Männerbünde und Macht

Elitäre Seilschaften und das Reptiliengehirn

Bei der Reichstagswahl im März 1933 sackte die NSDAP 43,9 % aller Wählerstimmen ein. Das entsprach mehr als einem Drittel der seinerzeit aktiv an der Wahl teilgenommenen Bevölkerung. 1933 lag der Weltkrieg I gerade mal 15 Jahre zurück. Er hatte vier Jahre gedauert und 17 Millionen Menschen das Leben gekostet. 14 Staaten waren an dem Gemetzel beteiligt.

Von 1918, dem Ende des Weltkrieges I also, bestand bis zum spektakulären Wahlerfolg der NSDAP eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik. 1939 begann Weltkrieg II, der sechs Jahre dauerte, und an dem direkt oder indirekt 60 Staaten beteiligt waren.

Verfolgt man die Geschichte der Kriege, stößt man unweigerlich auf das Thema Männerbünde. Männerbünde sind Schwurgemeinschaften von Leuten, die bestimmte Ziele verfolgen. Symbole, Rituale, Hierarchien und Regeln bestimmen die „Ordnung“ innerhalb dieser jeweiligen Bündnisse oder Clubs. Männerbünde spielen auch heute noch eine entscheidende Rolle in der Politik und ebenso in anderen Bereichen, in denen es um Macht und Kontrolle geht.

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In ihrem Buch „Zwischen Eros und Krieg“ beschreibt Ulrike Brunotte die gesellschaftlichen Zerrüttungen um 1900 und deren Auswirkungen auf die Geschlechterrollen. Daraus wird deutlich, zu welchen Risiken das sich auf Ressentiments stützende „Geschäftsmodell Männerbund“ für die Gesellschaft und das Gemeinwohl führen kann. Die Ausführungen der Kulturwissenschaftlerin Brunotte lassen den Schluss zu, dass Kriege immer auch ein Abbild einer „Krise der Männlichkeit“ sind.

Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass das so genannte Reptiliengehirn besonders anfällig für Symbole und Rituale ist. Dem Reptiliengehirn zugeordnete Eigenschaften sind Wettbewerbsdenken, Empathielosigkeit, Angriffsverhalten, Mangel an sozialer Kompetenz, allesamt also – stammesgeschichtlich betrachtet – eher primitive Verhaltensweisen. Die Werbeindustrie macht sich die Eigenschaft des Reptiliengehirns schon sehr lange zunutze, aber auch die Politik.

Männerbünde – Reptiliengehirn – konformes Verhalten

Die innere Bereitschaft oder Anlage des Menschen, sich konform zu verhalten, mag entwicklungsphysiologisch begründet werden können oder in Kindheitserfahrungen angesiedelt sein. Das Leben in Gemeinschaften erfordert zweifellos das Einhalten von Regeln und die Akzeptanz von Werten, damit das Überleben der Gruppe nicht gefährdet ist. Dabei stellt sich allerdings die Frage, um welche Regeln und Werte es sich handelt, wer sie festlegt und ob am Ende womöglich nur wenige davon profitieren, während sie für viele andere Einschränkungen in der individuellen Potenzialentfaltung bedeuten, dem Gemeinwesen womöglich sogar dauerhaft schaden. Denken wir nur an die unzähligen Paragraphen und Verordnungen, mit denen wir es heute zu tun haben. Manche davon dürften sinnvoll sein, andere wiederum überflüssig, einige vielleicht sogar stark freiheitseinschränkend.

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Beispiel Berufswelt: Arbeitgeber wollen gern Mitarbeiter, die möglichst viele Kompetenzen haben, die loyal sind gegenüber den Unternehmenszielen, die aber gleichzeitig kreativ und innovativ sein sollen. Das alles lässt sich kaum unter einen Hut bringen. Dazu kommt, dass der Gruppenzwang besonders in der Berufswelt sehr groß ist. Das bringt Menschen im konkreten Arbeitsalltag oft dazu, Dinge abzunicken oder zu befürworten, die sie eigentlich ablehnen. Auf dem Portal „Karrierebibel“ steht zum Thema Konformität, dass Angepasstheit eben einfacher sei.

