Ivan Illich

Ein später Dank an einen großen Geist

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Irgendwann in den frühen 1990er Jahren stieß ich erstmals auf ein Buch von Ivan Illich. Es war in der Grabbelkiste einer Buchhandlung, ein Mängelexemplar, auf den ersten Blick kaum zu erkennen zwischen Belletristik und Krimis. Mit einem Edding hatte der Buchhändler „Jedes Buch 1 Mark“ auf ein Stück Pappe geschrieben, das mit Klebeband an der Kiste befestigt war. Komisch, dass man sich nach Jahrzehnten an Kleinigkeiten wie diese erinnert. Ich weiß sogar noch, dass es an dem Tag regnete und ich eigentlich nur kurz Unterschlupf im Eingangsbereich des Ladens gesucht hatte. „Achtet auf die Zeichen am Wegesrand!“, fällt mir heute dazu ein.

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Prof. Dr. Ivan Illich war Sozialphilosoph, Schriftsteller, Theologe und Priester. Er wurde 1926 in Wien geboren und starb 2002 in Bremen nach langer Krankheit. Schon vor mehr als 50 Jahren beschäftigte er sich mit einer Bandbreite an Themen, die noch heute verblüfft. „Die Nemesis der Medizin – Die Kritik der Medikalisierung des Lebens“ lautet der Titel des Buches, das ich damals für eine Mark erwarb, eine Fundsache, die ich indirekt dem Bremer Regen zu verdanken habe. Der ursprüngliche Titel des Werkes, das 1975 erstmals erschien, lautete „Die Enteignung der Gesundheit“. Es wurde in jener Zeit als Provokation aufgefasst. Beeindruckend ist, dass Illich schon damals vor den Konsequenzen einer tumorartig wuchernden Gesundheits- und Medizintechnokratie für die Gesellschaft warnte.

„Detailreich und mit kritischer Brillanz wird gerade auch dem medizinischen Laien gezeigt, wie die verschiedenen Interessengruppen, wie Ärzteschaft, Pharmaindustrie und die sie begleitende Ideologie den Patienten zum süchtigen Verbraucher und die Medizin zum Verbrauchsgut werden lassen. Entfremdet von der natürlichen Erfahrung von Gesundheit, Krankheit und Tod, deren Definitionen wir lieber den Ritualen der Ärzteschaft vorbehalten, sind wir so dem Irrglauben verfallen, der Mensch sei vollständig reparabel. Ein Buch, das gerade auch angesichts der gegenwärtigen Diskussion um Organtransplantation, künstliche Befruchtung, gentechnische Eingriffe usw. von beklemmender Aktualität ist“, schreibt Peter Lehmann, Inhaber des Antipsychiatrieverlages in Berlin, dazu.

Kritische und besorgte Gedanken zum Bildungssystem, zum Fortschrittswahn, zum Umgang mit den Ressourcen der Erde und dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern im Industriezeitalter sind in den Büchern des großen Vordenkers Illich zu finden. Die Themen, mit denen sich Illich beschäftigt hat, sind heute aktueller denn je, die meisten seiner Bücher allerdings nur noch antiquarisch erhältlich, Perlen, die in keinem Bücherregal fehlen sollten…

Ivan Illich, „Die Nemesis der Medizin“

Ivan Illich, „Fortschrittsmythen“

Ivan Illich, „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“

Ivan Illich, „H2O und die Wasser des Vergessens“

Ivan Illich, „Gender“ (Englisch)

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