Integrative Medizin – Was ist darunter zu verstehen?

Interdisziplinärer Dialog zum Wohle der Patienten

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(c) Angelika Weigelt

Integrative Medizin – Was ist darunter zu verstehen?

Die Integrative Medizin hebt die Bedeutung der Beziehung zwischen Arzt oder Heilpraktiker und Patient hervor. Für die Therapie werden, neben der Lebens- und Krankengeschichte des Patienten, evidenzbasiert alle relevanten therapeutischen Möglichkeiten jeder medizinischen Disziplin berücksichtigt und genutzt. Ziel dabei ist, für den Patienten den bestmöglichen Gesundheitszustand zu erreichen. Der Mensch ist eben keine Maschine; deshalb sollten auch die psychischen Belange jedes Einzelnen in den Genesungsprozess integriert werden. Ein großer Beitrag hierzu wird von der Komplementärmedizin, und hier besonders von Heilpraktikern, erbracht.

Die Vorreiter der Integrativen Medizin haben erkannt, dass die Schulmedizin durchaus gute Ergebnisse erzielen kann, dass ihr aufgrund ihrer Herangehensweise („Mensch als Maschine“) aber vieles fehlt, was die Alternativmedizin zu leisten vermag. Im Idealfall geht es eben nicht nur darum, das Leben eines Menschen zu erhalten, sondern auch darum, seine Lebensqualität zu verbessern und vor allem, ihm seine Würde zu lassen.

Kooperation statt Konkurrenz

Erfreulicherweise finden immer mehr Kooperationen zwischen Heilpraktikern und Ärzten statt. Auch viele Kliniken öffnen sich inzwischen gegenüber alternativen Herangehensweisen, wohl auch, weil das Interesse daran seitens der Patienten zunimmt und darüber hinaus erkannt wird, dass ein interdisziplinärer Dialog für alle Beteiligten fruchtbar sein kann sowie von beiden Seiten inzwischen auch zunehmend begrüßt und praktiziert wird.

Prof. Dr. Volker Diehl, Hämatologe, Onkologe, ist ein bedeutender Befürworter der Integrativen Medizin. Er hielt 2011 beim DGHO Basel einen Vortrag mit dem Titel „Komplementäre Medizin: Brücke zwischen Patient und Arzt“. Prof. Dr. Diehl betonte in diesem Vortrag, dass Krankheit Leib, Seele und Geist umfasse: „Der Patient braucht, neben der schulmedizinischen Therapie, wertvolle und hilfreiche supportive Maßnahmen, um die Selbstheilungskräfte zu stärken.“

Zu diesen ergänzenden Maßnahmen zählen Psychotherapie, Phytotherapie, Orthomolekulare Therapie, integrative Schmerztherapie, Ernährungstherapie u.v.a.m.

Frieda im Gespräch mit Dr. Annette Pitzer

Frieda befragte zu dem Thema die Heilpraktikerin Dr. Annette Pitzer aus Dillenburg Nanzenbach. Sie arbeitet in ihrer Praxis im Bereich der Integrativen Medizin und Integrativen Psychotherapie. Sie promovierte in Biologie, war zehn Jahre lang in einer leitenden Position in einer Computerfirma beschäftigt und ist als Heilpraktikerin seit elf Jahren in eigener Praxis tätig.

Frieda: Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihren Schwerpunkt auf die Integrative Medizin/Psychotherapie zu legen?

Dr. Annette Pitzer

Dr. Pitzer: Um diese Frage zu beantworten, muss ich zuerst etwas über den Beruf des Heilpraktikers sagen. Die meisten Menschen, die einen Heilpraktiker aufsuchen, sind chronisch krank, austherapiert oder mit den Ergebnissen, die die Schulmedizin erzielt hat, nicht rundum zufrieden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich kritisiere keineswegs die Schulmedizin; sie arbeitet engagiert und kompetent im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Das heißt, wir Heilpraktiker haben es häufig mit chronisch schwer kranken Menschen zu tun, die oft viele belastende Therapien hinter sich haben, viele allopathische Medikamente einnehmen und nun einen letzten verzweifelten Versuch unternehmen, um etwas mehr Lebensqualität zu erhalten. Viele sind auch durch ihre Krankengeschichte schwer psychisch angeschlagen. Diese Menschen haben kaum noch Hoffnung und stehen einem neuen Therapeuten kritisch gegenüber. Man bekommt keinen Vertrauensvorschuss mehr. Will man mit diesen Menschen arbeiten, muss man von Anfang an überzeugen.

Oft sind sie nicht mehr dazu bereit, weitere Untersuchungen über sich ergehen zu lassen oder gar kostspielige Therapien zu beginnen, wenn es keine wissenschaftlich fundierten Begründungen dafür gibt. Um die Untersuchungen so patientenfreundlich wie möglich zu gestalten, lese ich alle verfügbaren Laborbefunde und Krankenberichte. So vermeide ich Mehrfachuntersuchungen. Danach kann es vorkommen, dass ich dem Patienten vorschlage, bestimmte Laboruntersuchungen beim behandelnden Arzt durchführen zu lassen. Da beginnen meist schon die Probleme. Die Mehrzahl der Patienten reagierte bisher ängstlich oder ablehnend, da sie Regressionen seitens der Ärzte befürchteten.

