Hochsensibel, hochsensitiv, hochbegabt?

Im Gespräch mit Kirsten Kampmann-Aydogan

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Immer häufiger ist die Rede von Menschen, die hochsensibel, hochsensitiv und/oder hochbegabt sind. Mit diesen Begriffen wird zuweilen jongliert, ohne dass oft klar wird, was damit eigentlich gemeint ist. Hat nicht jeder Mensch besondere Wahrnehmungen und Talente und ab wann kann überhaupt davon gesprochen werden, dass jemand sehr viel sensibler und sensitiver ist als andere oder gar über – womöglich bislang nicht entdeckte – außerordentliche Begabungen verfügt?

Frieda sprach mit Kirsten Kampmann-Aydogan. Seit ihrem 17. Lebensjahr übt sie unterschiedlichste Berufe aus, war viele Jahre in der freien Wirtschaft als Designerin und Beraterin tätig, sammelte Erfahrungen als freie Unternehmerin und ist seit Jahren als Coach und Dozentin unterwegs. All das und kontinuierliche Weiterbildungen trugen dazu bei, dass die in Bremen lebende Persönlichkeitstrainerin auf bodenständige Ressourcen einerseits und viel Einfühlungsvermögen andererseits zurückgreifen kann. Zur wegweisenden beruflichen Neuorientierung in Richtung Persönlichkeitscoaching kam es bei der Wahlbremerin allerdings erst in einer persönlichen Krise.

Frieda: Frau Kampmann-Aydogan, was ist damals genau passiert?

Kirsten K.-A.: Es war 2004. Ich hatte bereits viele Jahre als Designerin in der freien Wirtschaft auf dem Kerbholz und sollte buchstäblich aus dem Stegreif zwölf Kollektionen aus der Erde stampfen. Da merkte ich „Ich bin doch keine Maschine!“ und verabschiedete mich aus dem Bereich, blieb dem Design allerdings noch eine ganze Weile treu. Zusätzlich entwickelte ich ein Town-Ship-Projekt in Südafrika.

Frieda: Worum ging es dabei?

K. K.-A.: Um ein Konzept für recycelte Taschen. Hier entwarf und entwickelte ich Taschen aus südafrikanischen Nummernschildern und Schläuchen alter Autoreifen. Auch deswegen reiste ich damals, mindestens einmal pro Jahr, nach Kapstadt. Die Taschen wurden ein Riesenerfolg.

Frieda: Warum haben Sie das nicht fortgesetzt?

K. K.-A.: Leider hatte ich es versäumt, mich rechtzeitig um einen Musterschutz zu kümmern. Es handelte sich um ca. 15 Modelle und die hätte ich alle einzeln schützen lassen müssen. 2007 schließlich wurden meine Idee und das Design von einem Essener Großhändler kopiert und mit minderwertigeren Materialien umgesetzt. Die Verarbeitung von Schläuchen aus alten Autoreifen bedeutet viel Aufwand. Für die Plagiate verwendete man billiges Plastik, was überhaupt nicht in meinem Sinne war und auch meiner Idee von Recycling keineswegs entsprach. Die Plagiate tauchten dann plötzlich als „südafrikanisches Kunsthandwerk“ auf und wurden sogar in den Kunstkatalog eines Bremer Verlagshauses aufgenommen. Ich war leider nicht angemessen versichert. Ein Plagiat-Anwalt, den ich zu Rate zog, machte mir wenig Hoffnung zu meinem Recht zu kommen. Meine Proteste gegenüber dem Verlagshaus stießen auch insgesamt auf taube Ohren. Anfangs dachte ich sogar, dieser Verlag könne womöglich selbst auf einen Betrug hereingefallen sein, aber das bestätigte sich leider nicht. In Anlehnung an die Fußball-WM 2010 in Südafrika konzipierte ich dann Taschen aus alten Fußbällen und stellte meine neue Designidee dieses Mal unter Musterschutz.

Frieda: Aber Sie haben sich anscheinend nicht entmutigen lassen?

