ich (Hand) bilden auf der Grundlage unserer Seelenqualitäten somit ein dynamisches Dreieck!

Von Beginn an hatten wir gemeinsam eine große Energie, Motivation und Schaffenskraft und starteten sofort, eigene Projekte zu planen und umzusetzen. Dies wird auch in Zukunft so sein, weshalb wir eine Internetseite (aaAffentanz.com) eröffnet haben. aaAffentanz steht dabei für unsere Verbindung bei den Monkey Year Teachings (“Affen”), die Lebensfreude (“Tanz”) und unsere Clownerie-Namen: Auena, Annabell und Anastasia (“AAA”)

Sinda: Das Bild des dynamischen Dreiecks möchte ich noch etwas hervorheben. Im gemeinsamen Wirken merkten wir drei sehr schnell und tiefgehend, dass unsere unterschiedlichen Seelenqualitäten, die ja auch als Talente oder Eigenschaften bezeichnet werden könnten, ein Gewinn für das gemeinsame Wirken sind.

Es geht also nicht um Gleichmacherei, dass alle immer alles so sehen wie irgendeine Norm es erfordert, sondern darum, sich gerade mit seinem Anderssein als Individuum einzubringen. Dabei können wir viel voneinander lernen, intern als Team wie auch in der konkreten Umsetzung unserer Projekte mit den Menschen. Das „Andere“ wird nicht mehr als trennend empfunden, sondern als Bereicherung und Chance zum Wachsen.

FRIEDA: Worum geht es bei Ihrem Konzept „Bewegung und Kunst“ konkret?

Smaida: Unter dem Motto “Bewegte Kunst” wollten wir ein Unterstützungsangebot schaffen, das den Kindern Mut zur Entwicklung, Freude am Spiel und das Vertrauen in die Gemeinschaft gibt. Das Konzept und Eindrücke finden sich auch als Pdf auf unserer Internetseite.

Wir haben uns auch gefragt was Kinder hier und heute brauchen, um zu reflektieren und um zu authentischen Erwachsenen heranzureifen, und erarbeiteten so für die Klassen 5-6 die Grundfragen “Wer bin ich? Und wer in der Gruppe?”. Wir finden die Arbeit mit Kindern auch deshalb so wichtig, weil sie die Erwachsenen von morgen sind. Alles was sie über Vertrauen, Solidarität, Umgang mit Gefühlen oder Nachhaltigkeit verinnerlicht haben, wird unsere Zukunft beeinflussen. Dazu braucht es mehr als nur theoretische Auseinandersetzungen und Frontalunterricht. Wir wollten den Schülern Raum für Eigeninitiative und kreatives Ausprobieren bieten, um bewegt und spielerisch zu lernen.

Als Künstler und Freunde der Körperarbeit war uns daher sofort klar, dass wir gleichermaßen Körper, Emotion und Kognition ansprechen wollen. So fanden Akrobatik-Yoga genauso wie Clownerie und Kunst in unser Programm.

Buch direkt bestellen

Sinda: Mit neuen Erfahrungsräumen wollten wir den Schülern mittels Freude am Spiel neue Ausdrucksmöglichkeiten und neue Facetten ihrer selbst aufzeigen. Kunst, Clownerie und Akrobatik-Yoga stellen unsere Schwerpunkte dar und bieten ein weiteres Lernfeld für die Stärkung der eigenen Ressourcen, der Selbstwirksamkeit und des Gemeinschaftsgefühls als Mobbing-Prävention.

Im Akrobatik-Yoga ist der eigene Körper das Medium, der Stabilität und eine aufrechte Haltung erlernt. Emotional wird Vertrauen in sich selbst und den anderen gefördert. Durch Anspannung und Bewegung entsteht das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung.

In unserem Konzept sind daher auch weitere Fragen wichtig: Wie kann man gemeinsam etwas gestalten? Wo ist die eigene Grenze und wann lerne ich andere Sichtweisen zu tolerieren?

Das eigene Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken, sollte durch positive Glaubenssätze unterstützt werden: “Ich kann etwas schaffen! Dran bleiben, Scheitern ist erlaubt, Gefühle annehmen und ernst nehmen. Gefühle loslassen, immer neu ausprobieren, Erfolge erkennen und sich wertschätzen lernen.” Wichtig war für uns, dass unsere AGs ohne Wertung auskommen. Zudem wollten wir mit einem offenen Blick und Interesse für den anderen ein „Sich-Sehen-Lernen“ auf Augenhöhe von uns zu den Schülern und den Schülerinnen untereinander etablieren.

