Kunst von Menschen mit Behinderung – Die Schlumper

Im Gespräch mit Anna Pongs-Laute

„Ich kenne keine bessere Definition für das Wort Kunst als diese: Kunst – das ist der Mensch“, lautet ein Zitat von Vincent van Gogh. Ein Spätwerk des niederländischen Malers, der von 1853 bis 1890 lebte, wurde im Jahre 2009 auf der Antiquitätenmesse „Telaf“ ausgestellt. Der Wert des Gemäldes mit dem Titel „Der Park der Klinik Saint-Paul“ belief sich seinerzeit auf 25 Millionen Euro. Gemalt hat van Gogh das Landschaftsgemälde während eines Aufenthaltes in der psychiatrischen Klinik Saint Paul de Mausole. Der weltbekannte Künstler litt, wie vermutet wird, an einer Temporallappenepilepsie und an einer bipolaren Störung.

Henri Matisse gehört neben Pablo Picasso zu den bekanntesten Künstlern der Klassischen Moderne. Er lebte von 1869 bis 1954 und verbrachte die letzten 14 Jahre seines Lebens im Rollstuhl, was ihn nicht daran hinderte, weiter als Künstler zu arbeiten. Diese und viele andere Beispiele zeigen, dass van Gogh mit seinem Zitat den Kern des kreativen Schaffens erkannt haben dürfte, nämlich, dass die Kunst der Mensch selbst ist – unabhängig von seelischen, mentalen oder körperlichen Einschränkungen.

(c) Stefanie Bubert

Die kreative Schaffenskraft von Menschen mit Behinderungen gerät seit einigen Jahrzehnten mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Unterschiedliche Initiativen und Vereine engagieren sich dafür. Einer dieser Vereine nennt sich Freunde der Schlumper. Seit Mitte der 1980 Jahre setzt er sich in Hamburg für die öffentliche Anerkennung kreativen Wirkens von Menschen mit Behinderungen ein. Damit soll ein Beitrag zu deren sozialer Integration und ihrer künstlerischen Potenzialentfaltung geleistet werden. Gegründet wurde Die Schlumper zunächst als Ateliergemeinschaft von dem 2013 verstorbenen Hamburger Künstler Rolf Laute. Seine Tochter, Anna-Pongs-Laute, ist Künstlerische Leiterin des Ateliers und der Galerie der Schlumper. Zudem ist sie Mitglied im Vorstand des Vereins Freunde der Schlumper. Um herauszufinden, wie es heute generell mit der Wertschätzung gegenüber der Kunst von behinderten Menschen aussieht, bat ich sie um ein Interview.

FRIEDA im Gespräch mit Anna Pongs-Laute

FRIEDA: Auf der Vereinswebsite Die Schlumper sind unter „Atelier“ viele Werke zu sehen, bei denen ich als Laie nicht unbedingt schlussfolgern würde, dass sie von Menschen mit Behinderungen stammen. Mit welchen Einschränkungen haben es die Menschen, die bei Ihnen künstlerisch tätig werden, überwiegend zu tun?

(c) Anna Pongs-Laute

Anna Pongs-Laute: Das Atelier der Schlumper ist seit 2002 in der Trägerschaft der alsterarbeit gGmbH, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Die Künstlerinnen und Künstler des Ateliers sind alle in irgendeiner Form auf Assistenz angewiesen, nicht direkt in Bezug auf ihre künstlerische Arbeit, sondern in Form von Organisation und der Schaffung von passenden Arbeitsbedingungen. Für die künstlerische Arbeit ist die Form der Behinderung nicht ausschlaggebend und steht somit auch nicht im Fokus unserer Arbeit. Im Atelier arbeiten Menschen mit kognitiven, sowie psychischen Behinderungen, Menschen mit Autismus, und auch körperliche Behinderungen kommen hinzu.

FRIEDA: In ihrem Buch „Quanten-Bewusstheit“ schreibt die Autorin Michelle Haintz, dass sie einmal eine Geschichte von Teppichwebern aus Guatemala gehört habe, die in jeden Teppich absichtlich mindestens einen Fehler einwebten und das damit begründeten, dass nur Gott perfekt sein dürfe. Ferner schreibt die Autorin, Perfektionismus sei doch im Grunde nur die Verweigerung, sich vorwärts bewegen zu dürfen. „Wenn wir ständig nur danach Ausschau halten, was an uns nicht in Ordnung, nicht perfekt, nicht zufriedenstellend ist, was nicht unseren Erwartungen – oder denen anderer – entspricht, dann bleiben wir in der Unzufriedenheit hängen“, schreibt Michelle Haintz ferner. Die Akzeptanz und Wertschätzung von Kunst behinderter Menschen hat in den letzten Jahrzehnten sicherlich zugenommen. Dennoch finden sich – soweit ich weiß – diese Werke gar nicht oder selten zusammen in Ausstellungen nicht-behinderter Künstler. Hat die Inklusion den Kunstmarkt noch nicht erreicht?