Wer eine Meinung kundtut, die der geltenden Deutungshoheit widerspricht, läuft Gefahr, ausgelacht oder diffamiert zu werden. Oder beides. Das fühlt sich nicht gut an und kann einsam machen. Und doch lösten in der Geschichte der Menschheit oft gerade die Non-Konformisten Änderungen zum Positiven im System aus. Ebenfalls zur Konformität trage die Denkfaulheit bei, steht auf „Karrierebibel“. Es sei, so steht dort, viel anstrengender, sich selbst eine wirklich begründete Meinung zu einem Thema zu bilden, als die vorgefertigten Ansichten von anderen zu übernehmen. Nur zu wiederholen, was alle anderen sagten, könne jeder – sich informieren, analysieren und reflektieren hingegen nicht.

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Inwieweit Männerbünde mit ihrem weltweiten Einfluss also auch die öffentliche Meinung, und somit das Verhalten der Menschen bestimmen, hat Heiko Schrang in seinen Büchern näher untersucht. Doch es gibt sehr viel mehr Literatur zu dem Thema. Ob die insbesondere durch Männerbünde unterstützte Haltung, Geschäftsinteressen mit Geselligkeit und Gruppenzugehörigkeit zu verknüpfen, gemeinwohlfördernd ist, möchte ich bezweifeln.

In dem Buch „Männerbande Männerbünde – Zur Rolle des Mannes im Kulturvergleich“ schreibt Dr. Elke Müller-Mees in einem Beitrag mit dem Titel „Männer unter der Keule: Rotary und Lions“, dass in der Verquickung von Geselligkeit und Geschäft als Männersache von Anfang an Diskriminierung von Frauen vorläge. Ferner schreibt sie: „In der Gestaltung ihrer Geselligkeit und der dazugehörigen Philosophie mit ihren puritanischen Wurzeln zeigen beide Clubs frauenfeindliche Tendenzen.“

Die unglückselige Kombination von Geschäftsbeziehungen und Geselligkeit erleben wir nicht zuletzt durch die Seilschaften unserer aktuellen Politik und durch die daraus resultierenden Einschränkungen der Freiheit für die Bevölkerung nahezu täglich. Ich erinnere an dieser Stelle an den Beitrag „Organtransplantationen und die Würde des Menschen“, in dem ich kurz auf die Verbandelung zwischen den Lions-Mitgliedern Jens Spahn und Johannes Hanisch, Oberbürgermeister von Weilburg, einging.

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Elke Müller-Mees schreibt unter der Zwischenüberschrift „Freunde in der Bruderkette“ weiter: „Kennzeichnend ist auch die streng hierarchisch aufgebaute Cluborganisation. Das gilt sowohl für den einzelnen Club wie für die gesamte Organisation bis zur Spitze von Rotary.“ Mitglieder dieser Clubs hätten der Autorin zufolge eine besondere Vorliebe für Abzeichen, Devisen, Embleme und symbolträchtige Farben. Und damit sind wir wieder bei den Reizen, die besonders das Reptiliengehirn triggern.

Tauchen bei diesen Beschreibungen nicht unwillkürlich Bilder von Militäraufmärschen vor dem geistigen Auge auf? Und wie steht es mit prunkvollen Empfängen von Politikern oder so genannten Prominenten? Zwar haben Clubs wie die Lions und Rotary ihre Aufnahmebedingungen im Laufe der letzten Jahrzehnte gelockert, so dass teilweise auch Frauen Mitglied werden können, aber mal ehrlich: Wer legt Wert auf eine solche Clubmitgliedschaft? Und warum? Um Gutes zu tun? Braucht man dazu Clubmitgliedschaften? Oder geht es dabei doch viel mehr nur um Kungelei und Opportunismus? Sehr empfehlen möchte ich auch das Buch „Was heißt schon Männersache? Wider die Mechanismen des Machterhalts“, das ebenfalls aus der Feder von Frau Dr. Elke Müller-Mees stammt.

