Friedgard Mattlin: Wenn Mütter kämpfen

Ein neues Bildungssystem braucht das Land!

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„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer“, ist ein Zitat von Lucius Annaeus Seneca, ein Philosoph und Zeitgenosse von Jesus Christus. Es war genau dieses Zitat, das Frieda in den Sinn kam, nachdem sie Friedgard Mattlin kennen lernte und von ihrer Geschichte erfuhr. Friedgard Mattlin erzog ihre drei Söhne, die heute 20, 19 und 16 Jahre alt sind, weitgehend allein.

Drei Söhne nahezu ganz allein zu erziehen, die allesamt den erwarteten Standards dieses (Schul)-Systems nicht entsprochen haben, ist eine beinahe übermenschliche Leistung. Friedgards Weg war von Lern- und Schulverweigerung, Streit um die Hausaufgaben und den schulischen Alltag an sich, über Jahre hinweg durch ihre Söhne geprägt.

Die Geschichte der in Stuttgart geborenen Wahlbremerin ist auf der einen Seite zwar individuell; ihre Erfahrungen mit dem Schulsystem dürften aber auch auf andere Familien übertragbar sein. Es ist Zeit für Reformen! Das sieht nicht nur der Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther so, der sich seit vielen Jahren für neue Wege in der Bildung engagiert.

Frieda sprach mit Friedgard Mattlin über ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und über eine unkonventionelle Entscheidung, die sie getroffen hat, als es keinen Ausweg mehr aus dem Dilemma zu geben schien.

Frieda: Ab wann gab es eigentlich Probleme mit der Schule und wie äußerten sie sich?

Friedgard M.: Bei allen drei Söhnen gab es bereits in der Grundschule Probleme. Der eine hatte LRS, ein anderer wollte erst gar nicht in die Schule gehen und der Dritte verlor mit der Zeit die Lust an der Schule und die Lust am Lernen in der Schule.

Ich wollte, dass meine Söhne möglichst frei heranwachsen konnten. Deshalb habe ich Medien wie PC und Fernsehen bis zu deren 12. Lebensjahr weitgehend von ihnen fern gehalten. Auch andere Einflüsse, wie Gifte in der Nahrungskette, Anpassung in vorschulischem Lernen, wie z. B. Englischkurse im Kindergartenalter, lehnte ich ab. Stattdessen spielten sie in unserem überschaubaren Garten alle möglichen Spiele. Ich ließ sie im Baumhaus schlafen, stellte ihnen Verkleidungsgegenstände für Rollenspiele zur Verfügung und schaffte von meinem wenigen Geld sogar einen Feuerkorb an, den wir dann häufig für Stockbrot angefeuert haben. Ich las viele gute Bücher vor und ich ließ sie vor allem spielen.

Aus dieser gesunden und freien „Welt“ kamen meine Söhne dann einer nach dem anderen in die Schule und konnten nicht verstehen, dass dort Dinge von ihnen gefordert wurden, die ihren Persönlichkeiten gar nicht entsprachen und einengend auf sie wirkten. Es war für uns so bitter, die Erfahrung machen zu müssen, dass man ganz bestimmte Fähigkeiten haben musste, um ein „gutes Kind“, also „ein guter Schüler“ zu sein. Dies war völlig neu und trieb einen meiner Söhne sogar in depressive Zustände bis dahin, dass er nicht mehr leben wollte, als er gerade mal zehn Jahre alt war. Er wünschte sich zum Geburtstag, von einem Lastwagen überfahren zu werden. Wir mussten immer wieder schmerzhaft feststellen, dass die Schule die Begeisterung am Tun und begeisterten Lernen immer mehr ersterben ließ. Es war wie ein dunkler und düsterer Schatten, wie eine tiefe Wolke, die über unserer kleinen, liebevollen und fröhlichen Gemeinschaft hing.

Ich musste erkennen, dass dieses Schulsystem – und wir haben insgesamt privat fünf Schulen kennen gelernt, die meine Söhne während verschiedener Schulwechsel besucht haben – für lebendige und begeisterte Kinder nicht viel zu bieten hat! Beispielsweise das viele Stillsitzen und der Aufenthalt in geschlossenen Räumen war oft eine Qual für sie. Ich hatte sogar den Eindruck, dass diese Kinder in der Schule eher am Lernen gehindert wurden, als freudig Neues aufzunehmen.