FRIEDA: Sind Sie mit dem Konzept auch schon nach außen getreten?

(c) aaAffentanz

Jenny: Ja, das sind wir! Wir haben in zwei Schulen über ein halbes Jahr insgesamt vier AGs angeboten. Diese fanden nachmittags für jeweils 1,5 Stunden statt. In diesen Schulen sind wir als Team aufgetreten und konnten so intensiver und individueller auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen.

Uns war es stets wichtig, mit unserem Konzept und unseren Erfahrungen in die Öffentlichkeit zu treten. So nahmen wir zu einer regionalen Zeitung Kontakt auf, die über dieses Projekt zwei Artikel über das Konzept und die Umsetzung schrieb.

Auch in den vielen Bewerbungen um Fördergelder sind wir nach außen getreten und haben Präsentationen gehalten. Dabei haben wir Unterstützung durch Förderer und durchweg positives Feedback erfahren. Das ist für uns ebenfalls ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die Gesellschaft offen für unsere Ideen ist!

FRIEDA: Wie sah die Umsetzung Ihres Konzepts dann konkret an den Schulen aus?

Smaida: An jeder Schule gab es eine AG mit dem Schwerpunkt Kunst und eine mit dem Schwerpunkt Bewegung. Gerne hätten wir es gehabt, dass die gleichen Kinder in beiden AGs (Kunst und Bewegung) gewesen wären, um mehr Intensität zu erzeugen, aber das ließ sich leider nicht realisieren. So hatten wir stattdessen vier verschiedene Gruppen.

In den Kunst-AGs thematisierten wir selbstgebastelte Schatzkisten und plastizierten Heldenfiguren, um den Schülern ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und Wertschätzung zu geben. Dann ging es weiter mit Ausschnitten aus dem Buch “Momo”. Momo als Heldin lehrte die Schüler das gegenseitige Zuhören, besonders bei Streitigkeiten. Daraus entstanden kleinere Gruppenbilder und schließlich ein 2x3m großes Gruppenbild von einem Schiff. Eine herausfordernde Gemeinschaftsarbeit, die die Schüler zusammen gemeistert haben!

In der Bewegungs-AG hatten wir eine andere Heldenfigur: den Clown. Die wahre Kraft des Clowns ist vielen nicht bekannt. Wir setzten diese Figur ein, weil der Clown in seinem Körper zu Hause ist und alles zeigt, was er fühlt. Er ist so ein Beispiel gelebter Emotionalität und Begegnung, eine Figur, bei der es darum geht, niemals aufzugeben. Als Verfechter des Guten dient sein Humor dazu, Kontakt zu anderen aufzunehmen oder Schwierigkeiten mit Leichtigkeit anzunehmen. Mit diesem genialen Vorbild lernten die Schüler immer mehr, über ihren eigenen Schatten zu springen und sich zu zeigen, wie sie sind.

Immer wenn wir merkten, dass die Konzentration der Schüler in den letzten Stunden nachließ, bauten wir in allen AGs zur Auflockerung Spiele ein, die den Bewegungsdrang wie auch das Einnehmen neuer Rollen förderten. Auch war uns am Anfang und am Ende jeder AG ein kleines, konstantes Ritual, wie der “Abschlusssprung”, sehr wichtig!

(c) aaAffentanz

FRIEDA: Wie wurde Ihr Engagement von den Kindern aufgenommen?

Jenny: Die Begegnung auf Augenhöhe war uns wichtig und auch das Feedback der Schüler. Nicht der Lehrplan, sondern diesmal die Schüler selbst standen im Mittelpunkt. Viele Schüler waren daher überrascht, Mitsprache zu haben und konnten lernen, innerhalb der Gruppe ihre Meinung und ihre Befindlichkeit zu äußern. So haben diese gelernt, sich innerhalb der AG auch bewusst in der Gruppe wahrzunehmen und einzubringen.  

Wir lernten schnell: Das Gelingen einer Stunde hängt nicht nur von der eigenen Vorbereitung ab, sondern auch von der Stimmung der Schüler. Am Nachmittag, wenn die AG stattfand, waren viele Schüler schon k.o und nicht so leicht zu begeistern. So haben wir gelernt, spontan, schnell und gemeinsam auf die überraschenden Wendungen einzugehen.

Auf diesem Weg haben wir auch herausgefunden, dass gerade in den Stunden, in denen alles anders kam, die angestrebte Nachhaltigkeit des Kurses einen besonderen Platz bekam.