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Ganz erstaunlich finde ich zudem, dass viele unserer Politiker, nicht nur, aber besonders auch aus CDU und CSU, offenbar auch Mitglieder in derartigen Clubs sind und das, wo im Neuen Testament unter Matthäus 6:24 steht: „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Nicht, dass ich besonders bibelkundig bin; allerdings halte ich Jesus Christus für ein Paradebeispiel in Sachen Non-Konformismus. Wie das für ihn endete, ist bekannt. Im kollektiven Unbewussten ist also die Information gespeichert: Der Non-Konformist wird gekreuzigt. Und dieses „Mem“ wirkt anscheinend heute noch nach.

Elke Müller-Mees schreibt zudem: „Gemeinsam ist Brüdern und Rotarien auch, dass sie die von Rotary propagierte Vier-Fragen-Probe (1. Ist es wahr? 2. Ist es fair für alle Beteiligten? 3. Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? 4. Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?) nicht auf die eigene Vergangenheit und ihre Beziehung zum Nationalsozialismus anwenden.“

Wir halten uns also vor Augen: Während alle Welt mit dem Finger auf die AfD und auf Chemnitz zeigt, verbergen sich die wahren Leichen im Keller womöglich genau dort, wo auch heute noch Figuren über die Geschicke der Welt entscheiden. Dazu kann ich nur einmal mehr das Buch „Der Adel im Dienst der Macht – Hitlers heimliche Helfer“ von der Historikerin Karina Urbach empfehlen.

„Die Geschichte zeigt uns mehrfach, dass sich besonders in gesellschaftlichen Krisenzeiten kommunistische und faschistische Ideologien ähnlicher Instrumente bedienen. Ergebnis ist eine Spaltung der Bevölkerung, die schlimmstenfalls dazu führen kann, dass Menschen im Angesicht der eigenen Ohnmacht Lösungen von vermeintlichen neuen Autoritäten erhoffen. In ihrer grundlegenden Anatomie, ihren Träumen und auch in ihren Konsequenzen seien die Totalitarismen einander sehr verwandt gewesen“, schreibt Philipp Blom in seinem auf cicero erschienenen Beitrag „Religion der Brutalität„.

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Insofern hoffe ich, dass die alten Instrumente der Spaltung, derer sich die „Mächtigen“ seit Jahrhunderten bedienen und dafür auch die Medien nutzen, nicht mehr lange funktionieren, weil die Menschen erkennen, dass es immer dieselben sind, die von der Zerstrittenheit der Bevölkerung profitieren, Familien und Bündnisse nämlich, die seit langer Zeit die Strippen hinter dem Weltgeschehen ziehen. Doch natürlich nutzen nicht nur die vermeintlich „Mächtigen“ diese Instrumente der Spaltung, sondern mehr oder weniger wir alle!

„Der Überbringer der Nachricht ist der Schuldige!“

Beim Erdoganempfang in Hamburg wurde jüngst ein Journalist abgeführt, auf dessen T-Shirt ein Appell für die Pressefreiheit stand. Hintergrund: „Reporter ohne Grenzen“ hatten sich anlässlich des Erdogan-Besuches für die Pressefreiheit türkischer Journalisten engagiert. Die Pressefreiheit ist in unserem Grundgesetz ja eigentlich verankert. In Artikel 5 im GG heißt es dazu: 1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Schutz der Jugend? Persönliche Ehre? Was den Schutz der Jugend angeht, denke ich da eher an das zurückliegende Konzert in Chemnitz, bei dem auch die Combo „K.I.Z.“ aufgetreten ist. Die Songtexte, die diese Band – protegiert auch von der Exekutiven dieses Landes (!!!) – zum Besten gab, sprechen für sich. Sie lassen sich – bei Interesse – über die Suchmaschinen finden.

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Doppelmoral und Täuschungen sind also allgegenwärtig. Während das Falschparken schon einen ganzen Behördenapparat beschäftigen kann, sofern man das Bußgeld nicht zahlen will, kommen Schwerverbrecher oft unbeschadet davon.

