Mütter für Mütter

Ein Interview mit Sarah Schmid

(c) Sarah Schmidt

Früher waren es die Großfamilien oder Dorfgemeinschaften, die Frauen in der Schwangerschaft, im Kindbett und danach – im besten Falle unterstützend – zur Seite gestanden haben. Heute stehen viele Frauen weitgehend, oder teilweise auch ganz, allein da mit all den Fragen und Befindlichkeiten, die rund um das Mutterwerden auftauchen. Auf der einen Seite gab es wohl noch nie so viele Experten, Beratungsstellen und Meinungen in den Bereichen Psychologie, Erziehung und Pädagogik wie heute, auf der anderen Seite fühlen sich Frauen oft überfordert, möchten sich aber nicht unbedingt an Behörden oder an Therapeuten wenden, denn sie brauchen zumeist weder eine Therapie noch einen „Case-Manager“, sondern einfach nur Austausch mit und Unterstützung von anderen Frauen.

Sarah Schmid ist Ärztin und Mutter von sechs Kindern. Die 1981 in Halle (Saale) geborene Vollzeitmama lebt im nördlichen Elsass mit ihrer Familie. Sie traf nach der Geburt ihres ersten Kindes ganz selbstbewusst eine Entscheidung: „Gebären? Kann ich selber!“ Heute betreibt sie das Portal „Geburt in Eigenregie“. Ein Projekt, das Sarah Schmid ins Leben gerufen hat, heißt „Mütter brauchen Mütter“. Frieda war sofort vom Engagement dieser vielseitigen Frau beeindruckt und freut sich auf ein Interview mit ihr.

Im Gespräch mit Sarah Schmid

Frieda: Wie Sie im Vorfeld erzählten, bekamen Sie Ihr erstes Kind nach einer „verbesserungswürdigen“ Hausgeburt, alle weiteren fünf Kinder dann in Eigenregie und waren davon begeistert. Frieda befragte kürzlich schon Jobina Schenk, die ebenfalls zwei Kinder ganz autonom bekommen hat. Glauben Sie, dass allmählich immer mehr Frauen das etablierte Geburtshilfesystem hinterfragen und sich ihrer eigenen Ressourcen wieder bewusster werden oder steckt diese neue „Frauenbewegung“ eher noch in den Kinderschuhen?

Sarah Schmid: Die Bewegung mag noch in den Kinderschuhen stecken, aber sie wächst rasant. Es geht darum, dass Frauen ihre eigene Kraft, Kinder zur Welt zu bringen, wieder entdecken und sich aus einer durch Angst und Unwissen gesteuerten Abhängigkeit vom etablierten System frei machen. Über das Internet gibt es heute Möglichkeiten, sich zu vernetzen und zu informieren, die keine Generation vor uns hatte. Frauen merken, dass sie mit ihren Zweifeln am offiziellen System nicht allein sind, dass es viele Wege gibt, schwanger zu sein und zu gebären, ohne dass es deshalb riskanter wäre. Sie erhalten Feedback von anderen Frauen in Bezug auf ihren Verdacht, dass die Geburt ihres Kindes womöglich erst durch medizinische Interventionen kompliziert wurde, und sie sind nicht mehr nur auf die Meinung ihres Arztes angewiesen. Sie können an den Erfahrungen anderer in Echtzeit teilhaben. Das schafft enorme Freiheit und auch Mut und Vertrauen, dem eigenen Gefühl zu folgen, weil immer mehr andere Frauen es vormachen und man sich austauschen kann.

Frieda: Sie beschäftigen sich auch mit weiteren Themen rund um Schwangerschaft, Geburt und Kindheit. Welche sind das konkret?

Sarah Schmid: Ich bin jemand, der ungern einfach das übernimmt, was alle machen, sondern ich gucke: Welche Wege gibt es und welcher Weg passt zu uns? Dann probiere ich ein bisschen herum, bis ich finde: So passt es, so wird es unseren Bedürfnissen am besten gerecht. Auf diese Weise sind wir zum Familienbett, zum Tragen und Pucken und zum Langzeitstillen gekommen. Ich halte meine Babys fast von Geburt an ab, verwende Stoffwindeln als Back-up. Nicht dogmatisch, Wegwerfwindeln und Kinderwagen haben auch ihren Platz, aber eben keinen großen. Weitere Themen, die sich aus dem Leben ergeben haben: Kariesfreiheit durch Ernährung, Nicht-Impfen und natürliche (Kinder-)Gesundheit, Homeschooling/Freilernen und, was eigentlich schon immer aktuell war: Wie kann ich meinen christlichen Glauben authentisch, undogmatisch und lebendig leben?

