Gewalt in der Partnerschaft

Vom Endorphinrausch bis zum Abgrund

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Bei Gewalt in einer Partnerschaft geht es in fast allen Fällen um Gewalt von Männern gegenüber Frauen. Diese Gewalt hat viele Gesichter und nicht immer etwas mit körperlichen Übergriffen zu tun; allerdings endet sie oft damit. Mit psychischer und verbaler Gewalt fängt die Abwärtsspirale häufig an. Eine weitere Gewaltform, die beinahe wie ein Virus um sich greift, ist das Cyberstalking, das fallweise, je nach Schweregrad, Auswirkungen haben kann, die oft weit über das vorstellbare Maß an psychischer Gewalt hinausgehen.

Die IT-Welt von heute bieten gerade Tätern, die „sich nicht die Hände schmutzig machen wollen“, ganz neue Optionen, zumal die betroffenen Frauen oftmals weder vom technischen Sachverstand noch von der Beweisführung her in der Lage sind, sich rechtzeitig zur Wehr zu setzen, noch angemessene Unterstützung seitens der Behörden bekommen. Letztere sind zumeist selbst überfordert mit dieser noch vergleichsweise neuen Form der Kriminalität.

Gewalt bleibt Gewalt – egal, welche Persönlichkeitsstörung jemand hat

Warum Männer gewalttätig werden, dürfte viele Gründe haben. Persönlichkeitsstörungen, angefangen bei Narzissmus über Borderline bis hin zur Psychopathie, sind einige davon. Diagnosen dieser Art bergen jedoch auch eine Gefahr in sich, weil sie dazu verleiten können, Erklärungen und womöglich sogar Rechtfertigungen für das Verhalten gewalttätiger Männer finden zu wollen.

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Bis auf wenige Ausnahmen, bei denen Männer schon von Anfang an planen, die anvisierte Frau zu schädigen, sei es finanziell oder auch in anderen Lebensbereichen, dürften die allermeisten Männer nicht bereits zu Beginn einer Beziehung beabsichtigen, gewalttätig zu werden. Sie erleben den Endorphinrausch, die sprichwörtliche rosarote Brille, in der ersten gemeinsamen Zeit mit der Partnerin zumeist ähnlich intensiv wie die Frauen.

Das Portal re-empowerment veranschaulicht die unglückselige Dynamik vom „Endorphinrausch bis zum Selbstverlust“ anhand eines Videoclips, der darstellt, wie häusliche Gewalt entsteht und wozu sie führen kann. Titel des Clips ist „Häusliche Gewalt beginnt mit Liebe, nicht mit Schlägen“.

Dass Männer gewalttätig werden, hängt entscheidend mit der Vorstellung zusammen, die diese Männer von Partnerschaft und Geschlechterrollen haben, eine Vorstellung, die auf einem meist unreifen Beziehungskonstrukt basiert. Dieses Konstrukt beinhaltet die Idee, dass der Mann die Beziehung oder die Familie repräsentiert, nach außen hin die Fassade aufrechterhält, während die Frau in seinen Augen dafür zuständig ist, die ganze Bandbreite seiner Erwartungen und Wünsche zu erfüllen, eine Haltung, die eng an Besitzdenken gekoppelt ist. Gewalttätige Männer respektieren die Frau an ihrer Seite nicht als eigenständige Person. Mit Gewalt, Macht und Kontrolle wollen sie ihre vermeintliche Überlegenheit deutlich machen, oft besonders dann, wenn sie sich in Wirklichkeit unterlegen fühlen.

Macht und Kontrolle

Zu Beginn kann eine Beziehung zu einem solchen Mann durchaus für beide Seiten harmonisch laufen, doch, wie der erwähnte Videoclip zeigt, verändert sich die „Beziehungsqualität“ im Laufe der Zeit. Die Gewaltbereitschaft und -ausübung hängt dann sehr damit zusammen, wie sich die Beziehungskonstellation entwickelt, ein oft schleichender Prozess, bei dem es nur noch um Macht und Kontrolle geht.

Für solche Männer ist die Frau nur ein Objekt; Mitgefühl haben sie nicht. Sie nehmen sich das Recht heraus, Frauen sanktionieren und „bestrafen“ zu dürfen, wenn ihre Partnerinnen nicht oder nicht mehr den eigenen Vorstellungen entsprechen. In diesem Zusammenhang wird zuweilen auf den Begriff „Machismo“ verwiesen, der lateinamerikanischen Ursprungs ist und eine durch Überlegenheitsgefühle und Herrschaftsansprüche gekennzeichnete Einstellung des Mannes umschreibt sowie auf seine rücksichtslose Einstellung gegenüber Frauen verweist. Aber: Die alleinige Verantwortung für die Gewalt liegt beim Täter, obwohl dieser zumeist versucht, sein Verhalten zu bagatellisieren.

