Identität und Evolution

Mit besonderem Blick auf Deutschland

Wir werden gerade wieder einmal Zeugen politischer Grabenkämpfe bizarrer Ausmaße, so dass man sich fragt: Wer regiert hier eigentlich noch? Geht es dabei nur noch um Machterhalt, Kontrolle und Ego-Trips, ohne dass die Befindlichkeiten der Menschen für die Berufspolitik überhaupt noch relevant sind?

Welche Rolle spielt Identität bei der Evolution?

Auch die Einwanderungssituation, inwieweit sie nun von der Hochfinanz inszeniert ist oder nicht, empfinden viele Menschen als bedrohlich. Letzteres führt bei einigen Menschen zur Idealisierung völkischen Gedankenguts, bei deren Kontrahenten wiederum zu radikalem Helfer-Syndrom ohne jegliches Gefühl für Grenzssetzung. Ergebnis ist ein Schwarz-Weiß-Denken, das, wie es eben bei sehr polarisiert diskutierten Themen oft der Fall ist, die „goldene Mitte“ als Raum für ein „Denken außerhalb der Box“ vermissen lässt, denn aus der Distanz betrachtet, leben wir ja nun einmal alle auf einem Planeten und unter einem Himmel, stecken also alle mehr oder weniger unter einer Decke – mal systemisch oder integral betrachtet. Übrigens neigen besonders süchtige und neurotische Menschen zu einem Schwarz-Weiß-Denken, aber das nur am Rande.

Politik und Medien jonglieren mehr denn je mit Schubladenbegriffen wie „Rechts/Links“ und „Populismus“ und vereiteln damit eine sachliche Betrachtung dessen, was eine Nation braucht, um in ihrer Wertegemeinschaft leben zu können, ohne dass Übergriffe durch ideologisch oder fanatisch religiös gefärbte Individuen widerspruchslos geduldet werden müssen, eine Wertegemeinschaft, die sich aber auch nicht gegenüber anderen Nationen und Kulturen abschotten kann und sollte.

Welche Lösungen könnte es also geben inmitten der gerade aktuell wieder spürbaren radikalen und fanatischen Strömungen sowie des offenbaren Mangels in vielen Medien, über diese Themen ohne polarisierende Tendenzen sprechen zu können? Und vor allem: Wie kriegen wir es hin, friedlich auf diesem Planeten zu ko-existieren?

Auch Kollektive haben ein seelisches Feld und somit Licht- und Schattenaspekte

Dass Deutschland als Mitglied der NATO, als drittgrößter Waffenproduzent der Welt, als Nation mit einer schattenreichen Vergangenheit, nicht so tun kann, als trage es keine Mitverantwortung für Konflikte in anderen Regionen auf der Erde, dürfte auf der Hand liegen. Nur wem nutzt es, wenn sich so genannte Wut-Bürger mit so genannten Gut-Menschen streiten? Weder Hass noch uferloses Helfer-Syndrom dürften die Debatte um „Obergrenzen“ entschärfen. Zwischen „ich bin dagegen“ und „ich lasse mir alles bieten“ gibt es noch Spielräume und die lassen sich beispielsweise mit dem Konzept des integralen Weltbildes beleuchten.

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Einer, der sich schon seit vielen Jahren Gedanken über die Identität und die Bedeutung der Herkunftsnation für Individuen macht, ist Wolfgang J. Aurose. Der Journalist, Historiker und Ethnologe schrieb das preisgekrönte Buch „Die Seele der Nationen – Evolution und Heilung“, das 2014 in der Erstauflage im Europa-Verlag Berlin erschienen ist. Wolfgang Aurose war langjähriger Vorsitzender und Geschäftsführer von „Auroville International“, Geschäftsführer von „Freie Gesundheitsberufe“, dem Dachverband für Berufe im Bereich Komplementäre Medizin in Deutschland sowie mehrjähriger Geschäftsführer des Öffentlichkeitsreferats der deutschen Sektion des Internationalen Hilfsfonds. Wolfgang Aurose lebt in Bremen und teils in Ashland, Oregon, USA. Über das Integrale Forum in Lilienthal wurde ich auf ihn aufmerksam, nahm Kontakt zu ihm auf und Ende Oktober trafen wir uns für ein Interview. Seine Website: www.sunwolfcreations.com

