„Im Meer des Unwägbaren“

Im Gespräch mit der Schriftstellerin Christa Schyboll

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„Im Meer des Unwägbaren“

Es gibt Frauen, die dermaßen interessante Lebensgeschichten haben, dass Frieda sie einfach vorstellen muss. Christa Schyboll ist eine davon. Lyrik und Prosa gehören ebenso zum kreativen literarischen Schaffen der in Sinzig, Rheinland-Pfalz, lebenden Schriftstellerin wie Kolumnen, Balladen, Sachbücher, Essays und Kurzgeschichten. Doch nicht nur das! Allein drei Bücher mit eigenen Aphorismen stammen aus ihrer Feder und darüber hinaus hat Christa Schyboll mittlerweile drei – überwiegend – psychologisch orientierte Romane geschrieben sowie eine Kinderbuchserie veröffentlicht, die 26 Geschichten zur Werteorientierung umfasst.

In jungen Jahren war sie Presse- und Vorstandsassistentin, Redakteurin und Sachbearbeiterin in verschiedenen Instituten und Verbänden. Nach Lebensphasen, die durch Kindererziehung und viel ehrenamtliches Engagement geprägt waren, begann sie im Alter von 30 damit, erste Gedichte zu schreiben.

Frieda: Allein deine Website lässt ahnen, dass die kreative Quelle in dir anscheinend unerlässlich sprudelt. Kommt das alles einfach so aus dir heraus? Resultieren all die Ideen aus deiner umfangreichen Lebenserfahrung oder hat dich schlichtweg die Muse geküsst?

Christa Schyboll: Tja, die Muse küsst wohl jeden Menschen gern, der sie willkommen heißt, sie ehrt und sich ihr ernsthaft nähert. Zwei weitere aphoristische Bände mit über 800 neuen Denkangeboten sind übrigens gerade im Endlektorat und werden Ende 2016 erscheinen. Wo all das herkommt, wissen die Götter wohl genauer als ich. Aber gewiss kommen die Ideen dazu unter anderem auch aus meiner Wahrnehmung, also meiner kritischen mitmenschlichen Beobachtung, die mich selbst natürlich mit allen Facetten ebenfalls kritisch mit einschließt.

Frieda: Deine Aphorismen wirken oft doppel- oder mehrdeutig. Ist das Absicht?

Christa Schyboll: Ja, bei einigen der Sprüche ist das durchaus der Fall. Ich könnte zahllose Beispiele aus allen Lebensbereichen als faktische Beweise anführen, zu welchem Irrwitz wir als Spezies fähig sind. Die Doppel- oder Mehrdeutigkeit ist darauf angelegt, den Geist lustvoll zu schärfen, denn im Laufe meines Lebens wurde mir immer wieder das Lehrstück zuteil, dass die Dinge oft anders, tiefer liegen als der erste Anschein uns glauben machen will. Außerdem habe ich oft einen Schalk im Nacken und werde zuweilen auch von schwarzem Humor umgarnt. Humor ist für mich tatsächlich eine so ernste, weil wichtige Sache im Leben, dass man ihm gar nicht genug Pflege, Zeit und Aufmerksamkeit widmen kann. Er ist wie Schmieröl für meine Kreativität und übrigens auch hervorragendes Self-Entertainment.

Frieda: „Jenseits der Dunkelwelt“ und „Besessen – Die anderen Bewohner“ sind einige Titel deiner Romane. „Vom Stinkemichel & seinen Freunden“ handelt eines deiner Kinderbücher. Neben deinen vielen anderen literarischen Talenten erscheint es einigermaßen erstaunlich, dass eine Autorin aus dem Genre der psychologischen Romane für Erwachsene zugleich Kinderbücher schreibt. Wie kommt das?

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Christa Schyboll: Das Verfassen der pädagogischen Kinderbuchserie geschah auf Bitte einer Heilpädagogin, die händeringend für ihre alltägliche Arbeit mit „wert-desorientierten“ Kindern eine pädagogisch wirksame Stütze suchte, die ganz bestimmte Problemfelder behandelt. Tatsächlich tat ich mich mit den ersten beiden Geschichten auch etwas schwer. Ich musste in die eigene Kindheit eintauchen, mich neu daran erinnern, wie es Kinder erleben, wenn sie sich bedroht fühlen oder selbst kleine Täter sind und ein schlechtes Gewissen haben oder gar Angst vor Entdeckung. Zu dieser speziellen Serie gäbe es aber noch so viel zu sagen, was den Rahmen des Interviews sprengen würde.

