Missbrauch – Eine Gesellschaft von Tätern?

Stockholm-Syndrom: Der blinde Fleck

Tatort photo
Foto: http://pixabay.com/en/users/cocoparisienne

In einem Vortrag mit dem Thema „Das falsche Leben – Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“ spricht Dr. Joachim Maaz, Psychoanalytiker und Psychiater aus Halle, deutliche Worte. Unter „Normopathie“ sei zu verstehen, so Dr. Maaz, dass das Kranke, Gestörte dann nicht mehr als krank/pathologisch erkannt werde, wenn die Mehrheit einer Bevölkerung  auf eine bestimmte Weise denke und handele. Noch im Nationalsozialismus geboren, erlebte Dr. Joachim Maaz später den Sozialismus in der DDR und landete, wie er sagt, inzwischen in einer narzisstischen Gesellschaft.

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Ich empfehle, sich den Vortrag von Dr. Maaz auf youtube selbst anzuhören. Seine Äußerungen decken sich in weiten Teilen auch mit der Einschätzung von Dr. Galuska, der 2010 zusammen mit anderen Leitern psychosomatischer Kliniken den „Aufruf zum Leben“ initiiert hat. Tausende Ärzte machen mit diesem Aufruf auf die psychosoziale Lage in Deutschland aufmerksam und artikulieren ihre tiefe Erschütterung über das Ausmaß seelischer Erkrankungen und psychosozialer Probleme, unter deren Folgen wir alle direkt oder indirekt zu leiden haben. Zu diesen Folgen gehören auch ein Verwaltungsapparat mit (vermeintlichen) Experten und eine Pharmaindustrie, die mit Antidepressiva und vielen anderen „Anti-Mitteln“ Geschäfte mit der seelischen und mentalen Befindlichkeit unserer Gesellschaft machen. Das vorweg.

Von Tätern, Opfern und Missbrauch

Eigentliches Thema dieses Beitrages ist Missbrauch vor dem Hintergrund der Frage, ob unsere Konsumgesellschaft womöglich unbewusst an einem so genannten Täterintrojekt und/oder am Stockholm-Syndrom leidet. Es gibt erneut eine Menge Quergedachtes und Beispiele, um zu veranschaulichen, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Auch Dr. Hans Hein, Arzt und Psychotherapeut aus Hannover und Gründer des Forums Synergie, trägt wieder einige Gedanken zu diesem großen Themenkomplex bei. Da ich mich als Bloggerin nicht an konventionelle journalistische Regeln halten muss, ist dieser Artikel heute also wieder eine Mischung aus eigenen Wahrnehmungen, Schlussfolgerungen, Beobachtungen ergänzt mit Sichtweisen anderer Menschen, die sich Gedanken zur Situation unserer Welt gemacht haben – und auch über mögliche Lösungen.

Letzten Endes führt, so denke ich, kaum ein Weg daran vorbei, uns zu fragen: Was brauchen wir wirklich, um als Menschen auf dieser Erde koexistieren zu können, ohne uns weiterhin jahrezehntelang gegenseitig im Vorwurf und in der Anklage zu zerfetzen und somit zu zerstören?

Missbrauch: Folge oder Ursache von Trauma, Dissoziation und Täterintrojekten?

„Misshandelt, missbraucht und ausgebeutet – Das Geschäft mit dem Kindeswohl“ lautet ein Beitrag, den das Kulturstudio auf seinem youtube-Kanal am 08.06.2017 freigestellt hat und der am Ende dieses Beitrages eingebunden ist. Interviewt wurde dort Dr. Andrea Christidis. Sie ist Psychologin und absolvierte zusätzlich Studiengänge in den Bereichen Forensik und Kriminalistik. Zudem ist sie systemische Familientherapeutin.

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Dank Dr. Andrea Christitis von der „Gießener Akademie UG“ als Spezialistin, und dank der so genannten alternativen Medien, bekommt die öffentliche Wahrnehmung von Kindesmissbrauch, und den damit oft einhergehenden Verstrickungen mit Behörden, Wirtschaft und Politik, allmählich mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Eigentlich müsste das Thema für einen kollektiven öffentlichen Aufschrei sorgen, doch der blieb bisher aus. Warum? Haben wir keinen Zugang mehr zu unseren Instinkten? Oder zu unserer Intuition, weil wir nicht engagiert und vereint dafür eintreten, unsere Kinder zu schützen? Leiden wir gar alle an einer Art Stockholm-Syndrom? Oder an kollektiver Anosognosie? Sind wir so traumatisiert und somit dissoziiert, dass uns die eigene Erstarrung und Ohnmacht gar nicht bewusst sind?

Missbrauch hat eine lange Tradition

Das Quälen von Kindern und Frauen hat eine sehr lange Tradition. In dem Interview „Linie 41: Kollektive Anosognosie?“ wurde schon teilweise auf die (nicht immer, aber oft männliche) Gewaltbereitschaft eingegangen. Auch Kirchen spielten sehr lange, und spielen heute noch, eine schattenreiche Rolle bei dieser Thematik.

Betrachten wir den Missbrauch von Frauen und Kindern, so scheint das alles oft schon etwas Kulthaftes zu haben, etwas, das seit Jahrtausenden wie durch ein unsichtbares Spinnennetz miteinander verwoben zu sein scheint. In den Interviews mit Dr. Hilde Schmölzer und Dr. Heide Göttner-Abendroth wird angedeutet, dass es in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit durchaus lange friedliche und gewaltfreie Perioden gab. Friedliches Zusammenleben orientierte sich in matriarchalen Ethnien an der Mutterlinie, Ethnien, die in sich stabil waren und nur durch gewalttätige Einflüsse von außen erschüttert wurden.

Doch was hat das alles für Konsequenzen für unser heutiges Leben, den Missbrauch von Kindern und Frauen und auf die Tatsache, dass Verbrechen dieser Art immer noch einen Tabubereich darzustellen scheinen?