So z.B. eine Stunde, in der nur eine Handvoll Schüler da war und einer von ihnen eine Gitarre dabei hatte. Wir stellten den Schülern spontan die Aufgabe, ein Lied zu schreiben. Der Schüler mit der Gitarre erschien nur selten und fühlte sich für alles zu “cool”. Ihn konnten wir so aus der Reserve locken und er fühlte sich mit seinen Fähigkeiten gesehen. Zumal auch in der kleinen Gruppe ein häufig gemobbter Schüler war, freute es uns besonders, dass sie uns ein Lied über Freundschaft gemeinsam vorspielten und sangen.

Buch direkt bestellen

In einer anderen Situation konnten wir noch direkter in die Mobbing-Situation des besagten Schülers intervenieren und sie auflösen: Nachdem wir eine Mobbing-Situation direkt vor unserer AG mitbekamen, stoppten wir sie und brachten die ganze Gruppe in einem Stuhlkreis zusammen “Täter”, “Opfer” und “Mitläufer” kamen dabei zu Wort.

Ein unbeteiligtes Gruppenmitglied, ein Mädchen, erzählte auch, wie schlimm es ihr als “Mobbing-Opfer” vor ein paar Jahren ergangen war. In dieser Gruppe hatte sie nun viele Freundschaften geknüpft und übte daher großen sozialen Druck vor allem auf die “Täter” aus. Diesen wurde ihr Verhalten daraufhin zunehmend unangenehm. Sie konnten nicht begründen, warum sie sich so verhielten. Die Intervention endete, indem sich einer der “Täter” unaufgefordert bei seinem “Opfer” entschuldigte, welches diese Entschuldigung annahm.

Sinda: Auch wenn wir immerhin zu dritt agieren konnten, hätten wir in manchen Situationen gerne noch mehr Kapazitäten gehabt, um uns mit den einzelnen Schülern auseinanderzusetzen. Wir glauben auch, dass dadurch, dass wir keine Lehrerinnen sind, die Noten vergeben, die Schüler uns am Nachmittag besonders testen wollten und dachten, sich alles erlauben zu können. Dadurch war es für uns zunächst eine besondere Herausforderung, den Schülern gegenseitigen Respekt zu vermitteln und unsere Rolle als Anleiterinnen klarzustellen. Wir schafften dies mit auflockernden “Wandelspielen” oder auch mit Planänderungen, jeweils angepasst an die Bedürfnisse der Gruppe.

Zunehmend lernten die Schüler, sich mit ihren Emotionen wie Freude, Wut, Angst oder auch mit Schüchternheit zu zeigen. Es gab auch einen Verweigerer. Dieser wurde dann von uns motiviert, über seinem eigenen Schatten zu springen, was manchmal auch gelang. Die Regel galt, wer nicht mitmachte, sollte die anderen nicht stören.

FRIEDA: Könnte es dann Ihrer Ansicht nach noch sein, dass wir in der Gesellschaft allgemein dazu neigen, tiefe Emotionen möglichst zu vermeiden?

Buch direkt bestellen

Smaida: Auf jeden Fall! Obwohl es auch immer Gegenbeispiele gibt. Wir sind hier in einer Leistungs- und Ellenbogengesellschaft sozialisiert. Es gibt Idealbilder der perfekten Familie, den erfolgreichen und fleißigen Arbeitnehmer, die perfekte Körperfigur oder den Indianer, der keinen Schmerz kennt. Diese Bilder sind stark und sie beeinflussen. Zudem sind sie häufig ein Ersatz für fehlende, eigene Vorstellungen, Visionen und Ziele. Die Emotionen eines doch so individuellen Menschen stimmen mit diesen Idealbildern selten überein und werden unter den Teppich gekehrt. Da braucht es eine gehörige Portion Mut, um zu sagen, dass man sich diesem Ideal zu Gunsten der Authentizität und eigenen Bilderwelt widersetzen möchte.

Klar, Emotionen können Angst machen, unpassend oder unprofessionell sein. Sie sind irrational, unlogisch und “dürfen nicht sein”. Dabei sind wir Menschen doch höchst emotionale Wesen. Die Kraft der Emotionen, die uns am ganzen Körper Rückmeldung geben, ob wir mit einer Situation einverstanden sind oder besser handeln sollten, wird unterschätzt. Wut, Scham und Trauer sind genauso wichtig wie Freude, um uns zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen zu lassen.

Zudem vergisst die Gesellschaft, die nur zu gern kognitiv-logische Menschen hätte, dass die meisten Entscheidungen ohnehin vom Bauch getroffen werden. Der Körper mit seinen Emotionen ist also gar nicht wegzudenken!