Frieda: In deinem Buch „Mea maxima culpa – Gottes Magd und Teufels Braut“ geht es um die mysteriöse Begegnung zweier Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können: Die Lebenswege der Nonne Benedicta und der deutlich jüngeren Hannah kulminieren bei einem Autounfall, eine scheinbare Laune des Schicksals. Benedictas letzte Tage sind gezählt und einem inneren Drang folgend will sie Hannah unbedingt noch ihre aufregende Lebensgeschichte erzählen. Hannah ist anfangs wenig begeistert davon, zumal der Wunsch der unbekannten Ordensfrau sich nicht mit dem Timing ihres hektischen Schicki-Micky-Lebens vereinbaren lässt. Aber Hannah merkt mit der Zeit, dass irgendein magisches Band das Leben der Nonne mit ihrem eigenen verwebt. Abgesehen von der wirklich spannenden Handlung wird in dem Roman auch dein breites psychologisches Wissen deutlich. Wie ist die Geschichte vor der Geschichte? Soll heißen: Was hat dich dazu inspiriert?

Christa Schyboll: Inspiration waren mir zu diesem Buch unter anderem auch die eigenen existenziellen Fragen zum Leben, die sich nach den „letzten Antworten“ sehnten. Fragen also, die um den Lebenssinn, den Schmerz, die Würde, den Tod oder Gott kreisen, wenngleich mir klar ist, dass es „letzte Antworten“ niemals geben kann. Das intensive Frauen-Psychodrama um Benedicta und Hannah ist allerdings kein biografischer Roman, auch wenn viele eigene Lebensfragen eingeflossen sind. Ohne innere Beschäftigung damit hätte ich die Dialoge und Monologe nicht auf die erfolgte Weise niederschreiben können. Als ursprünglich durch ein katholisches Umfeld stark geprägtes Kind wollte ich zwar ernsthaft einige Jahre lang Nonne werden, aber dazu kam es nicht. Generell führt das Hinterfragen des eigenen Lebens zu mehr Tiefenschärfe und zu mehr Lebensqualität. Man kann sich damit dem Geheimnis des Schöpferischen nähern und auch selbst kraftvolle Impulse bekommen; zweifellos ist dieser Roman mit besonders viel Herzblut geschrieben worden.

Frieda: Was in deinen Büchern deutlich wird, ist eine intensive Beschäftigung mit der menschlichen Seele und ihren Abgründen. Das merkt man auch an deinem Sachbuch-Roman „Besessen – Die anderen Bewohner“, der die Geschichte einer multiplen Persönlichkeit erzählt. Woher hast du all das psychologische Wissen?

keine Abbildung vorhandenChrista Schyboll: Im Laufe meines Lebens habe ich eine ganze Reihe von Fortbildungen in Pädagogik, Philosophie und Psychologie gemacht. Dazu kommt das autodidaktische Erarbeiten vieler Fach- und Sachbücher über Jahrzehnte. Da bleibt es nicht aus, dass irgendwo Wissen hängen bleibt. Hinzu kommen die mentalen Synergieeffekte im Hirn, wenn man diese Gebiete miteinander verknüpft, und sich zudem noch mit religiösen Themen aus verschiedenen Kulturen beschäftigt. Bei der Recherche zu diesem Buch habe ich natürlich auch Fachärzte für Psychiatrie befragt und vor allem auch Menschen, die selbst dissoziiert sind – und damit die besten Experten durch eigenes Erleben in der Sache selbst. Aber die Lektüre ist trotzdem für Laien aufbereitet, weil es sich eben trotz der längeren Ausführungen über die psychologisch-psychiatrischen Hintergründe der Störung bei dem Buch eher um einen Roman handelt und nicht um ein eigentliches Sachbuch oder eine Betroffenen-Biografie. Ich halte es für hilfreich, wenn Menschen generell mehr über diese Störung erfahren, damit sie wissen, wie sie sich verhalten können, wenn sie damit in Berührung kommen. Betroffene Menschen sind oft Opfer frühkindlicher Gewalt. Ein Vorwort für diesen Personenkreis, das ich mit einem Facharzt abgestimmt habe, ist dem Roman daher auch vorangestellt.

Frieda: Wenn wir den Blick mal aus der fiktiven in die reale Welt richten, auf den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn, mit dem uns täglich die Medien berieseln, scheint es doch so zu sein, dass die meisten Kriminalgeschichten noch das Leben selbst schreibt. Viele sind zudem der Ansicht, dass unsere Gesellschaft eine „Täterschutz-Kultur“ betreibt, während die Opfer, beispielsweise gerade was Frauen und Kinder angeht, zu wenig geschützt werden seitens der Staatsgewalten. Welche Gedanken gehen dir hierzu durch den Kopf?

