Projekt Störspur

Ein Gastbeitrag von Navina Salomon

Navina Salomon aus Brandenburg ist u.a Doula, Mutter von sechs Kindern und Herausgeberin des Magazins ADELENE. ADELENE ist ein noch recht junges Magazin, das sich auf sensible Weise mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt und Eltern-Kind-Bindung beschäftigt. Wissenschaftliche Erkenntnisse spiegeln sich in ADELENE ebenso wider wie ein Blick über den gewohnten Tellerrand. Navina Salomon ist zudem Initiatorin des Projekts Störpur. Dabei geht es um das Sammeln von Daten und Berichten, die mit Übergriffen und Machtmissbrauch gegenüber Müttern und Vätern unmittelbar nach der Geburt zu tun haben. Das frisch geborene Kind wird dabei oft als Machtmittel instrumentalisiert. So etwas geschieht besonders dann, wenn sich die Eltern für ihr Selbstbestimmungsrecht unter der Geburt engagierten. Im folgenden Gastbeitrag erläutert Navina Salomon selbst, welche Motivation genau hinter Störspur steckt:

Das Projekt Störspur – Hintergründe und Motivation

„Die schöne Geburt – Protest gegen die Technik im Kreißsaal“ lautet der Titel eines Buches, das genau jene Praktiken beschreibt und hinterfragt, die wir in so ziemlich jeder Klinik finden. Es zeigt zudem die Folgen auf, die eine – oft unnötig – überwachte und technisierte Geburt nach sich ziehen kann. Das Buch war übrigens ein Spiegelbestseller – im Jahre 1981. Fast 40 Jahre später erscheinen die Kernaussagen dieses Buches unverändert aktuell. Die Schilderungen der Eingriffe wirken an manchen Stellen im Vergleich zu den heutigen Praktiken sogar beinahe liebevoll.

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„Es ist schon reichlich verwirrend, wenn man die geschichtlich gewachsene Situation der Frau auf den Nenner bringt: Das Zentrum ihrer natürlichen Macht ist zur Quelle ihrer gesellschaftlichen Ohnmacht geworden“, (vgl. ebd. S. 59). Lassen wir uns diese Aussage auf der Zunge zergehen in einer Zeit, in der Frauen per Quote in die „gesetzliche Gleichberechtigung“ erhoben werden und sogar die deutsche Sprache zur frauenfeindlichen Schuldigen gebrandmarkt wird.

Wo sind denn die Erkenntnisse geblieben, die 1981 bereits vorhanden waren und die es damals immerhin auf den Titel des Magazins Spiegel brachten? Gab es seitdem die seinerzeit erhoffte Weiterentwicklung eines Bewusstseins für natürliche Prozesse wie Konzeption, Schwangerschaft und Geburt oder eher eine Degeneration verbunden mit der Bereitschaft zu noch mehr Fremdbestimmung?

Die Strategien, um uns von unserer natürlichen Intuition abzulenken, waren zu kaum einer Zeit größer als heute, die Kämpfe um den Körper und seine natürlichen Prozesse kaum männlicher. Und genau dieser Sachverhalt scheint kurioserweise proportional zur steigenden Anzahl an weiblichen Aktivisten zuzunehmen, Aktivistinnen, die sich jedoch oft für die falschen Ziele, wie etwa das Gender-Mainstreaming, engagieren. Denn es geht nicht darum, vermeintlich männliche Verhaltensweisen nachzuahmen, sondern darum, als Frau authentisch und selbstbestimmt für das Leben, das eigene und das der Kinder, einzutreten. Gender-Mainstreaming ist Bestandteil einer Teile-und-Herrsche-Ideologie. Es wird weder dazu beitragen, Konflikte zwischen Frauen und Männern zu beheben noch dazu führen, authentische und eigenverantwortliche Kinder zu erziehen.

(c) Navina Salomon

Schwangerschaft, Geburt und die unmittelbaren Stunden danach gehören zu den sensibelsten und prägendsten Erlebniswelten des Menschen. Doch das medizinische Establishment setzt auf Pathologisierung dieser Lebensphasen. Und dieses Establishment folgt den Gesetzen des Marktes und des Patriarchats. Im Weiblichen wirkt hingegen nach wie vor eine Ohnmacht, die ihren Ursprung in jahrhundertelanger Unterdrückung und Diskriminierung hat. Das führt dazu, dass verzweifelte Frauen Männer schuldig sprechen. Doch auch Männer sind Söhne von oftmals verletzten Frauen und Vätern. Schuldzuweisungen führen nicht weiter und sie dienen nicht entfernt dem Wohl unserer Kinder. Frauen und Männer sollten sich auf ihre innewohnenden Kräfte besinnen und sie mit Selbstverständnis einfordern – gegenüber dem medizinischen Establishment und auch gegenüber den Behörden, wenn erforderlich.

