Rechte und linke Ideologien…

...und was sie mit missglückter Bindung zu tun haben könnten...

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Rechte und linke Ideologien

Rechte oder linke Ideologien, Frühsexualisierung von Kindern, Massentierhaltung, künstliche Agrarwirtschaft – könnte das alles irgendetwas miteinander zu tun haben und wenn ja, was?

Wir Menschen sind Bindungswesen. Wir brauchen Kontakt und Empathie. Gärtner wissen, dass ein Samenkorn eine nährstoffreiche Erde benötigt, damit es keimen und Wurzeln bilden kann. Der Keimling braucht Sonnenlicht, damit die Blätter zum Himmel wachsen können und die Pflanze irgendwann reife Früchte trägt. Man sagt „Erst im Sturm zeigt sich die Kraft eines Baumes“. Ein Baum, dessen Wurzeln schwach ausgebildet sind, weil die Erde ihn nicht adäquat versorgt und dessen Stamm und Äste verkümmern, weil er zu wenig Sonnenlicht erhält, ist anfälliger für Parasiten und Witterungseinflüsse.

Ein paar Gedanken zur aktuellen Frühsexualisierungsdebatte

Wir leben in Zeiten, in denen die Frühsexualisierung von Kindern zum Politikum gemacht wird. Ginge es nach einigen Politikern und anderen Interessengruppen, sollen bereits kleine Kinder dazu motiviert werden, sich – im Beisein fremder Personen (!) – mit ihrer Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Darüber sind zu Recht viele Eltern besorgt. Immer mehr von ihnen protestieren sogar dagegen und es bleibt zu hoffen, dass das sensible Thema Sexualität nicht auch noch an selbsternannte Experten weitergereicht wird mit der womöglichen Konsequenz, dass Kinder noch mehr irritiert werden. Frieda findet, wir dürfen Kindern zutrauen, dass sie selbst ihr Tempo bestimmen und zu diesem Tempo gehört auch der Fragehorizont des Kindes, an dem sich die Erwachsenen orientieren sollten und nicht umgekehrt. Ein Kindergartenkind kann sich noch nicht angemessen dazu äußern, ob es diese Art von „Pädagogik“ möchte oder nicht. Und solange es das nicht kann, obliegt den Eltern die Sorgfaltspflicht und nicht dem Staat.

In Kindergärten, Schulen und so genannten Jugendhilfeeinrichtungen sind viele Betreuer/Therapeuten oft gar nicht darauf vorbereitet, ihre Schützlinge dort abzuholen, wo sie sind, zuweilen nicht einmal dann, wenn es um banalere Themen als um Sexualität geht. Werden diese Betreuer/Therapeuten gar kritisiert, steigen sie mitunter in die narzisstische Abwehr ein und verbünden sich gegen jene, die nicht ihrer Meinung sind, beispielsweise gegen engagierte Eltern. Diese Dynamik erleben wir gerade auch in der öffentlichen Diskussion um das Thema Frühsexualisierung. Es wird pauschalisiert, angegriffen – aber zu selten nachgefragt. Über das Nachfragen aber entsteht Kontakt. Indem wir fragen, erfahren wir etwas über das Gegenüber, nicht indem wir annehmen, bereits zu wissen, was das Gegenüber meint!

Narzissmus und andere Störungen

Auch ein Kind braucht Rahmenbedingungen, um sich später im Leben verwurzelt fühlen und gleichermaßen die Bereitschaft zum Wachsen, dem Streben nach dem Licht, entwickeln zu können. Es braucht Urvertrauen. Die Folgen missglückter Bindung begegnen uns auf vielerlei Weise. Narzisstische Persönlichkeiten entscheiden über die Geschicke der Welt. Ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung sehr stark ausgeprägt, sind die Grenzen zur Psychopathie fließend. Krankhafte Ich-Erhöhung, Macht- und Kontrollwahn gehören zu den möglichen Folgen. In seinem Werk „Politische Ponerologie“ schildert Dr. Andreji M. Lobaczewski, welche Charaktermerkmale Menschen ausmachen, die politische Ämter aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörung missbrauchen.

