Selbstwert stärken durch Kunst

Im Gespräch mit Sinda Vögele

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(Titel-)Foto (c): http://pixabay.com/en/users/bodobe

Besteht in unserer Gesellschaft ein eklatanter Mangel an kreativem Ausdruck? Sollte Kunst auf den Lehrplänen der Schulen einen sehr viel höheren Stellenwert bekommen, als es derzeit der Fall ist? Mutiert der Mensch zunehmend zum identitätslosen Arbeitssklaven, weil Konkurrenz- und Leistungsdruck kaum Raum für künstlerisches Wirken lassen?

„Im Verhältnis von Gemeinschaft und sozialem Umfeld entwickelt sich das Selbst. Kontinuierlich eingebunden in die Interaktion des täglichen Miteinanders entsteht Identität basierend auf Prozessen der Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung“, schreibt die Kunstpädagogin Prof. Dr. Constanze Kirchner in der Zeitschrift Kunst + Unterricht, Schwerpunktthema „Identität und Ausdruck“, Heft 366/367, Friedrich-Verlag.

Ein Gefühl für die eigene Identität scheint demnach eine Menge mit Selbsterkenntnis und somit auch mit dem eigenen Selbstwert zu tun zu haben. Wikipedia definiert Identität als Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die ein Individuum ausmachen und erklärt: „Für Menschen ist ein ungewollter Identitätsverlust psychisch ein großes Problem, wenn wichtige Gruppenzugehörigkeiten (z.B. Familie, Volk, bzw. Nation, Region, Religion, Freunde, Informelle Gruppe) verlorengehen. Sofern die Person sich nicht mehr mit diesen Gruppen identifiziert oder identifizieren kann, wird sie physisch oder psychisch isoliert (…). Allgemein verliert ein Mensch dann seine Identität, wenn er sich so verändert bzw. von außen beeinflusst wird, dass wesentliche Kriterien entfallen, anhand derer er identifiziert wird und sich identifiziert, oder wenn wesentliche Instanzen, welche die Identifizierung vornehmen, entfallen oder wesentliche Kriterien der Identifizierung geändert werden (z.B. Verlust einer Staatszugehörigkeit).“

Zu mehr Selbstwert und Identität durch Kunst

Die Kunsttherapeutin Sinda Vögele hat sich auch näher mit dem Thema Identität und Selbstwert befasst sowie den Einfluss künstlerischen Gestaltens auf ein gesundes Selbstwertgefühl untersucht. Schwerpunkt ihrer Bachelorarbeit war das Thema „Entfaltung der Individualität in der Kunsttherapie. Eine autoethnographische Darstellung eines Fallbeispiels von einem spastisch gelähmten Menschen unter Berücksichtigung der Empowerment–Bewegung“. Wenngleich sich dieses Fallbeispiel an der individuellen Geschichte eines behinderten Mannes orientiert, dürften die Erkenntnisse der Kunstherapeutin universell, also auf die ganze Gesellschaft übertragbar sein.

In dem Beitrag „Selbstwirksamkeit durch ‚Bewegte Kunst‘“ äußerte Sinda Vögele sich schon zum Projekt „aaAffentanz“, das sie zusammen mit Smaida Brestrich und Jennifer Lichtenberger ins Leben gerufen hat. In der Schule, und später auch im Beruf, spielt künstlerische Entfaltung in unserer Gesellschaft keine sehr große Rolle mehr. Doch gerade im kreativen Ausdruck scheinen für Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft und auch unabhängig von womöglich körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen, große Potenziale zu schlummern. Das erlebte auch Sinda Vögele ganz konkret. In ihrer Bachelorarbeit zeigt sie auf, wie sich Kunsttherapie nutzen lässt und welchen Bezug sie zur Identitätsfindung hat.

FRIEDA im Gespräch mit Sinda Vögele

FRIEDA: Was bedeutet Identität für Sie?

Sinda Vögele: Diese Frage lässt sich vielleicht ganz gut mit einer Aussage von mir beantworten, die ich im Rahmen eines Projektes mit dem Titel „wohair“ im Jahr 2017 machte: „Ja es gehört zu mir, das raue, weiche Haarkissen. Und ja, es trägt in sich die Bündelung der Seilstärke. Drehe, greife, steche, reiße jede einzelne Dreadlocke, damit sie sich gemeinsam rhythmisch auf- und ab bewegen können. Da ich sie brauche – als Schutz und Kraftquelle zugleich.“ (wohair 2017, Sinda Wasser)

(c) Sinda Vögele

FRIEDA: Das heißt, Ihre Haare machen für Sie entscheidend auch Ihre Identität aus?

