Kinshasa Symphony

Beethoven in Zentralafrika

„Kinshasa Symphony“ lautet der Titel eines Dokumentarfilms aus dem Jahre 2010, mit dem Claus Wischmann und Martin Baer das Publikum 95 Minuten lang mit auf eine Reise in den Kongo nehmen, genauer gesagt nach Kinshasa. In der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo leben fast zehn Millionen Menschen, die zu den ärmsten auf diesem Planeten gehören. Warum das so ist, hat nicht zuletzt auch etwas mit der Politik insbesondere in Europa und den USA zu tun. Diese Politik ist aufgrund der Einflussnahme von Interessengruppen aus Wirtschaft und Industrie, sowie fragwürdiger Subventionsleistungen, mitverantwortlich dafür, dass Menschen in vielen Teilen Afrikas Rahmenbedingungen für eine autarke Selbstversorgung genommen werden.

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„Der Kongo ist eines der rohstoffreichsten Länder der Welt. Er verfügt über 34 Prozent der Weltvorräte an Kobalt und ein Viertel aller Diamantenvorkommen. Bei den blutigen Kriegen im Osten des Landes geht es auch um die reichen Vorkommen an Coltan, eines für die Herstellung von Mobiltelefonen, Laptops und Spielkonsolen wichtigen Roherzes. Die allermeisten der 60 Millionen Kongolesen gehören zu den Ärmsten der Welt. Das durchschnittliche Einkommen liegt bei 300 Dollar pro Kopf. Als unterernährt gelten 73 Prozent der Kongolesen. Nur die Hälfte aller Kinder hat Zugang zu schulischer Bildung. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 90 Prozent der Kongolesen unter der Armutsgrenze leben“, heißt es im Pressetext zum Film.

In Kinshasa Symphony geht es um die Lebensrealität der Menschen im Kongo. Und es geht um Musik. Denn ausgerechnet in Kinshasa ist das einzige Symphonieorchester Zentralafrikas beheimatet, das „L’Orchestre Symphonique Kimbanguiste“. Dem Kongolesen Armand Diangienda ist zu verdanken, dass es dieses ungewöhnliche Orchester gibt. Er ist Dirigent des Orchesters und von Haus aus Pilot. Es gelang ihm mit nahezu unerschöpflichem Enthusiasmus, Menschen für seine Vision zu begeistern.

Trotz vieler Entbehrungen, völliger Übermüdung und technischer Unwägbarkeiten sowie vieler anderer Probleme bauten sich die Menschen Instrumente, studierten Noten und gingen beharrlich zu den Chorproben. Armand Diangienda ist zweifellos ein außergewöhnlicher Mensch. Nicht nur, dass er es schaffte, seine Landsleute zu dieser beispiellosen Leistung zu motivieren; die Auswahl der Werke des Orchesters ist für Zentralafrika mehr als ungewöhnlich. Es handelt sich um Musik aus der Feder klassischer europäischer Komponisten, darunter Beethoven, Mozart, Dvorak, Verdi und Carl Orff.

FRIEDA im Gespräch mit Claus Wischmann, Autor, Regisseur und Geschäftsführer von „sounding images“.

FRIEDA: Die harte wirtschaftliche Realität im Kongo steht nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit Ihres Films, sondern die Begeisterung der Menschen für die Musik, die es ihnen ermöglicht, dem harten Alltag für Momente zu entfliehen. Kinshasa Symphony wurde 2010 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin uraufgeführt. Am 29.04.2013 zeigte die ARD den Film im Spätabendprogramm um 23.15 Uhr, am 21.07.2016 strahlte der WDR den Film nachts um 0.55 Uhr aus. Schade eigentlich, dass es ein Film wie dieser nicht in die beste Sendezeit schaffte. Worauf führen Sie das zurück?

(c) Claus Wischmann

Claus Wischmann: Der Dokumentarfilm – das ist keine wirkliche Neuigkeit – hat es schwer im Fernsehen. Diese Programme werden gern spätabends und nach Möglichkeit nicht im Hauptprogramm gezeigt. Von daher ist es schon ein Erfolg, dass Kinshasa in der ARD lief und dabei auch trotz der späten Sendezeit sehr viele Zuschauer begeistert hat. Der Film wurde danach immer wieder gezeigt, im WDR gleich mehrmals und in verschiedenen Fassungen. – Ich bin eigentlich ganz zufrieden.

FRIEDA: Wenngleich es in Ihrem Film immer wieder um das Orchester geht, zeigen Sie anhand einiger Beispiele, unter welchen Bedingungen die Menschen in Kinshasa versuchen, ihr Leben möglich zu machen. Welche Konsequenzen die EU-Politik hat, wird besonders am Leben von Joséphine Nsimba gezeigt. Wegen importierter Eier aus Brasilien und den Niederlanden kann sie Eier ihrer eigenen Hühner auf dem Markt in Kinshasa nicht mehr gewinnbringend verkaufen. Eier werden also nach Kinshasa eingeflogen, während hierzulande die Steuerzahlenden mit Verordnungen am laufenden Band in Sachen CO2-Reduzierung gegängelt werden. Fällt Ihnen dazu noch etwas ein oder können Sie da nur noch mit dem Kopf schütteln?