Auch Volker Elis Pilgrim hat sich mit dem Thema beschäftigt. In seinem Buch „Muttersöhne“ untersucht er die Biografien berühmter Diktatoren, darunter Hitler, Napoleon und Stalin. Im ersten Kapitel, das die Überschrift „Missglück der Mannwerdung“ trägt, schreibt er: „Männer machen die Welt kaputt. Nicht alle tun das. Wer macht es und warum? Es gibt Männer, die ihrer Arbeit nachgehen und sich ihrer Liebe widmen, die keine Lust auf Blutbäder und Schauergeschehnisse haben. Was unterscheidet sie von den Gewaltfreuden und Abgründen, die nicht leben und leben lassen wollen?“

Seelische Ressourcen – von nichts kommt nichts…

Bei allen von Volker Pilgrim beschriebenen Männerbiografien fällt eine gemeinsame Schnittmenge auf: die missglückte Bindung! In der familiären Sozialisation ging eine Menge schief. Entweder hatten diese Männer gar keine Väter oder sehr autoriäre, und zumeist waren die Mütter ebenfalls autoritär, melancholisch oder depressiv oder gar übergriffig, weil das Kind dann zum Partnersersatz wurde, ein Ersatzboden, in den „sich die entwurzelte Frau“, wie Pilgrim schreibt, einpflanzen konnte. Eine als glücklich oder unglücklich erlebte Kindheit kann sicherlich nicht alles erklären, was das spätere Verhalten eines Menschen ausmacht; dennoch dürfte die Qualität der erfahrenen Bindung eine entscheidende Rolle spielen.

Je nachdem, wie stabil oder instabil das sonstige Umfeld ist, das dann zu mehr oder weniger seelischen Ressourcen führt, kann eine missglückte Bindung zu mehr oder weniger ausgeprägtem Narzissmus führen. Wichtige Entwicklungsschritte, die zu seelischer Reife und zu einem integren Erwachsenen überleiten – eine Voraussetzung für jede Demokratie – bleiben aus, wenn verlässliche Bindungserfahrungen fehlen oder aber andere belastende Faktoren auf die kindliche Entwicklung einwirkten. Um nochmal auf das Bild mit dem Garten zurückzukommen: Ein nährstoffarmer Boden (Mutter) und zu wenig Sonnenlicht (Vater) führen zu instabilen Pflanzen. Doch im Garten wie im Leben kommt noch ein Faktor dazu: Zeit! Ein Kind braucht für eine gesunde Entwicklung auch Zeit für die natürlichen Reifeprozesse. In der Landwirtschaft wird heutzutage mit Kunstdünger und Gentechnik nachgeholfen. In der Tierhaltung wird mit Antibiotika und Massenzuchthaltung versucht, möglichst produktiv zu sein. In immer weniger Zeit soll die Ausbeute möglichst hoch sein, um den unersättlichen Hunger konsumorientierter seelisch leerer Individuen zu stillen. Die Resultate kennen wir. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen all dem? Könnte der gemeinsame Nenner wiederum etwas mit Bindung zu tun haben?

Reifeprozesse brauchen Zeit

Nun will der Staat unseren Kindern die Zeit für natürliche Reifeprozesse nicht mehr zugestehen, indem der sexuellen Entwicklung vorgegriffen wird durch entsprechende Materialien in den Händen von Pädagogen, die, was anzunehmen ist, oftmals selbst nicht die Reife haben, um Kindern solch sensible Themen nahe zu bringen, zumal die Kinder diese Pädagogen gar nicht danach gefragt haben!

Dazu kommt: In unserer Gesellschaft wird Intimität oft mit Sexualität verwechselt. Intimität ist etwas, das Rahmenbedingungen und wiederum Zeit braucht. Intimität hat viel mit Kontakt und mit Begegnung zu tun und zwar nicht nur mit körperlichem Kontakt. Der körperliche Kontakt ist die Krönung einer im Vorfeld gewachsenen seelischen Bindung. So etwas lässt sich nicht durch Broschüren oder Puppen vermitteln! Eine Pflanze wächst nicht schneller, wenn man ständig an ihr zieht. Man nimmt ihr auf diese Weise die Chance auf ihre natürlichen Reifeprozesse, die im besten Fall – übertragen auf den Menschen – in vertrauter familiärer Umgebung gedeihen können. Kinder müssen sonst auf wichtige Phasen der Eigenentwicklung verzichten und opfern ein Stück ihrer Kindheit, weil – vermeintlich – Erwachsene der Ansicht sind, man könne gar nicht früh genug damit anfangen, Kinder auf Multisexualität vorzubereiten.

Ein wohlwollendes Klima schaffen

Es ist gut und wichtig, dass die Gesellschaft heute niemanden mehr ausgrenzt wegen seiner sexuellen Ausrichtung. Gewiss aber spüren Jugendliche selbst, in welche Richtung es für sie geht. Und wenn sie Rat und Hilfe benötigen, ist es an der Familie und an der Gesellschaft, beratend und unterstützend zur Seite zu stehen. Wünschenswert ist, dass die Gesellschaft dieses Klima ermöglicht und für Eltern sowie für Alleinerziehende diese Rahmenbedingungen schafft, damit auf deren Ressourcen zurückgegriffen werden kann. Alles andere ist übergriffig.