FRIEDA im Gespräch mit Wolfgang Aurose

FRIEDA: Du hast dich mit den seelischen Qualitäten unterschiedlicher Länder beschäftigt, aber auch mit deren Schattenseiten. Deutschland sei es gelungen, so sagtest du, nach dem fast völligen Verlust der nationalen Identität nach dem II. Weltkrieg unter Bewahrung seines Wesenskerns eine neue Identität aufzubauen. Die Frage nach der nationalen Identität beschäftigt momentan ja viele Menschen. Wer sich als Deutscher mit dem Thema beschäftigt, läuft aber Gefahr, gleich in der braunen Schublade zu landen, auch wenn man weit davon entfernt ist. Doch nicht nur aus Familienaufstellungen ist ja bekannt, dass die (geografische) Heimat durchaus relevant für ein Identitätsgefühl ist. Der Titel deines Buches weckte sofort mein Interesse, denn ich bin einerseits weit von jeglichem rassistischen und nationalistischen Gedankengut entfernt, muss aber gestehen, dass ich gewisse Tendenzen, die ganz eindeutig in Richtung (radikaler) Islamisierung in diesem Land gehen, mit Besorgnis beobachte. Dazu möchte ich anmerken, dass ich generell monotheistische Religionen kritisch betrachte, besonders dann, wenn irgendwer anderen Menschen seine „Wahrheit“ verabreichen will. Das Christentum hat da ja auch durchaus eine düstere Vergangenheit. Als ich den Titel deines Buches las, fragte ich mich selbst, wie ich denn als Deutsche einen deutschen Wesenskern beschreiben würde, denn der dürfte sich ja nicht nur auf die grauenvolle Nazi-Vergangenheit, Fußballwahn, Ballermann, Wackeldackel auf der Autokonsole und Oktoberfestgeschunkel reduzieren lassen. Was kennzeichnet deiner Ansicht nach denn den Wesenskern der Deutschen und was zeichnet diese neue Identität seit Ende des II. Weltkrieges aus?

(c) Wolfgang Aurose

Wolfgang Aurose: Jeder Mensch nimmt im Laufe seines Lebens verschiedene Gestalten an, d.h. er verändert sich entsprechend seiner persönlichen Entwicklung. Dabei treten, je nach Alter und Entwicklungsphase, unterschiedliche Eigenschaften und äußere Erscheinungsbilder an den Tag. So war und ist es auch bei mir. Trotzdem wird jeder, der mich kennt, stets sagen: „Das ist der Wolfgang!“ Damit meine ich, dass es etwas gibt, wo wir unabhängig sind von unseren verschiedenen Ausdrucksformen, die wir im Laufe unseres Lebens an- und wieder ablegen. Es gibt etwas in uns, das uns im Tiefsten ausmacht und das nicht zu leugnen ist. Das meine ich mit Wesenskern.

So ähnlich ist das auch mit Nationen und eigentlich mit allen Gemeinschaften. Ob als Individuen oder als Kollektiv „erben“ wir von ihnen einige ihrer Qualitäten und sind eben auch belastet durch einige ihrer Schattenseiten. Man kann sagen, dass es zu jeder Seelenqualität auch eine Schattenseite gibt. Die Seele, die man zunächst mal losgelöst von einem traditionellen religiösen Dogma betrachten kann oder sollte, ist sowohl Teil eines uns alle verbindenden Feldes als auch Keim einer sich entwickelnden, jeweils einzigartigen Individualität. Sie ist also nichts Statisches.