Frieda: Sie sagten, dass Ihre Söhne teilweise gar nicht beschulbar waren. Wie sind Sie damit umgegangen?

Friedgard M.: In meiner Not ließ ich meine Söhne hin- und wieder krankschreiben, damit sie sich erholen konnten. Insbesondere einer meiner Söhne bettelte und flehte mich beinahe täglich an, doch bitte einen Pausentag haben zu dürfen, weil er sich doch von der Schule erholen müsse! Das war allein deshalb schon schwierig, weil ich ja selbst arbeitete und dann eine Freundin bitten musste, sich um ihn zu kümmern. Ein anderes Mal wollte ich wirklich wissen, ob es vielleicht Faulheit war, dass mein einer Sohn die Schule verweigerte, denn das hatte man mir als Mutter ja oft gesagt, dass ich einfach nur strenger sein müsse, dann würden meine Kinder auch ohne Murren in die Schule gehen. Ich ließ meinen Sohn an einem solchen „Schulverweigerungstag“ dann den ganzen Vormittag putzen, lesen und aufräumen. Er erledigte hintereinander weg alle Aufgaben, die ich ihm gab – er putzte sogar die Toilette und bat mich inständig darum, dies auch am nächsten Tag tun zu dürfen, anstatt in die Schule zu müssen…

Frieda: Hatten Sie den Eindruck, dass man Sie als Alleinerziehende anders behandelte als beispielsweise Mütter, deren Partner als Väter präsenter waren?

Friedgard M.: Ja, durchaus. Streckenweise fühlte ich mich wirklich diskriminiert und nicht wirklich ernst genommen. Das machte alles noch schwieriger. Es gibt inzwischen ja viele alleinerziehende Mütter. Manchen Paaren gelingt es nach der Trennung, trotzdem Eltern zu bleiben, aber das klappt nicht immer. Wenn man häufig alleine zu den Elternabenden geht, ist das schon belastend. Ich habe auch gemerkt, dass in den Köpfen der meisten irgendwie noch die Idee der perfekten Familie und des perfekten Kindes herumgeistert. Alles muss kontrollierbar sein und die guten Noten der Kinder sind dann der Beweis für die Kompetenz der Eltern nach dem Motto „Gute Zensuren, gute Eltern“. Wenn man dann ein Kind hat, das irgendwie außerhalb der erwarteten Norm liegt, zumal dann, wenn man allein erzieht, kämpft man an allen Fronten. Man ist ja für jedes einzelne Problem zuständig, wird auch für jedes Problem verantwortlich gemacht und die eigene Kompetenz scheint irgendwie daran gemessen zu werden, wie erfolgreich die Kinder in der Schule sind.

Frieda: Und wie lief es denn mit demjenigen Sohn mit LRS weiter?

Friedgard M.: Damals waren die Hilfsangebote in der Schule für Kinder mit diesem „Defizit“ auch noch nicht so groß, aber im Rahmen der Möglichkeiten versuchte man schon, ihm zu helfen. Inklusion gab es damals auch noch nicht. Um die LRS-Problematik besser zu verstehen, habe ich dann selbst noch eine fundierte Weiterbildung in dem Bereich gemacht. Mein Sohn hat sich ständig mit seinen Klassenkameraden verglichen, mit denen er einfach nicht mithalten konnte. Das machte ihn sehr verzweifelt und traurig. Sport und Werken waren seine bevorzugten Fächer, also alles, wo seine LRS nicht offenkundig wurde. Ich fragte mich jeden Tag – oft ständig – , warum ich dieses wunderbare, fantasievolle Kind, das so gut und konzentriert alles Handwerkliche meisterte und sozial ein echtes Genie war, derart mit Deutsch, Englisch und Mathe regelrecht quälen sollte, damit es wenigstens verstand, um was es im Unterricht ging – einmal ganz zu schweigen davon, überhaupt mitzukommen. Er kannte es ja aus seiner früheren Kindheit gar nicht, derart als „Versager“ dazustehen! Ich kann Ihnen sagen: Es brach mir beinahe das Herz! Ich weiß nicht, wie oft ich nachts weinend im Bett lag.

Frieda: Wie haben Sie das mit all den Problemen unter einen Hut bekommen, denn Sie waren ja auch berufstätig?