Christa Schyboll: Als die Menschen noch weniger sensibel oder differenziert dachten und fühlten als heute, wurde früher mit den Tätern kurzer Prozess gemacht. Durch die Einflussnahme der Psychologie auf das kollektive Bewusstsein entwickelte sich nach und nach ein anders Verständnis; nicht mehr nur die Tat an sich stand im Mittelpunkt, sondern auch die Vorgeschichte des Täters. Das floss dann auch mehr und mehr in die Rechtsprechung ein, während dem Opfer einfach die „Pech-gehabt-Karte“ in die Hand gedrückt wurde, denn beim Opfer gab es oft nichts weiter zu hinterfragen. Es war eben ein Zufallsopfer, zur falschen Zeit am falschen Ort. Wie stark sich aber so manches Leiden der Opfer noch lange nach der Tat fortsetzt, zuweilen sogar noch steigert, war – und ist auch heute noch – juristisch ohne nennenswerten Belang. Der so genannte Täter-Opfer-Ausgleich wird inzwischen zwar zuweilen diskutiert und auch angestrebt, aber eigentlich gibt es kaum Raum für eine Wiedergutmachung, wie auch immer die individuell aussehen könnte. Je nachdem, um welche Straftat es sich handelt, wäre zum Beispiel ein finanzieller „Ausgleich“ für die Opfer, der direkt vom Täter selbst kommen müsste, ein Weg, bei dem der Täter Verantwortung für seine Tat übernehmen müsste, das Opfer aber zumindest das Gefühl haben könnte, wahrgenommen zu werden. Das wäre sicherlich in selektiven Fällen ein besserer Ansatz als durch Steuergelder in Höhe von tausenden von Euro Knastaufenthalte zu bezahlen. Die Wahrnehmung, dass wir eine Art „Täteraffine Justiz“ haben, hat sicherlich ihre Berechtigung; aber hilfreich ist sie nicht. Eine öffentliche Debatte zu diesem Thema wäre nach meinem Gefühl angebracht und in der Konsequenz auch eine Strafrechtsreform und zwar eine, die den Täter zu einer Wiedergutmachung – in welcher Form auch immer – verpflichtet. Durch das Wegsperren geraten viele Kriminelle noch mehr in die Abwärtsspirale und das kann weder im Sinne der Opfer noch in gesellschaftspolitischem Interesse sein.

Frieda: Du bist jetzt 64 Jahre alt, verbringst aber anscheinend unendlich viele Stunden vor dem Computer, was wirklich kein einfacher Job ist. Woher beziehst du die Kraft für all das?

Christa Schyboll: In der Tat habe ich in den letzten Jahren zu viel gearbeitet und muss das – schon aus gesundheitlichen Gründen – auf ein Normalmaß herunterschrauben. Ein Reduzieren von 60 Wochenstunden auf 40 oder 35 vor dem PC wäre schon ein Gewinn, der jedoch viel „Disziplin des Nicht-Tuns“ von mir abverlangt, zumal ein ständiges Hintergrundrauschen mir neue Ideen zuflüstert. Schöpferisches Arbeiten vitalisiert mich aber auch enorm. Kreativität bindet einen an die eigene schöpferische Urquelle an, die belebt und speist, und – da bin ich ganz sicher – die jedem Menschen potenziell zur Verfügung steht. Vielleicht habe ich mich einfach nur öfter gebückt, um Steine wegzuräumen, die bei anderen Menschen noch diesen Weg blockieren?

Frieda: Welche deiner Aphorismen passen am besten zur Philosophie von Frieda?

Christa Schyboll: Frieda ist vielfältig und frech, hat tiefe Ansätze und spielt ja ebenfalls mit vielen spannenden Themen und das durchaus mit Ernsthaftigkeit. Insofern hat Frieda ziemlich viel mit mir gemeinsam. Frieda kratzt nicht nur an der Oberfläche herum, sondern trägt selbst impulsgebende Kräfte in sich, die zum Weiterdenken anregen. Und durch diese Vielfältigkeit fällt mir die Begrenzung auf nur einen einzigen Spruch jetzt etwas schwer. Ich gebe dir einige zur Auswahl und am besten, du suchst dir einen davon aus!

Frieda: Jetzt ist Frieda in der Bredouille, denn sie gefallen ihr alle und sie passen auch alle zu ihr. Frieda sucht mal drei davon aus. Nee, fünf. Danke dafür und auch für das bereichernde Gespräch!

(Anm.: Die Printausgaben der Bücher können direkt über die Website von Christa Schyboll – auf Wunsch mit Signierung – bestellt werden.)

„Keimfreie Politik verträgt nur laborgeprüftes Wählerpublikum!“

„Kreative Differenzen eignen sich hervorragend dazu, im bestehenden Chaos erste zarte Ordnungsstrukturen zu erkennen!“

„Wer eigentlich hat unsere gute alte Erde wie einen fetten Braten nur mit so viel Absurdität gespickt?“

„Ernüchternde Gedanken sind in manchen Fällen vergleichbar mit Drogenentzug!“

„Wenn du dich jetzt auf der Höhe deines Verstandes glaubst, hast du keine Vorstellung von der Tiefe deines Nichtwissens!“

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