Die Gewalt beginnt also oft mit verbalen und psychischen Übergriffen gegenüber der Frau, steigert sich aber kontinuierlich. Viele Frauen neigen zudem dazu, sehr lange zu nachsichtig zu sein, Männer „heilen“ zu wollen, zu hoffen, dass „alles wieder gut“ wird, vernachlässigen sich neben so einem Mann selbst statt sich zu wehren und sich rechtzeitig aus solch einer Sackgasse zu befreien.

Jekyll & Hyde

Gewalt passiert also nicht einfach von heute auf morgen, sondern sie kündigt sich an. Ist das Machtgefüge erst einmal etabliert, indem die Frau immer mehr an Selbstwert verliert und sich der gewaltbereite und gewalttätige Mann darin sonnt, dass er die Frau in seiner Kontrolle wähnt, kann der rechtzeitige Exit aus solch einer Partnerschaft leicht verpasst werden. Die Veränderung des „Machtgefälles“ beginnt häufig subtil, etwa mit abfälligen Bemerkungen, herabwürdigenden Gesten, verbalen Angriffen seitens der Männer, die bei der Frau anfangs vielleicht „nur“ ein unangenehmes Gefühl hinterlassen, dann aber immer kränkender sind.

Nach dem Beziehungskonstrukt gewaltbereiter und gewalttätiger Männer, bei dem – wie eingangs erwähnt – auch das Besitzdenken eine große Rolle spielt, werden solche Männer das Selbstwertgefühl der Frau immer weiter auszuhebeln versuchen. Die betroffenen Frauen werden immer unsicherer und neigen womöglich noch dazu, das Verhalten dieser Männer zu rechtfertigen. Der lesenswerte Beitrag „Jekyll und Hyde: Die Betroffene hat zwei Partner“ auf dem Portal re-empowerment beschreibt die fatale Entwicklung solcher Konstellationen auf sehr verständliche Weise. Das Portal bietet auch einige Hinweise zum Thema Cyberstalking, bei dem es sich allerdings generell noch um einen Bereich handelt, in dem sehr viel Präventions- und Aufklärungsbedarf besteht.

Wenn Frauen Männer schlagen

Wenngleich in der Öffentlichkeit bislang noch wenig diskutiert, erfahren auch Männer Gewalt durch Frauen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gab dazu eine Studie in Auftrag, die 2004 abgeschlossen wurde. Darin steht, dass die Forschungslage in diesem Bereich bisher völlig unzureichend sei, da es noch keine originäre Empirie und somit keine entsprechende Theoriebildung gebe. Die Dynamik in solchen Partnerschaften scheint – lediglich mit vertauschten Rollen – eine ähnliche zu sein wie in jenen Konstellationen, in denen Männer gegenüber Frauen gewalttätig werden. Da dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht wirklich angekommen ist, gibt es für betroffene Männer vergleichsweise wenig Hilfsangebote. Dazu kommt, dass diese Männer sich oft nicht trauen, über ihre Situation zu sprechen.

Die Journalistin Dr. Karin Jäckel engagiert sich für eine wirkliche Begegnung auf Augenhöhe zwischen Frau und Mann sowie für ein wertschätzendes Miteinander. Auf ihrer Website und ihrem Blog finden Interessierte eine Fülle an Informationen zu diesen und anderen Themen.

Lesetipps:

Steven Pinker, „Gewalt“, Buch bestellen

Martha Stout, „Der Soziopath von nebenan“, Buch bestellen

Anita Heiliger, „Männergewalt gegen Frauen beenden“, Buch bestellen

Dr. Bärbel Wardetzki, „Eitle Liebe“, Buch bestellen

Heinz-Peter Röhr, „Narzissmus – Dem inneren Gefängnis entfliehen“, Buch bestellen

Empfohlene Links:

www.re-empowerment.de

www.diagnose-gewalt.eu/haeusliche-gewalt/definition-haeuslicher-gewalt/kreislauf-der-gewalt

www.erkennepsychopathie.wordpress.com/

www.frauen-gegen-gewalt.de/

www.kofra.de/layout/index.htm

www.frieda-frauenzentrum.de

www.karin-jaeckel.de

www.femokratie.com

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