Sinda Vögele: Ja, unbedingt. „wohair“ war damals bewusst als Wortspiel gemeint. Meine Haare sind ein sichtbarer Teil von mir, der signalisiert, dass meine genetischen Wurzeln auch etwas mit meiner kulturellen Identität zu tun haben, die hierzulande eben nicht charakteristisch ist. Sich der eigenen Haare anzunehmen, braucht Kraft und Geduld, ist manchmal ein Kampf und vergleichbar mit der Suche nach sich selbst.

Das Thema Haare ist durchaus relevant, da es immer wieder Herausforderungen mit sich bringt, krauses, gelocktes Afrohaar zu besitzen, während die deutsche Mehrheitsgesellschaft glattes Haar trägt, woran sich auch der Beautymarkt sowie sämtliche Drogeriegeschäfte orientieren. Wegen meiner Haare bin ich auch hier in Deutschland oftmals mit Distanz und Vorurteilen konfrontiert, die mir Ungepflegtheit, Wildheit oder Ähnliches zuschreiben.

Dann gibt es auch immer wieder Situationen, wo mir quasi fremde Menschen ungefragt in die Haare fassen, nur um mal zu testen, „wie sich so was anfühlt“, und dabei die Grenzen meiner eigenen Person ignorieren. Das ist eine Art Übergriff, der aber auch zeigt, dass es ein Bedürfnis gibt, über das „Begreifen“ zu erfahren, wie sich das Fremde anfühlt.

Im Rahmen des Projektes „wohair“ sagte ich: „Es braucht Geduld und Widerstand zugleich, sich meiner Afrohaare bändigbar zu machen. Undurchsichtbar, unsichtbar, Haar sichtbar“. Das Wort „Undurchsichtbar“ ist eine Wortneuschöpfung und sie deutet an, wie schwer es ist, die Welt nach „richtig und falsch“, „schwarz und weiß“ zu unterscheiden. „Unsichtbar“ spielt auf den geringen Status von schwarzen Menschen zur Zeit des Kolonialismus bis teilweise heute an. „Haar sichtbar“ ist ein Statement des Sich-Zeigens, ein Bekenntnis zu mir selbst und meiner Identität, Spiegel meiner Selbstentfaltung sozusagen. Um zum Bekenntnis zu sich selbst geht es ja bei uns allen mehr denn je. Die Kunst kann gerade hier eine wertvolle Hilfe sein.

Einschub FRIEDA: Manche meinen ja, dass Haare sogar so etwas wie Sende- und Empfangsantennen der Seele seien, eine Erweiterung des Nervensystems sogar, weswegen auch die Indianer und die Germanen lange Haare getragen haben sollen…

Sinda Vögele: Haare wurden sicherlich lange unterschätzt, gerade auch in Bezug auf die Identität. Haare stellen für mich ein Symbol der Macht und des Widerstandes dar. Vor dem Hintergrund, dass Haare in der Geschichte und in den Traditionen vieler Völker mehr als nur „eine Mode“ waren, bekommen sie eine zweite Bedeutung. So waren z.B. Dreadlocks nicht nur ein Symbol der Naturverbundenheit, sondern spiegelten auch den Gedanken der Rebellion wider und wurden daher auch zum politischen Statement.

(c) Sinda Vögele

Ich selbst trage deutsche sowie afrikanische Gene in mir, was natürlich besonders an meinen Haaren sichtbar wird. Ich kenne das Gefühl, von Deutschen und auch von Afrikanern, als die „Andersartige“ betrachtet zu werden. Damit sitze ich in Bezug auf meine Identität zwischen den Stühlen, doch ich lernte in der Zeit meines Studiums, meine eigene Identität selbst zu definieren. Identität ist für mich generell etwas, das wir für uns immer wieder neu erkunden müssen. Dazu passt auch noch ein Zitat von Hermann Hesse: „Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades.“

FRIEDA: Was bedeutet eigentlich autoethnografische Darstellung genau?