Buch direkt bestellen

FRIEDA: Haben Sie außerhalb von Schulen auch schon Projekte angeboten?

Sinda: Es gab einen Begegnungsraum in Worpswede im Rahmen des Raw 17 PHOTOFESTIVAL WORPSWEDE in Anbindung an die Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg. Im Oktober 2017 haben wir drei mit unserer Kommilitonin Antonia Silva ein Café mit Galerie und Programm ins Leben gerufen.

Da sich heute unsere Gesellschaft in einer schnelllebigen Zeit befindet und das Smartphone ein ständiger Begleiter geworden ist, haben wir uns gefragt, wie wir den Raum und die Zeit, die eine echte Begegnung benötigt, im Social Club erschaffen können. So kamen wir auf die Idee, den Besucher/innen die Möglichkeit zu geben, Mitgestalter/innen des Social Clubs zu werden, damit sie spüren, dass sie gefragt sind und im Hier und Jetzt ein Erfahrungsraum der Begegnung für sie geöffnet ist. Humorvoll selbst mit einer roten Clownsnase bestückt, geleiteten wir manch einen Gast „und manch eine Gästin“ auf den “Social Throne”, der bei Kindern besonders beliebt war. Würdigend wurden so unsere Gäste als Mitgestalter/innen ins Zentrum gesetzt – frei nach dem Motto: Jede ist soziale Königin, jeder ist sozialer König!

Im Fokus standen Begegnungen und Austausch mit den Besuchern mit und über die Kunst, mit und über die Musik, sowie über gemeinschaftliches Beisammensein in gemütlicher Café-Atmosphäre. Mit dem Aufruf, mit selbst gebackenem Kuchen in den Social Club zu kommen, konnten die Gäste so Mitgestalter/innen der Speisekarte werden. Je nach Vorlieben der Besucher/innen wurden vegane, glutenfreie, rohköstliche, biologische und/oder Fair Trade Kuchen zu uns gebracht.

An diesem Beispiel wurde deutlich, dass heutzutage Essen nicht nur kulturell, sondern auch von gesundheitlichen, ethischen und umweltpolitischen Dimensionen geprägt ist. Essen ist somit nicht nur Unterhaltung für die Geschmackssinne oder auf physiologischer Ebene Energie; Essen erzählt vielmehr persönliche Geschichten, macht individuelle Haltungen und Lebensstile deutlich.

Buch direkt bestellen

Jenny: Aus der Beschäftigung mit der Konzeption des Social Clubs, unseren eigenen Arbeiten und der Verbindungsstelle zu den auf dem Raw Festival vertretenen künstlerischen Positionen, ergaben sich neue, interessante Themen. Ein wichtiger Punkt war die Frage nach der Identität in der Begegnung und im Gegenüber, sowie die Auffassung und Darstellung der eigenen Identität. Wie stelle ich mich selbst dar? Wie werde ich wahrgenommen? Wie möchte ich wahrgenommen werden? Welche Teile von mir sind oftmals präsent? Und inwieweit kann ein Gegenüber je ganz erfasst werden?

Diese und weitere Fragen wurden besonders sichtbar an dem Interaktionskunstwerk „Herausnehmen und Drehen“ sowie an der digitalen Version „mix and click“, die einen wichtigen Stellenwert im Social Club einnahmen. In dieser Arbeit wurden die Grenzen der eigenen Identität und Begreifbarkeit von Identität in Form von Porträts aufgelöst. Dies begeisterte sowohl ältere wie auch jüngere Menschen bis Kinder, unabhängig von ihrem künstlerischen Vorwissen.

Als weiteres Projekt haben wir auch einen Meditationskurs mit einem Tibetischen Lama organisiert, weil wir auch anderen Studenten einen Zugang zu Meditation ermöglichen wollten.

FRIEDA: Sie haben nun Ihr Studium beendet. Wie geht es für Sie weiter?

Smaida: Der Bedarf der Schulen an Angeboten, wie von uns konzipiert, ist sehr groß und motiviert uns sehr. Wir haben auch noch sehr viele Projekte, die wir umsetzen wollen: z.B. einen Imagefilm und Kataloge von unseren Projekten drucken zu lassen. Das Pdf steht schon länger, aber Sponsoren werden noch gesucht. Durch unsere Druckprodukte wollen wir einen Leitfaden bieten und Inspiration für andere Pädagogen und Therapeuten sein. Auch möchten wir uns dafür einsetzen, dass die Kunsttherapie in Zukunft eine größere Anerkennung in der Berufswelt erhält!