Friedgard M.: Es war wirklich eine Herausforderung, gelinde gesagt. Ich habe als Heilpädagogin gearbeitet und hatte eine Stelle, die mir relativ viel Flexibilität bot. Es ließ sich da auch zur Not mal einrichten, zu Hause zu bleiben, wenn die Kinder krank waren. Es gab jeden Tag Streit wegen der Hausaufgaben und das hat natürlich das Verhältnis zwischen mir und den Jungen auch sehr belastet. Ich war ja auf ihrer Seite, fühlte mich aber auch gefangen in diesem Schulsystem, das sich ja nicht an den Bedürfnissen der Kinder orientiert. Ich fühlte mich wie jemand, der einen endlosen, schmerzhaften und überdehnten Spagat machen muss und zwar über Jahre hinweg!

Frieda: Was haben Ihre Söhne denn in ihrer Freizeit gemacht? Zeichneten sich da besondere Interessen und Talente ab?

Friedgard M.: Ja. Meine Söhne sind sehr sensibel und fantasievoll. Wenn sie zu Hause spielten, dann oft mit Spielzeugfiguren, Tüchern, Bauklötzen und ähnlichem. Damit inszenierten sie regelrechte Bühnenstücke, Szenen, in denen es um Krieg und Frieden ging, die sich oft das ganze Wochenende hinzogen und fortführten. Elektronikspielzeug gab es bis zu ihrem 12. Lebensjahr gar nicht bei uns. Ich merkte aber, dass sie sich schon als Kinder tief mit elementaren Fragen des Menschseins auseinandersetzten. Der Vorteil in meiner Situation war ja noch, dass die Brüder miteinander spielen konnten, insofern also Spielkameraden hatten, sich untereinander auch verstanden, jedenfalls im Großen und Ganzen. Es kamen auch Kinder zu Besuch, die aber nicht so gut spielen konnten und mit ihnen zusammen buken wir dann Brot oder stellten Popcorn her oder liefen bei Minusgraden barfuß durch den Garten, um nachher „Punsch“ zu trinken. Andere Kinder genossen die freie und kreative Atmosphäre bei uns.

Frieda: Aber irgendwann waren Sie an einem Punkt, an dem Sie die ewigen Schulprobleme nicht mehr ausgehalten haben. Was passierte dann?

Friedgard M.: Ich meldete dann einen meiner Söhne bei einer Sonderschule an, als gar nichts mehr ging und wir alle nur noch verzweifelt waren. Er hat die Schule dann nach der 11. Klasse ohne Abschluss verlassen und macht inzwischen eine Ausbildung im handwerklichen Bereich, die seinen Vorlieben entspricht. Dort, wo er jetzt ist, kann er sich entfalten und die Nähe zur Natur erfüllt ihn sehr. Mit dem Jüngsten wurde es schlimm, als sein Lieblingslehrer die Schule verließ. Das war für ihn sehr schwer zu verarbeiten. In der Folgezeit wechselten seine Lehrer ständig und damit kam er nicht mehr zurecht. Ab dann hat er jedes Lernen innerhalb der Schule völlig verweigert und ich konnte ihn nur mit Mühe zum Schulbesuch bewegen. Manchmal hielten wir es nicht mehr aus und dann blieb er ganz allein zu Hause, da ich mich ja nicht immer krank melden konnte. Er hat zu Hause gespielt oder seine eigenen Lerninhalte gesucht. Die kreisten thematisch meistens um die Menschheitsgeschichte, das alte Ägypten, Griechenland, so etwas in der Art. Dafür konnte er sich richtig begeistern, hat eigene Hefte mit Texten und Bildern gestaltet. Aber eines Morgens stand er ganz früh auf, ging ohne jeden Protest zur Schule und heftete einen Zettel ans Lehrerzimmer. Darauf stand: „Liebe Lehrer, ich habe leider keine Zeit, Hausaufgaben zu machen oder in die Schule zu kommen, weil die Schule Spielverschwendung ist! Euer ………“

Frieda: Wie hat die Schule darauf reagiert?

Friedgard M.: Der Lehrer, der den Zettel gefunden hat, nahm ihn ab und meldete sich bei mir. Er fand den Zettel sichtlich peinlich. Solch eine Botschaft würde im Kollegium nur ungern aufgenommen werden, daher wolle er mir den Zettel lieber übergeben. Ich spürte deutlich den moralischen Unterton, der so viel bedeuten sollte wie: „liegt wahrscheinlich an der Erziehung!“

Den Zettel habe ich übrigens heute noch.