Sinda Vögele: Unter Autoethnographie versteht man einerseits eine Forschungsmethode, andererseits eine Form wissenschaftlicher Dokumentation. Es geht darum, eigene erlebte Erfahrungen zu deuten und zu beschreiben. Dabei geht man davon aus, dass subjektiv Erlebtes helfen kann, soziale und kulturelle Phänomene besser zu verstehen.

Das könnte man grob in etwa so ausdrücken: „Meine Geschichte hat auch mit der Geschichte von anderen zu tun.“ Zeichnungen, Briefe, Tagebücher und andere Dokumente dieser Art sind Ausdruck des eigenen Zugangs zum inneren Erleben. Wird dieses Material im Sinne der autoethnographischen Methode interpretiert, lassen sich daraus Erkenntnisse über gesellschaftliche Strukturen ableiten. Mich interessiert besonders das eigene Feld des Forschens in seiner Subjektivität. Dieser Zugang wurde auch zur Wissensgenerierung in meiner Bachelorarbeit.

FRIEDA: Neben Ihrem Studium an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg betreuten Sie über einen Zeitraum von zwei Jahren einen 42-jährigen schwerstbehinderten Mann, der aufgrund einer spastischen Lähmung einen sehr hohen Bedarf an Assistenz hat. Sie führten mit diesem Mann, der in Ihrer Bachelorarbeit Michael genannt wird, ein kunsttherapeutisches Projekt zu Hause durch. Was führte Sie von der eigenen Auseinandersetzung mit der autoethnographischen Methode und Ihrer Identitätssuche zu der Entscheidung, das Thema „Entfaltung der Individualität in der Kunsttherapie“ am Fallbeispiel eines spastisch gelähmten Mannes näher zu untersuchen?

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Sinda Vögele: Die Frage, wie geht die Gesellschaft mit Menschen um, die „anders“ sind, und welche Möglichkeiten bietet die Kunst zum Selbstausdruck besonders für jene, die als „anders“ wahrgenommen werden, beschäftigte mich dazu im Vorfeld intensiv, nicht zuletzt eben aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als afrodeutsche Frau.

Bei Michael ist es so, dass seine massive Bewegungseinschränkung verbunden mit einer geistigen Behinderung seine Teilhabe an der Gesellschaft stark limitiert. Schon seit seiner Kindheit kann er die Welt buchstäblich nicht wie andere Menschen begreifend wahrnehmen und sich eben auch nicht entsprechend mitteilen. Wer derart stark motorisch und mental beeinträchtigt ist, vermittelt bei anderen, „normalen“ Menschen, leicht das Gefühl, dass er eben auch nicht viel wahrnehmen oder gar ausdrücken kann. Doch das habe ich bei Michael keinesfalls so erlebt. Hinsichtlich seiner sozialen Kompetenz verfügt er über ganz erstaunliche Möglichkeiten, wenngleich er eben teilweise auf andere als die uns bekannten Ausdrucksmittel zurückgreifen muss.

So habe ich mehrmals miterlebt, wie er in verschiedenen Situationen und zwischenmenschlichen Begegnungen sehr genau spürte, welche Dynamik subtil gewirkt hat. Das versuchte er auch zum Ausdruck zu bringen, etwa durch verschiedene Lautäußerungen. Kommunikation lebt generell ja auch von der Motorik, wozu die Gestik und die Mimik genauso gehören wie die eigentliche Sprache. Die Maßstäbe, die wir in der Gesellschaft haben, auch bei der Kommunikation, orientieren sich aber zumeist an dem Gewohnten. Dabei vergessen wir oft, dass Menschen, die aufgrund von Sprach- oder anderen Problemen über einen anderen Werkzeugkasten verfügen, trotzdem das Bedürfnis haben, sich auszutauschen.

(c) Sinda Vögele (Bild von „Michael“)

Und, wie sich bei Michael zeigte, war die Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks für ihn eine Brücke, um ganz ungeahnte Potenziale freizulegen. Daher halte ich kunsttherapeutische und spielerische Elemente für enorm wichtig, was das gesamte menschliche Miteinander angeht, zumal wir ja immer mehr in Richtung „Leistung“ tendieren, wo alles gemessen und beurteilt wird, wo wir funktionieren sollen. Kunst hingegen ist völlig wertfrei und lässt einfach nur entstehen, wenn der Raum dazu da ist.

FRIEDA: Auf welche Weise sind Sie dann bei Michael kunsttherapeutisch tätig geworden?