Auch die Neurobiologie und Hirnforschung beschäftigen sich mit den Gründen für konformes Verhalten. In einem Interview mit Prof. Dr. Gerald Hüther, das auf dem Portal „Der Wächter“ veröffentlicht wurde, sagt der Hirnforscher: „Bisher haben wir immer gedacht, dass wir Menschen von außen dazu bringen können, ihr Verhalten zu ändern. Doch noch nie sind die Leute mit solchen großen Autos umhergefahren, noch nie waren die landwirtschaftlichen Nutzflächen so ausgebeutet und noch nie ist so viel Plastikmüll in den Meeren geschwommen. Also heißt das doch, dass unsere bisherigen Strategien nicht funktioniert haben.“

Welche Strategien könnten also helfen? Appelle, Regeln und immer mehr neue Verordnungen von außen dürften also nicht viel bringen, zumal angesichts der allgegenwärtigen Werbung, die ihre Wirkung auf unser Gehirn und unser Verhalten nicht verfehlt. Und Leute, die meinen, sich in elitären Clubs organisieren zu müssen, wird es weiterhin geben, jene, die zu wissen glauben, was andere Menschen brauchen und die im erlauchten Kreise ihrer Mitglieder Entscheidungen treffen, die nicht mit der Mehrheit der Bevölkerung abgestimmt worden sind. Daher dürfte auch von denen, die vorher schon über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden haben, künftig nicht viel Konstruktives zu erwarten sein.

Zunächst einmal wäre es sicher hilfreich, medial oder propagandistisch gefärbte „Wahrnehmungsfallen“ zu durchschauen und zu wandeln, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Wie das gelingen könnte, beschreibt Dr. Hans Hein, den ich mehrfach interviewte, u.a. in dem Interview „Missbrauch – Eine Gesellschaft von Tätern„. Einige seiner Aussagen binde ich hier – in kursiv – noch einmal ein, nicht zuletzt deshalb, weil sie auch sehr gut zu den erneut ans Licht gekommenen Kindesmissbrauchsfällen in den Reihen der Kirchen passen und weil sie auch verdeutlichen, wie Rechts-Links- oder Sonstwie-Spaltung funktioniert:

„Wir sind es oft gar nicht mehr gewohnt, Dinge zu Ende zu denken, bis sie zu einer Lösung führen, zumal die Einschüchterungen so installiert werden, dass ein lösungsorientiertes Zu-Ende-Denken nicht mehr möglich ist. Kommt man bei einer bestimmten Instanz nicht weiter, verweist man an eine höhere Instanz in der Hierarchie. Die Herrschenden sind davon überzeugt, dass das, was sie tun, richtig ist. Je unsicherer die Leute in sich selbst sind, desto mehr rotten sie sich dann zusammen und vermeiden die Chance des Austausches und der Kooperation, und je weniger sie sich selbst spüren, desto mehr wähnen sie sich im Recht (vgl. „Das Ei“ von Leo Tolstoi). Dabei geht das Gewissen für die soziale Verantwortung verloren. Wir fallen oft immer wieder in die Opferrolle – das kann auch ein mütterliches Introjekt sein, weil viele von uns auch die Mutter als Täter erlebt haben, also als jemanden, der gegen uns war, oder zumindest als Bezugsperson anders war als wir sie gebraucht hätten. Darum sind wir damit identifiziert und merken das oft nicht mal.

Wenn also wenige ‚regieren‘ und viele folgen, was im Patriarchat der Fall ist (und durch Patriarchate entstand ja erst das Herrscher-Sklaven-System), begünstigt das ein Klima der Ohnmacht und Lustfeindlichkeit. Letzteres führt nicht zur Reifung integrer Persönlichkeiten, sondern zu mehr oder minder gestörten narzisstischen Charakteren. Das unterstützt ein faschistisches System der Folgschaft und Unterwerfung. Die Herrschenden lassen sich nicht in Frage stellen und alle identifizieren sich mit den Tätern. Es gibt Überlieferungen, nach denen früher dunkelhäutige Sklaven spürten, wenn ‚der Herr‘ mal wieder missmutig war und um ihn gnädig zu stimmen, boten sie sich freiwillig für Schläge an.

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Eine ähnliche Dynamik sehen wir ja heute in unterschiedlichen Ausprägungen, wenngleich die ‚Schläge‘ nicht immer physischen Ausdruck haben müssen, sich aber beispielsweise in immer mehr Kontrolle und Überwachung äußern – doch wer überwacht wen und wer überwacht die Überwacher? Und wer lehnt sich wirklich dagegen auf? Die, die es tun, werden als paranoide Verschwörungstheoretiker bezeichnet, obwohl Überwachung und Kontrolle allgegenwärtiger werden.