Die Opfer kommen nicht zu Wort, die Täter werden geschont…

Zunächst ein Exkurs, bevor Dr. Hans Hein sich zu einem umfangreichen Fragenkatalog äußert: Vor Jahren war ich in Bremen zur Premiere des Filmes „Wenn einer von uns stirbt, ziehe ich nach Paris“* eingeladen. Ich war damals in Begleitung eines guten Bekannten und Psychologen im Kino. Der Regisseur, Jan Schmitt, arbeitete mit dem Film das Schicksal seiner Mutter auf. Sie wurde als Mädchen von einem Jesuitenpater über einen längeren Zeitraum missbraucht. Ihre Eltern wussten davon. Der Missbrauch setzte sich auch später im Leben der Mutter fort. Sie nahm sich viele Jahre später das Leben. Mit dem Film wollte Jan Schmitt nicht nur die Geschichte seiner Mutter aufarbeiten, sondern das Thema mehr ins öffentliche Bewusstsein holen. HD-campus.tv befragte ihn u.a., warum denn nur Frauen in dem Film vorgekommen seien. Seine Antwort dazu ist bei HD-campus.tv zu finden – einfach mal reinhören!

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Die Antwort des Filmemachers führt bei mir zu Fragen wie: Wieso repräsentieren Frauen aufgrund der Art und Weise, wie sie über das Thema sprechen, die ganze Gesellschaft, zumal dann, wenn Männer gar nicht gefragt wurden? Welche Art hätten denn Männer gehabt, damit umzugehen? Diese Fragen lasse ich bewusst einfach mal offen…

Jan Schmitt suchte auch den Jesuiten-Pater auf, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten in einer Senioreneinrichtung lebte und nie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurde. Ob dessen Antworten als Mann, und in diesem Fall als Täter, womöglich auch einen Großteil der (männlichen?) Gesellschaft repräsentieren, darf sich jede/r am Ende dieses Beitrages selbst beantworten! Der Täter wurde im Film anonymisiert. Der Dokumentarfilm stützt sich wesentlich auf Aufzeichnungen aus dem Leben der Mutter.

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Nach der Film-Premiere in Bremen damals gab es eine Diskussion mit Jan Schmitt und dem Publikum. Dabei wurde etwas Überraschendes deutlich: Der befreundete Psychologe, ich nenne ihn hier mal Dr. M., mit dem ich an jenem Abend im Kino war, sagte im Rahmen der Diskussion, mit dem Film werde der Missbrauch – unbewusst – wiederholt. Dass der Jesuitenpater sich sogar dazu autorisiert fühlte, den Regisseur bei der Begegnung mit ihm zu „segnen“, deute auf dessen – womöglich ebenfalls unbewusste – Absicht hin, Jan Schmitt in eine Komplizenschaft zu verwickeln.

Am Ende, so Dr. M., blieben die ungelebten Gefühle wie Wut, Trauer und Ohnmacht im (Familien-)System fixiert, bis sie sich wiederum woanders Ausdruck suchten…

Das Publikum reagierte auf die Einwände von Dr. M. irritiert, teils sogar empört. Eine der Zeitzeuginnen des Missbrauchsopfers sagte in dem Film, sie denke, Mechthild sei für die Familienharmonie geopfert worden. Was damit gemeint sein könnte, dürften Menschen nachvollziehen können, die schon Erfahrungen mit Familienaufstellungen gemacht haben. Eine weitere Zeitzeugin in dem Film fand, Mechthild hätte eine „vollkommen verkehrte Schau vom Glauben“ gehabt (…).

Die Schattenseiten unserer Gesellschaft

Jan Schmitt sagt im Interview mit HD-Campus TV, dass zunächst kein Festival den Film hatte zeigen wollen. Das spricht m.E. dafür, dass die innere Bereitschaft hinzuschauen, wozu jahrelanger Missbrauch führen kann, nach wie vor gering ist. Warum?

Vielleicht, weil Missbrauch in seinen vielen möglichen Ausprägungen in der Gesellschaft so verbreitet ist? Vielleicht auch, weil möglicherweise Menschen damit zu tun haben könnten, die in der Öffentlichkeit Ansehen genießen? Missbrauch, von emotionaler Erpressung bis hin zu sexuellen Übergriffen, kommt „in den besten Familien“ vor. Daraus ließe sich schlussfolgern, dass es gerade bei diesem Thema eine Art kollektiven Schatten geben könnte; niemand will sich gern damit auseinandersetzen, weswegen das Thema – wenn überhaupt – meistens nur mal kurz in den Medien auftaucht, dann aber auch schnell wieder verschwindet, ohne dass die Bandbreite der Problematik öffentlich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und analysiert wird. Das Thema ist ein heißes Eisen.

In einem weiteren Interview, das auf dem Blog www.meinsol.de veröffentlicht wurde, stellte man dem Filmemacher diese Frage:

„In Ihrem Film treffen Sie den Pater, der Ihre Mutter missbraucht hat, zeigen das Treffen aber nicht und halten diese Begegnung filmisch äußerst kurz. Warum?“ (Quelle: http://www.meinsol.de/blog/show.phtml?cbID=33844)

Antwort J. Schmitt: „Natürlich hätte ich den Pater mit versteckter Kamera besuchen können, dann Gesicht und Stimme verfremden, dann wäre ich juristisch abgesichert gewesen. Aber mir geht es um das Opfer, nicht um den Täter. Ich wollte deutlich machen, dass das Schweigen weitergeht. Zum Abschied hat er mir mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn gegeben und sagte, er hoffe, meine Mutter im Himmel wiederzusehen. Da wurde mir bewusst, dass er mich so auch ins Schweigen einbinden will.“ (Quelle: http://www.meinsol.de/blog/show.phtml?cbID=33844)

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Die Reaktion des Jesuitenpaters spricht für sich: Beschönigen, Leugnen der Tat, so zu tun, als habe es das Opfer so gewollt. Er hoffe, Mechthild habe sich nicht seinetwegen umgebracht und es sei damals eine „gute Zeit“ gewesen (…).

Für Mechthild führte der Missbrauch zu einem mehr oder weniger ruinierten Leben, dem sie im Alter von 53 Jahren selbst ein Ende setzte.

Der Film von Jan Schmitt macht den Umgang mit dem Thema Missbrauch in unserer Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad deutlich. Dass er, selbst in diese Familiendynamik hineingeboren, dieses Thema filmisch aufzuarbeiten versuchte, war für ihn sicherlich zunächst einmal Herausforderung genug und insofern lässt sich nachvollziehen, dass er das Thema überwiegend opferorientiert behandelte. Der Regisseur wollte deutlich machen, dass das Schweigen nicht zu Ende ist und hat das auf seine, ihm zum damaligen Zeitpunkt mögliche, Weise getan.