Sinda Vögele: Bei Michael nutzte ich kunsttherapeutisch die Interventionsmethode der „Dritten Hand“, um ihn in seiner Kommunikationsfähigkeit zu fördern. Die Erfahrungen und neuen Erkenntnisse wurden dann im Prozess des Malens mit dem Krankheitsbild der „Spastik“ in der phänomenologischen Werkbetrachtung dokumentarisch festgehalten. Das klingt nun ein wenig akademisch, aber in der Praxis sah es einfach so aus, dass Michael und ich mit unterschiedlichsten Techniken, darunter geführtes Zeichnen, Meditation über Farben, rhythmisches Malen nach Musik und mit dem Einbeziehen von Erdpigmenten, miteinander arbeiteten.

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Michael malte liebend gern zu Musik. Dafür fing er auf einem aufgestellten Holzbrett, auf dem ein Papier befestigt war, mit dem Bleistift an zu zeichnen und wurde dabei durch meine rechte Hand unterstützt, damit er weder den Stift fallen ließ noch unbeabsichtigt den Kontakt zum Papier verlor. Daher die „Dritte Hand“. Die Kunsttherapeutin Edith Krahmers beschreibt das als „eine Hand, die im kreativen Prozess hilft, ohne aufdringlich zu sein, ohne Bedeutung zu verzerren, oder eigene bildnerische Ideen oder Vorlieben dem Patienten aufzudrängen, die nicht seine eigenen sind. Die dritte Hand muss fähig sein, bildnerische Dialoge zu führen, den verbalen Austausch ergänzen oder ersetzen.“

FRIEDA: Für die kunsttherapeutische Begleitung von Michael nutzten Sie zusätzlich auch noch das „Phänomen des Dreiecks“, die „Nonverbale Kommunikation“, die „Sinnesdiagnostik“, die „Humorvolle Begegnung“ und das Malen mit „Farbe und Symbol als Ausdruck der Gefühle“. Was hat es damit auf sich?

Sinda Vögele: Ja, diese Methoden nutzte ich vor dem Hintergrund der Frage: Wie lässt sich die Entfaltung der Individualität von Menschen mit spastischer Lähmung in der Kunsttherapie fördern? Dabei stellte ich die These auf, dass die Entfaltung der Individualität für Menschen mit spastischer Lähmung als Kommunikationsmöglichkeit von wesentlicher, psychologischer Bedeutung ist, gerade auch mit Blick auf ihren Selbstwert und somit auch ihr Gefühl für Identität. Es ging darum, die Phänomene des individuellen Ausdrucks bei diesem Menschen sichtbar zu machen.

Die Phänomenologie kommt von dem Wort „Phänomen“, was sich aus dem griechischen Wort „phanomenon“ ableitet und so viel heißt, wie: „Das, was sich zeigt“. Es wird in kunsttherapeutischen Settings genutzt, um den Übergangsbereich zwischen subjektiver und objektiver Wirklichkeit unterscheiden zu lernen. Die subjektiven Lebensprozesse, die durch das Malen sichtbar werden, benötigen ein tiefes Verständnis für die Person, die die Arbeiten erschaffen hat. Denn die arbeitende Person zeigt ihre Innenraumerfahrung.

FRIEDA: Wie wirkte sich die kunsttherapeutische Begleitung konkret im Leben von Michael aus?

Sinda Vögele: Die meiste Aufmerksamkeit geht bei Michael über die Augen. Daher nimmt er viele Signale der Außenwelt über die Mimik und Gestik anderer Menschen wahr. Ich beobachtete, dass er immer wieder Blickkontakt zu mir aufbaute und dann weitermalte. Bei neuen Formen teilte er mir über seine Augen und sein Lächeln mit, wie sehr er sich freute. Je häufiger wir gemeinsam malten, desto öfter kam Michael in ein Flow-Erleben: Sein Arm wurde lockererer, so dass er besser fließende Bewegungen vollziehen konnte.

(c) Sinda Vögele (Bild von „Michael“)

Das äußerte sich auch am Bildaufbau, indem er klarere Strukturen abbildete, die sich in einem Kern zeigten. Je nachdem, wie schnell die Musik war, oder wie ich Michael motivierend unterstützte, zum Beispiel durch positive Rückmeldung oder Resonanz, veränderten sich seine Bewegungen. Seine steigende Selbstsicherheit zeigte sich in einem starken Krafteinsatz. Seine stetige Freude signalisierte er mir, indem er mit mir durch Augenkontakt und freudigen Lauten in den Dialog ging.