K. K.-A.: Natürlich war das eine bittere Erfahrung und die kostete mich viel Lehrgeld. Aber ich machte dann weiter, indem ich 2010 eine Galerie in Bremen eröffnete. Die Idee dahinter war, einen Treffpunkt für Kunst- und Designbegeisterte zu schaffen, der auch dem Austausch dienen sollte. „Mano 09“ in Bremen-Schwachhausen wurde dann auch schnell zum Erfolg – bis wiederum etwas passierte, das alles über den Haufen warf.

Frieda: Möchten Sie erzählen, was das war?

K. K.-A.: Ich wurde überfallen. Es handelte sich um einen Mann aus dem näheren Umfeld, der mit dem Mietverhältnis der Galerie-Räumlichkeiten zu tun hatte. Die Galerie fing also gerade an, sich gut zu etablieren und dann musste ich von heute auf morgen wieder alles aufgeben.

Frieda: Was führte denn dann dazu, dass Sie zur Persönlichkeitstrainerin wurden?

K. K.-A.: Was uns Menschen ausmacht und wie wir miteinander interagieren, interessierte mich schon immer. Letztendlich aber waren es wohl eher persönliche Fragen und Prozesse, die zu einer inhaltlich entscheidenden Neuausrichtung führten. Scheinbar zufällig stolperte ich im Internet über eine Ausbildung zum „Psychosozialen Coach mit Schwerpunkt Hochbegabung und Hochsensibilität“. Das fühlte sich für mich in der damaligen Phase genau richtig an. Ich machte diese Ausbildung und hängte sogar noch eine weitere Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie an.

Frieda: Üblicherweise spricht man ja von „HSP“ (High Sensitive Persons), wenn man hochsensible Menschen meint. Sie differenzieren da aber anscheinend noch?

K. K.-A.: Ja. Die Bezeichnung „HSP“ stammt ursprünglich aus dem Englischen und ist auf Dr. Elaine Aron zurückzuführen. Das ist eine amerikanische Psychologin, die zusammen mit ihrem Mann schon in den 1970er Jahren im Bereich Hochsensibilität forschte und maßgeblich dazu beigetragen hat, Merkmale der Hochsensibilität zu definieren. Sie ist die Erste, die auch ein Bewusstsein für diese Persönlichkeitsmerkmale geschaffen hat. Da im Englischen nicht zwischen „sensibel“ und „sensitiv“ unterschieden wird, laufen laut Aron die Themen Hochsensibilität und Hochsensitivität zusammen. Jedoch möchte ich hier unterscheiden, auch wenn die Grenzen zwischen hoher Sensibilität und hoher Sensitivität oftmals fließend sind.

Frieda: Wann ist dann jemand hochsensibel und wann hochsensitiv?

K. K.-A.: Hochsensibilität äußert sich über Sinnesorgane. Die Umweltinformationen (alltägliche Reize) werden ungefiltert weitergegeben. Das Gehirn eines Hochsensiblen bekommt viel, viel mehr zur bewussten Verarbeitung angeliefert als das eines Menschen, dessen Reizfiltersysteme von vornherein so angelegt sind, dass gewisse Informationen erst gar nicht zum Gehirn durchdringen. Bei Hochsensiblen stehen alle Antennen immer auf Empfang und es entsteht so schnell eine Reizüberflutung.

Es gibt Menschen, die können ganz bodenständig sein, aber sehr feine Wahrnehmungen haben. Das sind die Hochsensitiven. Der Volksmund spricht hier vom so genannten 7. Sinn. Bei Kindern und Tieren ist das generell oft der Fall. Kinder haben zu diesen Fähigkeiten ein natürliches Verhältnis, da sie sich nicht alles mit dem rationalen Verstand erklären müssen. Sie empfinden und nehmen hin. Wenn eine Sensibilisierung unseres Bewusstseins entsteht und wir alle mehr auf die feinfühligen Kinderseelen achten, wird es für uns Menschen und unser gesamtes System positive Auswirkungen haben. Unser Leben wird entschleunigt und der Fokus wieder auf das Wesentliche und die schönen Dinge im Leben gelegt. Alles erhält mehr Raum und Zeit, woraus Ruhe und Kraft resultieren.

