Indigene Völker: Mogelpackung Naturschutz?

Symptome reparieren oder Ursachen eliminieren?

Die Yanomami verfügen über ein enormes Wissen über die lokale Botanik und verwenden ungefähr 500 Pflanzen für Essen, Medizin, Hausbau und Gebrauchsgegenstände. © Survival International

„Obwohl Naturschutzorganisationen jeden Tag Millionen ausgeben, befindet sich die Umwelt in einer sich vertiefenden Krise. Gegenwärtige Naturschutzpraktiken verringern häufig die biologische Vielfalt, fördern zerstörerische Entwicklungsprojekte und führen immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. Es ist Zeit aufzuwachen und zu erkennen, dass es einen anderen, besseren Weg gibt!“, lautet ein Appell auf der Seite von Survival International, einer global agierenden Bewegung, die sich für die Rechte indigener Völker engagiert. Als einzige Organisation dieser Art setzt sich Survival speziell für indigene Völker in so genannten „Stammesgesellschaften“ ein.

Der Begriff „Indigene Völker“ stammt von indigena, was „eingeboren“ bedeutet. In dem Zusammenhang wird auch oft von autochthonen („ursprünglichen“) Völkern gesprochen. Die international etablierte Definition meint damit Bevölkerungsgruppen, die den Nachkommen einer Bevölkerung zuzuordnen sind, die vor der „Eroberung“ bzw. „Kolonialisierung“ oder aber durch die Gründung eines Staates durch andere Völker in einer bestimmten Region leben und deren Selbstwahrnehmung bis in die Gegenwart noch dadurch gekennzeichnet ist, dass sie sich als eigenständige Völker erleben und auch so wahrgenommen werden möchten. Das bedeutet, dass sie ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen sowie ihre Lebensweisen ganz oder weitgehend beibehalten haben. „Schätzungsweise 350 Millionen Angehörige sollen alle indigenen Völker der Erde haben; allein auf der pazifischen Insel Neuguinea werden 1089 indigene Völker mit jeweils eigener Sprache gezählt“, heißt es bei Wikipedia.

Im Zuge der Eroberungen und Kolonialisierungen gehörten Menschenrechtsverletzungen zur Tagesordnung. Bis heute leiden Angehörige indigener Völker weltweit darunter. Und auch heute noch werden sie ihres natürlichen Lebensraumes beraubt, diskriminiert und sind oft die, die den Preis für den Lebensstandard in den Industrienationen zahlen: Regenwaldabholzung, Staudammbauten, Palmölplantagen, Reduzierung der Artenvielfalt sind nur einige der Sünden der „modernen Zivilisation“. Siehe auch hier.

Während Prominente, wie George Clooney, Werbung für Kaffee aus Aluminiumkapseln machen, sacken die Konzerne satte Gewinne ein, denn dieser Genuss verursacht Müll, der größtenteils aus Aluminium besteht.

An dieser Stelle sei daher nochmals auf die Dokumentarfilme von Bert Ehgartner verwiesen und das Interview mit ihm in diesem Magazin. Die Organisation „Rettet den Regenwald“ engagiert sich übrigens gerade im Rahmen einer Petition für ein konsequentes „Stopp!“ für Kaffee-Alukapseln, denn für deren Herstellung werden Tausende Tonnen Aluminium verbraucht.

FRIEDA widmet sich in diesem Beitrag der Arbeit von Survival. Zentrales Anliegen von Survival ist, die Vernichtung indigener Völker zu verhindern und ihnen eine Plattform zu geben, von der aus sie sich direkt an die internationale Öffentlichkeit wenden können. Auf diese Weise könne die Öffentlichkeit Zeugin der völkermörderischen Gewalt, der Sklaverei und des Rassismus werden, mit denen indigene Völker täglich konfrontiert würden – und dabei helfen diese zu stoppen.

FRIEDA sprach mit Linda Poppe, Koordinatorin bei Survival Deutschland mit Sitz in Berlin

Linda Poppe, © Survival International

FRIEDA: Frau Poppe, im Vorfeld des Interviews sagten Sie, dass Sie bereits früher im Bereich Menschenrechte aktiv waren, seit inzwischen nunmehr sieben Jahren für Survival Deutschland tätig sind und dass sich Survival insbesondere für so genannte „Stammesgesellschaften“ engagiert. Was ist darunter zu verstehen?

