Populismus – Haben wir das Fragen verlernt?

Und wie sieht's mit dem Fühlen aus?

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„Rechter und linker Populismus. Annäherung an ein Chamäleon“ lautet der Titel eines 2012 im Campus-Verlag erschienenen Buches von Prof. Karin Priester. Auf das Buch der 1941 geborenen Historikerin und Politikwissenschaftlerin stieß ich bei der Suche nach Definitionen für den Begriff Populismus.

Dieser Begriff findet ja häufige Verwendung und weckt – meist negativ inspirierte – Assoziationen, ohne dass vermutlich jene, die diesen Begriff verwenden, dasselbe damit meinen. Aber wie soll Kommunikation auf konstruktive Weise gelingen, wenn womöglich die Interpretationen von Begriffen individuell so unterschiedlich sind?

Annäherung an ein Chamäleon?

Was hat sich die kluge Frau Priester dabei gedacht, den Titel so zu wählen bzw. welche Assoziation hatte sie womöglich dabei?

Wikipedia liefert als Erklärung für Chamäleon zumindest folgende Information: „Chamäleons weisen einige typische körperliche Merkmale auf. Auffällig sind ihr gedrungener Rumpf, der hohe Rücken und der kompakte Schädel. Zu den charakteristischen Merkmalen zählen außerdem ihre spezialisierten, unabhängig voneinander bewegbaren Augen, ihre Greifhände, die ausgeprägte Farbwechselfähigkeit der meisten Arten sowie ihre lange, zur Jagd einsetzbare Zunge. Chamäleons können ihre Körperform teilweise variieren, indem sie sich aufblähen oder am Kopf befindliche Lappen abspreizen (Physiophrenie). Dadurch ist es schwierig, einige Arten genau zu bestimmen. Die Körperformen und Merkmale sind auch innerhalb einer Art stark variabel und von Alter und Geschlecht abhängig. Ferner steht dort: „Nahezu alle Chamäleons sind in ihrem natürlichen Lebensraum gefährdet, weshalb sie unter das Washingtoner Artenschutzabkommen fallen und ihre Haltung somit meldepflichtig ist.“

Populismus und Artenschutz

Satirisch betrachtet könnte man nun daraus schlussfolgern, linke und rechte Populisten gehörten unter Artenschutz gestellt, am besten, wie ich finde, dann aber gemeinsam in einem Reservat mit ein paar Umweltpädadogen. Zumindest ahnen wir nun, woran man Links- und Rechtspopulisten anhand phänotypischer Merkmale erkennt… 😉

Was mir immer wieder auffällt in privaten Gesprächen, meist aber bei öffentlichen Debatten, ist Folgendes: Es geht oft gar nicht mehr um die „gemeinsame Schnittmenge“, sondern jeder bzw. jede achtet beim Gegenüber in erster Linie darauf, was „nicht ok ist“, was „nicht die eigene Meinung spiegelt“, was „trennt“ und nicht darauf, was uns Menschen verbindet.

Die Rechten zeigen mit dem Finger auf die Linken, die Linken auf die Rechten. Doch schon allein mit der Kategorisierung in „Links“ und „Rechts“ setzt man doch voraus, dass man weiß, was die einzelnen Menschen denken, womöglich fühlen. Vielleicht denkt die eine Seite über ein bestimmtes Thema anders als man selbst, aber über andere Themen wiederum ähnlich?

Wenn man nun davon ausgeht, dass es unzählige politisch und gesellschaftlich relevante Themen gibt, die die gesamte Menschheit betreffen, mutet es doch wie die Quadratur des Kreises an, wenn die eine Seite von der anderen zu wissen glaubt, was diese über Hunderte oder Tausende von Themen denkt bzw. wie sie fühlt?! Wie soll man dann denn noch miteinander ins Gespräch kommen?

Wer von euch ohne Liebesperlen ist…

Als gebürtige Ostfriesin finde ich ja: „Wenn der Deich zu brechen droht, sollten alle mit anpacken!“ Aber darauf zu warten wäre töricht. Darum: „Geht doch öfter mal alle zusammen in die Sauna! Oder boßeln! Oder schweigt einfach mal gemeinsam für eine halbe Stunde oder für einen Tag! Spart womöglich auch Therapiestunden beim Psychologen! Und zum Retreat bei „Schamane Ukibongo“ braucht man dann vielleicht auch nicht mehr zu gehen, um wieder zu sich selbst zu finden…

Eine Anregung noch: Statt „Talkshows“ im TeleVision, wo sich Menschen aus verschiedenen Lagern intellektuell aneinander messen, ihre Meinung verteidigen, um Redezeit buhlen, sich ereifern, beschimpfen, sich gegenseitig klein machen oder sich selbst erhöhen wollen, wäre es doch vielleicht mal eine Idee, eine „Silence-Time“ zu etablieren. „Talk-Show“ bedeutet ja schon, dass es sich um eine „Show“ handelt.

Könnte man eine Talk-Show nicht auch „Gesprächsrunde“ nennen? Und eine „Silence-Time“ vielleicht besser „Schweige-Kreis“? Beim gemeinsamen Schweigen kann nämlich etwas ganz Erstaunliches passieren: Der Intellekt kommt zur Ruhe, zappelt vielleicht noch ein wenig herum wegen der ungewohnten Herausforderung oder der „Nicht-Herausforderung“, aber möglicherweise setzt in genau diesem Moment das Fühlen ein.

Was würde wohl passieren, wenn die Moderatorin oder der Moderator beispielsweise in einer „Talk-Show“ mal den Kindergarten zum Schweigen bringen würde und sagte: „Jetzt ist aber Ruhe! Vertragt euch! Wir backen jetzt zusammen einen Kuchen! Die Linken dürfen den Zuckerguss mit roten Liebesperlen dekorieren, die Grünen dürfen grüne nehmen, die Braunen dürfen Schokoladenherzen verteilen und jede und jeder darf seine eigene Kerze auf dem Kuchen anzünden. Und wer keine Liebesperlen beisteuern will und schmollt, zu der/dem sagt dann das Moderatorenteam: „Wer von euch ohne Liebesperlen ist, der laufe noch einmal um den Pudding!“

Was das Buch von Prof. Priester angeht: Ich habe es – bis auf das Inhaltsverzeichnis – gar nicht gelesen, will das aber nachholen. Was ich mit diesem kleinen Text eigentlich zum Ausdruck bringen will: Fragt öfter mal nach! Interessiert euch für eure Geschichten! Für die Gefühle dahinter (und zu den Gefühlen gehören auch Trauer, Schmerz und Wut!), für eure Hoffnungen, Träume und Visionen! Dann nämlich werden wir vielleicht merken, wie ähnlich wir uns eigentlich alle sind – ob links, rechts, mittig orientiert, ob Menschen, die in Konzernen arbeiten, im Bioladen, bei der Müllabfuhr oder der Bank, bei den so genannten Mainstream- oder den so genannten Truther-Medien.

 

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