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Anna Pongs-Laute: Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren in dieser Beziehung schon einiges verändert hat. Natürlich sind es nur kleine Schritte, aber die Tendenz ist da. Auch große internationale Ausstellungen wie die Biennale in Venedig zeigten in den letzten Jahren vermehrt Arbeiten von Künstlern mit Behinderung.

Die Ausstellung mit dem wohl größten Einfluss auf die aktuelle Entwicklung des Marktes wurde im Sommer 2013 eröffnet. Die 55. Venedig Biennale mit dem Titel „Il Palazzo Enciclopedico“, kuratiert von Massimiliano Gioni. Gioni hatte die Biennale 2013 programmatisch der Outsider-Kunst gewidmet. Morton Bartletts Puppen oder die akribisch gebastelten Hausmodelle von Peter Fritz, präsentiert ganz selbstverständlich auf einer Stufe mit Arbeiten von Cindy Sherman oder Pawel Althamer. Aber auch Kuratoren anderer Häuser folgen diesem Trend. Um dieses Selbstverständnis zu unterstützen, finden in unserer Galerie regelmäßig inklusive Ausstellungen statt.

FRIEDA: Behinderte Menschen, besonders jene mit mentalen oder psychischen Einschränkungen, werden in Werkstätten von Betreuungseinrichtungen oft mit Arbeiten beschäftigt, die in den Zulieferbereich für Wirtschaft, Handwerk und Industrie fallen – oft zu vergleichsweise schlechten Konditionen. Teilweise gibt es jedoch auch Einrichtungen, die in der Beschäftigungsstruktur mehr auf Kunsthandwerk setzen, während Kunstwerke als solche, wie etwa Gemälde und Skulpturen, bislang – so meine Wahrnehmung – eher eine sehr untergeordnete Rolle in den Werkstätten spielen. Wie ist Ihre Wahrnehmung diesbezüglich?

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Anna Pongs-Laute: Auch in dieser Hinsicht hat sich Einiges getan in den letzten Jahren. Mittlerweile bieten auch viele Werkstätten Arbeitsplätze für Künstler an. Natürlich finden sich solche Angebote nicht flächendeckend in ganz Deutschland, jedoch ist der Gedanke, Arbeitsplätze für Künstler im Rahmen von Werkstatt anzubieten, den Trägern nicht mehr so fremd wie er es vielleicht vor 20 Jahren war.

In Hamburg gibt es drei Ateliers, die im Rahmen einer Werkstatt Arbeitsplätze für Künstler anbieten. Hinzu kommen noch Arbeitsplätze im Bereich Schauspiel und Musik. Auch in anderen Städten existieren Ateliers in dieser Art.

FRIEDA: Zwar wird seit Jahren das Modell der Inklusion an Schulen vorangetrieben, das teilweise auch durchaus kritisiert wird, doch auf den Lehrplänen kommen Fächer wie Musik und Kunst generell sehr zu kurz. Gleichzeitig erleben wir einen starken Trend zur Digitalisierung an den Schulen. Welche Bedeutung hat Ihrer Ansicht nach der kreative Ausdruck eines Menschen – ob behindert oder nicht – für dessen Entwicklung?

Anna Pongs-Laute: Ich denke es ist ein Fehler, den Fächern Kunst und Musik an den Schulen weniger Raum zu geben. Ich bin jedoch hier auch kein Experte und habe mich mit Lehrplänen und den Entwicklungen an Schulen in diesem Bereich nie beschäftigt. Ich denke, wichtig für die Entwicklung der Kinder ist eher der Freiraum für Kreativität und dieser kann auch im regulären Kunstunterricht fehlen. Denn wenn künstlerisches Schaffen mit Noten bewertet wird und Aufgabenstellungen kaum Freiraum lassen, bietet sich in dieser Hinsicht auch wenig Entfaltungsspielraum. Die Digitalisierung an sich sehe ich nicht als Problem, auch digitale Medien können kreativ genutzt werden und bieten viele Möglichkeiten.