Frieda: Und was sind Scannerpersönlichkeiten?

K. K.-A.: Diesen Ausdruck hat Barbara Sher geprägt. Damit sind Menschen gemeint, die viele Begabungen haben. Man spricht auch von Multitalenten, was auch eine Form der Hochbegabung ist. Dabei handelt es sich auch um Persönlichkeiten, die sich nicht gern auf eine Sache reduzieren lassen. Sie befassen sich oft zeitlich limitiert ganz intensiv mit einem Thema, dann aber wieder mit ganz anderen Sachen. Sie können auch viele Dinge parallel machen, beispielsweise organisieren Sie mal „nebenbei“ eine Veranstaltung neben ihrem Vollzeitjob, kochen zwischendurch noch ein Vier-Gänge-Menü, lesen mehrere Bücher, pflegen verschiedene Hobbies und sind für neue Herausforderungen und Aufgaben immer zu haben. Ihr Perfektionsanspruch ist sehr hoch.

Frieda: (schmunzelnd….) Sie sprechen von Müttern?

K. K.-A.: (lacht…) Viele Mütter sind natürlich Allrounderinnen, aber sicherlich sind nicht alle davon Scannerpersönlichkeiten im eigentlichen Sinne. Scannerpersönlichkeiten gelten als ruhelos, unbeständig, flatterhaft und wankelmütig. Das sind also alles Attribute, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eher negative Assoziationen hervorrufen. Dabei verkennt man aber das große Potenzial hinter diesen Eigenschaften. Werden solche Menschen auf eine Sache begrenzt, erleben sie das oft wie eine Art Vergewaltigung. Es ist sehr wichtig, gerade im Berufsleben, für solche Menschen Bedingungen zu schaffen, mit denen sie ihre Vielseitigkeit leben können. Dann hat man einen wahren Schatz im Unternehmen. Sie sind z.B. hervorragende Projektleiter, da sie immer alles im Blick haben.

Frieda: Gerade bei Kindern wird ja heute schnell von Wahrnehmungsstörungen gesprochen, wenn sie nicht der erwarteten „Norm“ entsprechen. Wie sehen Sie das?

K. K.-A.: Bei allen Persönlichkeitsmerkmalen, egal ob Hochsensibilität, Hochsensitivität oder Hochbegabung, kommt es darauf an, ob diese besonderen Talente von der Umgebung auch wahrgenommen werden. Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass sich die Gesellschaft bewusst macht, dass das Anderssein von Menschen, gerade mit Blick auf Kinder, nicht zwingend etwas mit Wahrnehmungsstörungen zu tun hat, die dann medikamentös behandelt werden müssen. Diese Kinder sind eine klare Bereicherung für die gesamte Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, sie wie einen wertvollen Schatz für uns alle zu sehen, ihnen BE-ACHTUNG und Verständnis zu schenken.

Frieda: Kinder sind aber derzeit nicht im Fokus Ihrer Tätigkeit als Trainerin?

K. K.-A.: Nein. Gelegentlich gebe ich in dem Bereich Seminare oder berate Eltern, aber ich konzentriere mich ganz bewusst auf Menschen, die konkret etwas in ihrem Leben verändern und entsprechend handeln wollen.

Frieda: Was meinen Sie damit genau?

K. K.-A.: Eines ist mir vorweg noch sehr wichtig zu betonen: Hochsensibilität oder Hochsensitivität und auch Hochbegabung sind keine Krankheiten! Es sind eher Persönlichkeitsmerkmale. Sicherlich sind die Grenzen zu psychosomatischen Symptomen fallweise fließend, aber das wäre dann im Einzelfall zu klären und erfordert eine genauere Einschätzung der jeweiligen Biografie, Lebenssituation usw. Hier wäre also eine differenzierte Analyse angebracht und unter Umständen eine Therapie, die sich auf die individuelle Symptomatik bezieht. Ich möchte jedoch Menschen unterstützen, die bereit sind, in ihrem Leben etwas zu verändern und dieses Ändern auch leben wollen.