Geben wir Kindern die Möglichkeit zur Reife nicht, machen wir sie zum Bindungsobjekt und agieren unsere eigene Bedürftigkeit an ihnen aus, weil viele von uns selbst nichts mehr mit Intimität anfangen können. Warum sonst interessieren sich so viele Menschen für intime Details irgendwelcher Promis und kommentieren Medienberichte dann auch noch auf vielerlei beschämende Weise? Symptome für Bindungsunfähigkeit gibt es viele mehr.

Teile und herrsche…

Und narzisstische Persönlichkeiten begegnen uns überall. Narzissmus führt häufig zu der Haltung: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!“ Die Grenzen zum Faschismus sind dann fließend. Was hat das nun mit linken und rechten Ideologien zu tun? Missglückte Bindung führt zu Spaltung. Statt auf das Gemeinsame zu sehen, wird der Fokus auf das – vermeintlich – Trennende gerichtet. Es wird polarisiert statt integriert. Die missglückte Bindung wird dann unbewusst reinszeniert. Ob in Beziehungen oder auf der politischen Bühne: Man zerfetzt sich im Vorwurf und in der Anklage statt sich auf Augenhöhe zu begegnen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Nichts hält den Status quo mehr aufrecht als der Vorwurf und die Anklage!

Wir können von der Politik nicht mehr erwarten als von uns selbst. Je mehr sich das Volk untereinander im Vorwurf zerfetzt, desto mehr profitieren die Herrschenden davon. „Divide et impera“ (lat. „teile und herrsche“) war schon im alten Rom bekannt und bedeutet: „Spalte ein Volk oder eine Gruppe in Untergruppen auf, damit sie leichter zu beherrschen sind“. Hierbei handelt es sich also um eine schon sehr alte politische und soziologische Strategie, die sich über die Jahrhunderte zieht und heute nicht minder aktuell ist. Und was hat das nun wieder mit Bindung zu tun?

Was verbindet uns miteinander, was trennt uns voneinander?

Der Psychologe und Systemtheoretiker Norbert Bischof schreibt in seinem Buch „Das Kraftfeld der Mythen“, man müsse erkennen, dass wirklich ich-starke Persönlichkeiten keine ideologische Randständigkeit nötig haben. Extremismus, gleich welcher Coleur, sei stets eine Notreaktion, die auf eine eher schwache psychische Konstitution schließen lasse. In diesem Buch vergleicht er linke und rechte Ideologien und kommt zu einem – für Laien auf den ersten Blick – überraschenden Schluss, nämlich dass die psychologischen Urkonflikte beider Gruppen sehr ähnlich sind. Der rechte Flügel verkläre die Vergangenheit, der linke die Zukunft.

Innerlich bedürftige Menschen eignen sich früher oder später wieder Macht an. Um wahre Reformen einzuleiten, setzt es Erfahrungen der Bindung voraus, die zu einer persönlichen Autonomie führen. Nur daraus kann Freiheit entstehen! Solange wir uns nicht näher mit diesem so wichtigen Thema befassen, spielt es keine Rolle, wer am Ende wieder die Macht hat, ob links oder rechts. Integre, bindungsfähige Menschen brauchen keine Ideologien und Parolen mehr. Sie kooperieren – auf nationaler und internationaler Ebene.

Das Thema könnte man natürlich noch sehr weit ausführen. Frieda möchte anregen, aufmerksam machen und Impulse geben. Daher sollen an dieser Stelle noch einige Empfehlungen zum Weiterlesen inspirieren:

Buchtipps:

Norbert Bischof, „Moral“, Buch bestellen

Fritz Riemann, „Grundformen der Angst“, Buch bestellen

Erich Fromm, „Die Furcht vor der Freiheit“, Buch bestellen

Horst-Eberhard Richter, „Die Krise der Männlichkeit“, Buch bestellen

Robert Bly, „Der Eisenhans“, Buch bestellen

Arno Gruen, „Der Verlust des Mitgefühls“, Buch bestellen

Heinz-Peter Röhr, „Narzissmus, das innere Gefängnis“, Buch bestellen

Sabine Lichtenfels, „Weiche Macht“, Buch bestellen

Gordon Neufeld und Gabor Maté, „Unsere Kinder brauchen uns“, Buch bestellen

Norbert Bischof: „Das Kraftfeld der Mythen“ (vermutlich nur noch antiquarisch erhältlich)

Volker Elis Pilgrim: „Muttersöhne“ (vermutlich nur noch antiquarisch erhältlich)

Douglas Hyde: „Anders als ich glaubte“ (vermutlich nur noch antiquarisch erhältlich)

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