Und nachdem die Kirche als Institution in Erleuchtungsfragen nicht mehr so angesagt ist, treten immer mehr selbsternannte Propheten auf, die irgendetwas in anderen Menschen befreien oder erlösen wollen, darunter oft Männer mit Erlöserfantasien ‚im Namen Gottes‘, doch damit werden wieder Hierarchien geschaffen, wieder Herden von „Jüngern“ generiert, die irgendeiner ‚Autorität‘ hinterherlaufen, ein Seminar nach dem nächsten buchen in der Hoffnung, doch endlich das Unerlöste zu wandeln. Doch Befreiung und Erlösung sind eine Illusion, die angeboten wird, um Menschen die Idee zu verkaufen, dass sie sich mit Workshop A oder Seminar B den oft leidvollen und wenig schmeichelhaften Prozess der Auseinandersetzung mit ihren tiefsten Verletzungen ersparen können. In diesen, oft esoterischen, Kreisen präsentieren sich Heilsbringer als formelhaft, magisch und omnipotent. Aber auch sie verkaufen eben nur eine Mogelpackung, wenn sie so tun, als ließen sich die Prozesse der Entwicklung bei anderen beschleunigen. Wenn bei einigen Individuen aus deren Kundschaft hier und da dann mal eine Träne kullert, deuten die Heilsbringer das auch noch als Beweis ihrer Wirksamkeit.

Tatsächlich aber geht es ums Anschauen, ums Akzeptieren und ums Fühlen. Wenn das gelingt, kann daraus innere Souveränität erwachsen, was nicht heißt, vor weiteren Verletzungen und Enttäuschungen verschont zu bleiben, aber wer souverän ist, kann erwachsen agieren und braucht nicht mehr wie ein kleines Kind in der Ohnmacht zu erstarren. Wir sind zwar alle miteinander im System verbunden, aber in erster Linie mit unseren Neurosen und unserer Zerstrittenheit, nicht in unserer kindlichen Offenheit!

Je weniger eine Gesellschaft Räume für Körperlichkeit, Lebensfreude, Naturnähe und Begeisterung zur freien Entfaltung der Individuen bietet, desto schwerer dürfte es sein, Traumalasten auf konstruktive Weise loszuwerden. Was die Seele heilen könnte und was auch für neue Synapsenbildung im Gehirn sorgt, sind Beweglichkeit, Empathie, Begeisterung und das Gefühl, das eigene So-Sein in der Gruppe leben zu dürfen, sich so zu zeigen, wie man ist, mit allen Schwächen, Verletzungen und Erfahrungen. Heilung geschieht nicht, indem Individuen system-kompatibel funktionieren, sondern durch das Hinschauen, das So-Sein-Dürfen – und zwar auch, oder gerade dann, wenn es den dahinter liegenden Schmerz offenbart, der ja heute oftmals lieber sediert wird, um eben nicht hinsehen zu müssen.

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Es liegt im Wesen der Täter, dass sie sich im Recht wähnen. Die Kirche unterstützt das durch ihre Dogmen und das sogar noch subventioniert vom Staat, was in der Tat ein Stockholm-Syndrom legitimiert, denn wie sonst soll ein Missbrauchsopfer in so einer Gesellschaft überleben, wenn die einzige Bindung, die es womöglich kennt und die gesellschaftlich unterstützt wird, die zu Tätern ist? Allein verhaltensauffällige Kinder, die ja immer die Symptome der Familien transportieren, werden heute oft von einer ganzen Expertenschaft betreut, um sie in einen anpassungsbereiten Zustand zu versetzen. Dass das krank macht, ist eine logische Konsequenz. Der Lebensverzicht ganzer Generationen zeigt sich an jedem rebellischen Kind, dessen natürliche Lebensimpulse und Wahrnehmung in ein Schema der Stagnation gepresst werden, damit nur keine Veränderungen geschehen. Wer das alles nicht mehr aushalten kann, landet nicht selten in der Psychiatrie und bekommt auch dort nicht das, was er braucht, sondern wird wiederum sediert. Wer in einem System die Dinge beim Namen nennt, wird als Störenfried empfunden, weil er die Sippe dazu auffordert, ebenfalls Veränderungen zuzulassen und mit diesen Veränderungen geht eben die Auseinandersetzung mit eigenen Schmerzen, Lebenslügen und den eigenen Dämonen einher. Und genau das wird eben gern vermieden.