Das gilt auch für Kollektive wie Nationen. Heute sind fast alle Länder von der ethnischen Zusammensetzung her heterogen. Auch die geografischen Grenzen der Länder veränderten sich im Laufe der Geschichte ständig. Trotzdem haben sie kollektivseelische Identitätskerne, die überdauern und aus denen sich gewisse Wertegemeinschaften ableiten lassen. Diese Werte mussten oft über lange Zeit erkämpft werden und es ist ein gesunder Impuls, wenn Menschen einer Nation möchten, dass diese Werte geachtet und respektiert werden. Das hat nichts mit Populismus zu tun. Einen Fehler, den radikale Gruppen oft begehen, ist, dass sie sagen „Das ist Deutschland!“ und dabei nur eine Momentaufnahme aus der Vergangenheit meinen. Sie negieren, dass es schon lange ethnische Vermischungen gibt – weltweit.

Doch wenn wir jetzt Seele ins Spiel bringen, gilt es zu unterscheiden zwischen faktischer Realität und subjektiver Wirklichkeit. Sowohl die faktische als auch die subjektive Wirklichkeit ist real, wenn man so sagen kann. Wir sehen das zum Beispiel daran, dass das, was wir glauben, auch oft geschieht. Doch diese beiden Wirklichkeitsformen dürfen nicht verwechselt werden. Niemand kann deshalb behaupten: „Ich sage euch jetzt, was die Seele von Deutschland objektiv ausmacht!“

Was momentan geschieht, ist, dass linke und rechte Lager sich gegeneinander ausspielen. Beide Seiten spalten auf diese Weise und eine Annäherung zu dem, was vereint, was also beide Seiten als deutsche Identität anerkennen könnten, ist dabei schlecht möglich. Ein Ansatz für diese Annäherung wäre beispielsweise zu fragen: Was haben die besten und klügsten Köpfe über dieses Land gesagt? Aber auch: Wie haben außenstehende große Geister über dieses Land geurteilt? Was kaum jemand weiß: Hermann Hesse ist einer der international am meisten gelesenen deutschen Schriftsteller. Sein Thema ist die existentielle Seelen-Suche – und nicht etwa eine technische Anleitung zum Autobau!

Wie mir selbst aus vielen Gesprächen mit Menschen bekannt ist, die den Blick von außen auf Deutschland haben, assoziieren viele mit diesem Land, dass die Deutschen rational und zupackend sind. Man denkt durchaus an gute Ingenieure, Pünktlichkeit, Ordnung und gestaltende Kräfte. Aber das ist nur ein Teil der deutschen Seele, allerdings einer, der meist isoliert dargestellt wird, besonders seit Ende des II. Weltkrieges. Was die Welt jedoch nicht vergessen hat, aber die Deutschen in ihrer nachvollziehbaren Traumatisierung im Gefolge der Nazi-Ära bei sich selbst verleugnen: Deutschland hat auch eine zutiefst sehnsuchtsvolle, hölderlin‘sche, idealistische, romantische, philosophische Seite, eine Sehnsucht nach dem Geist, nach der Poesie. In dieser Sehnsucht ist Deutschland beispielsweise Russland viel näher als den USA. Doch genau diesen Faktor, also die sehnsuchtsvolle Seite, haben die Nazis geschickt ausgenutzt, indem sie diese Sehnsucht für ihre pseudo-romantischen Rassenideologien benutzten. Ich halte es für wesentlich, dass die Deutschen diesen Teil – ohne ideologischen Überbau – wiederfinden und dass er wieder Bestandteil deutscher Identität wird. Das wäre auch eine Aufforderung an die radikaleren linken Kräfte, denn wenn wir von Ganzheitlichkeit sprechen, müssen wir einer Nation auch zugestehen, dass sie sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzt. Das gilt für andere Nationen natürlich auch. Momentan erleben wir aber eher, dass die Rechten mit den alten Rezepten Probleme lösen wollen, die sie in sich selbst nicht gelöst haben. Viele Linke hingegen leugnen nationale Identität, oder zumindest wollen sie von ihr nichts wissen. Sehr anschaulich wird das an den eigentlich haarsträubenden Aussagen der deutschen Integrationsbeauftragten Aydan Özoğuz, wenn sie sagt, eine spezifisch deutsche Kultur sei, jenseits der Sprache, für sie schlicht nicht identifizierbar. Wer so etwas sagt, ist in einer solchen Position fehl am Platze und respektiert die gewachsene Wertegemeinschaft nicht.

