Gaia: Nach Hause kommen

Ein Gespräch mit Dr. Heide Göttner-Abendroth

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Photo by -Jeffrey- (c) Jeffrey/Flickr

„Matriarchale Gesellschaften kommen ohne die menschen- und lebensverachtenden Vorgänge von Eroberungskrieg und Herrschaft aus. Darum bin ich der Überzeugung, dass ihr Wissen im Ringen um eine humane Welt dringend gebraucht wird“, lautet ein Zitat von Dr. Heide Göttner-Abendroth.

Ein Beitrag, der sich gleichermaßen an Frauen und Männer richtet

Dr. Heide Göttner-Abendroth ist Philosophin, Kultur- und Gesellschaftsforscherin und sie beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit der Matriarchatsforschung. 1986 gründete sie die „Internationale Akademie HAGIA“ und leitet sie seitdem. Sie organisierte drei Weltkongresse für Matriarchatsforschung, 2003 in Luxemburg, 2005 in den USA und 2011 in der Schweiz. Seit dreißig Jahren bildet sie Frauen zur Matriarchatsreferentin aus.

Der Titel dieses Beitrages „Gaia: Nach Hause kommen“ war ursprünglich nicht geplant; er ergab sich erst am Ende eines knapp zweistündigen Telefonates mit der Wissenschaftlerin. Während dieses Gespräches offenbarte sich immer mehr, welcher Schatz hier buchstäblich zu heben ist, welches Potenzial matriarchal organisierte Regionen innerhalb einer Gesellschaft haben, und dass das Matriarchat, wenn man es ohne ideologische Brille allein aufgrund der Methode und der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse betrachtet, eine Struktur bietet, in der alle Menschen in Frieden leben und miteinander kooperieren könnten. Doch dazu braucht es Klarheit in Bezug auf das, was Matriarchat meint und es braucht die Vision von Menschen, die das verstehen und zu leben beginnen.

Eine Welt ohne Chef?

Industrialisierung, Globalisierung, Zentralisierung, Bürokratisierung: Wenige entscheiden über das Schicksal von vielen. Und bei denen, die an der Spitze der jeweiligen Hierarchien Entscheidungen treffen, ist oft unklar, in wessen Auftrag sie handeln. Transparenz ist innerhalb dieser Strukturen so gut wie unmöglich. Schwer vorstellbar, dass Gesellschaften ganz ohne Hierarchien funktionieren sollen. Und dass das Leben in solchen Gesellschaften sogar entspannt ist, friedlich abläuft und wichtige Entscheidungen ausschließlich über Konsens getroffen werden, erscheint in Zeiten der „EU-Expertokratie“ beinahe utopisch. Doch es gibt diese Gesellschaften. Sie sind matriarchal organisiert. Weltweit existieren im Wesentlichen noch ungefähr 20 Völker mit allen matriarchalen, sozialen und kulturellen Eigenschaften, aber es gibt viele mehr, die noch einzelne matriarchale Elemente haben.

FRIEDA im Gespräch mit Dr. Heide Göttner-Abendroth

FRIEDA: Entgegen der landläufigen Meinung, ein Matriarchat sei eine „Herrschaft der Frauen“, also das Gegenteil des Patriarchats, lautet Ihre Definition dafür völlig anders, nämlich wie?

Heide Göttner-Abendroth
(c) Dr. Heide Göttner-Abendroth

Dr. Heide Göttner-Abendroth: Der Begriff Matriarchat ist leider immer noch ideologisch besetzt und wird daher oft missverstanden oder er löst sogar Abwehr aus, zumal die Definition des Begriffes nicht ohne Kritik am Patriarchat auskommt. Schon als junge Studentin beschäftigte ich mich mit dem Matriarchat, erlebte allerdings bereits damals, dass ich das Thema an den Universitäten nicht wirklich unterbringen konnte. Ein Nischendasein wollte ich damit aber auch nicht führen; also gründete ich die Internationale Akademie HAGIA.