Seit 1995 kooperieren Die Schlumper mit der Louise-Schröder-Schule, einer Ganztagsgrundschule in Hamburg-Altona. Gegenüber der Schule befindet sich ein Atelier, welches von Künstlern der Ateliergemeinschaft Die Schlumper und von Kindern der Schule besucht wird. Die Schüler kommen in kleinen Gruppen ins Atelier und haben hier die Möglichkeit, frei zu arbeiten. Die Künstler der Schlumper sind Vorbild und Inspiration für die Schüler. Hier entstehen faszinierende Arbeiten, die im Rahmen eines regulären Kunstunterrichts sicherlich nicht vorstellbar wären. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kinder an diesem kreativen Freiraum sehr viel Spaß haben!

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FRIEDA: In der Galerie des Vereins Freunde der Schlumper e.V. können auch Workshops besucht werden. An wen richten sich diese Angebote?

Anna Pongs-Laute: Diese Angebote richten sich überwiegend an Schulklassen. Wie auch in anderen Ausstellungshäusern ist uns die Vermittlung der Kunst ein Anliegen. Die Workshops, in denen die Teilnehmer selber praktisch tätig werden können, erleichtern den Zugang zu den ausgestellten Werken und ermöglichen eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema. Wir nennen diese „Workshops“ auf unserer Homepage „Begegnungen“, denn es sind auch immer Künstler anwesend. So können die Teilnehmer nicht nur die Arbeiten, sondern auch einzelne Künstler kennen lernen. Natürlich können unsere Kunstvermittlungsangebote aber auch von anderen Gruppen gebucht werden.

FRIEDA: Haben sich für einige der bei Ihnen ausstellenden Künstler auch schon neue Kooperationen oder Aufträge ergeben?

Anna Pongs-Laute: Ja, wir kooperieren immer wieder mit anderen Einrichtungen und Organisationen, z.B. Galerien, in verschiedensten Zusammenhängen. Auch kleinere Aufträge werden an uns herangetragen und wenn möglich umgesetzt.

FRIEDA: Sind Ihnen Vereine, Initiativen oder Stiftungen hierzulande bekannt, die einen ähnlichen Ansatz wie Die Schlumper verfolgen?

(c) Uwe Bender (auch Titelbild)

Anna Pongs-Laute: Ja. Wie schon erwähnt, existieren mittlerweile viele Ateliers in ganz Deutschland, die ähnlich arbeiten wie das Atelier der Schlumper. Fördervereine wie unserer sind nur eine Form, Projekte dieser Art zu realisieren. Einen guten Überblick über die Kunst und Kulturangebote für/von Menschen mit Behinderung bietet die Homepage des Vereins Eucrea e.V. (www.eucrea.de).

FRIEDA: Dr. Hans-Joachim Maaz von der Stiftung Beziehungskultur in Halle ist der Ansicht, dass wir es mit einer so genannten normopathischen Gesellschaft zu tun hätten. Damit meint er, dass das Pathische, also das Kranke, nicht mehr als pathologisch erkannt wird, wenn die Mehrheit einer Bevölkerung auf eine bestimmte Art und Weise denkt und handelt. Bräuchte die Gesellschaft vielleicht so etwas wie eine kollektive Kunsttherapie?

Anna Pongs-Laute: Oh. Das kann ich leider nicht beantworten. Ich bin keine Kunsttherapeutin. Das Atelier der Schlumper ist keine therapeutische Einrichtung, sondern ein reiner Arbeitsplatz. Ein guter Arbeitsplatz und eine selbstbestimmte Arbeit können sich sehr positiv auf die Persönlichkeit auswirken, aber es handelt sich nicht um Therapie. Was unserer Gesellschaft guttun würde? Wenn ich das wüsste…! Eine möglichst selbstbestimmte und sinnstiftende Arbeit würde bestimmt vielen Menschen helfen und natürlich Freiraum, sich kreativ zu entfalten.

FRIEDA: Was wünschen Sie sich für Die Schlumper mit Blick auf die weitere Entwicklung?

Anna Pongs-Laute: Ich wünsche mir für die Künstler unseres Ateliers natürlich noch mehr Anerkennung in der Gesellschaft und in der sogenannten „Kunstwelt“, gute Ausstellungen und mehr Sichtbarkeit der einzelnen Künstler unabhängig von der Gruppe Die Schlumper.

FRIEDA: Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Interview!

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