Ich möchte mit diesem Beitrag Jan Schmitts Anliegen, das Schweigen zu brechen, aufgreifen und das Thema um einige Gedanken zur Täterschaft und deren mögliche Hintergründe ergänzen. Missbrauch und Täterschaft – das sind nach wie vor gesellschaftliche Schattenthemen, die oft mit viel Angst, Scham und vielleicht mit Traumata verbunden sind. Um das Thema aus seinem Schattendasein zu holen, braucht es m.E. eine tiefergehende Betrachtung, für die auch dieser Beitrag nur ein Puzzleteil ist, aber, so hoffe ich, ein paar neue Impulse bieten kann.

FRIEDA im Gespräch mit Dr. Hans Hein

FRIEDA: Missbrauch von Frauen und Kindern, teilweise in ritualisierter Form, ist leider kein Thema, das der Vergangenheit angehört. Worauf führen Sie zurück, dass die Lust am Quälen, besonders in Bezug auf Frauen und Kinder, in unserer „modernen“ Gesellschaft noch (oder wieder?) ein derart gravierendes Problem darstellt?

(c) Dr. Hans Hein, Forum Synergie

Dr. Hans Hein: Ihre Fragen bieten natürlich Raum für eine sehr umfassende Behandlung der Thematik. Dazu möchte ich eigentlich eine große Überschrift bezogen auf das Kernmodell, das mich beschäftigt, voranstellen. Es beinhaltet die Annahme, dass die Menschheit das Bewusstsein als Gehirn dieser Erde darstellt und sich in den Jahrtausenden ihrer Existenz einige Marotten angewöhnt hat, die als Gewohnheiten fortlaufend funktionieren. Alles, was wir tun, ist mit einer unglaublichen Intelligenz gelernt, wiederholt und trainiert worden, und es wird als Schwingungsmuster in Form von Ritualen und Fallen so lange fortgesetzt, bis es eine Änderung gibt, die entweder notgedrungen oder freiwillig geschieht.

Die Inhalte dessen, was dieses Menschheitsgehirn gelernt hat, sind völlig gleichgültig, egal, wie der Inhalt ist, ob Mord, Totschlag, Missbrauch, Vertreibung, Flucht, Hilflosigkeit – alle Thematiken funktionieren als eigenständige Module, die ständig wiederholt werden. Unsere Traumata sind genauso Wiederholungsmuster wie alles andere.

Zum Stockholm-Syndrom: Das meint ja, dass Opfer, von beispielsweise Misshandlungen, eine emotionale Bindung mit dem Täter eingehen. Täter gehen da im Vorfeld oft strategisch vor, indem sie widersprüchliche Botschaften signalisieren, um womöglich zunächst einmal das Vertrauen des anvisierten Opfers erlangen wollen. Widersprüchliche Botschaften finden wir überall dort, wo das Denken und das Handeln nicht im Einklang sind. Man spricht dabei auch von Double Bind. Besonders Kinder sind da natürlich schnell irritierbar, weil sie vertrauen und das ja auch müssen, da ihr Überleben davon abhängt.

Wir sind grundsätzlich Wesen, die Beziehungen brauchen, um zu überleben. Gerade bei Kindern ist dieses Bedürfnis natürlich noch sehr ausgeprägt. Wächst ein Kind in einem Umfeld heran, in dem viele ambivalente Signale auf es einwirken, indem beispielsweise bei den Eltern das Reden und das Handeln widersprüchlich sind, entsteht bereits Verwirrung, denn Kinder spüren noch, was wahr ist und was nicht; sie büßen diese Fähigkeit jedoch ein, wenn es dem Umfeld an Wahrhaftigkeit fehlt. In der Folge überrascht es da wenig, wenn unsere Kinder an Wahrnehmungsstörungen leiden. Aber nicht unsere Kinder sind falsch, sondern mit dem Umfeld stimmt etwas nicht!

Zur Rolle der Religionen, besonders mit Blick auf den Monotheismus: Da gibt es ja den schönen Satz von Nietzsche, dass Gott tot sei. Dazu habe ich zwei Grundprovokationen. Eine davon lautet, dass alles, was als Religion existiert, sich ja darauf beruft, dass Gott irgendwelchen Menschen etwas diktiert oder mit ihnen geredet habe und ich behaupte, dass Gott das nicht macht, sondern es gibt immer nur Menschen, die behaupten, Gott habe mit ihnen geredet. Gott redet nicht mit den Menschen. Viel provokanter finde ich, dass Gott nicht tot sei, denn meiner Ansicht nach ist Gott eine Erfindung, ein menschengemachtes „Mem“.

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Die Erfindung eines Gottes oder einer Autorität ist eine uralte Gewohnheit von Menschen, die zu erklären versucht haben, wie die sie im Zweifelsfall zerstörende Natur funktioniert und da ist dieses Mem entstanden, das die Information trägt, die bestimmende Autorität sei immer außerhalb von uns selbst und die Kunst sei eben, sich zu unterwerfen, um diese Autorität freundlich zu stimmen. Das zieht sich ja durch die ganze Menschheitsgeschichte in Form von Anbetung von Menschen, Ritualen, was es da so alles gibt, auch Festspiele, z. B. in Oberammergau. „Stimme den drohenden Gott gnädig!“, ist der Kern des Stockholm-Syndroms!

Die Kirchen, insbesondere die monotheistischen mit dem maßregelnden Vatergott als moralische Instanz, dessen lebensferne Gebote „Du sollst nicht…!“ seit langem im kollektiven Unbewussten verankert sind und somit weitergereicht werden, sorgten für eine Neigung zur Unterwürfigkeit gegenüber vermeintlichen Autoritätspersonen. Die Kirche hat sich dieses Konzeptes immer bedient und macht das heute noch. Daher umgibt sie als Institution, die Sexualtätern sogar oft noch als Schutzraum dient(e), eine beinahe unantastbare Aura der Rechtschaffenheit, auch wenn es hinter den Mauern vor despotischen Charakteren nur so wimmelt. Denn wer früher dieses Dogma anzweifelte, wurde als Ketzer verbannt oder landete als Hexe auf dem Scheiterhaufen. Auch diese Erfahrungen befinden sich noch als Mem, also als Muster, im Unterbewusstsein und sie hinterließen schwere Traumata.