Faschismus gehört in die Form der Ideologiefalle, das heißt, in diesem Bereich werden die emotionale Intelligenz, wie das Mitgefühl und das Mitspüren für andere Menschen, abgestellt. Es gibt dann keine Empathie mit dem Schicksal der jeweils Betroffenen. Zu den Merkmalen eines Faschisten gehört ja nicht, dass er nicht fühlen kann; er fühlt oft sogar intensiv, doch dieses Fühlen ist in der Ideologiefalle eingesperrt oder eben innerhalb der ideologisch geprägten Gruppe, in der er sich gerade aufhält, wo man sich gegenseitig und untereinander bestätigt.

Ideologiefallen und die entsprechenden Gruppen bieten den dafür empfänglichen Individuen eine wunderbare Möglichkeit, andere Menschen für Idioten zu halten und sich selbst aus politischen, opportunistischen, oder womöglich noch aus „göttlichen“ oder anderen Gründen, zu einer besonderen Mission berufen – und somit wiederum bestätigt – zu fühlen. Faschismus ist nicht nur, aber überwiegend eine Verhaltensweise, die von Männern genutzt wird, weil es dabei primär um Funktionslust als um die klare Anwendung von Spielregeln geht, nämlich um eine Zielstrebigkeit, die allerdings die peripheren Gefühls- und Spürmuster ignoriert. Das habe ich als Arzt selbst genutzt, wenn traumatisierte Menschen oder Kinder in die Klinik kamen. Dabei ging es dann zunächst darum, funktionsfähig zu sein und alles, was an Mitgefühl, an Mit-Spüren dazukommt, stört bei der optimalen lebensrettenden Funktionalität.

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Niemand will selbst als wertlos dastehen, verbindet sich daher lieber mit Gruppen, in denen der Feind im Außen dingfest gemacht wird. Innerhalb der Gruppe gibt es dann Bestätigung; nach Jean Paul Sartre zieht es uns immer zu denen, deren Antworten wir sowieso schon kennen. Wir suchen Solidarität bei jenen, die andere in unserem Sinne attackieren und unsere eigenen Aggressionen auf diese Weise transportieren. Und damit sind wir dann in der Kinderrolle, egal, ob wir uns links- oder rechtsextremen oder anderen Gruppen anschließen, mit denen wir in Resonanz in Bezug auf unsere Neurosen sind.

Nochmal: Menschen wollen bestätigt werden und über die jeweils gültige ‚political correctness‘ entscheiden jene, die die Mittel dazu haben, Ideologien zu verbreiten. Das System schreibt vor, was gedacht werden darf. Das führt dazu, dass Menschen oft nicht mehr sagen, was sie denken, oder aber das eigenständige Denken unterlassen, nur um in der Gruppe verbleiben zu können. Nur sehr integre Menschen halten es aus, in solch einem System authentisch zu sein. Erst wenn wir offen sind für die Wahrheit jedes einzelnen Menschen, können wir von Freiheit reden! Wer mit einem Vorwurf ankommt, bei dem ist eine erwachsene wertschätzende Ich-Fähigkeit nicht vorhanden und keine Differenzierungsfähigkeit da. Dann bleibt man im System ‚Teile und herrsche!‘

Zu einem kollektiven Stockholm-Syndrom kommt es innerhalb eines solchen Systems, weil die natürlichen Instinkte, beispielsweise, ein Kind um jeden Preis zu retten, nicht mehr oder nur noch rudimentär vorhanden bzw. spürbar sind oder in Form von Ersatzhandlungen ein Ventil dafür gesucht wird. Dann solidarisieren sich auch vermeintliche Opfer und vermeintliche Täter. Das erwachsene Ich ist in der Lage zu differenzieren und kann auch mittels der Sprache in ein prozesshaftes Denken kommen, auf dessen Basis Fakten geschaffen und die Dinge beim Namen genannt werden. Wir entwickeln aber keine erwachsene Reife mehr, weil die Leitbilder fehlen. Leitbilder, die standhaft sind in ihren Werten und Normen. Die Pubertät ist der Prüfstand als Schwelle zum Erwachsenwerden. Sind dann keine positiven Leitbilder da, gerät alles ins Wanken.

