Harfenklänge statt Ritalin?

Ein Interview mit Ines Dziedo

(c) Ines Dziedo

Harfenklänge statt Ritalin?

In Zeiten von Reizüberflutung und Computerspielen werden seit Jahren Diagnosen von AD(H)S bis Autismus immer häufiger gestellt und in vielen Fällen Psychopharmaka verordnet. Die Ursachenkaskade mag bei so genannten Wahrnehmungsstörungen und neurodegenerativen Erkrankungen komplex sein. Neben der Ernährung kommen unterschiedliche Faktoren in Betracht, die dazu führen, dass Kinder weniger konzentriert sind als früher oder aber sogar autistische Symptome zeigen. Doch was diesen Kindern helfen kann, ist manchmal etwas, das weder schädliche Nebenwirkungen hat noch komplizierte Falldiagnosen erfordert. Die Rede ist von Musik.

Ines Dziedo ist Lehrerin an einer Grundschule in Aurich, Ostfriesland. Zur Musik hatte sie schon immer eine besondere Verbindung, zunächst mehr als Hobby, doch seit einigen Jahren lässt sie die Musik auch immer mehr in den gesamten Unterricht einfließen und stellt dabei Erstaunliches fest.

Ines Dziedo ist seit über 30 Jahren im Schuldienst und kann beurteilen, wie sich das Wahrnehmungsvermögen der Kinder von heute im Gegensatz zu früher verändert hat. 1956 in Bremerhaven geboren und in Bad Bederkesa aufgewachsen, führte der Beruf die heute 60-Jährige im Jahre 1980 nach Ostfriesland, zunächst nach Ihlow, wo sie eine Beamtenstelle erhielt und Kinder von der 5. bis zur 10. Klasse unterrichtete. Abgesehen von Unterrichtspausen wegen der Geburt der eigenen Kinder gehört das Unterrichten von Kindern seitdem nahezu zu ihrem täglich‘ Brot. Inzwischen hat sie zwar das Unterrichtspensum auf knapp unter 2/3 der vollen Wochenstundenzahl reduziert, aber noch immer ist sie mit Leidenschaft dabei.

Im Gespräch mit Ines Dziedo

Frieda: Welche Fächer unterrichten Sie eigentlich?

Ines Dziedo: Es ist einfacher zu sagen, was ich nicht unterrichte. Seit 1986 bin ich ausschließlich im Grundschulbereich tätig und dort unterrichte ich alle Fächer bis auf Deutsch, Kunst, Werken und Textilunterricht.

Frieda: Früher wurde ja vor dem Unterricht, zumindest in der Grundschule, noch gemeinsam gesungen. Manchmal war es ein Kanon, dann wieder ein Volkslied. Das war wie ein Ritual, bevor alle ihre Hefte aus dem Ranzen holten und der eigentliche Unterricht begann. Die Musik, wie auch Kunst generell, spielen ja heute keine so bedeutende Rolle mehr in den Lehrplänen. Wie integrieren Sie denn Musik?

Ines Dziedo: Ich versuche, Musik in so ziemlich alle Fächer, die ich unterrichte, einfließen zu lassen, sei es nun Mathe, Religion oder der Musikunterricht. Es kommt immer öfter vor, dass ich mit Harfenklängen die Unterrichtsstunde beginne, Unterrichtsphasen begleite oder den Unterricht beende.

Frieda: Wie kommt das bei den Kindern an?

Ines Dziedo: Die Klänge der Harfe haben beruhigende und zentrierende Wirkung auf die Kinder. Sie fördern auch ihre Konzentrationsfähigkeit. Wenn die Kinder im Musikunterricht selbst mitmachen dürfen, beispielsweise beim Trommeln oder bei der Liedbegleitung mit Orff-Instrumenten oder bei Stimmexperimenten, sind sie mit sehr viel Begeisterung dabei.

Frieda: Haben sich die Kinder nach Ihrem Gefühl in den letzten Jahrzehnten verändert?