Immer noch gibt es viele Vorurteile uns Heilpraktikern gegenüber, die dann am Patienten ausgelassen werden. Aussagen wie „Sie gefährden Ihre Therapie!“ oder „Sie werfen Ihr Geld weg!“ sind leider immer noch gang und gäbe. Auch Aussagen wie „Ich lass mir doch von einer Heilpraktikerin nicht vorschreiben, welche Untersuchungen ich machen soll!“ fallen häufig. Der Patient gerät immens unter Druck, was seiner Gesundheit nicht zuträglich ist. Er beginnt wieder zu zweifeln, ob er diesen Weg weiter beschreiten soll und vertut so häufig eine Chance auf Besserung.

Auch heute noch mache ich den Vorschlag, die erforderlichen Untersuchungen über den Arzt laufen zu lassen, da so meist die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. Allerdings biete ich diese Untersuchungen nun auch in meiner Praxis an.

Frieda: Was bedeutet für Sie Integrative Medizin/Psychotherapie?

Dr. Pitzer: Integrative Medizin ist eine Medizin des Miteinanders. Sie verbindet die Schulmedizin mit all ihren Diagnose- und Therapieverfahren mit der Komplementärmedizin. Im Mittelpunkt stehen der Patient und die Therapieverfahren, die seine Gesundheit fördern. Der Patient wird über seine Optionen informiert und kann die für ihn stimmigen Therapieformen wählen. Es gibt keine Ausgrenzung und keinen Druck. Der Patient entscheidet so, wie er es für richtig erachtet.

Allerdings erfordert die Integrative Medizin auch Eigenverantwortung und Engagement vom Patienten. Ohne die Bereitschaft des Patienten, zu seiner Gesundheit, durch z.B. Änderung seiner Gewohnheiten, beizutragen kann der Ansatz nur unvollständig sein.

Frieda: Wie kann das konkret aussehen?

Dr. Pitzer: Betrachten wir einen chronischen Schmerzpatienten. Meist sind diese Patienten von starken Schmerzmedikamenten abhängig, haben starke Einschränkungen und durch die Medikamente häufig Folgeerkrankungen.

Die meisten sind sich der Nebenwirkungen der Schmerzmedikamente durchaus bewusst und haben schon mindestens einmal versucht, diese zu reduzieren oder gar abzusetzen. Das Ergebnis war häufig traumatisch. Noch mehr Schmerz, noch mehr Angst vor dem Schmerz, erhöhte Medikamentendosis, reduziertes Selbstbewusstsein.

Kommt ein solcher Patient in meine Praxis, ist es wichtig, alle Befunde zu lesen und dem Patienten zuzuhören. In meiner Anamnese frage ich selbstverständlich auch nach der Medikation des Patienten. Dies ist wichtig, um Wechselwirkungen zwischen den allopathischen und den naturheilkundlichen Medikamenten zu erkennen und zu umgehen. Hier kommt mir mein Studium zugute. Wenn ich mir bezüglich der Wechselwirkungen nicht sicher bin, nehme ich mein Netzwerk von Pharmakologen in Anspruch, das ich mir eigens aufgebaut habe, um im Bedarfsfall weiterführenden Rat zu bekommen.

Bei Schmerzpatienten muss immer bezüglich der „selbstverordneten Medikamente“ nachgefragt werden. Viele Schmerzpatienten nehmen neben den verordneten Schmerzmedikamenten noch eine große Menge frei verkäuflicher Schmerzmittel ein. Dies hat fatale Folgen für den Körper. Berücksichtigt man dies nicht, dann ist es immens schwer, einen erfolgversprechenden Therapieplan zu erstellen.

Nachdem alle Fakten gesammelt sind und die Wünsche des Patienten erörtert wurden, stelle ich einen umfassenden Therapie- und Kostenplan auf. Der Patient kann dann in Ruhe entscheiden, was sich für ihn stimmig anfühlt und welche der Vorschläge er für sich umsetzen möchte.

Frieda: Kann der Patient diesen Therapieplan seinen behandelten Ärzten vorlegen?

Dr. Pitzer: Natürlich, ich bin für Transparenz. Auch die behandelnden Ärzte müssen wissen, welche Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel etc. der Patient zusätzlich einnimmt. Leider wird darauf zu wenig geachtet. Die Zeit für eine ausführliche Anamnese fehlt in den Praxen einfach.

Der Gesetzgeber reagiert mit einem Gesetz, anstatt die Rahmenbedingungen zu verbessern. Seit 01.10.2016 steht allen Kassenpatienten, die dauerhaft drei oder mehr verordnete Arzneimittel gleichzeitig anwenden, ein Medikationsplan in Papierform zu. Der Medikationsplan soll helfen, Einnahmefehler oder gefährliche Wechselwirkungen zu vermeiden. Dies bezieht sich natürlich nur auf allopathische Medikamente.

Frieda: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dr. Pitzer: Mehr Zusammenarbeit und Akzeptanz zwischen den medizinischen Disziplinen zum Wohle der Patienten und der Ärzte, Heilpraktiker, Therapeuten und Apotheker. Denn unter der Konkurrenz leiden nicht nur die Patienten, sondern auch alle im medizinischen Bereich tätigen Menschen

Frieda: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Themen-Foto wurde Frieda freundlicherweise von Angelika Weigelt zur Verfügung gestellt.

Websites von Dr. Annette Pitzer:

http://www.integrative-psychotherapie-dillenburg.de/

http://www.annette-pitzer.de/

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