Sexualstraftäter, gerade im Bereich Kindesmissbrauch, finden sich ja auch nicht selten genau dort, wo sie Zugang zu ihrer Zielgruppe haben. Dass diese Problematik nach wie vor da ist, kann unterschiedliche Ursachen haben, darunter lebensfeindliche Rahmenbedingungen, unbewältigte traumatische Erfahrungen und Dogmen, aber eben zuweilen schlichtweg auch die, dass Leute mit schweren Persönlichkeitsstörungen eben solche Taten verüben, die sie fallweise womöglich noch durch religiöse Konstrukte rechtfertigen.

FRIEDA: In Bezug auf die Frage zur Existenz Gottes, teile ich Nietzsches sozialdarwinistische Auffassung ganz und gar nicht, aber ich möchte dazu jetzt kein weiteres Fass aufmachen. Die Kirche predigt doch Vergebung. Selbst bei Vorliegen schwersten Missbrauchs wird von den Opfern kirchenseitig oft erwartet, dass den Tätern vergeben wird. Wie ist das einzuschätzen?

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Hans Hein: Das ist einer der üblen Tricks bei der Sache. Vor der Vergebung kommt die Wut, doch dafür lässt die Kirche keinen Raum. Die Wut verbleibt somit im System und sucht sich als Energie dann oft andere Kanäle des Ausdrucks, nicht zuletzt eben auch Aggression gegenüber sich selbst bei den Opfern, wie am Beispiel von Mechthild, der Mutter des Regisseurs, zu sehen ist. Ihre Umgebung schwieg und die Täter innerhalb der jeweiligen Institutionen rotteten sich noch zusammen, damit die Wahrheit nicht ans Licht kam. Man sagt, wenn die Wahrheit ans Licht zu kommen droht, wird die Lüge bekräftigt und dabei nimmt man in Kauf, dass die Opfer kein Gehör bekommen und die Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden. Vergebung ist aber erst über einen Prozess möglich, bei dem die Täter Verantwortung für ihre Taten übernehmen müssen, was sie aber in der Regel eben nicht tun – und in diesem Verhalten auch noch gesellschaftlich unterstützt werden, indem entweder geschwiegen wird oder aber indem die Opfer als unglaubwürdig hingestellt werden.

Was Täter zu Tätern und Opfer zu Opfern macht, ist dabei eine andere Frage, auf die sich aber nur Antworten finden lassen, wenn wir diese Thematik aus dem Tabu-Bereich holen und sachlich erörtern, wobei eben auch systemische Verstrickungen relevant sind. Traumata lassen sich nicht wegbeten, sondern oft nur durch intensive Prozesse, die auf allen Ebenen des Seins stattfinden, Schritt für Schritt heilen. Es mag den Opfern helfen, eines Tages in eine innerlich vergebende Haltung zu kommen, aber das kann man nicht von Kindern erwarten, die durch diese Ereignisse oft ein Leben lang als dissoziierte Menschen nicht in der Lage sind, auch nur annähernd ihr Potenzial zu leben, sondern maximal von Menschen, die den schmerzhaften Weg der Auseinandersetzung mit ihrem Leid bewusst gegangen sind. Den Tätern geht es ja zumeist gut, denn sie wähnen sich im Recht in ihrer irrigen, oft religiös untermauerten Ansicht, das Opfer habe es so verdient.

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Wie verbreitet diese Meinung ist, wird ja auch anhand der Äußerung deutlich, Mechthild habe eine „falsche Schau“ vom Glauben gehabt. Hinweise auf die Tradition, Kinder und Frauen zu quälen, sind ja schon im Alten Testament, und teils noch viel früher, zu finden. Wenn man bedenkt, wie lange Frauen brauchten, um sich gegen diese buchstäbliche Unterdrückung aufzulehnen und wie schwer es auch heute noch oftmals in vielen Gesellschaften für Frauen – und auch für authentische Männer – ist, sich in ihrer Wahrhaftigkeit zu zeigen, sind wir meiner Meinung nach da noch nicht entscheidend weitergekommen.

In Religionen, gerade auch über die Dogmen des Christentums, wo vom „Kind Gottes“ erwartet wird, alles zu dulden und zu vergeben, wird die Kinderliebe idealisiert, damit sich der „Herrscher“ stark fühlen kann. Aber wir können Ängste und Schmerzen nicht abspalten oder abtöten, weil die Angst an die irdische Existenz gebunden ist. Da hilft auch keine Flucht in geistige Welten, um sich darüber unantastbar zu machen.

Wenn wir ergründen wollen, warum Missbrauch von Frauen und Kindern solch eine lange Tradition hat und gerade heute wieder so um sich zu greifen scheint, kommen wir auch nicht umhin, uns die Dynamiken in Gesellschaften generell anzusehen, von denen die meisten immer noch nach dem Herrscher-Sklaven-Prinzip funktionieren. In solchen Systemen bestimmen immer die Herrschenden über Moral und diese Moral gilt in der Regel nur für die Sklaven, während sich die Herrschenden alle Freiheiten herausnehmen – und zwar rücksichtslos. Die Botschaft der archaischen Herrscher-Sklaven-Haltung an die Sklaven lautet: „Ihr habt kein Recht, Kritik zu üben!“ Das zielt darauf ab, die Sklaven und ihr Aufbegehren, für sich selbst einzutreten, zum Schweigen zu bringen. Und die Sklaven (das Kind in ihnen) übernehmen – unbewusst – bereitwillig diese Rolle, weil sie nicht anders können als sich schuldig zu fühlen. Rebellieren sie trotzdem, folgen Einschüchterungsversuche und Sanktionen.

Wir sind es oft gar nicht mehr gewohnt, Dinge zu Ende zu denken, bis sie zu einer Lösung führen, zumal die Einschüchterungen so installiert werden, dass ein lösungsorientiertes Zu-Ende-Denken nicht mehr möglich ist. Kommt man bei einer bestimmten Instanz nicht weiter, verweist man an eine höhere Instanz in der Hierarchie. Die Herrschenden sind davon überzeugt, dass das, was sie tun, richtig ist. Je unsicherer die Leute in sich selbst sind, desto mehr rotten sie sich dann zusammen und vermeiden die Chance des Austausches und der Kooperation, und je weniger sie sich selbst spüren, desto mehr wähnen sie sich im Recht (vgl. „Das Ei“ von Leo Tolstoi). Dabei geht das Gewissen für die soziale Verantwortung verloren. Wir fallen oft immer wieder in die Opferrolle – das kann auch ein mütterliches Introjekt sein, weil viele von uns auch die Mutter als Täter erlebt haben, also als jemanden, der gegen uns war, oder zumindest als Bezugsperson anders war als wir sie gebraucht hätten. Darum sind wir damit identifiziert und merken das oft nicht mal.

