Gemeinwohl: „Bürger vermögen viel!“

Im Gespräch mit Klaus Kopp

(c) Bürger-vermögen-viel

Auf der Suche nach Menschen und Projekten, die auf regionaler Ebene neue Strukturen anbieten und ausprobieren, stieß ich kürzlich auf den Verein „Bürger-vermögen-viel“ in Ebersberg. Es ist ja die eine Seite der Medaille, sich über konzern- und lobbyistenfreundliche Politik sowie über die EU-Diktatur aufzuregen und die andere, konkret und vor Ort etwas zu tun. Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf das kürzlich auf FRIEDA veröffentlichte Interview mit Dr. Hans Hein, das den Titel „Souveränität: Von Karpfen und Delfinen“ trägt.

Klaus Kopp ist Initiator des Vereins „Bürger-vermögen-viel“, wobei es sich – wie unschwer zu erkennen ist – um ein Wortspiel handelt. Das beinhaltet einerseits die Botschaft, dass vor Ort mittels der Absicht und der eigenen Mitgestaltung durchaus eine Menge passieren kann und andererseits, dass das Vermögen in den Händen jener verbleiben sollte, die mittels ihrer Arbeitskraft für Wertschöpfung sorgen. Die Stärkung regionaler Strukturen, und somit kleiner und mittelständischer Betriebe, hat dabei einen hohen Stellenwert. Konkret: Es geht mehr oder weniger um Elemente der gelebten Gemeinwohl-Ökonomie. Die Idee dahinter basiert auf der Überzeugung, dass Kooperation und Wertschätzung die Grundlage für ein wirklich nachhaltiges Wirtschaftsmodell bieten können. Regionale Wirtschafts- und Gemeinwohl-Kreisläufe lassen sich auf diese Weise stärken, so dass die Wertschöpfung in realwirtschaftlichen Strukturen verbleibt.

FRIEDA im Gespräch mit Klaus Kopp

FRIEDA: Was war bei Ihnen die Initialzündung für die Idee, den Verein „Bürger vermögen viel“ zu gründen?

Klaus Kopp: Ich habe mich gefragt, wie – im Unterschied zu TTIP und CETA – ein Wirtschaftsabkommen aussehen könnte, das Unternehmen, welche Steuern bezahlen, sich sozial, für die Umwelt, für die Region und für das Gemeinwohl engagieren, besser stellt als Weltkonzerne, denen so manches egal ist. Wie könnte ein Wirtschaftssystem aussehen, welches Anreize für das faire Miteinander von Wirtschaft und Gemeinwohl setzt? Ein Wirtschaftssystem, welches anstelle globaler wieder mehr regionale Wirtschaftskreisläufe fördert und bei dem die Bürger bestimmen, was finanziert werden soll.

(c) Klaus Kopp, Vorstand von Bürger-vermögen-viel e.V.

Dann kam die Erkenntnis, dass wir als Bürger damit sofort anfangen können. Es benötigt dazu weder einen EU-Beschluss noch sonst was. Wir müssen es einfach nur wollen. Hinzu kam noch die Erkenntnis, dass eine lebendige Zivilgesellschaft ohnehin nur dann zustandekommt, wenn Bürger dies wollen! Gesellschaftliches Engagement kann schließlich nicht verordnet werden. Entweder wir als Bürger wollen was machen, und dann haben wir zumindest hier noch alle Möglichkeiten dazu, oder wir wollen lieber zuschauen und das Machen anderen überlassen! Jedenfalls wurde klar, wenn wir wollen, vermögen wir viel!

FRIEDA: Warum ist die Stärkung der inhabergeführten Betriebe so wichtig?

Klaus Kopp: Im Wesentlichen sind es die inhabergeführten Unternehmen, die Steuern zahlen und die sich sozial für die Region und für das Gemeinwohl engagieren, ganz einfach deshalb, weil sie nun mal vor Ort, ein Teil der Region und greifbar sind. Allein schon beim Thema Steuern sind die regional ansässigen Firmen den Weltkonzernen allerdings haushoch unterlegen. Deshalb ist es wichtig, diese Unternehmen zu stärken. Nur so kommt es zu regionalen Steueraufkommen, dem Erhalt der regionalen Infrastruktur, der Nahversorgung und den anderen genannten positiven Effekten.

FRIEDA: Sie bieten auch eine so genannte „Bürgerkarte“ an. Was ist darunter zu verstehen und wie funktioniert sie?