Noch immer hält sich das Vorurteil, dass Matriarchate umgedrehte Patriarchate seien, also dass Frauen statt Männer die Herrschenden dabei sind. Das war und ist nicht der Fall. Bevor man sich also überhaupt mit dem Thema beschäftigt, sollte man Klarheit schaffen, um nicht in Klischees zu denken. Eine Definition kann erklären, wie ein Matriarchat ökonomisch, soziologisch, politisch, kulturell usw. funktioniert, aber es geht nicht um eine trockene Definition, sondern darum zu beschreiben, was diese Gesellschaftsform so besonders macht. Ich habe im Zuge meiner jahrzehntelangen Forschungen etwa hundert Elemente herausgearbeitet, die charakteristisch für ein Matriarchat sind. Ein Matriarchat ist basisdemokratisch im besten Sinne. Wesentliches Merkmal ist die wertschätzende Kommunikation und Kooperation. Entscheidungen werden über Konsens getroffen.

FRIEDA: Auf Ihren Forschungsreisen besuchten Sie einige der heute noch existierenden matriarchal organisierten Völker. Wie sind diese strukturiert?

H. G.-A.: Wesentlich sind bei der Struktur sogenannte Klanhäuser, die sich an der Mutterlinie orientieren. In deren Zentrum stehen Frauen, aber nicht im Sinne des Herrschens. Unterschiedliche Klanhäuser innerhalb einer Dorfgemeinschaft werden koordiniert. Entsprechend läuft das auch mit Nachbardörfern, in denen es wiederum Klanhäuser gibt. Um sich das vorzustellen, darf man nicht mehr in Kategorien wie „oben“ und „unten“ denken. Es geht um ein Neben- und Miteinander. Ob innerhalb der Dorfgemeinschaft, oder über deren Grenzen hinweg, wird bei relevanten Entscheidungen so lange verhandelt, bis es eben einen Konsens gibt. Es werden Delegierte ernannt, aber sie treffen keine Entscheidungen. Man berät sich und verhandelt. Diese Gesellschaften haben ein besonderes Kommunikationssystem. Man spricht sowieso viel miteinander, sitzt gemeinsam am „heiligen Feuer“ und tauscht sich aus. Erstaunlich ist, dass man dort vergleichsweise schnell zu einem gemeinsamen Konsens kommt.

FRIEDA: Während hierzulande das Emporsteigen auf der Karriereleiter und das Anhäufen von Geld angestrebte Ziele sind, Ziele allerdings, die auf hierarchischen Strukturen basieren und diese zementieren dürften, kommen Matriarchate dann anscheinend ja ganz ohne Hierarchien aus. Aber auch dort dürften nicht immer alle einer Meinung sein. Wie geht man in einem Matriarchat mit Meinungsverschiedenenheiten um?

H. G.-A.: Die Herrschaftsverhältnisse sind bei uns eng an das Geld gekoppelt. Eine Demokratie existiert eigentlich nur formal. Ohne Geld könnte unser Herrschaftsapparat gar nicht funktionieren. Wenn niemand mehr Steuern zahlen würde, bräche dieser Apparat schnell zusammen. Wir haben es in unserer Gesellschaft zudem mit unterschiedlichsten Interessengemeinschaften zu tun, die sich um jeden Preis durchsetzen wollen. Das ist ein Ergebnis von Machtstreben und von Individualisierung als Merkmale des Patriarchats.

Im Matriarchat steht das Gemeinwohl naturgemäß an erster Stelle. Dort gibt es keinen Herrschaftsapparat, sondern gelebte Demokratie von unten. Was bei uns noch als Utopiegedanke kursiert, praktiziert man dort schon lange. Das vorweg, um deutlich zu machen, dass man auch ganz anders mit Meinungsverschiedenheiten umgehen kann. Die Meinung des Gegenübers wird im Matriarchat als Bereicherung empfunden, um die eigene Perspektive zu wechseln, und gemeinsam sucht man dann nach Lösungen. Man bedankt sich sogar bei jenen, die eine neue Sichtweise auf eine bestimmte Situation mit den anderen teilen, denn alle wissen, dass es stets verschiedene Blickrichtungen gibt. Dabei geht es nicht ums Nörgeln; wer seine Sichtweise einbringt, muss diese natürlich auch begründen. Die Diskussionskultur in matriarchalen Ethnien ist da eine völlig andere als die, die wir gewohnt sind. Es geht weniger um „entweder oder“, sondern mehr um „sowohl als auch“. Ein Konsens wird angestrebt und diese Konsensfindung ist ein hochkreativer kommunikativer Prozess. Man wägt die unterschiedlichen Standpunkte ab. Und man versteht die Kunst des Wartens. Fallweise vertagt man eben mal eine Diskussion. Auch das kann bei Konflikten hilfreich sein. Letztendlich wird so lange verhandelt, bis ein Konsens erreicht wurde.