Am Beispiel der Geburt lässt sich gut veranschaulichen, was ich mit uralter Frauenkraft meine: Eine in sich selbst verankerte, authentische Frau erlebt die Geburt eines Kindes als Ekstase, sofern keine medizinischen Einschränkungen vorliegen. Eine solche Frau ist auch während der Geburt ihrer Kinder im Fluss. Sie vertraut dem Potential ihres Körpers und dem des Kindes. Doch mehr denn je kommt es aufgrund von Routineuntersuchungen und -eingriffen dazu, dass Frauen und ungeborene oder neugeborene Kinder im Hamsterrad der „Dienstleistungen“ zu Objekten gemacht werden – bis hin zu Rechtsverletzungen.

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Wir sollten uns fragen: Wo sind sie, die Frauenclans, die eine Gesellschaft gesunderhalten und lebendige Bündnisse eingehen? Wo sind sie, die Frauen, die Mut haben zu führen, ohne zu beherrschen und die nicht fragen, ob es erlaubt ist, sich wirklich kraftvoll zu zeigen, Frauen, die sich ihren ureigenen Standpunkt und ihre Aufgaben – ganz im Sinne der Frauenkraft – nicht nehmen lassen? Wo ist sie, die tatsächliche Gleichberechtigung? Wahre Solidarität unter Frauen, wie sie aus matriarchalen Ethnien bekannt ist, wird heute zu selten gelebt.

Und wahre Solidarität unter Frauen ist nicht entfernt gegen Männer! Es ist eine Ressource, von der gerade auch Männer profitieren können, denn kraftvolle und authentische Väter sind ebenso wichtig wie kraftvolle Mütter. Kinder, die optimistisch ins Leben kommen und sich orientieren können, brauchen entsprechende Vorbilder. Daher sind Frauen- und Männerbündnisse wichtig, die miteinander arbeiten und nicht gegeneinander.

Eine bereits viel zu lange währende Spirale aus Missbrauch, Kontroll- und Machtmechanismen hat sich von Generation zu Generation tief eingebrannt und macht die Seelen bis heute taub für die wahren Bedürfnisse des Lebens. Statistiken und Mutmaßungen über Dunkelziffern lassen vermuten, dass jede zweite Geburtserfahrung mit einem Gewalterleben gemacht wurde. Die Folgen sind vielfältig, machen sich häufig zeitversetzt bemerkbar und werden später daher selten dem Erleben unter der Geburt zugeordnet.

Da die meisten Gewaltakte unter der Geburt angeblich nicht absichtlich erfolgen, muss deutlich nach den Ursachen gefragt werden. Welche Mechanismen führen dazu, dass Menschen anderen Menschen scheinbar so ganz unbeabsichtigt Gewalt in den wohl intimsten und prägendsten Stunden des Lebens zufügen? Welche Rolle spielen hier Frauen gegen Frauen? Wo ist die empathische Schutzrolle der Frau für eine andere, um sie in solch einem intimen Moment nicht zu schädigen?

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Es geht dabei nicht etwa um einen Friseurbesuch, bei dem die Haare zu kurz geschnitten wurden, sondern um einen Eingriff in tiefgreifende Lebensprozesse, die wir mit moderner Wissenschaft noch nicht einmal komplett beschreiben können. Aber wir wissen, dass Interventionen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und während der ersten Prägephase, wortwörtlich genetischen Eindruck hinterlassen. Hierzu gibt es bereits umfassende und auch leicht verständliche Literatur (z.B. „Liebe lässt sich vererben“ von Prof. Dr. J. Huber).

Und allein die Frage zu stellen, ob die mittlerweile ungeheure Anzahl an behandlungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen mit psychischen Diagnosen nicht zu einem ganz entscheidenden Teil auch etwas mit genau diesen prä-, peri- und postnatalen Interventionen zu tun hat, darf in unserer Gesellschaft schon fast gar nicht laut gestellt werden. Stellt man sie doch, kommen oft prompt brandmarkende Aussagen dahingehend, man würde eine „sichere Begleitung in Schwangerschaft und Geburt“ ablehnen.

Eltern, die andere, natürliche Wege beschreiten wollen, werden inzwischen schon unter Generalverdacht gestellt und der Fahrlässigkeit verdächtigt. Die Sicherheit, auf die sich das medizinische Establishment hierbei meistens beruft, ist jedoch kaum wissenschaftlich bewiesen. Klammheimlich hat sich eine Pseudosicherheit manifestiert, die keine Hinterfragung duldet. Bezahlt wird mit dem Abgeben der eigenen Intuition und der ureigenen Kompetenzen. Wagen es Frauen doch, ihren natürlichen Impulsen mehr zu trauen als dem vermeintlichen Expertenwissen, weiß das Klinikpersonal oft nicht damit umzugehen und setzt nicht selten Drohgebärden ein, um die Frauen gefügig zu machen. Faktoren wie Zeit und Geld prägen die Situation nicht nur im Kreißsaal. Mancherorts zeigt man sich zwar „geburtsfreundlich“, doch nach der Entbindung laufen dann zumeist wieder die rationalen Mechanismen ab, bis zu den bereits eingangs erwähnten Vorfällen, wo gerade geborene Kinder als Druckmittel benutzt werden.