Linda Poppe: Eine „Stammesgesellschaft“ ist zunächst einmal eine eigenständige Gesellschaft, die sich von anderen durch spezifische Eigenschaften oder Kennzeichen, wie zum Beispiel Sprache, unterscheidet. Anders als andere Gesellschaften sind Stämme zum Überleben auf ihr Land angewiesen, auf dem sie größtenteils autark leben. Das heißt, sie beziehen fast alles – von Medikamenten bis Baustoffen – von ihrem Land. Außerdem sind sie nicht in die nationale Mehrheitsgesellschaft integriert.

FRIEDA: Welche Projekte unterstützen Sie in welchen Teilen der Welt?

Lina Poppe: Momentan arbeiten wir an rund 90 Fällen von Rechtsverletzungen in mehr als 30 Ländern – leider ist auch das nur die Spitze des Eisberges. Wir dokumentieren und untersuchen Verbrechen an indigenen Völkern und liefern Beweise an die Vereinten Nationen und andere internationale Foren. Wir unterstützen rechtliche Vertretung von indigenen Völkern. Wir finanzieren medizinische und Selbsthilfe-Projekte und vor allem betreiben wir Bildungs- und Lobbyarbeit, forschen, führen Kampagnen und protestieren. Wir konzentrieren uns dabei auf Situationen, in denen indigene Völker am meisten zu verlieren haben und es in der Regel keine andere internationale Unterstützung gibt.

FRIEDA: Obwohl es weltweit viele Organisationen gibt, die sich für die Menschenrechte, den Naturschutz etc. im engeren oder weiteren Sinne engagieren und das auch mit mehr oder weniger großem Erfolg, scheint man an den eigentlichen Ursachen der Probleme vorbeizutherapieren. Eine unglückselige Rolle in dem Szenario dürfen Konzerne, Aktiengesellschaften und die Politik spielen. Das dürfte vielen bewusst sein. Aber schließlich können Konzerne, Aktiengesellschaften und Regierungen nur „funktionieren“, wenn es genügend Menschen gibt, die durch ihre Verbrauchermacht keine anderen Signale setzen, sei es im Supermarkt, in Sachen Geldanlagen oder an der Wahlurne. Welche konkreten Erfahrungen haben Sie als Hilfsorganisation mit Konzernen und Behörden gemacht, wenn es darum geht, Projekte vor Ort durchzusetzen?

Linda Poppe: Indigene Völker zählen wohl zu den bedrohtesten Gesellschaften unseres Planeten. Gerade unkontaktierte Völker, von denen es weltweit über 100 gibt, müssen um ihr Leben fürchten, wenn Regierungen, Unternehmen und andere Organisationen illegal in ihr Land eindringen. Wir versuchen das zu verhindern, damit sie selbst über ihre Zukunft entscheiden können. Dass Konzerne und Regierungen das nicht mögen, ist zu erwarten. Sie versuchen uns zu ignorieren, in Misskredit zu ziehen oder greifen uns an. Viele Freunde machen wir uns damit zwar nicht, aber indigenen Völkern konnten wir schon oft helfen. Und darauf kommt es schließlich an.

Es wird viel dafür getan, Menschenrechtsverletzungen klein zu reden. Selbst für Survival ist es eine komplizierte Arbeit, die verantwortlichen Stellen einwandfrei auszumachen oder Lieferketten zu beleuchten. Die Verbraucher haben also oft gar nicht das Wissen, ihre Macht zu nutzen. Deshalb ist die Arbeit von Organisationen wie Survival so wichtig, weil wir die Verantwortlichen benennen und überhaupt erst Möglichkeiten aufzeigen, sich wirkungsvoll zu engagieren.

FRIEDA: Können Sie einige Beispiele nennen, bei denen Ihr Engagement konkrete Erfolge brachte?

Linda Poppe: Gern! Die Yanomami in Brasilien sagen, dass sie ohne uns das Eindringen von Goldsuchern nicht überlebt hätten. Heute leben sie in einem der größten geschützten Regenwaldgebiete. Wir haben den Dongria in Indien geholfen, ihren heiligen Berg vor dem Rohstoffkonzern Vedanta zu schützen. Unsere Arbeit mit den Buschleuten hat dazu geführt, dass erstmals indigene Landrechte in Afrika gerichtlich bestätigt wurden. Wir haben Perus Regierung dazu gebracht, die Existenz unkontaktierter Völker anzuerkennen, damit ihr Land nicht einfach an Ölkonzerne gegeben werden kann. Die Liste ist lang, auch weil es so viel zu tun gibt.