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Die Sprache ist Bestandteil der Kultur, aber nicht der einzige. So macht beispielsweise die deutsche Sprache nicht die Schweizer Identität allein aus, denn in der Schweiz wird auch Italienisch und Französisch gesprochen. In den USA wird in den nächsten 20 Jahren Spanisch als Sprache sehr viel mehr Bedeutung bekommen, ohne dass die USA ihre Identität dadurch verlieren werden. Sprache spielt eine Rolle bei der Identität, aber Identität ist mehr als Sprache. Zu einer Wertegemeinschaft können Menschen gehören, die sich zu diesen Werten bekennen, egal, welche Hautfarbe oder kulturelle Herkunft sie haben. Diese Unterscheidung ist wichtig. Es war historisch und weltweit immer schon so, dass kulturfremde Wanderungsbewegungen bestehende Länder und Regionen sich durcheinandermischten. Zum Beisiel in der Form von Kolonisierungen veränderten sie gewachsene Identitäten gewaltsam und richteten oft schwere kollektivseelische Schäden an. Es gibt jedoch auch Beispiele wie Griechenland, das im 7./8. Jahrhundert von Albanern und Skipetaren überrannt wurde, die sich jedoch anschließend mit dem tradierten Hellenistischen Erbe in dem eroberten Land völlig identifizierten. Auf diese seelische Übereinstimmung – oder eben das Fehlen von ihr – der neuen und der alteingesessenen Bürger, kommt es vor allem an, viel mehr als auf die Haarfarbe oder eine andere Religion.

FRIEDA: Nebenbei bemerkt: Von Heidegger stammt ja auch das Zitat: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“ Dass Individuen Licht- und Schattenaspekte haben, ist ja nicht erst seit C. G. Jung bekannt. Da sich Kollektive aus Individuen zusammensetzen, dürfte somit auch von einem kollektiven Schatten auszugehen sein. Und Schattenaspekte dürften nach meiner Kenntnis nicht unwesentlich mit traumatischen Erfahrungen zu tun haben. Dass diese teilweise über Generationen weitergegeben werden, ist inzwischen ebenfalls bekannt, besonders, seit viele Menschen sich mit systemischen Zusammenhängen befassen. Wie lässt sich denn, gerade in Bezug auf Deutschland, der kollektive Schatten transformieren?

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Wolfgang Aurose: Nach Ende des II. Weltkrieges hat sich Deutschland mit seinem Schatten auseinandergesetzt, einem Schatten, der sich nicht mehr verleugnen ließ. Nicht immer gleich und nicht immer bereitwillig, aber letztlich doch. Die Deutschen gehören zu den wenigen Völkern, die das derart intensiv getan haben. So viel Vergangenheitsbewältigung hat kaum ein anderes Volk gewagt. Das heißt nicht, dass alle Traumalast bereits erlöst wurde, denn die Kriege tangierten ja viele Familien und nicht immer wurde über das Erlebte offen gesprochen. Man darf dabei auch nicht die gigantische Propagandamaschinerie in der NS-Zeit vergessen. Viele Menschen standen damals buchstäblich unter einer Art Hypnose. Unter den Nazis gab es auch massive okkulte Strömungen. Dazu empfehle ich das Buch „Schwarze Sonne“ von Rüdiger Sünner. Manipulierte Menschen sind regelrecht fremdgesteuert, und sich dessen bewusst zu werden, ist ein Prozess, der zur Aufarbeitung des Schattens gehört, ein Prozess, der sicherlich noch nicht abgeschlossen ist, der aber im Zustand akuter Bedrohung nicht funktioniert, sondern erst durch spätere Auseinandersetzung mit dem Erlebten.