Die Menschen im Matriarchat haben eine große Kommunikationskompetenz, weil sie sehr viel miteinander reden – generationsübergreifend. Konflikte werden nie mit Gewalt zu lösen versucht. Gewalt ist sogar verpönt. Die große innere Stärke dieser Struktur gibt auch den Individuen darin Stabilität und schafft Vertrauen. In sich sind Matriarchate daher sehr stabil; und ohne Übergriffe von außen bleiben sie das auch, wie die heute noch existierenden Ethnien zeigen; im Wesentlichen konnten sie trotz des Druckes von außen durch geschickten Widerstand die matriarchale Struktur bewahren.

FRIEDA: Wie lange dauert denn so eine Konsensfindung im Allgemeinen?

H. G.-A.: Beispielsweise wollte die chinesische Zentralregierung einen Flughafen in der Nähe der Mosuo, wo ich vor Ort geforscht habe, bauen. Die innere Geschlossenheit in einer matriarchal organisierten Gemeinschaft sorgt nicht nur für „innere Sicherheit“, sondern auch dafür, dass man sich nach außen hin vereint für den Erhalt der Gemeinschaft engagiert. Die Mosuo leben unweit von der Grenze nach Tibet: Berge, Seen – eine landschaftlich schöne Region. Die chinesische Zentralregierung möchte die Region daher touristisch mehr erschließen und wollte daher in der Nähe der Gemeinschaft einen Flugplatz bauen. Wegen der landschaftlichen Gegebenheiten (Hochland) wäre solch ein Bauvorhaben schwierig gewesen und es hätte auch den Bau von weiteren Straßen erfordert.

Die Mosuo wurden von der Regierung gar nicht gefragt, ob sie damit einverstanden gewesen wären. Doch das waren sie nicht, wenngleich einige der Mosuo inzwischen auch vom Tourismus profitieren. Die chinesische Regierung macht den Tourismus teilweise auch schmackhaft, indem sie so tut, als wäre die Region ein Mekka für Männer, die sich von der Freizügigkeit der Frauen etwas erhoffen. Doch auch in dieser Hinsicht treten die Frauen geschlossen auf. Mit anderen Worten: Der von der Regierung forcierte Tourismus ist in erster Linie ein Männertourismus. Deshalb wurde wegen der Flugplatzfrage diskutiert. Die Räte der ganzen Region wurden damit beauftragt, die unterschiedlichen Meinungen abzuwägen, und schließlich ging es wieder um den gemeinsamen Konsens. Dabei ist zu bedenken, dass die Delegierten auf Reisen per Pferd Zeit in Anspruch nehmen mussten. Sie brauchten für ihre einstimmige Entscheidung gerade drei Monate. Wenn man bedenkt, wie lange man hierzulande braucht, um einen Konsens zu erreichen, ist es schon sehr erstaunlich zu sehen, dass es auch anders gehen kann. Zumindest wurde der Flugplatz nicht gebaut. Die innere Geschlossenheit der Gruppe sorgte dafür, dass von außen nicht gespalten werden konnte. Und Zwangsmaßnahmen seitens der Regierung hätten nichts gebracht, denn dann hätte die Regierung das ganze Volk gegen sich gehabt und Aufstände riskiert.

Meiner Ansicht nach können wir daraus eine Menge lernen. Die Kritik an unserer Gesellschaftsform wird ja gerade in den letzten Jahren lauter. Ich halte es daher für sehr wichtig, dass wir dort hinsehen, wo Zusammenhalt und ein gutes Leben für alle schon seit langem gelingen.

In meinem Buch „Matriarchat in Südchina“ ist meine Forschungsreise zu den Mosuo dokumentiert. In dem Buch kommen die Frauen und Männer der Mosuo selbst zu Wort.