Klaus Kopp: Die Bürgerkarte erfüllt mehrere Funktionen. Als Bürger können wir mit ihr aus dem Nichts und ohne Mehrkosten Geld für Bürgerprojekte generieren. Sie verhilft Bürgerprojekten und Vereinen zu finanziellen Mitteln, fördert regionales Bürgerengagement und verhilft Bürgern zu einem Budget (Bürgervermögen), über dessen Verwendung die Bürger in regionalen Bürgerparlamenten entscheiden. Darüber hinaus markiert sie den Euro und gibt ihm Eigenschaften, die zu einer lebendigen Zivilgesellschaft führen. Sie bewirkt regionale Wirtschaftskreisläufe und sorgt für das faire Miteinander von Bürgern, Wirtschaft, und Gemeinwohl – und das Ganze, ohne dass den Bürgern dabei Mehrkosten entstehen. Konkret funktioniert das so:

Die Bürgerkarte ist kostenfrei und wird in der Regel von den teilnehmenden Förderprojekten an deren Mitglieder und an potentielle Förderer verteilt. Wird sie bei einem der teilnehmenden Anbieter vorgezeigt, erhält das hinterlegte Förderprojekt jedesmal eine Gutschrift in Höhe von in der Regel 1,8%. Weitere 0,2% fließen in das regionale Bürgervermögen, über das einmal im Jahr im Bürgerparlament entschieden wird.

FRIEDA: Was hat es mit den Bürgerparlamenten denn genau auf sich?

Klaus Kopp: Beim Bürgerparlament handelt es sich um eine nach der Methode „Dynamic facilitation“ moderierte Veranstaltung mit dem Ziel, im Laufe des Abends gemeinschaftlich Ideen zu finden und am Schluss im Konsens zu entscheiden, was mit dem erwirtschafteten „Bürgervermögen“ geschehen soll. Das Ganze beginnt vollkommen ergebnisoffen. Die bisherigen Bürgerparlamente haben für alle Teilnehmer inspirierende und unerwartete Ergebnisse hervorgebracht. Als sehr wichtig hat sich die physische Begegnung erwiesen. Jede Region hat deshalb ihr eigenes Bürgerparlament.

Die Methode „Dynamic facilitation“ setzt auf das gegenseitige Zuhören. Es spricht immer nur eine Person und die so lange wie sie möchte. Das ist am Anfang für alle sehr überraschend. Aber nach einer Weile wird klar: Es wird schwierig, noch etwas wirklich Neues zu sagen. Und da wird es dann auch immer stiller und ruhiger. Und aus der Ruhe heraus wachsen dann die wirklich guten Ideen und der Konsens.

FRIEDA: „The Corporation“ ist ein Dokumentarfilm über Konzernpolitik. Darin wird die Frage nach der geistigen Gesundheit einer Institution gestellt, die sich in erster Linie um Gewinnmaximierung kümmert und nicht um andere Aspekte. Ich habe gesehen, dass Sie unter Ihren Förderern auch einen für die Allianz tätigen Versicherungsmakler aufführen. Die Allianz ist ja ein Konzern mit einem erheblichen Anteilsbesitz an weiteren Konzernen. Wie passt es zu Ihrem Credo, mit der Allianz zu kooperieren?

Klaus Kopp: Wenn ein bisher nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes Unternehmen sich den Spielregeln einer das Gemeinwohl und die Bürger stärkenden Struktur anschließt, geht das in die richtige Richtung. Es findet dann eine Transformation des Bestehenden hin zu etwas Besserem statt und darum geht es doch: sich nicht eine Insel zu bauen und sich abzuschotten, sondern das Bestehende weiterzuentwickeln. Es wäre doch dumm, jemanden auszuschließen, der sich auf die von den Bürgern definierten Spielregeln einlässt und bereit ist, Wege in die richtige Richtung zu gehen. Je früher alle mitmachen und bereit sind, einen Gemeinwohlbeitrag zu bezahlen, desto besser für uns Bürger.

FRIEDA: Der Begriff „Bürger“ beinhaltet ja, „für etwas zu bürgen“. Man sagt ja „Nomen es omen“ (…). Wäre „Menschen vermögen viel“ da nicht die geeignetere Bezeichnung gewesen?

Klaus Kopp: Menschen vermögen viel gefällt mir sehr gut.

FRIEDA: Mit Blick auf die Bestrebungen gewisser Interessengruppen, das Bargeld abzuschaffen – ist die Bürgerkarte da eine Alternative bzw. wäre eine physische Regionalwährung da nicht die effektivere Lösung?

Klaus Kopp: Durch die Bürgerkarte wird das offizielle Zahlungsmittel markiert und mit Eigenschaften versehen, welche den Bürgern und dem Gemeinwohl dienen. Die Bürgerkarte funktioniert also immer, egal, mit welcher Währung bezahlt wird. Im Unterschied dazu ist Regionalgeld bis jetzt von der Notenbank zwar noch geduldet, im Falle einer Bargeldabschaffung wäre die Nutzung von Regionalgeld aber sicherlich definitiv illegal. Das heißt, legal könnte damit kein Handel betrieben werden.

Bezugsquelle

FRIEDA: Im Vorgespräch zu unserem Interview sagten Sie, dass Geld ein Stimmrecht ist. Wie meinen Sie das genau?