Es war für mich sehr berührend zu erleben, wie Michael trotz seiner schweren Beeinträchtigungen durchaus über eine grundsätzlich humorvolle Verfassung verfügt. Das mag ihm, wie ich vermute, Kraft geben, seiner Lähmung im Rahmen seiner Möglichkeiten zu trotzen und mit enorm viel Willenskraft den Prozess des Malens fortzusetzen, ihn dann auch selbstbestimmt zu beenden.

So erlebte ich bei starken Gefühlen, die wir miteinander teilten, wie zum Beispiel der Freude, dass Michael diese nutzte, um neue Bewegungen als Körpererleben auszudrücken. Michael beendete das Bild mit einem lauten glückserfüllten Lachen, was mich regelrecht ansteckte, und wo mir Tränen vor Rührung in die Augen kamen. Beim zweiten Hinsehen erkannte ich auf seinem Bild die Spur eines kleinen gelben Herzens.

Trotz der Lähmungen war er in der Lage, den Pinsel in zwei gegensätzlichen Richtungen zu führen. Ich hatte das Gefühl, dass er kognitiv das Symbol des Herzens kannte, und er mir gegenüber ein Zeichen unserer guten und herzlichen Verbindung zum Ausdruck bringen wollte.

FRIEDA: Welchen Einfluss hatte die Auseinandersetzung mit Michael für die Wahrnehmung Ihrer eigenen Identität?

Sinda Vögele: Durch die Arbeit mit ihm musste ich mich auch einmal mehr mit meiner eigenen Individualität und Identität als afrodeutsche Frau auseinandersetzen, denn es gab auch neugierige, sogar misstrauische Blicke von einigen Leuten, wenn ich mal mit Michael unterwegs war. Diese Blicke signalisierten: „Wie kommt eine schwarze Frau dazu, einen behinderten Mann zu pflegen?“ In gewisser Hinsicht versuchte ich dann meinen eigenen Blick für die Frage zu schärfen: Wer definiert eigentlich das Fremd- und Zugehörigkeitserleben? Die starke und besondere Beziehung zu Michael half mir, auch in solchen Situationen ich selbst zu bleiben und mich solchen Blicken zu stellen.

Ich habe insgesamt viele Selbsterkenntnisse bei meiner künstlerischen Arbeit mit Michael und mir erleben dürfen. Es war auch eine herausfordernde Tätigkeit für mich, da ich wenig Vorerfahrung in der Eins-zu-eins-Betreuung hatte. Ich denke jedoch, dass ich nicht allen Bedürfnissen von Michael gerecht werden konnte. Im Rückblick auf meine Tätigkeit merkte ich schon zu Beginn, wie prägend diese Beziehung für beide werden würde. Ich bewundere Michael, wie demütig er mit seinem Schicksal umgeht. Sein großes Potenzial liegt darin, viele Menschen zu berühren und zueinander zu führen. Mit seiner lebensbejahenden Haltung inspirierte er mich, die unterschiedlichen facettenreichen Momente in der Kunsttherapie als große Bereicherung anzusehen.

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In der Begegnung im künstlerischen Prozess liegt im Allgemeinen das enorme Potenzial kunsttherapeutischer Interaktion und ich halte es für sehr wünschenswert, dass solche Elemente gesamtgesellschaftlich mehr akzeptiert werden. Vor, während und nach meinem Studium habe ich ja auch als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet. Dabei merkte ich viele Male, dass Konflikte oftmals auf Ego-Ebene ausgetragen werden, aus dem Verstand heraus also. Das aber führt normalerweise zu keinen konstruktiven Lösungen, sondern meist nur dazu, dass sich die Fronten verhärten, weil das Spüren und das Spielerische auf der Strecke bleiben. Im gemeinsamen Erleben künstlerischer Gestaltung merken wir Menschen hingegen, dass wir im tiefsten Inneren alle mit sehr ähnlichen Prozessen zu tun haben.