DVD direkt bestellen

Sinda: In der Gesellschaft lässt sich seit ein paar Jahren ein Wachstum an psychischen Erkrankungen feststellen. Dass Handlungsbedarf besteht und es neue Lösungen in Schulen und in der Berufswelt braucht, liegt auf der Hand. Daher ist uns wichtig, mit Projekten wie “Bewegte Kunst” tätig zu werden, damit sich die ungelebten Emotionen und die unausgedrückte Kreativität nicht später in Form von Burnout oder anderen psychischen Krankheiten äußert.

In dem Film “alphabet” mit dem Untertitel „Angst oder Liebe“ haben wir uns erinnert gefühlt, dass es, wie Arno Stern als Pädagoge und Forscher in dem Film deutlich macht, wichtig ist, an das Gute zu glauben und mit wenig Material etwas erschaffen zu können. Unser Konzept knüpft daher an die Freilerner an, da diese in ihrem Bestreben freie Menschen sind und gelernt haben, selbstständig zu denken.

Jenny: Für unser Dreier-Team haben wir zudem noch den großen Wunsch, uns in ein paar Jahren selbstständig zu machen, um unsere Projekte noch größer werden zu lassen und in die Welt zu bringen. Doch dafür wollen wir alle erstmal als Vorbereitung mehr Berufserfahrung und gute Kontakte sammeln. So sind wir nun derzeit über Deutschland verstreut und jede zur Zeit auf ihrem Weg, bis wir dann möglichst bald wieder zusammenfinden.

Daher ist es gerade in der Anfangszeit für uns auch wichtig, noch Sponsoren zu finden, die uns unterstützen, um das Konzept nach vorne zu bringen. Dafür planen wir im Hintergrund natürlich gemeinsam weiter und hoffen, bald wieder Neues berichten zu können.

FRIEDA: Herzlichen Dank und weiterhin einen hohen Wirkungsgrad!

Verwandte Themen:

Harfe statt Ritalin – Ein Interview mit der Lehrerin Ines Dziego

Eltern wissen das nicht – Für ein Bildungssystem mit Hirn und Herz – Ein Interview mit Horst Költze

Wenn Mütter kämpfen – Ein Interview mit Friedgard Mattlin, Mutter dreier Söhne

Die Welt im Blick der Kunst – Ein Interview mit der Künstlerin Angelika Weigelt

Von der Kunst ein Mensch zu sein – Ein Interview mit dem Künstler Peter H. Kalb

Vielfalt im Einklang – Ein Interview mit der Künstlerin Gudrun Kargl

Die Heilung der Mutterwunde durch die eigene Stimme – Ein Interview mit Iris Hammermeister

Gefühle artikulieren statt Gewalt ausagieren – Ein Interview mit Burghard Jutz

Die Weisheit der Mütter – Ein Interview mit Lothar Beck über das Matriarchat und mehr…

Die abgeschaffte Mutter – Ein Interview mit Dr. Hilde Schmölzer

Heilungspotenzial – Das neue Dorf – Ein Interview mit Prof. Dr. Ralf Otterpohl

Digitale Drogen – Über die moderne Vereinnahmung des Menschen – Ein Gastbeitrag von Apotheker Carsten Pötter

Turne bis zur Urne – Ein Interview mit „Oma Frieda“

Männerrat – gemeinsam vorangehen – Ein Interview mit Volker Nietfeld

Co-Abhängigkeit – Im Schatten der Sucht – Ein Interview mit Edith Hatesuer

„Natur Deficit Disorder“ – Ein Beitrag über unseren Mangel an Naturanbindung

Körperweisheit – Tanz als Ausdruck der Seele – Ein Interview mit Edda Lorna

Welchen Verfassungsschutz brauchen wir wirklich? – Ein Beitrag aus FRIEDAs Senfonie

Kreise der Kraft – Ein Interview mit Christina Brückmann

Smartphones im Unterricht? – Ein Beitrag aus FRIEDAs Senfonie

Neue Meme braucht das Land! – Ein Beitrag aus FRIEDAs Senfonie

Aufruf zum Leben – Ein Appell leitender Ärzte psychosomatischer Kliniken an die Bevölkerung

Identität und Evolution – Über die Seele der Nationen – Ein Interview mit Wolfgang Aurose

Kinderbuch für Kinder der Freiheit – Ein Interview mit Enno Samp

Integrale Politik und glückliche Menschen – Zeit für einen Reset?

u.v.a.m.

FRIEDAs Kaffeekasse:

 

Danke.

Weitersagen auf

Monetäres für FRIEDAs Kaffeekasse