Ines Dziedo: Ja, durchaus. Viele von ihnen sind sehr viel unruhiger geworden, nervöser auch und sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren. Das macht es auch für die Lehrer/innen deutlich anstrengender. Heute brauchen wir in der Grundschule oft zwei Jahre, bis die Kinder sich im Unterricht beim Arbeiten so verhalten, wie sie es früher bereits am Ende der ersten Klasse konnten und der Unterricht gut funktionieren kann. Das ist mühsam für alle Beteiligten. Die Kinder kennen keine Ruhepausen mehr, können nicht mehr gut abschalten. Das ist wirklich deutlich spürbar im Vergleich zu früher. Es gibt auch immer mehr Kinder mit so genannten Aufmerksamkeitsstörungen. Ärzte verordnen dann schnell Ritalin. Viele Eltern sind damit auch überfordert. Gerade die kritischeren Eltern haben meistens einen schweren Stand, sich gegenüber den Ärzten zu behaupten. Oft wissen die Eltern auch keine Alternative. Intuitiv spüren sie zwar, dass Psychopharmaka nicht der richtige Weg sind oder sein könnten, aber sie werden nicht immer richtig aufgefangen, wenn sie andere Wege gehen wollen.

Frieda: Wenn Sie, wie Sie sagten, in nahezu jeden Unterricht Musik einfließen lassen, stößt das ja vielleicht nicht bei allen auf Gegenliebe. Zieht denn das Kollegium bei Ihnen an der Schule an einem Strang in dieser Hinsicht?

Ines Dziedo: Ja. Das haben wir uns sozusagen gemeinsam erarbeitet über Jahre, eine tolerante und fördernde Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Was mich betrifft, ich meditiere viel und natürlich musiziere ich auch häufig. Es wirkt sich auch positiv auf die Umgebung aus, wenn man selbst zentrierter ist. Dann haben andere nicht das Gefühl, dass sie für mich anders sein müssen, sondern dass sie sein dürfen, wie sie sind und wir trotzdem gemeinsam ein Klima schaffen können, von dem alle etwas haben. Das ist konstruktive Kooperation im besten Sinne. Inzwischen ist es sogar so, dass Kolleginnen und Kollegen, die sich von anderen Schulen zu unserer Schule versetzen lassen, regelrecht aufatmen, wenn sie zu uns kommen. Das Arbeitsklima ist das A & O. Davon profitieren wir selbst, die Kinder natürlich auch und die Eltern ebenso.

Frieda: Sie erwähnten, dass die Kinder besonders auf Harfenmusik reagieren. Welche Erfahrungen haben Sie damit konkret gemacht?

Ines Dziedo: Gerade bei Kindern mit Auffälligkeiten, von AD(H)S bis Autismus, ist diese Musik sehr hilfreich, wie sich immer wieder im Alltag zeigt. Natürlich gilt das auch für andere Kinder, aber meine Erfahrung ist eben, dass besonders verhaltensauffällige Kinder oft schwer entspannen und ruhig werden können. Es mag an den besonderen Schwingungen der Harfenmusik liegen, die wohl irgendetwas Beruhigendes und Heilsames haben. Im Grundschulalter sind die Kinder ja noch sehr offen und ich kann direkt miterleben, wie schnell es geht, dass sie entspannen, sobald ich mit dem Spielen beginne. Kinder in dem Alter sind ja meist auch noch wie ein offenes Buch und man erlebt unmittelbar, wie etwas auf sie wirkt. Es kommt immer öfter vor, dass ich den Unterricht mit einem Stück auf der Harfe beginne. Das tut den Kindern einfach gut. Sogar die sehr unruhigen Kinder reagieren darauf und kommen zur Ruhe. Man merkt es direkt, aber teilweise artikulieren die Kinder das auch schon. Meine Arbeitsgemeinschaft „Yoga und Spiele“ wird auch sehr gut angenommen. Dadurch, dass diese gemeinsame Stunde mit Bewegungsspielen endet, lassen sich auch sehr unruhige Kinder zunehmend leichter auf ruhiges Atmen im Liegen und einfache Yogaübungen ein und merken von Mal zu Mal mehr, wie gut ihnen doch beides tut. Hin und wieder spiele ich während der Zeit im Liegen auf der Harfe und lade die Kinder zu einer Fantasiereise ein: Einige sehen nun Bilder aufsteigen, haben Erinnerungen bzw. Träume oder Wünsche zeigen sich, werden sichtbar und spürbar.

Frieda: Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie das artikuliert wird?

Ines Dziedo: Ja. Als ich vor drei Jahren damit anfing, die Harfe mit in die Schule zu nehmen, spielte ich ein irisches Stück. Ein Junge, der eher als „cool“ bekannt war, fing plötzlich sehr zu weinen an. Dann erzählte er, sein Opa wäre vor längerer Zeit gestorben und erst jetzt, beim Hören der Musik, hätte er gemerkt, wie traurig er darüber sei. Das käme nun alles hoch. Interessant war, dass die anderen Kinder auf seine Tränen sehr positiv reagiert haben. Alle waren zwar wie vom Donner gerührt, als gerade dieser Junge weinte und so offen wurde, aber es war in der Gruppe auch ein tiefes Verstehen da, eines, wie man es sich auch bei manchen Erwachsenen wünschen würde. Diese Gefühle so offen zu zeigen, hat wirklich eine heilsame Wirkung auf alle gehabt. In dem Alter sind die Kinder im besten Falle ja noch nicht so voreingenommen und spüren einfach, wenn etwas authentisch ist und heilsam wirkt.