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Wenn also wenige „regieren“ und viele folgen, was im Patriarchat der Fall ist (und durch Patriarchate entstand ja erst das Herrscher-Sklaven-System), begünstigt das ein Klima der Ohnmacht und Lustfeindlichkeit. Letzteres führt nicht zur Reifung integrer Persönlichkeiten, sondern zu mehr oder minder gestörten narzisstischen Charakteren. Das unterstützt ein faschistisches System der Folgschaft und Unterwerfung.

Die Herrschenden lassen sich nicht in Frage stellen und alle identifizieren sich mit den Tätern. Es gibt Überlieferungen, nach denen früher dunkelhäutige Sklaven spürten, wenn „der Herr“ mal wieder missmutig war und um ihn gnädig zu stimmen, boten sie sich freiwillig für Schläge an.

Es gibt auch diese Geschichte mit dem Titel „Das Glück in der Sklaverei – Aufstand in Barbados“. Darin geht es um ein Begebenheit, die sich 1838 zugetragen haben soll. Rund zweihundert Sklaven, Frauen, Männer, Kinder, wurden in die Freiheit entlassen, doch darin fanden sie sich nicht zurecht. So suchten sie eines Tages ihren früheren „Herren“ auf und baten ihn, sie doch wieder aufzunehmen, was dieser verweigerte. Nachdem alles Flehen und Bitten der Sklaven nicht half, massakrierten sie ihren ehemaligen Herrscher und dessen Familie. Sie konnten mit ihrer Freiheit einfach nichts anfangen.

Eine ähnliche Dynamik sehen wir ja heute in unterschiedlichen Ausprägungen, wenngleich die „Schläge“ nicht immer physischen Ausdruck haben müssen, sich aber beispielsweise in immer mehr Kontrolle und Überwachung äußern – doch wer überwacht wen und wer überwacht die Überwacher? Und wer lehnt sich wirklich dagegen auf? Die, die es tun, werden als paranoide Verschwörungstheoretiker bezeichnet, obwohl Überwachung und Kontrolle allgegenwärtiger werden.

Und nachdem die Kirche als Institution in Erleuchtungsfragen nicht mehr so angesagt ist, treten immer mehr selbsternannte Propheten auf, die irgendetwas in anderen Menschen befreien oder erlösen wollen, darunter oft Männer mit Erlöserfantasien „im Namen Gottes“, doch damit werden wieder Hierarchien geschaffen, wieder Herden von „Jüngern“ generiert, die irgendeiner „Autorität“ hinterherlaufen, ein Seminar nach dem nächsten buchen in der Hoffnung, doch endlich das Unerlöste zu wandeln. Doch Befreiung und Erlösung sind eine Illusion, die angeboten wird, um Menschen die Idee zu verkaufen, dass sie sich mit Workshop A oder Seminar B den oft leidvollen und wenig schmeichelhaften Prozess der Auseinandersetzung mit ihren tiefsten Verletzungen ersparen können. In diesen, oft esoterischen, Kreisen präsentieren sich Heilsbringer als formelhaft, magisch und omnipotent. Aber auch sie verkaufen eben nur eine Mogelpackung, wenn sie so tun, als ließen sich die Prozesse der Entwicklung bei anderen beschleunigen. Wenn bei einigen Individuen aus deren Kundschaft hier und da dann mal eine Träne kullert, deuten die Heilsbringer das auch noch als Beweis ihrer Wirksamkeit.

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Tatsächlich aber geht es ums Anschauen, ums Akzeptieren und ums Fühlen. Wenn das gelingt, kann daraus innere Souveränität erwachsen, was nicht heißt, vor weiteren Verletzungen und Enttäuschungen verschont zu bleiben, aber wer souverän ist, kann erwachsen agieren und braucht nicht mehr wie ein kleines Kind in der Ohnmacht zu erstarren. Wir sind zwar alle miteinander im System verbunden, aber in erster Linie mit unseren Neurosen und unserer Zerstrittenheit, nicht in unserer kindlichen Offenheit!

FRIEDA: Nun dürfte vielen Menschen die eigene Traumatisierung, ob sie nun aus dem eigenen Leben oder der Ahnenreihe stammt, nicht bewusst sein. Wozu führt das?

Hans Hein: Bei dem Thema mit den Traumata kommt der Faktor hinzu, dass jedes biologische Wesen so eine Art Wohlfühlahnung hat, also eine Ahnung davon, wie es stressfrei existieren kann. Hat nun ein Kollektiv, oder ein Individuum, das ist ganz gleich, Traumata erlitten, so tendiert es dazu, sich auflösen zu wollen. Und jetzt kommt das Fatale: Das geschieht immer dadurch, dass sie sich re-inszenieren mit der Bitte oder mit dem Angebot, das Trauma jetzt zu vollenden und abzufackeln, was an gestauter Energie im Körper gespeichert ist (vgl. Peter Levine). Also jedes Trauma ist ein Muster, das in uns auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene fixiert ist und solange es nicht in seinen Entspannungs- oder Auflösungszustand überführt ist, wiederholt es sich. Und das ist auch deshalb so fatal, weil ungelöste Traumata empfänglich für Angebote der Manipulation machen. Das ist dann ein Thema der Politik, die all diese Muster, wie Vertreibung, Gewalt, Missbrauch, Krieg etc. nutzt und die Menschen in einem gewünschten Feld – absichtlich oder zufällig – festhält, ein Feld, das nicht der möglichen Souveränität der Menschen entspricht.

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Unsere Gewohnheit, mit Traumata zu leben, ist evident, denn wir kennen es nicht anders. Auch die Idee, die Dr. Immanuel Velikovsky dazu hat, ist ja ganz genial, dass auch Traumata, die durch geologische oder andere Ereignisse verursacht wurden, im kollektiven Unbewussten verankert sind, wie Naturkatastrophen generell, darunter Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche etc., wenn sie nicht bewältigt worden sind. Etwas bewältigt zu haben, bedeutet, dass ein Trauma keine Kraft für eine Re-Inszenierung speichert. Und viele Trauma-Muster sind als so genannte Meme im Feld abrufbar. Ich denke dabei an eine Klientin bei einer Aufstellung, die in der Übernahme einer irrationalen Rettungsaktion versucht hat, die zurückliegenden kollektiven Verbandelungen ihrer kriegstraumatisierten Familie zu bewältigen. Sie hatte dafür – natürlich unbewusst – ein System entwickelt, wo sie die einzelnen Traumata in kleine Päckchen, quasi isoliert in Boxen, gesteckt hat. Und das ist eine Fähigkeit von uns Menschen, solche Themen, die nicht bewältigt sind, zu dissoziieren.