Frieda: Sie organisieren und moderieren auch einen Stammtisch?

K. K.-A.: Ja! Im Januar werden es drei Jahre, seit ich diesen Stammtisch für hochsensible/hochsensitive/hochbegabte Menschen in Bremen aus der Taufe gehoben habe. Anfangs kamen gleich sehr viele Interessierte, doch als ich verlauten ließ, dass es sich dabei um keine Selbsthilfegruppe handelt, in der einzelne Personen immer wieder ihre Situation beklagen können, kamen zum nächsten Treffen gleich deutlich weniger. Es gibt Menschen, die nehmen jahrelang an unzähligen Kursen, Workshops, Seminaren teil, ohne im eigenen Leben wirklich etwas zu verändern. Die Teilnahme an „irgendetwas“ wird dann zum Selbstzweck, ohne dass ein solcher Mensch Verantwortung für die eigene Gestaltung des Lebens übernimmt. Beim Stammtisch geht es mir deshalb darum, die Aufmerksamkeit nicht auf den Mangel, sondern auf die Fülle zu lenken und über die Reflektion in der Gruppe ganz gezielt Impulse zu geben, wie die Umsetzung ins Positive gelingen kann. Die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, setze ich daher voraus. Der Stammtisch findet übrigens jeden letzten Mittwoch im Monat statt.

Frieda: Worauf stützt sich Ihre Beratung generell?

K. K.A.: Aufgrund meiner wirklich vielseitigen Berufserfahrungen und meiner eigenen Biografie steht mir ein breites Spektrum unterschiedlicher Instrumente zur Verfügung. Zudem habe ich ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, was dazu führt, dass ich sehr schnell die Problematik erkenne, die ursächlich für eine Situation verantwortlich ist. Ich möchte Menschen dabei unterstützen ihr Potenzial zu erkennen und zu leben. Ich bin gerade dabei Online-Kurse aufzubauen, an denen Interessierte quasi vom Sofa aus teilnehmen können. Allerdings belasse ich es nicht dabei, dass man an unterschiedlichen Enden des Kabels vor dem Monitor sitzt, sondern ich begleite auch persönlich im Rahmen der Online-Angebote per Skype. Hier biete ich unterschiedliche Pakete an, die sich jeder nach seinen ganz eigenen Bedürfnissen zusammenschnüren kann.

Meine Klienten sind Menschen, die bereit sind, ihr Ändern zu leben! Menschen, die für das, was sie tun und leben regelrecht brennen. Die ihre Träume und Wünsche in die Wirklichkeit holen möchten. Die offen sind für Neues und die an die Macht der Selbstwirksamkeit glauben. Genau das sind diejenigen, denen ich – wie eine Hebamme – bei der Geburt des neuen Seins zur Seite stehen darf.

Frieda: Wenn nun jemand das Gefühl hat, er könne hochsensibel, hochsensitiv oder hochbegabt sein, sich aber bislang in seinem Umfeld nicht so richtig mit der eigenen Individualität „gesehen“ fühlte – was raten Sie einem solchen Menschen? Gibt es da hilfreiche Foren oder Literaturtipps?

K. K.-A.: Als erstes würde ich diesem Menschen raten, auf meiner Seite „Einfach anders“ zu stöbern und vielleicht hier und da an einem meiner Seminare teilzunehmen. Auf Facebook gibt es offene und geschlossene Gruppen, in denen man sich austauschen kann. Literatur gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Von daher rate ich, insbesondere zum Thema Hochsensibilität, immer zuerst die Bücher von „Aron und Aron“ zu lesen, denn hier ist man an den Wurzeln. Dann einfach den Bauch entscheiden lassen und wählen, was einen anspricht. Für sehr empfehlenswert halte ich auch die Blogbeiträge von Frau Professorin Dr. Margrit Schreier. Sie forscht an der Bremer Jacobs University als eine der wenigen Wissenschaftlerinnen in Deutschland zur Hochsensibilität. Sie ist selbst hochsensibel und hat gelernt mit der Reizüberflutung umzugehen.

Frieda: Vielen Dank für das Gespräch!

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