Oft höre ich, dass es nichts bringt, sich zu engagieren und indigene Völker ohnehin dem Untergang geweiht sind. Ich halte das für falsch. Auch 500 Jahre nach Kolumbus und massiver Gewalt haben indigene Völker überlebt. Es ist Zeit, endlich anzuerkennen, dass sie bestens in der Lage sind, das Leben zu meistern und nicht von der „Moderne“ überrollt werden. Wir müssen aufhören, Indigene zu bevormunden oder zu versuchen, sie in unser Bild vom Menschsein zu pressen. Menschliche Vielfalt ist ein so großer Wert für uns alle.

Indigene Völker wie die Baka sind von ihrer Umwelt abhängig und verwalten diese seit Jahrtausenden. Sie sind die besten Umweltschützer. Dennoch werden sie unrechtmäßig im Namen des „Naturschutzes” von ihrem angestammten Land vertrieben und von Wildhütern misshandelt. © Selcen Kucukustel/Atlas

FRIEDA: Kooperieren Sie mir anderen Organisationen in diesem Bereich?

Linda Poppe: Oft arbeiten wir an Fällen, in denen keine andere internationale Organisation hilft. Aber wir kooperieren mit lokalen Netzwerken und Organisationen und wir versuchen auch international nach Unterstützern zu suchen, damit unsere Kampagnen schneller zum Erfolg führen.

FRIEDA: Welche aktuellen Projekte stehen bei Ihnen an?

Linda Poppe: Wir arbeiten intensiv am Schutz der Landrechte unkontaktierter Völker  – besonders im Amazonasgebiet. Und wir sind dabei, konventionellen Naturschutz zu verändern, damit indigene Völker endlich als Experten und beste Hüter ihrer Gebiete respektiert werden. Auch in Deutschland gibt es noch viel zu tun, damit die Gelder, die in den Wald- und Klimaschutz fließen, keine Menschenrechtsverletzungen unterstützen.

FRIEDA: Wie finanzieren Sie sich und was brauchen Sie aktuell?

Linda Poppe: Wir nehmen keine Gelder von nationalen Regierungen oder Unternehmen an, die die Rechte indigener Völker verletzen oder wahrscheinlich verletzen könnten. Wir wollen schließlich nicht, dass sie Einfluss auf unsere Arbeit erhalten. Deshalb finanzieren wir uns fast ausschließlich aus kleinen Spenden von Privatpersonen. Mit 5 Euro im Monat kann man uns schon viel helfen. Und wir brauchen immer informierte und engagierte Unterstützer und Unterstützerinnen. Unseren Newsletter mit Aktionsaufrufen zu lesen, ist schon ein toller Anfang.

Die Dongria-Kondh: „Wo werden wir Kinder hingehen? Wie werden wir überleben? Nein, wir werden unseren Berg nicht aufgeben!“ Gemeinsam mit Survival kämpften die Dongria Kondh in Indien erfolgreich gegen einen Tagebau auf ihren heiligen Berg. © Survival International

FRIEDA: Auch hierzulande wird der Ruf nach neuen Lebensformen lauter, wobei diese „neuen“ Lebensformen eigentlich gar nicht so neu erscheinen, sondern eher einem Trend „zurück zur Natur, zur Autarkie und zur Selbstversorgung“ folgen. Was können wir Menschen in den Industrienationen von den Indigenen lernen?

Linda Poppe: Zunächst können wir lernen, was wirklich menschlich ist. Auch Indigene haben Humor, sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder oder sitzen gern bei einem Festessen mit Familie und Freunden zusammen. Auch „praktischere“ Dinge spielen eine Rolle: Unserer Grundnahrungsmittel und zahlreiche Arzneimittel, die in der westlichen Medizin eingesetzt werden, haben ihren Ursprung in indigenen Gesellschaften und Millionen Leben gerettet.

Für Menschen die tiefer in die Thematik einsteigen wollen und eine Sicht der Welt aus indigener Perspektive erhalten möchten, empfehle ich das Buch „The Falling Sky“ – es ist das erste Buch seiner Art, verfasst vom Yanomami-Schamanen Davi Kopenawa. Indigene Völker haben viel zu geben – wenn wir ihnen die Chance lassen!

FRIEDA: Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Kraft und Erfolg!

Wer sich mehr für das Thema interessiert, findet hier noch einen kurzen Image-Film dazu!

Buchtipps:

Christoph Campregher, „Indigene Politik und Entwicklung“, Buch bestellen

Barbara Thaler, „Biopiraterie und Indigener Widerstand“, Buch bestellen

Gordon Hill, „Fünf Jahrhunderte indigener Widerstand“, Buch bestellen

Andrea Flemmer, „Apotheke Regenwald“, Buch bestellen

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