Je weniger eine Gesellschaft Räume für Körperlichkeit, Lebensfreude, Naturnähe und Begeisterung zur freien Entfaltung der Individuen bietet, desto schwerer dürfte es sein, Traumalasten auf konstruktive Weise loszuwerden. Was die Seele heilen könnte und was auch für neue Synapsenbildung im Gehirn sorgt, sind Beweglichkeit, Empathie, Begeisterung und das Gefühl, das eigene So-Sein in der Gruppe leben zu dürfen, sich so zu zeigen, wie man ist, mit allen Schwächen, Verletzungen und Erfahrungen. Heilung geschieht nicht, indem Individuen system-kompatibel funktionieren, sondern durch das Hinschauen, das So-Sein-Dürfen – und zwar auch, oder gerade dann, wenn es den dahinter liegenden Schmerz offenbart, der ja heute oftmals lieber sediert wird, um eben nicht hinsehen zu müssen. Die psychosoziale Situation unserer Gesellschaft spricht für sich und das erkennen und benennen, wie Sie eingangs schon unter Bezug auf den „Aufruf zum Leben“ und den Vortrag von Dr. Maaz erwähnten, immer mehr Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag mit den Konsequenzen zu tun haben.

Inwieweit traumatische Erlebnisse oder andere seelischen Verletzungen über einen heilsamen Prozess verwandelt werden können, hängt sicherlich von vielen Faktoren ab, nämlich von der individuellen Resilienz, dem Umfeld des entsprechenden Menschen, gewiss aber auch davon, ob therapeutische Interventionen den Kern des Problems erreichen oder nur Symptome bekämpfen.

FRIEDA: Der Jesuitenpater in dem erwähnten Film von Jan Schmitt hat seine Taten anscheinend nicht bereut; im Gegenteil: Er hat diese Zeit (für sich) in guter Erinnerung behalten und sieht zwischen dem Suizid der Frau und seinen Taten offenbar keinen Zusammenhang. Was fällt Ihnen dazu als Arzt und Psychotherapeut ein, besonders mit Blick auf das Tetraeder-Modell, das Sie für die Methode der Synergie-Aufstellungen heranziehen?

Hans Hein: Um diese Frage mit allen zu berücksichtigenden Aspekten umfänglich zu beantworten, müsste man auch die Geschichte des Jesuitenordens beleuchten. Das würde aber den Rahmen sprengen und dazu gibt es inzwischen reichlich Literatur und Informationsmaterialien im Internet. Die Reaktion des Jesuitenpaters in dem Film veranschaulicht genau das, was seit langem, gerade in Kirchen, an Dogmen transportiert wird. Die kindliche Opferbereitschaft wird ja schon daran deutlich, dass in den Kirchen der ans Kreuz geschlagene Christus, der ja aus meiner Sicht auch ein Mem darstellt, angebetet wird. Das Märtyrertum wird damit regelrecht zelebriert und zementiert. Ein solch lebensfeindliches Umfeld kann schwerlich Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder bieten, die ja zunächst voller Vertrauen in diese Welt kommen, wo sie dann von Dogmen und rigiden moralischen Geboten und Ritualen empfangen werden.

Es liegt im Wesen der Täter, dass sie sich im Recht wähnen. Die Kirche unterstützt das durch ihre Dogmen und das sogar noch subventioniert vom Staat, was in der Tat ein Stockholm-Syndrom legitimiert, denn wie sonst soll ein Missbrauchsopfer in so einer Gesellschaft überleben, wenn die einzige Bindung, die es womöglich kennt und die gesellschaftlich unterstützt wird, die zu Tätern ist? Ob wir diese Phänomene nun mit kollektiven Traumata, Täterintrojekten, Anosognosie oder Stockholm-Syndrom, oder aber, wie Dr. Maaz in seinem Vortrag ausführt, Normopathie umschreiben; in der Wirkung befinden wir uns in einer Gesellschaft, in der jegliches Aufgebehren, jegliche Lebensimpulse nicht erwünscht sind und davon profitiert ein ganzer Apparat.

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Allein verhaltensauffällige Kinder, die ja immer die Symptome der Familien transportieren, werden heute oft von einer ganzen Expertenschaft betreut, um sie in einen anpassungsbereiten Zustand zu versetzen. Dass das krank macht, ist eine logische Konsequenz. Der Lebensverzicht ganzer Generationen zeigt sich an jedem rebellischen Kind, dessen natürliche Lebensimpulse und Wahrnehmung in ein Schema der Stagnation gepresst werden, damit nur keine Veränderungen geschehen. Wer das alles nicht mehr aushalten kann, landet nicht selten in der Psychiatrie und bekommt auch dort nicht das, was er braucht, sondern wird wiederum sediert. Wer in einem System die Dinge beim Namen nennt, wird als Störenfried empfunden, weil er die Sippe dazu auffordert, ebenfalls Veränderungen zuzulassen und mit diesen Veränderungen geht eben die Auseinandersetzung mit eigenen Schmerzen, Lebenslügen und den eigenen Dämonen einher. Und genau das wird eben gern vermieden.

FRIEDA: Und diese Wirkungen begegnen uns ständig und überall. Mir erzählte vor Jahren der schon eingangs erwähnte Psychologe, dass er einen Bericht im Fernsehen gesehen habe, mit dem auf katastrophale Arbeitsbedingungen in China aufmerksam gemacht wurde. Das Fernsehteam sprach im Zuge der Filmaufnahmen auch Politiker darauf an. Das waren Repräsentanten der CDU, aber es spielt keine Rolle, denn es hätten auch andere sein können. Diese Politiker reagierten nur mit Abwehr, Ausweichen und Desinteresse. Dabei habe es sich um sittenwidrige Verträge gehandelt, doch alle redeten sich heraus, fanden Rechtfertigungen und niemand interessierte sich für die Gefühle jener, die von diesen Ungerechtigkeiten betroffen waren.