Frieda: Wie finden die Eltern das?

Ines Dziedo: Die Eltern sind froh, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Kinder in unserer Schule gut aufgehoben sind und ihnen mit Respekt begegnet wird. Eine Zeit lang machten wir als Schule bei dem Projekt „Musikalische Grundschule“ mit. Alle Kolleg/innen bauten „musikalische Häppchen“ in ihren Unterricht ein, die wir vorher gemeinsam ausprobiert hatten. Das konnten Lieder sein, die zum Beispiel zum Einmaleins oder zu einer Jahreszeit passten. Aber auch ein Rap zum Lernen des Alphabets, Klatschspiele u.a. waren dabei. Ein mittlerweile pensionierter Musikkollege kommt immer noch einmal in der Woche in die Schule, um seine beliebte Musical-AG weiterzuführen zur Freude vieler Eltern, Kolleg/innen und Schüler/innen.

Frieda: Derzeit wird in den Medien viel über die Frühsexualisierung von Kindern gesprochen. Das Thema ist zum politischen Kampfbegriff geworden, an dem sich die Geister scheiden. Die eine Seite sieht darin moderne pädagogische Konzepte, mittels derer Kinder schon sehr früh mit Sexualität in Berührung gebracht werden sollen, die andere Seite befürchtet, dass Kinder irritiert werden, wenn man sie in staatlichen Einrichtungen zu früh mit Themen dieser Art und allen möglichen Facetten der Sexualität konfrontiert und das teilweise auch anhand von Materialien, die vielen nicht kindgerecht erscheinen. Ein sachlicher Dialog scheint hierbei selten möglich zu sein. Wie ist Ihre Erfahrung da?

Ines Dziedo: Sexualkunde steht ab der 1. Klasse auf dem Lehrplan des Sachkundeunterrichts. Allerdings führen wir die Kinder sehr vorsichtig an das Thema heran. Wir versuchen, ihnen auch in diesem Bereich Selbstbewusstsein zu ermöglichen. „Dein Körper gehört dir!“ und „Du darfst NEIN sagen!“ sind dabei die zentralen Botschaften, um die herum wir einen Teil des Unterrichts gestalten. Als Material verwenden wir im 3. bzw. 4. Schuljahr auch den Film „Feeling Yes, feeling No“ und bitten die Eltern, sich den Film vor der Unterrichtseinheit anzusehen, allerdings die auf Deutsch synchronisierte Version.

Zu dem Film gibt es auch ein Theaterstück mit dem Titel „Mein Körper gehört mir“, das wir in den Unterricht integrieren. Eine kleine Zusammenfassung dazu gibt es auch auf youtube, wenn man „Mein Körper gehört mir“ eingibt.

Frieda: Haben Sie noch so etwas wie einen Wunsch, ein Schlusswort?

Ines Dziedo: Es ist sehr wichtig, dass es auch in der Schule, besonders in der Grundschule, Zeit und Raum für Stille gibt, für das Selbsterleben. Im Wechselspiel zwischen Anforderung und Entspannung können die Kinder zentrierter sein und aus dieser Zentriertheit heraus können sie auch inneres Glück erleben und ihre Individualität in die Welt tragen. Ich versuche, Kinder in meinem Unterricht dahingehend zu stärken. Ich wünsche mir, dass uns allen das mehr und mehr gelingt. Die Kunst und die Musik werden oft vernachlässigt, doch das Lernen gelingt auch in den anderen Fächern besser, wenn Kunst und besonders die Musik mehr in den Unterricht eingebunden werden.

Frieda: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Anm.: Ines Dziedo engagiert sich übrigens auch im Unternehmerinnennetzwerk Ostfriesland mit ihrem Zweitberuf als Musikerin. Und hier ist eine Hörprobe von ihrer Harfenmusik (Brian Borus March), spontan aufgezeichnet von Ines‘ Tochter auf dem Balkon im Sommer 2016.

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Judyth Reichenberg-Ullmann und Robert Ullmann, „Es geht auch ohne Ritalin“, Buch bestellen

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