Frieda: Familienbett? Tragen und Pucken? Was meinen Sie damit genau?

Sarah Schmid: Familienbett bei uns heißt, dass die Kinder mit mir – auf drei Matratzen am Boden verteilt – schlafen, bis sie im eigenen Bett schlafen wollen. Das wird ihrem Bedürfnis nach Nähe gerecht und meinem Bedürfnis nach Schlaf. Das jeweilige Baby schläft immer neben mir und zum Stillen brauche ich mich nur herumzudrehen. Ich habe nie verstanden, warum man sich das schwieriger als nötig machen soll. Ein Ehebett haben wir auch noch, ein Zimmer weiter. Da schläft mein Mann, der nachts lieber ungestört ist, weil er früh zur Arbeit muss.

Pucken ist eine alte Tradition, bei der man das Baby fest einwickelt. Dadurch fühlt es sich gehalten und schläft besser. Das ist auch eine Maßnahme für besseren Schlaf, die ich nicht missen möchte.

Tragen ist in unserer Gesellschaft schon mehr angekommen. Babys wollen gern nah bei ihrer Mutter sein. Sie sind dann entspannter und wenn das Baby entspannt ist, ist auch die Mutter entspannt. Was mich betrifft, kann ich allerdings nicht so viel tragen, wie ich es gern würde, weil ich in den Schultern schnell verspannt bin. Also doch nichts mit entspannter Mutter. *lacht* Praktisch finde ich da eine Trageweise, die nicht über die Schultern geht, wie sie in Afrika üblich ist. Ich habe tragetechnisch schon alles mögliche ausprobiert und bin nach vier Kindern beim Emei Baby Carrier und eben einer Decke zum schulterfreien Tragen hängen geblieben. Größere Kinder trage ich im MeiTai. Einen Kinderwagen habe ich auswärts meist trotzdem dabei. Da kommt der ganze andere Krempel rein – oder auch mal das Kind, wenn meine Schulter streiken. Zum Glück trägt auch meist der Papa, sobald das Kind schwerer wird.

Frieda: Ernährung nach Weston Price im Zusammenhang mit Kariesfreiheit – was ist darunter zu verstehen?

Sarah Schmid: Unsere Tochter bekam mit 3-4 Jahren Karies und verweigerte nach einem ersten, unglücklich gelaufenen Besuch den Zahnarzt komplett. Die Löcher wurden aber trotz völligen Zuckerverzichts größer, also habe ich im Internet recherchiert. Dort bin ich auf das Buch „Cure Tooth Decay“ (jetzt auch auf Deutsch als „Karies heilen“) von Ramiel Nagel und auf die Studien des Zahnarztes Weston Price gestoßen, der in den 30er Jahren seine Patienten mittels Ernährung erfolgreich behandelt hat. Das Buch von Ramiel Nagel hat uns geholfen, die Karies bei unserer Tochter zum Stillstand zu bringen, und auch die Abszesse verschwanden, die sie zwischendurch hatte. Heute sind ihre kariösen Milchzähne ausgefallen und sie ist kariesfrei an den bleibenden Zähnen. Ähnlich ging es mir. Meine Karies kam ebenfalls zum Stillstand. Gleichzeitig habe ich weitere gesundheitliche Verbesserungen und drei komplikationslose Schwangerschaften mit dieser Ernährung erlebt. Ich habe gelernt, dass die Ernährung einen großen positiven Einfluss haben kann, wenn man weiß, worauf man achten muss. In den seltensten Fällen – vielleicht auch nie? – ist man dazu verdammt, einfach zu leiden und nur Symptome medikamentös zu unterdrücken.