FRIEDA: Die Industrialisierung hat zur Abkopplung von der Natur geführt. Lebte man früher noch eng verbunden mit den naturgegebenen Rhythmen, bestimmen heute andere Faktoren den Tagesablauf. Stress, Rückenleiden, Burnout, immer mehr psychische und neurodegenerative Erkrankungen sind einige der Antworten auf unseren heutigen Lebensstil. Wenngleich die Blütezeit der Matriarchate seit Jahrtausenden vorbei ist, haben immerhin bis heute einige Ethnien überlebt – und das, ohne von den technischen Errungenschaften unserer Zeit abgeschnitten zu sein. Wie Ihren Forschungsergebnissen zu entnehmen ist, sind Matriarchate nie „von innen heraus“ zerbrochen, sondern ausschließlich durch kriegerische Attacken von außen zerstört worden. Der „Tanz ums ‚Goldene Kalb Fortschritt’“ hat uns Menschen in eine Lage gebracht, in der wir „die Geister, die wir riefen“ anscheinend nicht mehr so schnell loswerden. Immer mehr Menschen erkennen das und sehnen sich wieder nach einem ursprünglicheren Leben. Sehen Sie eine Chance darin, dass sich matriarchale Gemeinschaften in den Industrienationen etablieren könnten und wenn ja, was braucht es dazu?

H. G.-A.: In der Tat erkennen und spüren immer mehr Menschen, dass gemeinschaftlicher Zusammenhalt wichtig ist. Vielerorts bilden sich daher bereits Gemeinschaften, ohne dass diese allerdings sichtbar matriarchal strukturiert sind. Man spürt schon, dass es anders gehen kann und auch sollte, aber es mangelt an Informationen über Möglichkeiten und Gesellschaftsformen, in denen bereits gelingt, was sich viele ersehnen. Wie eingangs schon erwähnt ist der Begriff Matriarchat ja oft noch negativ besetzt. Die historisch belegten und heute noch aktiven matriarchalen Gesellschaftsformen sind vorbildlich und sie bieten genau jene Lösungen an, nach denen viele von uns seit Jahren händeringend suchen: Die Wertschätzung des Ahnenwissens, gewaltfreie Kommunikation, Empathie, das Miteinander, wertschätzender und nachhaltiger Umgang mit der Natur, Kooperation, Basisdemokratie, Hierarchiefreiheit – wir brauchen im Grunde nur zu schauen, wie es jene Gesellschaften machen, bei denen diese Werte traditionell verankert sind und gelebt werden. Und das sind eben Matriarchate. Um solche Strukturen überall entstehen zu lassen, wären Dezentralisierung und Regionalisierung das Mittel der Wahl. Transparenz ist nur in kleineren Strukturen möglich. Dabei geht es nicht darum, dass Regionen zu Provinzen werden und abgeschnitten sind vom Rest der Welt.; es geht um überschaubare, selbstorganisierte Strukturen innerhalb eines großen Ganzen.

FRIEDA: Die Rollenidentitäten von Frauen und Männern sind heute brüchig und das nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen und zahlreichen gesellschaftlichen Anforderungen. Während es unter den jüngeren Männern inzwischen einige gibt, die sich mit dem herkömmlichen Macho-Image nicht mehr identifizieren, scheinen viele Männer ihre Partnerinnen nach wie vor als „Besitz“ zu betrachten – nach einem Rollenverständnis, dessen Ursprung sicherlich patriarchalen Gedankenbildern entspricht. Eine Gesellschaft aus narzisstisch gestörten Persönlichkeiten, was sich nicht nur auf der Bühne der Politik widerspiegelt, scheint inzwischen eher die Regel als eine Ausnahme zu sein. Wie haben Sie die Frauen und Männer in ihrem Rollen-Selbstverständnis in matriarchalen Gesellschaften erlebt?

H. G.-A.: Die Männer und auch die Frauen heutzutage sind die Söhne und Töchter des Patriarchats. Narzisstische Störungen und Egozentriertheit gehen ja mit mangelnder charakterlicher Reife einher, was auch eine Folge der extremen Individualisierung ist, die auf patriarachalen Strukturen einen ungesunden Boden findet. Diese überzogene Individualisierung kennzeichnet auch die Verarmung der seelischen Bindung.

Auf der einen Seite haben wir also viele egozentrierte Männer, aber auch viele Frauen bedienen mit ihrer Männerfixiertheit das patriarchale Herrschaftsmuster, indem sie ihr Selbstwertgefühl über den Mann definieren, so als hätten sie keine eigene Identität. Das wirkt sich auch auf die Solidarität unter Frauen negativ aus. Weder Männer noch Frauen haben bei uns noch wirklich starke Vorbilder, sondern orientieren sich maximal an Klischees. In matriarchalen Gesellschaften existieren starke (weibliche) Bilder. Jede kluge Mutter behandelt ihre Tochter dort wie eine Göttin – nicht im Sinne narzisstischer Eitelkeit, sondern im Sinne der Wertschätzung ihres weiblichen Potenzials.