Claus Wischmann: Uns war es wichtig, dass diese Szene beinahe nebenbei eine dramatische und weder für uns noch für Joséphine nachvollziehbare Realität zeigt. Wir haben versucht, ohne mahnenden Zeigefinger und ohne die typischen Klischees zu arbeiten. Dass diese Szene, obwohl wir sie nicht weiter dramatisiert haben, immer wieder Anlass zum Nachdenken gibt, gefällt mir sehr. Es gab und gibt ein gewaltiges Echo auf diesen Film, sowohl national als auch international. Der Film wird regelmäßig in Schulen gezeigt, er hat zahlreiche Nachfolgefilme initiiert – ganz aktuell gibt es in einem der Gewinnerfilme der Berlinale Traumsequenzen, in denen das Orchester spielt – es gab und gibt mehrere Organisationen und Initiativen, die sich, angeregt durch den Film, mit der Situation vor Ort beschäftigen, Instrumente sammeln, Geld sammeln, das Orchester einladen, das Orchester vor Ort unterrichten, Austausch organisieren. Das Auswärtige Amt sowie die Deutsche Botschaft in Kinshasa haben, nach anfänglicher Zurückhaltung, das Orchester und zahlreiche Projekte, insbesondere des WDR Symphonieorchesters und des dortigen Chors, finanziell unterstützt.

FRIEDA: Laut „Straßenkinderreport“ (Stand 2010) wurden allein im Kongo 30.000 Kinder als Kindersoldaten von Rebellentruppen verschleppt, aber auch von der Regierungsarmee FAEDC bedroht. Die Kinder werden physisch, psychisch und sexuell missbraucht und zu Morden an der Bevölkerung, anderen Kindern oder ihrer eigenen Familie gezwungen. Gelingt den oft schwer traumatisierten Kindern der Ausstieg, laufen sie auch noch Gefahr, dass evangelikale Fundamentalisten exorzistische Rituale an ihnen vollziehen. Sind Sie bei den Dreharbeiten damals auch mit diesem Thema in Berührung gekommen?

Claus Wischmann: Nein.

FRIEDA: Hat sich durch Ihren Film etwas für die Menschen in Kinshasa vor Ort verändert?

Claus Wischmann: Durch die schon angedeuteten zahlreichen Initiativen hat sich vieles geändert im Orchester. Das „L’Orchestre Symphonique Kimbanguiste“ ist mehrmals in Deutschland, England und Belgien aufgetreten. Auch mit Werken des kongolesischen Konzertmeisters Mbuangi Mayimbi Héritier, was mich besonders freut. Es gibt regelmäßige Workshops in Kinshasa von Instrumentalisten und Sängern des WDR Symphonieorchesters. Weltweit wurde über das Orchester berichtet. Armand und sein Orchester haben heute einen nicht zu unterschätzenden Bekanntheitsgrad in einigen europäischen Ländern und in den USA. Wir hoffen, dass es gelingt, die von Armand geplante Musikschule für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Das wäre ein wunderbarer Erfolg. Ob das alles den Menschen wirklich in ihrem Alltag hilft, weiß ich nicht. Ich hoffe es.

FRIEDA: Der Titel Ihres aktuellen Dokumentarfilmes lautet „Karneval“ und trägt den Untertitel „Wir sind positiv bekloppt“. Kinshasa zeigt Menschen, die den Preis für die Überflussgesellschaft hierzulande zahlen, trotzdem aber gemeinsam für ein höheres Ziel, nämlich das Orchester, mit Inbrunst und Disziplin, oft mit letzter Kraft, für ein wenig Glück kämpfen. Auch in Ihrem Film „Karneval“ sind Sie nah an Einzelschicksalen von Menschen und bieten Einblick in die „Köl’sche Seele“ während der „jecken Tage“. Sind wir „positiv bekloppt“ oder vielleicht doch eher seelisch am Überfluss verarmt?

Claus Wischmann: Was mich interessiert, wenn ich an meinen Filmen arbeite, sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Ich möchte zeigen, wie sie leben, denken, in der Welt sind. Wie sie sich und andere sehen. Für mich ist es ziemlich egal, ob diese Menschen in Köln oder Kinshasa wohnen. Auch bei den Karnevalisten, die wir begleitet haben, sehe ich diese Inbrunst, Intensität und Disziplin, die Sie bei den Musikern aus Kinshasa entdeckt haben.

FRIEDA: Haben Sie schon Pläne für ein neues Filmprojekt und wenn ja, worum wird es dabei gehen?

Claus Wischmann: Wir arbeiten an einem Film und einer Web-Serie mit dem Titel „Digital Africa“: Eine Reise durch einen Kontinent auf dem Glasfaserkabel-Internet eine Selbstverständlichkeit ist und wo eine kreative Start-up-Szene in Innovationszentren technische Ideen austüftelt, die in aller Welt nutzbar sind. Mit Dörfern ohne Strom und Wasser, in denen mit dem Mobiltelefon bezahlt oder mit einer Handy-App der Arztbesuch erledigt wird. Technologien, die auch in Brandenburg sinnvoll eingesetzt werden können.

Außerdem habe ich beim größten Schützenfest der Welt gedreht. Das findet alljährlich in Neuss statt, gar nicht weit von Köln. Ein unglaublich exotisches Thema. Der Film mit dem Titel „Stadt der Könige“ ist beinahe fertig und wird dieses Jahr noch in einigen Kinos, auf DVD und im Fernsehen zu sehen sein.

FRIEDA: Was wünschen Sie sich von der Politik und was von der Bevölkerung dieses Landes für die Zukunft?

Claus Wischmann: Wenn ich mir eines für die Bevölkerung – und für mich – wünschen darf, dann ist es etwas mehr der ganz undeutschen Tugend der Gelassenheit.

FRIEDA: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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