Frieda: Das klingt alles im besten Sinne ganzheitlich. Sie sind, wie eingangs erwähnt, selbst Ärztin, impfen Ihre Kinder aber nicht. Die Debatte pro und contra Impfen ist ja leider keine entspannte. Im Medizinstudium haben Sie sicherlich etwas anderes gelernt als das, was Sie nun propagieren. Waren Sie schon immer skeptisch gegenüber Impfungen oder war das eher ein Erkenntnisprozess?

Sarah Schmid: Ich war überhaupt nicht skeptisch, habe mich selbst noch im Studium brav impfen lassen. Gelernt haben wir im Studium nicht viel Neues über Impfungen. Alles, was zur Skepsis hätte Anlass geben können, jedenfalls nicht. Der Glaube an den „Impfgedanken“ wurde im besten Sinne aufrechterhalten. Die Wende kam bei mir mit der Geburt unseres ersten Kindes – wie bei vielen Eltern, wie ich inzwischen weiß. Damit ändert sich viel, man denkt noch mal ganz neu nach – schließlich will man ja das Beste für’s Kind und da will man sich 100% sicher sein. Also habe ich recherchiert und gefunden, dass es wissenschaftlich gar nicht bewiesen ist, dass Impfungen gesünder machen und in vielen Fällen ist auch nicht wirklich bewiesen, dass eine Impfung tatsächlich vor der Krankheit schützt, vor der sie schützen soll. Da ich mit der Ernährung so gute Erfahrungen gemacht habe, setze ich also lieber darauf, eine robuste Gesundheit durch Ernährung und Lebensstil zu schaffen. Die trotzt dann auch den Krankheiten, gegen die nicht geimpft wird oder werden kann. Sowieso denke ich, dass das Immunsystem sehr gut geschaffen wurde und keinen Verbesserungsbedarf durch im Labor zusammengemischte Substanzen hat. Es braucht anderes, um sich gut zu entwickeln, aber bestimmt nicht das.

Frieda: Homeschooling/Freilernen sind weitere Themen, mit denen Sie sich beschäftigen. Homeschooling dürfte ja für viele Familien nicht realisierbar sein, womöglich in manchen Fällen auch nicht wünschenswert. Ist für Sie Homeschooling und Freilernen dasselbe? Was verstehen Sie darunter?

Sarah Schmid: Freilerner mögen es zum Teil gar nicht, wenn man sie als Homeschooler bezeichnet. *lacht* In der Theorie bedeutet Homeschooling Schule zu Hause mit Stunden- und Lehrplan und allem. Freilernen dagegen bedeutet, das Kind ohne vorgegebenes Programm im eigenen Takt lernen zu lassen. In seiner Reinform gibt es beides sicherlich auch, in der Realität befinden sich die meisten Familien aber wohl irgendwo zwischen beiden Extremen. Und so ist es bei uns auch. Unsere Kinder lernen vorwiegend frei, mir ist aber wichtig, dass sie die Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen halbwegs altersentsprechend beherrschen. Da wir in Frankreich leben, ist diese Form des Lernens auch ohne Verfolgung durch den Staat möglich.

Frieda: Authentisches, unreligiöses Christsein – ein weiteres Anliegen von Ihnen. Was heißt das für Sie?

Sarah Schmid: Ich bin als Tochter eines evangelischen Pfarrers aufgewachsen. In der Kirche habe ich viel tote Religiosität erlebt, Rituale und fromme Äußerlichkeiten, aber im Inneren war kein Leben, kein Herz. Jeder hat versucht, vor dem anderen gut dazustehen und jeden verurteilt, der sich irgendwo angreifbar gemacht hat. Im Inneren waren dabei alle einsam in ihrer Selbstgerechtigkeit und Angst, Fehler zu machen. Aber darum geht es bei Jesus ja nicht. Da geht es um das Herz, man darf Fehler machen und ist trotzdem geliebt. Wenn man Jesus in seinem Herzen begegnet, dann kommt Leben hinein und Freiheit. Das genaue Gegenteil von dem also, was die Religion daraus gemacht hat. In dieser Freiheit will ich leben, ganz in Gottes Liebe aufgehen. Dann kann Menschenfrucht mein Handeln nicht diktieren und ich bin frei, furchtlos ich selbst zu sein. Das ermöglicht auch einen angstfreien, unverkrampften Umgang miteinander. So sollte Gemeinde sein und ich sehne mich danach, dass sie so wieder wird.