Heute stehen schon viele Kinder im Kindergarten unter Leistungsdruck, oft sogar bewusst oder unbewusst durch die eigenen Eltern angelegt. Das steigert sich dann meistens noch in der Schule. Wenn die Kinder dann auffällig werden, diagnostiziert man Symptome und/oder verordnet Präparate, ohne dass die Ursachen der Konflikte, die oftmals bei den Erwachsenen zu suchen sind, näher betrachtet werden. Wenn beispielsweise ein Kind wütend wird, versuchen Erwachsene oft, es zu beschwichtigen oder sogar mit Süßigkeiten abzulenken. Da geht es dann auch häufig wieder um Themen wie Macht und Ohnmacht.

Eine andere Herangehensweise wäre in solch einem Fall, das Kind ein Wutbild malen zu lassen. So können sich die Gefühle kreativ kanalisieren und das Wutbild, bei dem alles erlaubt sein darf, können sich die Eltern/Erzieher dann ansehen und vielleicht bestätigen: „Oh, da sieht man aber, dass du wirklich ganz doll wütend warst!“, statt das Bild intellektuell vom Verstand her zu analysieren. Gefühle kreativ auszudrücken, sie buchstäblich abzubilden, kann sehr heilsam sein und auch die Entwicklung hin zur Selbstermächtigung begünstigen.

FRIEDA: Als „bereichernde Entdeckung“ im Zuge der Auseinandersetzung mit Ihrer Bachelorarbeit nennen Sie eine Diplomarbeit von Olaf Sauck mit dem Titel „Selbstermächtigung jenseits pädagogischer Verfügungsansprüche? Eine Befragung des Empowermentkonzeptes für geistig behinderte Menschen“. In dieser Arbeit geht es auch um das Thema Macht im engeren und Machtmissbrauch im weiteren Sinne. Angesichts der Tatsache, dass sich der Staat immer mehr in familiäre Angelegenheiten einzumischen scheint, halte ich die Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstermächtigung und mit den Möglichkeiten der Kunst für außerordentlich wichtig, und zwar nicht nur für behinderte Menschen, sondern für alle. Dabei sei dahingestellt, ob wir nicht alle mehr oder weniger geistig behindert sind, solange wir das Gemeinsame hinter der Vielfalt nicht erkennen und wertschätzen (…). http://bidok.uibk.ac.at/library/sauck-selbstermaechtigung-dipl.html#idm913280

In der Arbeit mit Michael war ja die Empowerment-Methode eines der zentralen Instrumente für Sie. Empowerment bedeutet Ermächtigung. Die Selbstermächtigung dürfte angesichts der zunehmenden Machtansprüche „von außen“ also für uns alle immer wichtiger werden. Was bedeutet Selbstermächtigung für Sie?

Sinda Vögele: In meinem Studium habe ich zusammen mit meiner Kommilitonin Antonia Silva und Ertan Sevim als Fotograf autoethnographisch zum Thema Empowerment der Afrodeutschen Identitätsbefragung parallel zur Arbeit bei Michael gearbeitet. Die Empowerment-Bewegung wirkt als ressourcenstärkendes Element, um die gemachten Erfahrungen der Gefühle von Ohnmacht, Zweifel und Ablehnung aus autoethnographischer Sichtweise zu verwandeln. Dafür bedarf es einer sensiblen und vertrauten Beziehung, damit solch ein Rahmen gelegt werden kann.

(c) Sinda Vögele

Um nochmal auf „wohair“ zurückzukommen. Der Titel entstand ja als Anspielung auf die Frage „Wo kommst du her?“ in Kombination mit dem englischen Begriff für Haare (hair). Das Wortspiel deutet auf die Internationalität hin, verweist zudem auch auf die Wurzel der Antirassismus- und Empowerment-Bewegung, die in den USA von Menschen wie beispielsweise Malcom X, Martin Luther King und anderen geprägt wurde. Die Gesellschaft wird daran erinnert, wie „schwarze Menschen“ stigmatisiert und ausgegrenzt wurden.

Ich sehe daher ein großes Potential in der Übertragung des Empowerment-Gedankens auf die (kunsttherapeutische) Arbeit mit Menschen mit (spastischer) Behinderung, um auch sie in ihrer Identität und Individualität zu stärken.

Die Sozialteilhalbe für Menschen mit hohem Assistenzbedarf aufgrund einer spastischen Lähmung sollte noch stärker in unserer Gesellschaft gefördert und unterstützt werden. Menschen mit einer spastischen Lähmung haben das Recht auf die Entfaltung ihrer Persönlichkeit, wie alle anderen auch. Ihre Anerkennung der Individualität und ihr Recht auf Entfaltung sind bereits im Grundgesetz festgeschrieben. Diese Basis der Ressourcenarbeit ist wiederum für das Empowerment–Konzept ein wichtiger Bestandteil.