Wer sich vor der Wahrheit anderer verschließe, werde automatisch zum Mittäter, sagte Dr. M. seinerzeit. An dem beschriebenen Beispiel habe sich gut erkennen lassen, was geschehe, wenn genau dann, wo Haltung und konkrete Stellungnahmen gefordert würden, Verwirrung die einzige Reaktion sei angesichts der Ungerechtigkeiten auf dieser Welt. „Wenn Verwirrung auftritt, fangen wir an zu palavern, zu verhandeln, pausenlos zu reden, um die unerträgliche Leere in uns zu füllen und unsere eigene Hilflosigkeit nicht zu spüren!“, sagte Dr. M. damals und genau das sei immer wieder zu beobachten, wenn sich Politiker und andere Prominente in so genannten Talk-Shows träfen, um ergebnislos aneinander vorbei zu reden, ohne überhaupt an einem gemeinsamen Konsens interessiert zu sein.

Gerade jüngst ging eine Meldung durch die Presse, bei der es darum ging, dass ein Polizist den Vater eines Kindes erschossen hatte, als dieser dem Kind, das von einem anderen Mann missbraucht wurde, zu Hilfe eilen wollte. Die Tat des Polizisten geschah sicher im Affekt; dennoch wird m.E. auch daran die indoktrinierte Täterschaft deutlich, aus der heraus instinkthaft, und somit nicht vernünftig, gehandelt wurde. Nicht der misshandelnde Täter wurde im Affekt erschossen, sondern der Vater, der sein Kind schützen wollte, mit dem Ergebnis, dass das Kind nun auch diese Bezugsperson verloren hat! Und Beispiele dieser Art finden sich beinahe täglich in der Presse. Nach wie vor erregen die Privatangelegenheiten von beispielsweise Fußballidolen oder anderen Promis die Gemüter anscheinend mehr als die Schicksale der unzähligen, oft auf mysteriöse Weise verschwundenen Kinder. Wer Dinge beim Namen nennt, die nicht der gerade gültigen „political correctness“ entsprechen, ist des Todes, wird geächtet und gestraft. Ich denke da auch an die jüngsten Ereignisse um die Journalistin Claudia Zimmermann, die beim WDR erlebte, wie mit Journalisten umgegangen wird, die etwas sagen, was den Machthabenden und deren Günstlingen missfällt. Das ist aus meiner Sicht Faschismus. Wie sehen Sie das?

Hans Hein: Faschismus gehört in die Form der Ideologiefalle, das heißt, in diesem Bereich werden die emotionale Intelligenz, wie das Mitgefühl und das Mitspüren für andere Menschen, abgestellt. Es gibt dann keine Empathie mit dem Schicksal der jeweils Betroffenen. Zu den Merkmalen eines Faschisten gehört ja nicht, dass er nicht fühlen kann; er fühlt oft sogar intensiv, doch dieses Fühlen ist in der Ideologiefalle eingesperrt oder eben innerhalb der ideologisch geprägten Gruppe, in der er sich gerade aufhält, wo man sich gegenseitig und untereinander bestätigt.

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Ideologiefallen und die entsprechenden Gruppen bieten den dafür empfänglichen Individuen eine wunderbare Möglichkeit, andere Menschen für Idioten zu halten und sich selbst aus politischen, opportunistischen, oder womöglich noch aus „göttlichen“ oder anderen Gründen, zu einer besonderen Mission berufen – und somit wiederum bestätigt – zu fühlen. Faschismus ist nicht nur, aber überwiegend eine Verhaltensweise, die von Männern genutzt wird, weil es dabei primär um Funktionslust als um die klare Anwendung von Spielregeln geht, nämlich um eine Zielstrebigkeit, die allerdings die peripheren Gefühls- und Spürmuster ignoriert. Das habe ich als Arzt selbst genutzt, wenn traumatisierte Menschen oder Kinder in die Klinik kamen. Dabei ging es dann zunächst darum, funktionsfähig zu sein und alles, was an Mitgefühl, an Mit-Spüren dazukommt, stört bei der optimalen lebensrettenden Funktionalität.

Niemand will selbst als wertlos dastehen, verbindet sich daher lieber mit Gruppen, in denen der Feind im Außen dingfest gemacht wird. Innerhalb der Gruppe gibt es dann Bestätigung; nach Jean Paul Sartre zieht es uns immer zu denen, deren Antworten wir sowieso schon kennen. Wir suchen Solidarität bei jenen, die andere in unserem Sinne attackieren und unsere eigenen Aggressionen auf diese Weise transportieren. Und damit sind wir dann in der Kinderrolle, egal, ob wir uns links- oder rechtsextremen oder anderen Gruppen anschließen, mit denen wir in Resonanz in Bezug auf unsere Neurosen sind.

Nochmal: Menschen wollen bestätigt werden und über die jeweils gültige „political correctness“ entscheiden jene, die die Mittel dazu haben, Ideologien zu verbreiten. Das System schreibt vor, was gedacht werden darf. Das führt dazu, dass Menschen oft nicht mehr sagen, was sie denken, oder aber das eigenständige Denken unterlassen, nur um in der Gruppe verbleiben zu können. Nur sehr integre Menschen halten es aus, in solch einem System authentisch zu sein. Erst wenn wir offen sind für die Wahrheit jedes einzelnen Menschen, können wir von Freiheit reden! Wer mit einem Vorwurf ankommt, bei dem ist eine erwachsene wertschätzende Ich-Fähigkeit nicht vorhanden und keine Differenzierungsfähigkeit da. Dann bleibt man im System „Teile und herrsche!“

Zu einem kollektiven Stockholm-Syndrom kommt es innerhalb eines solchen Systems, weil die natürlichen Instinkte, beispielsweise, ein Kind um jeden Preis zu retten, nicht mehr oder nur noch rudimentär vorhanden bzw. spürbar sind oder in Form von Ersatzhandlungen ein Ventil dafür gesucht wird. Dann solidarisieren sich auch vermeintliche Opfer und vermeintliche Täter. Das erwachsene Ich ist in der Lage zu differenzieren und kann auch mittels der Sprache in ein prozesshaftes Denken kommen, auf dessen Basis Fakten geschaffen und die Dinge beim Namen genannt werden. Wir entwickeln aber keine erwachsene Reife mehr, weil die Leitbilder fehlen. Leitbilder, die standhaft sind in ihren Werten und Normen. Die Pubertät ist der Prüfstand als Schwelle zum Erwachsenwerden. Sind dann keine positiven Leitbilder da, gerät alles ins Wanken.