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Mangelt es an Leitbildern im näheren Umfeld oder auch auf der öffentlichen Bühne, wird der Wunsch nach einem Leitbild auf Bereiche übertragen, in denen es vermeintliche, aber keine wirklichen Leitbilder gibt. Es werden dann prominente Stars und Sternchen zum Leitbild erhoben oder aber Fußballprofis. Im – oft alkoholisierten – Zusammenkommen anlässlich von Fußball- oder anderen Großveranstaltungen werden sekundäre Gefühle freigesetzt, wo eigentlich Nähe gesucht wird. Sekundäre Gefühle, wie Eifersucht, Neid, Schadenfreude sind zäh und sie machen nicht frei! Wer im bisherigen System bleiben will, erlebt alles Neue zunächst als Verunsicherung, doch genau dort befindet sich auch die Chance für Veränderung. Nötig dafür ist, das kindliche Fragen wieder zuzulassen, doch in einem faschistischen System ist nicht einmal das Fragen erlaubt.

Was wir alle elementar brauchen, ist der wertschätzende und sichere Umgang. Wir brauchen es zu wissen und zu spüren, wer zu uns steht, auf wen wir uns verlassen können und keine Leute, die ein archaisches Urrecht für sich einfordern, mit uns machen zu können, was sie wollen, wenn wir nicht nach deren Pfeife tanzen. Sind wir selbst bereit, Chefin oder Chef in unserem Leben zu sein oder ordnen wir uns weiter unter? Diese Frage sollte sich jeder Mensch in seinem Leben stellen.“

Sahra Wagenknecht fordert Neuwahlen. Angesichts der Schlammschlachten, die sich unsere „Politikelite“ seit vielen Monaten liefert, wodurch ihre eigene Unfähigkeit immer mehr zum Ausdruck kommt, wären Neuwahlen vielleicht nicht die schlechteste Idee. Aber längst auch nicht die beste, denn, wie Horst Seehofer einmal treffend bemerkte: „Die, die ihr gewählt habt, haben nichts zu entscheiden und die, die entscheiden, habt ihr nicht gewählt!“ Wen er damit meint, können sich viele Menschen, die sich ein wenig mit Geschichtswissen jenseits der offiziellen Lehrpläne beschäftigt haben, selbst denken. Wahlen geben dem Volk maximal die Illusion, irgendwie mitbestimmen zu können, doch die Oligarchendynastien, die die Geschicke der Welt seit Jahrhunderten über Kartelle und andere Instrumente lenken, interessieren sich nicht für die Interessen des Volkes und somit auch nicht für „demokratische“ Wahlen. Bislang wurden zumindest alle US-Präsidenten, die die Macht der Bankenkartelle kritisierten, ermordet (John F. Kennedy, James Garfield, William McKinley). Zufall?

Wie soll es also weitergehen? Das weiß ich auch nicht. Vielleicht so? https://frieda-online.de/integrale-politik-geht-nur-ohne-schubladen/

Mehr zum Thema „Integrale Politik“ gibt es auch hier: http://www.integrale-politik.ch/?lang=de

Dr. Hans Hein ist übrigens der Ansicht, dass das „Feld“ immer gewinnt. Und das „Feld“ setzt sich aus vielen Individuen zusammen. Es dürfte also einen Einfluss auf das Feld (Kollektiv) haben, wenn immer mehr Menschen genau das meiden, was das Reptiliengehirn stimuliert und sich auf den inneren Weg begeben. Stille statt Glotze, Naturaufenthalte statt Kneipe, innere Einkehr statt Teilnahme an Massenveranstaltungen, besinnliches Beisammensein mit besten Freunden und, und, und…

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Und weil so passend ist, hier nochmals ein Beitrag von Jasinnas youtube-Kanal, veröffentlicht auch bei Eggetsberger – bitte direkt auf den Kanal klicken!

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