Transformieren lässt sich der Schatten also durch Bewusstwerdung, indem man darüber spricht und zwar nicht wertend, sondern verstehend. Das Eingeständnis von schweren Fehlern und Schuld ist in diesem Prozess nur der erste Schritt, bei dem man aber nicht stehen bleiben darf. Als Nächstes sollte die Wiederaneignung des eigentlichen Qualität erfolgen, die in ihrer verzerrten Schattengestalt abgespalten wurde. Das hieße beispielsweise auf die deutsche Vergangenheit bezogen, dass über Schuldeingeständnis und Wiedergutmachung hinaus die Deutschen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sie sich mit der Vernichtung der deutsch-jüdischen Bevölkerungsgruppe und deren hohen Anteil an führenden Wissenschaftlern und Künstlern eines wesentlichen Bestandteils ihrer eigenen Kultur beraubt haben. Wen das näher interessiert, der kann das unter anderem in meinem Buch beschrieben finden.

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FRIEDA: Gerade bei den Deutschen ist das Thema Schuld ja noch sehr präsent und wird auch bewusst immer wieder „angetriggert“. Obwohl viele andere Völker auch jede Menge Dreck am Stecken haben, man denke da nur an die USA, die für die meisten Kriege auf dieser Welt verantwortlich sind, scheint es so zu sein, dass der historische Fokus immer besonders auf den Deutschen und deren düsterer Vergangenheit liegt. So grauenhaft diese Vergangenheit auch war: Dass Hitler damals auch nur eine Marionette war, wenngleich eine leider sehr wirkungsvolle, ist vielen Menschen womöglich nicht bewusst, da Geschichte eben stets von den Siegermächten geschrieben wird. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an das Interview zum Kammerton A und den Hinweis darin, dass ausgerechnet 1939 dessen Frequenz in Richtung „mehr Disharmonie“ verändert wurde (…). Wenn heute ein Deutscher auch nur das Wort Patriotismus in den Mund nimmt, läuft er Gefahr, als Rechtsradikaler gebrandmarkt zu werden, ohne dass das Thema Faschismus dabei näher beleuchtet wird, denn Faschismus verbirgt sich oft genau da, wo er besonders effektiv maskiert wird (…). Nun ist Schuld ja ein Türöffner für Manipulationen und traumatische Erfahrungen halten Menschen in der Erstarrung, zumal dann, wenn die Traumalast körperlich nicht „erlöst“ wird. Untertitel deines Buches ist ja nicht zufällig „Evolution und Heilung“. Zwar mag Deutschland schon vergleichsweise viel Vergangenheitsbewältigung hinter sich haben, wie du sagst, doch anscheinend reichte das noch nicht aus, um ein homogenes Identitätsgefühl jenseits von völkischen Tendenzen (rechts) und Abwehr (links) zu installieren, also jenseits von Projektionen. Was braucht es deiner Ansicht nach dann für die Deutschen, um zu einem gesunden Identitätsgefühl zu finden und um zu heilen? Dass Rechts- und Linksradikale mal zusammen in die Sauna gehen, um zu merken, dass sie am Ende auch nur schwitzen, wenn‘s heiß wird?

Wolfgang Aurose: Genau das, und so könnten sie auch mal aus nächster Nähe erfahren, dass sie alle zusammen in gewisser Hinsicht Kaiser ohne Kleider sind! Ohne etwas Demut und Selbstironie auf beiden Seiten wird wohl gar nichts gehen… Immerhin gab es nach dem I. Weltkrieg, in der Weimarer Zeit, für Deutschland eine Chance, seine verschiedenen Seiten, also die rationalen, pragmatischen und gestaltenden Aspekte einerseits und seine seelisch-geistigen Qualitäten andererseits zur Synthese zu bringen. Wenn es den Deutschen gelingen würde, diese Aspekte gleichwertig zu verwirklichen, wären sie schon sehr nah an dem, was ich als integrales Bewusstsein betrachte. Also ein Bewusstsein, das die mystische und die wissenschaftliche Sicht sozusagen als die zwei Seiten einer Welt-Medaille sehen und erfahren kann.