Die Möglichkeiten werden ganz unterschiedlich ausgeschöpft: vom ungefragten Zufüttern über die selbstverständliche Blutabnahme für ein Screening, die Vitamin K-Gabe, bis hin zum Kindesentzug unter Androhung von möglichen Gefahren, wie etwa Infektionen, welche eine Verlegung auf eine Säuglingsstation „zwingend notwendig“ machen könnte. Der Säugling ist ein potenzieller Patient, während den frisch gebackenen Eltern noch nicht einmal klar wird, dass hierdurch ihr durch die Geburt eingetretener Rechtsstatus als Sorgeberechtigte untergraben wird. Ständige Alarmbereitschaft ist angesagt. Ob so viel vorauseilende Panik in der Praxis wirklich nötig ist, steht auf einem anderen Blatt.

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Auch das Baden/Waschen und Anziehen des Kindes ohne eingeholtes Einverständnis der Eltern ist ein Übergriff, der die Machtstrukturen verdeutlicht. Dazu gehören auch häufig aufgezwungene Stillversuche im Wochenbett. Hier vermischen sich mehrere Themenfelder, darunter die geforderte Klinikroutine, welche das Personal unter Zugzwang setzt und das schlichtweg fehlende Wissen um die ursprünglichen Abläufe dieser Entwicklungsphasen. Übergriffe gegenüber Mutter, Kind und Vater, die Enteignung des Selbstbestimmungsrechtes, sind seit Jahrzehnten rund um Schwangerschaft, Geburt und Nachbetreuung eher Regel als Ausnahme.

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Seit 2013 gibt es den jährlich am 25.11. stattfindenden Tag „Roses Revolution“, ein globaler Tag, mit dem auf die Gewalt unter der Geburt aufmerksam gemacht werden soll. Er gibt Frauen/Eltern die Möglichkeit, am Ort der Erfahrung ein Zeichen zu setzen. Dieses Aufbegehren betroffener Eltern macht deutlich, dass wir es hier mit einer gesellschaftlich und gesundheitspolitisch äußert relevanten Problematik zu tun haben. Es ist wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die ersten Stunden nach der Geburt für Mutter und Kind hochsensible Momente sind.

Ein kleines falsches Wort, ein kleiner falscher Griff, ja, schon ein „falscher“ Blick, können im schlimmsten Fall ein Leben lang wirken, womöglich als unentdecktes Trauma. Die ersten Momente nach der Geburt sind intime Momente. Das Wort intim kann an dieser Stelle gar nicht genug hervorgehoben werden, um deutlich zu machen, um was es hier tatsächlich geht. Und genauso werden mögliche Übergriffe sämtlicher Art in der betreffenden – und durchaus auch in der begleitenden – Person körperlich und seelisch verankert. Eine Störspur.

Das Projekt Störspur ist genau aus dieser Beobachtung heraus entstanden und möchte Berichte und Daten von Übergriffen/Machtmissbrauch direkt nach der Geburt sammeln, denn seit einigen Jahren ist eine signifikante Zunahme solcher Fälle zu beobachten.

Um sich ein komplexes Bild von den Ausprägungen dieser Übergriffe und deren Langzeitfolgen machen zu können, wird passend zum Forschungsdesign eine Datenbank benötigt. Diese soll über Jahre einen Einblick in die Erlebnisse von Betroffenen – und wünschenswerterweise auch von Tätern – geben, um die Dimension derartiger Störspuren zu erfassen. Die Veröffentlichung von Berichten, ob als Betroffene/r oder Täter/in, wird vorerst auf der Seite adelene-magazin.de in Kooperation mit der Ärztin Sarah Schmid erfolgen.

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Nur wenn wir uns mutig der Wahrheit stellen und sie klar benennen, kann ein Wandel eintreten. Berichte, die uns erreichen, werden nicht automatisch online gestellt. Gern nehmen wir auch anonyme Berichte entgegen. Email-Adresse: dein@adelene-magazin.de oder an Sarah Schmid: http://www.geburt-in-eigenregie.de

Leitung: Navina Salomon in Kooperation mit Sarah Schmid

(Mehr zu Roses Revolution ist unter www.gerechte-geburt.de zu finden.)

Anmerkung FRIEDA:

Auch der Verein GreenBirth in Lachendorf engagiert sich für Aufklärung im Bereich „Geburtsnahe Frauen- und Kinderrechtsverletzungen“. Über diesen Verein ist die Broschüre „Kinderrechtsverletzungen während Schwangerschaft, Geburt und in den ersten Lebenstagen“ von Iris Eichholz erhältlich: https://www.greenbirth.de/de/

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