Es ist an der Zeit, dass die Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und Zuwendung auch für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft Gehör finden. Dazu greift der Inklusionsgedanke: „Dass die Menschen in der Gesellschaft die Grundlage von Einfühlungsvermögen und Wertschätzung in ihr Weltbild mit integrieren.“

FRIEDA: Mit Ihrer Bachelorarbeit berühren Sie, wie ich finde, ganz existenzielle Fragen unseres menschlichen Seins, u.a. die der Menschwürde generell. Was kann Kunsttherapie Ihrer Ansicht nach leisten, wenn es um die Entfaltung der Persönlichkeit geht?

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Sinda Vögele: Kunsttherapie ist für mich so spannend, da es die zwei Bereiche Kunst und Therapie vereint und damit vielen Menschen Türen öffnet, die Unterstützung brauchen und durch die Kunst ihre eigene Schöpferkraft finden. Darüber kann ein sehr tiefgreifender Heilungsprozess in Gang kommen. Bei Michael habe ich ja bewusst auch das Empowerment-Konzept zur Unterstützung seiner eigenen Ressourcen herangezogen, damit er ein Bewusstsein über seine Selbstermächtigung erfährt. Empowerment, also Hilfe zur Selbstermächtigung, halte ich dabei für einen zentralen Schlüssel, wenn wir als Menschen Gefühle der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins überwinden und uns selbst eine Stimme geben wollen, besonders auch gegenüber jenen, die sich noch im Besitz der Macht wähnen.

FRIEDA: „Deutschland steigert Rüstungsausgaben um mehr als zehn Prozent. Die Bundeswehr investierte im vergangenen Jahr 5,1 Milliarden Euro – eine Steigerung um mehr als zehn Prozent. Vom gemeinsamen Nato-Ziel ist sie aber noch weit entfernt.“, schrieb der Spiegel am 18.01.2017. 5,1 Milliarden Euro – davon ließen sich viele Farbtöpfe und Pinsel kaufen. Ich wünschte, in unserer Regierung gäbe es eines Tages mehr Kunst- und Musiktherapeuten. Wie sehen Sie das?

Sinda Vögele: Ja, ich finde, dass der Einsatz von Kunst- und Musiktherapeuten deutlich mehr vom Staat gefördert werden sollte. Die Arbeitsrealität als Erzieherin im Kindergarten konfrontierte mich wiederholt mit dem großen Bedarf der Kinder an freier kreativer Entfaltung und individuellem Ausdruck. Je früher man diese Möglichkeiten unterstützt, desto besser. Das halte ich für sehr viel wichtiger als Investitionen in technischen Fortschritt, denn die psychosoziale Situation unserer Gesellschaft zeigt doch schon längst, woran es wesentlich mangelt.

FRIEDA: Wie geht es nun für Sie persönlich weiter?

Sinda Vögele: Mit meiner Ausbildung als Erzieherin und dem Studium als Kunsttherapeutin habe ich eine gute Grundlage, um nun zu erkunden, auf welche Weise ich meinen eigenen Selbstausdruck in die Welt tragen kann. Im Juli habe ich die Möglichkeit, in Italien im Rahmen des Metaforum Sommercamps für einige Wochen zu hospitieren. Dort treffen sich alljährlich Menschen, die eine holistische, systemische und integrative Sichtweise in ihre Arbeit einfließen lassen. Es geht um Begegnung, Austausch und das Erleben gemeinsamer Prozesse. Ganz besonders freue ich mich, dass Dr. Hans Hein vom Forum Synergie, der ja für FRIEDA mehrfach interviewt wurde, dort auch als Referent sein wird. Pädagogik und Kunsttherapie werden weiterhin die Grundpfeiler meiner Arbeit sein, doch meine Kenntnisse möchte ich noch in Richtung systemischer Zusammenhänge erweitern. Ein Zitat von Moshe Feldenkrais drückt wohl ganz gut aus, was ich damit meine: „Erst wenn man weiß, was man tut, kann man tun, was man will.“

FRIEDA: Vielen Dank für Ihren lichtvollen Dienst und weiterhin alles Gute!

FRIEDAs Kaffeekasse:

 

Danke.

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Monetäres für FRIEDAs Kaffeekasse