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FRIEDA: Du sprichst die Phase nach dem I. Weltkrieg an, in der es ja in Deutschland schon einmal eine sehr hoffnungsvolle politische Umbruchqualität gab. Und du erwähntest die Propagandamaschinerie der Nazis und deren Verwendung okkulter „Werkzeuge“, was die Menschen buchstäblich in Hypnose versetzte. Wie ich in dem Beitrag „Linie 41 – Ein Beispiel kollektiver Anosognosie“ beschrieb, lebten die Menschen beispielsweise im Łódźer Ghetto friedlich zusammen, bis die Wehrmacht Łódź annektierte. Beinahe von jetzt auf gleich wehte ein anderer Wind und spaltete die Menschen. Den „blinden Fleck“, das „Nicht-Wahrnehmen“ des Elends vor den eigenen Augen, bezeichnete ich in dem Beitrag als „Anosognosie“. Doch deinen Hinweis, dass die Menschen regelrecht in einer Art Hypnose steckten, finde ich angesichts der okkulten Machenschaften der Nazis sehr interessant, denn tatsächlich dachte ich oft, wenn ich im Fernsehen früher Aufnahmen der marschierenden Menschen in der NS-Zeit sah, dass sie ja „wie hypnotisiert“ wirkten, als agierten sie wie Roboter. Nach meinen Recherchen entstanden alle Kriege ja mehr oder weniger durch okkulte Einflüsse und gehen auf eine Invasion zurück, die es irgendwann auf der Erde gegeben haben muss. Wer sich näher dafür interessiert, findet u.a. in den Büchern von Doris Wolf „Der Kampf gegen Weisheit und Macht der patriarchalen Urkultur Ägyptens“ und „Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit“ weitere Informationen. Wie dem auch sei: Die Geschichte, wie verfälscht sie auch immer wurde, können wir nicht mehr ändern, aber die Zukunft! Weder Hass gegenüber seinen Mitmenschen noch ein Mangel an Selbstliebe dürften dazu die richtigen Haltungen sein. Es heißt ja „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Haben die Deutschen einen Hang zur Selbstkasteiung und mangelt es den Deutschen womöglich an Selbstliebe?

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Wolfgang Aurose: Wer sich selbst nicht anerkennen kann, kann auch nichts integrieren. Selbstliebe hat auch etwas mit Würde zu tun und damit, Grenzen zu setzen, Übergriffe nicht zu dulden. Das gilt für die Deutschen ebenso wie für andere. Sonst wird Multikulti beliebig und geht schief. Integration kann gelingen, wenn die Deutschen ihren seelischen Kern wiederfinden. Wohl nur dann gibt es für die Zuwanderer, die bleiben und die die Identität der Wertegemeinschaft respektieren, eine Chance auf nachhaltige Integration.

FRIEDA: Es gibt ja die Redewendung „Flagge zeigen!“, was bedeutet, seinen Standpunkt mitzuteilen, also Farbe zu bekennen. Auch daran erkennt man, dass Sprache eben mehr ist als kulturell gefärbter Buchstabensalat, denn selbst die Gehirnentwicklung und die Art des Denkens hat etwas mit der erlernten Sprache (Muttersprache) zu tun. In deinem Buch erwähnst du auch das Hambacher Fest und gehst in dem Kontext auf die Bedeutung der Nationalflagge ein. Dass Zeichen, Farben und Symbole auf das kollektive Unbewusste wirken, ist ebenfalls nicht erst seit C. G. Jung bekannt. In deinem Buch schreibst du, Nationalflaggen sollten in grafisch-visueller Umsetzung die Identität eines Landes repräsentieren, doch Identität stehe aus postmoderner und integraler Sicht auch für einen Prozess und sei damit ständiger Veränderung und Entwicklung ausgesetzt (…). Mit diesen Veränderungen und Entwicklungen könne eine Zeit kommen, in der das Land plötzlich in entscheidenden Punkten in einem neuen Licht erscheine, was der Moment für „die nächste vexillografische, also designsymbolische Neu- oder Umgestaltung der Nationalflagge“ sei. Bei der deutschen Nationalflagge ist derzeit der schwarze Balken oben, der rote mittig und der goldene unten. Ist es deiner Ansicht nach an der Zeit, die Nationalflagge zu wenden und das Licht, also den goldenen Balken, nach oben zu drehen oder gibt es für die Nation noch zu viel Schattenarbeit zu erledigen?