Im Zuge meiner Forschung bei den Mosuo in Südwest-China konnte ich Folgendes beobachten: Man lebt dort in Vierseithöfen mit einem großen Versammlungsraum, in dem man sich trifft, feiert, austauscht und berät. Was die Rollenidentität der Frauen angeht, haben sie eine ausgesprochene Souveränität in ihrem Selbstverständnis als Frau. Diese Frauen haben Würde. Und weil sie diese Souveränität und Würde als innere Haltung haben, werden sie auch von Männern und anderen Frauen sehr respektiert – als Mütter, Ratgeberin, Schamanin usw.. Und jede dieser Frauen strahlt diese innere Souveränität aus. Das gilt auch für die anderen matriarchal organisierten Gesellschaften. Frauen halten zusammen wie „Pech und Schwefel“. Die Bindung spielt dabei eine große Rolle – zur Mutter, zur Schwester. Sie achten einander. Die Matriarchin hat dabei eine zentrale Funktion als Beraterin. Wenn Frauen diese Souveränität verinnerlicht haben und ausstrahlen, färbt das auch auf die Männer ab.

Die Männer sind in matriarchal geprägten Gesellschaften als Mann respektiert. Frauen und Männer haben dort ihre eigenen Aktionsbereiche, die sich aber aufeinander beziehen. Matriarchate folgen der Idee, dass alles komplementär ist und ausbalanciert sein sollte. Frauen schätzen besonders ihre Brüder. Die Brüder spielen eine wichtige Rolle bei der Erziehung der Kinder. Diese Männer fühlen sich auch für die Kinder ihrer Schwestern verantwortlich; sie sind quasi „soziale Väter“ in solchen Gemeinschaften und bringen ihre männlichen Fähigkeiten ein – entspannt und gewaltfrei. Davon profitieren alle. Die Haltung der Männer ist so: „Frauen bringen das Leben, wir beschützen das Leben!“ Das hat nichts mit herrschen zu tun, sondern mit gelebter sozialer Verantwortung im Sinne des Gemeinwohls. Den Männern geht es mit diesem Selbstverständnis ihrer Rolle sehr gut.

FRIEDA: Wie geht man in Matriarchaten dann mit Liebesbeziehungen um?

H. G.-A.: Dort ist man eher erstaunt darüber, dass bei uns die romantische Liebe so verklärt wird und dass daran so viele Entscheidungen geknüpft werden, wie gemeinsames Wirtschaften, gemeinsame Kinder, gemeinsames Weltbild. Am Umgang mit partnerschaftlicher Liebe und mit Erotik in matriachalen Ethnien merkt man sehr gut, wie schwierig das bei uns ist. Und das Ergebnis dieser Überfrachtung des Liebesgefühls sehen wir ja anhand all der kaputten Beziehungen. In Gesprächen mit den Mosuo beispielsweise zeigte sich deren großes Erstaunen über unsere Erwartungen an Beziehungen. Liebe hat bei ihnen einen sehr hohen Stellenwert. In Bezug auf die Erotik ist man dort sehr frei. Der Fortbestand einer Beziehung hängt bei ihnen davon ab, wie lange die Gefühle füreinander da sind und nicht vom Geld, Status oder psychischer Abhängigkeit. Man bleibt nicht auf Biegen und Brechen zusammen, nur weil gesellschaftliche Konventionen oder andere Verbindlichkeiten das erfordern.

Die Gemeinschaft ist ja auch da, wenn beispielsweise eine Frau mit Kindern entscheidet, sich von dem bisherigen Partner zu trennen. Sie braucht sich nicht zu sorgen, denn ihr Mutterklan, zu der ja auch die Brüder gehören, fängt sie auf. Die Kinder haben auf diese Weise immer weibliche und männliche Vorbilder. Die Mosuo und andere ähnlich organisierte Ethnien wissen eben, dass die Liebe kommen und gehen kann. Die Gatten und Geliebten kommen und gehen somit auch. Sie mischen sich nicht in Klanangelegenheiten ein, denn sie haben ja ihren eigenen Klan, wo sie wiederum ihre Aufgaben als Brüder leben. Der Geliebte ist sozusagen ein Gast. Der Bruder aber, so sagen sie, sei immer zuverlässig da.