Frieda: Ihr Projekt „Mütter brauchen Müttern“ soll Frauen im deutschsprachigen Raum vernetzen. Was genau ist Ihr Anliegen dabei?

Sarah Schmid: Früher im Dorfverband hatten junge Mütter immer erfahrene Mütter in der Nähe, die sie im Alltag mit ihrer Erfahrung und ihrem Rat unterstützen konnten. Heute bleiben wir selten am Ort unserer Kindheit und leben zumeist isoliert von einem stützenden Familiensystem. Das gibt uns große Freiheiten. Die Nachteile bemerken wir Frauen meist dann, wenn wir Kinder bekommen. Ansprechpartner für alle anstehenden Fragen sind Ärzte, Hebammen, Lehrer und ähnliche Experten geworden. Aber Ärzte haben meist keinen so praxisnahen Bezug zum Kinderaufziehen. Hebammen sind rar und betreuen auch nicht weiter als bis ins Wochenbett. Und Lehrer haben zu viele Kinder, um ein einzelnes wirklich sehen und begleiten zu können, geschweige denn die Eltern. Im Gegensatz zu einer anderen Mutter herrscht im Dialog mit den „Profis“ außerdem immer ein Experten-Laie-Gefälle. Oft bleiben die Frauen mit ihren tatsächlichen Nöten allein oder haben nur das soziale Netzwerk im Internet. Als frischgebackene Mutter habe ich mich selbst oft allein gefühlt. Gerade mit dem ersten Kind verändert sich sehr viel im Leben. Mit „Mütter brauchen Mütter“ wollen wir Mütter im deutschsprachigen Raum vernetzen – aber nicht nur virtuell, sondern Treffen und Austausch im echten Leben ermöglichen. Eine Liste ist im Entstehen, die auf unserer Webseite www.muetter-brauchen-muetter.de, der gleichnamigen Facebook-Gruppe und auf meiner Webseite www.geburt-in-eigenregie.de einsehbar ist. In diese, nach Postleitzahlen geordnete Kontaktliste, kann man sich eintragen lassen, wenn man Kontakt in der Nähe sucht, vielleicht auch etwas von Mutter zu Mutter anbieten kann (Erfahrung, Beratung, Begleitung etc.). Das Ziel ist, ein so dichtes Netz zu schaffen, dass es überall in erreichbarer Nähe Kontaktmütter gibt, an die sich junge Mütter oder Mütter die Hilfe, Rat oder auch nur Gesellschaft suchen, wenden können. Es geht quasi darum, den Frauenverband des früheren Dorfes in modernem Gewand wieder auferstehen zu lassen.

keine Abbildung vorhandenFrieda: Sie sind Vollzeitmama, betreiben ein Internetportal und schreiben Bücher. Das ist eine ganze Menge, was Sie da leisten! Der Titel einer Neuerscheinung von Ihnen lautet „Alleingeburt“. Er spricht zwar für sich, aber worum geht es dabei im Einzelnen?

Sarah Schmid: Den Titel „Alleingeburt“ hat meine Verlegerin gewählt, weil sie ihn prägnanter fand. Der Untertitel „Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie“ stammt von mir und trifft es wohl noch eher. Es geht darum, Schwangerschaft und Geburt in die eigenen Hände zu nehmen und gut informiert so zu gestalten, wie man das selbst möchte. Das Buch beleuchtet unter anderem die ganzen Was-wenn-Fragen und Ängste unserer Gesellschaft, aber auch die Argumente der Geburtshelfer auf ihre wissenschaftliche Stichhaltigkeit. Und es zeigt Möglichkeiten abseits der gängigen Vorsorge- und Geburtsmaschinerie auf. Außerdem enthält es einen Teil mit Erfahrungsberichten von Frauen, die geplant oder ungeplant zu Hause in Eigenregie – also ohne die Anwesenheit einer Hebamme – geboren haben.

Frieda: Herzlichen Dank für das Gespräch!

(c) Sarah Schmid
Familie Schmid
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