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Mangelt es an Leitbildern im näheren Umfeld oder auch auf der öffentlichen Bühne, wird der Wunsch nach einem Leitbild auf Bereiche übertragen, in denen es vermeintliche, aber keine wirklichen Leitbilder gibt. Es werden dann prominente Stars und Sternchen zum Leitbild erhoben oder aber Fußballprofis. Im – oft alkoholisierten – Zusammenkommen anlässlich von Fußball- oder anderen Großveranstaltungen werden sekundäre Gefühle freigesetzt, wo eigentlich Nähe gesucht wird. Sekundäre Gefühle, wie Eifersucht, Neid, Schadenfreude sind zäh und sie machen nicht frei! Wer im bisherigen System bleiben will, erlebt alles Neue zunächst als Verunsicherung, doch genau dort befindet sich auch die Chance für Veränderung. Nötig dafür ist, das kindliche Fragen wieder zuzulassen, doch in einem faschistischen System ist nicht einmal das Fragen erlaubt.

Was wir alle elementar brauchen, ist der wertschätzende und sichere Umgang. Wir brauchen es zu wissen und zu spüren, wer zu uns steht, auf wen wir uns verlassen können und keine Leute, die ein archaisches Urrecht für sich einfordern, mit uns machen zu können, was sie wollen, wenn wir nicht nach deren Pfeife tanzen. Sind wir selbst bereit, Chefin oder Chef in unserem Leben zu sein oder ordnen wir uns weiter unter? Diese Frage sollte sich jeder Mensch in seinem Leben stellen.

FRIEDA: Welche Chancen bieten dazu besonders die Synergie-Aufstellungen?

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Hans Hein: In unserer jetzigen Zeit fangen wir erst langsam damit an zu begreifen, dass die Autorität nicht außen ist, sondern dass wir eigentlich die Autorität in uns tragen, und das bedeutet, dass es jetzt um Souveränität geht! Eine politische Nebenbemerkung ist, dass die kollektive Trance benutzt wird, um Menschen, gegeneinander auszuspielen, wobei man sich, wie schon erwähnt, der Schubladen „Rechts, Links, Mitte“ bedient. Die Politikorientierung ist eine perfide Ablenkung von der Tatsache, dass du entweder souverän bist oder nicht!

Jetzt noch einige Assoziationen zu den Synergieaufstellungen. Im Kern geht es dabei um die Frage: „Was wirkt zusammen, um Wirklichkeiten zu erzeugen?“ Und hierbei geht es um alle Einflüsse, nicht nur familiäre und kollektive, sondern da spielen viele weitere Dinge eine Rolle und zwar vor allem auch Elemente, die wir sehen können, also materielle und virtuelle Elemente, somit auch das, was wir nicht anfassen können. Was den Missbrauch und andere Verbrechen angeht: Das System lässt es nicht zu, dass so getan wird, als würde jemand oder etwas nicht existieren!

Bei den Synergieaufstellungen ist es immer sehr schön zu sehen, wie die Verschachtelungen, die Verwicklungen unter Mitmenschen geschehen, weil sie in vielen Bereichen resonante Muster haben, die sich in einer Superposition gegenseitig bedienen. Dabei ist der Gedanke nochmal wichtig, dass alle bestehenden Muster, die traumatisch sind und die im Körper nicht adäquat verarbeitet werden können, dazu tendieren, sich unentwegt zu wiederholen und zwar so lange, bis das Muster abgefackelt ist. An dieser Stelle erinnere ich nochmal an die Arbeit von Peter Levine. Das Abfackeln ist ein mentaler psychosomatischer Vorgang, das heißt, die letzte Instanz, die darüber entscheidet, ob ein Muster abgefackelt ist oder nicht, ist unser Körper. Wenn da die Muster entschärft sind, können auch die emotionalen und mentalen Anteile sich verändern.

Jetzt nochmal ein paar Gedanken zu den Fallen: Die Sehnsuchtsfalle bedeutet, dass Handlung nicht stattfinden kann, weil ein Individuum oder ein bestimmtes Muster noch in Erstarrung verharrt (Levine nennt es „Tonische Immobilisation“) meist in Verbindung mit Angst. Diese Traumata können nicht aufgelöst werden, weil die Unterwerfung und Einschüchterung noch wirkt und damit auch all die Muster, die davon abgeleitet sind. In der Wiederholung ist der Versuch zu sehen, aus diesen Schleifen herauszukommen.

Bei der Ideologiefalle wird die geschickte Art unseres Körpers genutzt, übermächtige Einwirkungen, bei denen es sich ja letzten Endes um elektromagnetische Felder und Ladungen handelt, in die Ecke zu stellen, zu dissoziieren, damit dann erst mal das Überleben funktioniert.

Bei der Konfrontationsfalle wird die Souveränität herausgefordert bzw. die Menschen werden so beschäftigt, dass sie gar nicht wissen, dass sie eigentlich souverän sind, und was dabei nicht funktioniert, ist dann Klarheit zu kriegen über Spielregeln oder den Durchblick zu behalten. Und dazu passt wiederum das Thema Anosognosie, das wir ja in einem früheren Gespräch schon näher angesehen haben, wo wir einfach bestimmte Bereiche nicht in der Wahrnehmung zur Verfügung haben.

Bei der Alltagsfalle liegt die Problematik zugrunde, keine Sinnfindung bzw. keine Sinngebung zu haben, und letzten Endes ist diese Sinngebung immer individuell; sie wird aber durch die Instrumente der Gesellschaft, darunter die Medien, sehr gelenkt, indem Vorstellungen von erstrebenswerten, oft materiellen, Werten vermittelt werden, die Menschen davon abhalten, sich auf die innere Sinnsuche zu begeben. Wir brauchen als Menschen einen geistigen, mentalen Antrieb, der als zündender Funke für Lebensqualität, Begeisterung, Zielstrebigkeit und letzten Endes auch für kollektiven Nutzen sorgt.

FRIEDA: Vielen Dank!!!

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Danke.

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Danke auch an Michael Grawe vom Kulturstudio für diesen Beitrag! Damit das Kulturstudio, das sich ebenso wie FRIEDA-online über Spenden freut, die „Klicks“ auf seinem youtube-Kanal generieren kann, bitte zum Ansehen des Interviews mit Dr. Christidis direkt zum Kulturstudio-Kanal weiterklicken! Danke!

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