Wolfgang Aurose: Die jetzige Flagge entstand in einer „dunklen Nacht der deutschen Seele“ im 19. Jahrhundert. Heute ist Deutschland viel wacher. Und ja, das könnte sich mit einer Umkehr der Farbanordnung ausdrücken. Ich kann nur dazu ermutigen, das mal für sich auszuprobieren, vielleicht mit Schere und Papier. Wir sollten jedenfalls keinesfalls den Fehler vieler Intellektueller erneut begehen, die enorme Wirkungskraft der kollektiven Symbolsprache zu unterschätzen! Faschisten jeglicher Couleur sind Meister der Symbolik!

FRIEDA: Die Geschichte und die Mythen der Völker wirken ja im kollektiven Unbewussten noch nach. Ich denke dabei auch an die Kataklysmentheorie und deren Interpretation von Dr. Immanuel Velikowsky. Jeder Mensch und jedes Kollektiv ist somit auch geprägt durch bestimmte Informationsfelder, in denen entsprechende Erfahrungen gespeichert sind. Seit sich mehr Menschen mit dem Morphogenetischen Feld und dem Integralen Denken beschäftigen, scheint es auch Entwicklungen zu geben, beispielsweise Mythen und Weltuntergangsszenarien anders betrachten zu können, sich ihrer bewusst zu werden, damit sich diese nicht im Sinne einer „Selffulfilling Prophecy“ wiederholen müssen. Statt seine Aufmerksamkeit weiterhin auf düstere Prophezeiungen zu lenken und auf einen „Weltenretter“ zu warten, der unsere Probleme löst, wäre es ja vermutlich besser, wenn die Menschheit selbst mehr ins Handeln käme und sich auf einen Konsens einigen könnte. Welche besondere Chance bietet denn gerade das integrale Denken für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel?

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Wolfgang Aurose: Es geht darum, mündig zu werden. Auch von den Mythen. Wir wurden und werden sowohl durch Religion als auch durch Wissenschaft entmündigt. Da hieß es lange: „Das steht im heiligen Buch!“ Die Wissenschaft ersetzte später diese Glaubenswahrheiten durch ihre eigenen Dogmen. „Nur wir Wissenschaftler können letztgültig beweisen, was Wirklichkeit ist!“ Jetzt, in dieser Zeit, sehe ich eine große Aufgabe darin, diese Konzepte zu durchbrechen. Und diese Aufgabe übernehmen zunächst die relativ wenigen, die diese Zusammenhänge erkennen, die sich so gesehen am weitesten entwickelt haben, die bereits vernetzter denken und ein neues Bewusstsein ins Feld bringen. Wir können eigentlich nur noch nach vorne gehen, denn zur Vergangenheit sind die Brücken verbrannt. Jetzt sind wir erstmals als Einzelne gefragt, allerdings nur, wenn wir unsere seelische Individualität genügend entwickelt und geschult haben.

FRIEDA: Du warst Vorsitzender und Geschäftsführer von Auroville International. Das Experiment Auroville zeigt, dass Menschen unterschiedlichster Hautfarbe und Nationalität friedlich ko-existieren können, was dort wohl wesentlich auch auf die Konsensfindung durch eindeutige Mehrheiten zurückzuführen ist, auf die Kreiskultur und darauf, dass es ein übergeordnetes Ziel gibt, an dem sich alle orientieren, dass also auch die Wertegemeinschaft für alle bindend war und ist. Nun gibt es ja aus gewissen Kreisen Bestrebungen in Richtung NWO (New World Order), was aber zu noch mehr zentralisierter Macht und Kontrolle führen dürfte. In der Konsequenz würden dann wenige Leute über sehr viele andere bestimmen. Welche unglückseligen Verläufe so etwas nehmen kann, sehen wir ja schon an der uferlosen EU-Bürokratie. Wären viele Regionen, die das Experiment Auroville adaptierten, eine Lösung für eine integrale Evolution und mehr Frieden auf der Welt? Etwa im Sinne von Allianzen im Rahmen einer übergeordneten Konförderation oder welche Ideen hast du dazu?