Klaus Kopp: Solange das Geld in realwirtschaftlichen Zusammenhängen zirkuliert, ist Geld faktisch ein Stimmrecht, mit dem wir bestimmen, was, wo, zu welchen Konditionen, zu welchen sozialen, zu welchen Umweltbedingungen und zu welchen Arbeitsbedingungen produziert oder als Dienstleistung erbracht werden soll. Meines Erachtens bestimmen wir mit unseren Stimmscheinen, also unseren Geldscheinen, sogar wesentlich mehr unser Umfeld und unsere Lebensbedingungen als die Politik, denn am Ende wird erfahrungsgemäß immer dasjenige gemacht, was finanziert wird, also wofür Geld gegeben wird. Ob es beispielsweise Massentierhaltung geben soll oder nicht, bestimmen wir mit dem Einkauf. Wenn so und so viele Bürger mit ihren Stimmscheinen Massentierhaltung wollen, dann wird das auch so sein. Palmöl im Benzin hat sich beispielsweise bis heute nicht durchgesetzt, obschon es sogar weniger Stimmrechte erfordert als Normalbenzin. Geben wir unsere Stimmrechte beispielsweise einem Vermögensfond, bestimmt dieser für uns, was finanziert wird. BÜRGER-vermögen-VIEL ist also ganz nüchtern betrachtet die Summe dessen, was wir mit den uns zur Verfügung gestellten Stimmrechten verursachen.

FRIEDA: Wie ist in dem Zusammenhang das Bedingungslose Grundeinkommen einzuschätzen?

Klaus Kopp: Je entwickelter eine Demokratie, desto fairer sind die Stimmrechte verteilt. Sinnigerweise sollte deshalb jedem Bürger jeden Monat ein Mindestmaß an Stimmrechten zufließen. Nur so kann er an der Gestaltung der Gesellschaft teilnehmen und durch sein Abstimmungsverhalten signalisieren, welche Dienstleistungen erbracht oder was und zu welchen Konditionen produziert werden soll. Heute ist es so, dass Bürger ohne Einkommen zugleich auch keine Stimmrechte haben. Die Koppelung der Stimmrechte an das Einkommen hat sich in Zeiten auseinander klaffender Einkommenssituationen als problematisch erwiesen, denn das Recht auf Stimmrechte hat dem Prinzip nach mit Einkommen einfach nichts zu tun. Das Recht auf Stimmrechte, und wie viel jeder Bürger davon unabhängig von seinem Einkommen mindestens haben sollte, ist eine Frage, wie wir Demokratie verstehen. Den von Grund auf falschen Denkansatz, dass Stimmrechte nur durch ein Einkommen zu bekommen sind durch die Forderung nach einem Grundeinkommen weiter zu zementieren, verhärtet meines Erachtens Strukturen, welche die Weiterentwicklung der Demokratie eher schwächen und in Abhängigkeitsverhältnisse führen als die Demokratie zeitgemäß weiterzuentwickeln.

FRIEDA: Sie fördern unterschiedliche Projekte über die Einnahmen, die Sie regional generieren. Wäre es nicht Sache der Regierung (des Bundes und der Länder), für die wir ja schon sehr hohe Steuern zahlen, nachhaltige Projekte zu fördern und nehmen Sie der „Regierung“, nicht irgendwie auch Verantwortung ab?

Klaus Kopp: Die Regierung macht so gut es geht den Platzhalter für fehlendes Bürgerengagement. Steuergelder werden so leider oft unsinnig und uneffektiv eingesetzt, denn natürlich kann die Regierung niemals das leisten, was die Bürger vor Ort könnten, nämlich sinnvolle Entscheidungen bezüglich der Finanzierung regionaler Projekte treffen. Solange wir Bürger unsere Rolle allerdings nicht annehmen, drücken wir diese Entscheidungen anderen auf und das ist eigentlich nicht OK. Sofern wir als Bürger anfangen aktiv zu werden und in Richtung Zivilgesellschaft gehen, wird vieles von dem, was jetzt notgedrungen von der Regierung bestimmt werden muss, mehr und mehr von uns Bürgern bestimmt werden. Also auch immer mehr, wofür die Steuereinnahmen verwendet werden sollen. Wir Bürger müssen aber halt an einer Stelle mal anfangen und zeigen, dass wir das auch wollen.

FRIEDA: Angenommen, ich würde nun für eine bestimmte Region, beispielsweise für Ostfriesland oder Bremen, mit „Bürger vermögen viel“ an den Start gehen wollen. Was wären die Schritte zur Umsetzung vor Ort?

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Klaus Kopp: Das ist denkbar einfach, denn die geschaffene Infrastruktur, die Software und alles, was man braucht, um anzufangen, ist entwickelt und steht allen zur Verfügung. Es muss kein Verein gegründet und auch nichts bezahlt werden, um als Förderprojekt bei BÜRGER-vermögen-VIEL mitmachen zu können. Es braucht erst einmal nur einige Händler und ein Förderprojekt, das mitmachen will. Schon geht es los. Je mehr mitmachen, desto besser natürlich. Wenn das Netzwerk in einer Region groß genug ist, kann überlegt werden, ob ein Verein oder eine Genossenschaft für die Organisation der Bürgerparlamente und als Ansprechpartner vor Ort gegründet werden soll. Um anzufangen, kann aber erst einmal ganz stressfrei auf die bei BÜRGER-vermögen-VIEL bereits vorhanden Strukturen zurückgriffen werden. Bei Interesse bitte einfach mit mir Kontakt aufnehmen.

FRIEDA: Vielen Dank für das Interview!

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