Bei uns projiziert man auf die romantische Liebe oft die Erwartung, dass diese Liebe ewig halten möge, was eigentlich widernatürlich ist und eben auch dazu führt, dass Frauen und Männer sich betrügen. Was ich auf meinen Forschungsreisen erlebte, war ein ehrliches, gewaltfreies und friedliches Miteinander, von dem Frauen und Männer unabhängig von ihrem Alter gleichermaßen profitieren. Die Mosuo-Frauen und -Männer haben ein solides Selbstwertgefühl. Diese Männer brauchen daher kein Imponiergehabe, kein lautes Reden, kein Auf-Sich-Aufmerksam-Machen, so wie wir es hier oft erleben. Männer nehmen sich durchaus als Beschützer der Frauen und des Nachwuchses wahr, aber eben nicht im Sinne von Herrschaft.

FRIEDA: Das alles klingt wunderbar und es scheint so zu sein, dass diese Gesellschaftsformen wirkliche Lösungen bieten, nach denen viele von uns hier schon lange suchen. Was könnte dabei helfen, die Idee des Matriarchats auch hier mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein zu transportieren?

H. G.-A.: Gerade in den letzten Jahren merke ich, dass das Thema auf breiteres Interesse stößt, besonders bei Frauen, aber immer mehr auch bei Männern. Wie schon erwähnt gibt es ja hier und da bereits konkrete Bestrebungen, um das gemeinschaftliche und generationsübergreifende Leben möglich zu machen. Die Internationale Akademie HAGIA bildet seit dreißig Jahren Referentinnen aus. Diese Studiengänge dienen nicht nur der Wissensvermittlung, sondern die Frauen treffen sich hier und es entstehen Freundschaften und Netzwerke. Wir sollten die Denkblockade gegenüber diesem Thema abbauen. Dass ein wirklich nachhaltiges, friedliches, generationsübergreifenes, gemeinschaftliches Leben möglich ist, beweisen matriarchale Ethien und sie zeigen uns, wie es geht. Das ist keine Utopie, sondern lern- und machbar. In solch einer Gemeinschaft zu leben, bedeutet keineswegs einen Verzicht auf Technik; im Gegenteil. Die heutige Technik lässt sich da auch konstruktiv nutzen, um über die Grenzen der Gemeinschaft hinaus zu kommunizieren und zu kooperieren. Und, wie schon erwähnt, wäre die Dezentralisierung als Regionalisierung ein Schritt in diese Richtung, denn alles andere ist zu groß und wird damit intransparent.

Regional wirtschaften und gut leben, aber mit der ganzen Welt in Kontakt sein – das ist das Ziel. Ich halte es im Rahmen dieser Überlegungen für besonders wichtig, dass sich gerade Mütter mit Kindern, also jene Gruppe, die es am meisten braucht, vernetzen und sich mit dieser Idee vertraut machen, regional damit beginnen, neue Strukturen aufzubauen. Da kann dann etwas von unten wachsen, etwas Gemeinschaftliches, das allen zugute kommen kann, nicht zuletzt auch der so sehr verletzten Erde.

Am 7. Oktober 2017 veranstalten wir übrigens eine Tagung in Hamburg zur Matriarchatspolitik: „LAND IN SICHT“. Es gibt Input-Vorträge und reichlich Zeit zum Diskutieren, wie wir heute matriarchales Zusammenleben einrichten können, im ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Bereich.

Organisation: Tina Vidal, Email: T.Vidal@matriwissen.de

FRIEDA: Herzlichen Dank für das wertvolle Gespräch!

Hier geht es zur Internetseite der Internationalen Akademie HAGIA und hier zu einer weiteren von Frau Dr. Göttner-Abendroth.

Empfohlene Bücher:

Autorin ist jeweils Dr. Heide Göttner-Abendroth

Diese und weitere Bücher sowie Filme und CDs können entweder direkt hier bestellt werden oder teilweise über FRIEDAs Partnerprogramm bei buch7:

Gesellschaft in Balance
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Matriarchat in Südchina
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Das Matriarchat I.
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Das Matriarchat II,1
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Das Matriarchat II,2
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Matriarchale Landschaftsmythologie
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Fee Morgane. Der Heilige Gral
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