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Wolfgang Aurose: Ja, es bräuchte noch viele Aurovilles! Für das Bild einer integralen Weltgemeinschaft ist die Idee einer Konföderation jedenfalls in der Tat naheliegend. Es geht bei allen Nationen um deren freie Entwicklung hin zur seelischen Identität. Wenn das, etwa durch eine installierte NWO, durch Zwang ersetzt wird, wird es explodieren und zu Chaos führen. Europa können wir da durchaus als Übungsfeld betrachten. Nur wenn man den europäischen Ländern Freiheiten lässt, können sie und ihre Regionen lebendig bleiben und sich selbst organisieren. Eine weitere große Gefahr der NWO wäre, dass durch die Schattenaspekte des rationalen Zeitalters (Verordnungen, Paragraphen, Bürokratie etc.) Identitäten immer mehr missachtet würden. Das führt zu noch mehr Kontrolle. Es ist aber wichtig, das Schicksalhafte der seelischen Ebenen anzuerkennen. Alles andere wäre Abwehr. Wir sehen gerade, wie nicht wenige Linksliberale, die sich als Wächter verstehen, sich selbst als traumatisiert bloßstellen, wenn sie den Sehnsuchtsanteil der Nationen leugnen wollen und damit nichts zu tun haben wollen. Das führt zu einem reduzierten, nicht lebensfähigen Gebilde. Im Ergebnis wäre weder ein nationalsozialistischer rechter noch ein sozialistischer linker Ansatz heilsam, denn beide Seiten spalten Teile ab. Das hat mit Integration nichts zu tun.

FRIEDA: Um abschließend nochmals auf meine Einleitung zurückzukommen: Ich glaube, es kommt mehr denn je darauf an, dass Menschen sich an der Basis oder an der Peripherie zusammenfinden, um jenseits von radikalen Tendenzen und alten Dogmen Neues zu gestalten und ich glaube, dein wunderbares Buch gibt da äußerst brauchbare Antworten, die ich den Menschen hierzulande sehr ans Herz legen will. Danke für das Interview!

Und noch eine Anmerkung von mir an alle Links- und Rechtsextremen! Wenn man teilweise sieht, wie sich diese Gruppen auf der Straße gegenseitig angreifen, kommt mir das vor wie ein absurdes Schattenboxen! Die eine Seite will ihren Schatten auf der anderen bekämpfen, doch, liebe Menschen, so wird das nix mit dem Weltfrieden! Wenn wir unser Gesicht der Sonne zuwenden, fallen die Schatten hinter uns und wir erkennen, dass wir alle nur Fraktale in einem Universum sind!

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Danke.

Ggf. zum Weiterlesen:

http://integralesleben.org/if-home/il-integrales-leben/anwendungen/gesellschaft/deutsch-sein-ein-neuer-stolz-auf-die-nation-im-einklang-mit-dem-herzen/

Rechte und linke Ideologien, Die Parkinson’sche Erkrankung, Wissenschaftselite oder Markt der Eitelkeiten, Souveränität: Von Karpfen und Delfinen, Die abgeschaffte Mutter – Der männliche Gebärneid und seine Folgen, Vernetzt denken – was bedeutet das?, Trauma überwinden – Damit der Himmel wieder blauer wird, Dunkelretreat – Erleuchtung durch Dunkelheit?, Heilung der Mutterwunde durch die eigene Stimme u.v.a.m.

Identität/Integrität: Dazu passt aus meiner Sicht auch der hervorragende Vortrag von Dr. Hans-Joachim Maaz von der Stiftung Beziehungskultur. Mit freundlicher Genehmigung der Wissensmanufaktur (Gruß und Dank an Andreas Popp und Pia Kästner…) integriere ich den Vortrag hier und lege ihn allen sehr ans Herz!

 

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