Frieda: Wie ging es dann weiter? Sie konnten Ihren Sohn ja schließlich nicht dauerhaft krankschreiben lassen?

Friedgard M.: Nein. Ich dachte, ok, wenn mein Kind nicht mehr in der Schule lernen will, akzeptiere ich das. Dann kommt er eben auf eine Schule, in der der Leistungsdruck wesentlich geringer ist, wo man keine Klassenarbeiten schreibt, keine Zensuren bekommt und die Klassengröße wesentlich kleiner ist. Das war dann wiederum eine Sonderschule. Ich war damals an einem Punkt, an dem ich merkte, dass ich irgendetwas machen musste, etwas Radikales, um meine Söhne und mich aus diesem unglückseligen Kreislauf zu holen. Es drehte sich ja alles nur noch um Leistung, Schule und ausgeklügelte Techniken, den Schulbesuch irgendwie zu umgehen. Das war ein ungeheurer Stress für uns alle. Ich litt inzwischen unter heftigen Migräneanfällen, die immer häufiger – oft tagelang – andauerten und auch meine Söhne entwickelten Symptome. Zu der Zeit hatten meine beiden Großen dann auch einen PC. Ich wollte sie schließlich nicht weltfremd erziehen! Als ich feststellte, dass alle anderen Interessen dann immer weniger wurden und seitens der Schulen für die Jungs noch kaum Aktivitäten angeboten wurden, die ihnen wirklich entsprachen, wusste ich: Meinen Söhnen fehlte etwas sehr Wesentliches für ihre Entwicklung, was sie in diesem System einfach nicht bekamen.

Hütte in Belize, Zentralamerika
Hütte in Belize, Zentralamerika (c) Friedgard Mattlin

Frieda: Sie waren also an einem Punkt angelangt, an dem Sie spürten, dass irgendetwas passieren musste. Wozu führte das?

Friedgard M.: Ich fühlte, ich musste aus diesem System raus, eine Weile weg aus Bremen, zur Ruhe kommen, einfach weit weg von allem, irgendetwas machen, das auch meinen Söhnen Erlebnisse und eine Entwicklungschance bieten würde. Etwas, was sie innerlich UND äußerlich beleben würde und wo sie mit Leib und Seele spüren konnten: „Wir sind ok, wie wir sind; wir sind Menschen mit wunderbaren Begabungen; wir sind richtig …“. Dafür brauchte es ein völlig anderes Umfeld, eine total andere Lernlandschaft!

Ein Freund von mir hat in Belize in Zentralamerika eine Hütte. Belize liegt südlich von Mexiko und östlich von Guatemala. Früher war das British-Honduras und ist dadurch Englisch sprachig. Ich hatte die Möglichkeit, dort eine Weile zu wohnen. Ich beschloss, meine Lebensversicherung zu kündigen, um mithilfe dieses Geldes eine Reise dorthin zu machen. So flog ich dann mit meinen beiden jüngeren Söhnen, die damals 14 und 17 Jahre alt waren, nach Belize. Der Dritte befand sich ja bereits in Ausbildung. Die Reise nach Belize habe ich etwa acht Monate lang akribisch geplant. Meine Wohnung und unseren Kater ließ ich von Freunden versorgen. Am 22.12.2014 flogen wir los. Zwei Monate lebte ich dann mit meinen Jungs fernab von jeglicher Zivilisation weitgehend alleine. Allerdings hatten wir Kontakt zu einer Auswandererfamilie aus Deutschland und auch zur Gemeinschaft eines benachbarten Maya-Dorfes, wo man noch in einer Großfamilie gemeinsam in einer Hütte lebt und selbst angebautes Gemüse über dem offenen Feuer zubereitet und Eier von Hühnern aus eigener Haltung isst. Wir lebten ohne Fernseher, hatten Wasser aus eigener Quelle, aber immerhin verfügten wir über einen Kühlschrank und einen Gasherd. Ich wohnte so also mit meinen beiden Söhnen in der Hütte, die aus nur einem Raum bestand. Das Dach war zudem sehr marode und bei starkem Regen regnete es hinein, so dass wir dann oft in der Nacht unsere Betten herumschieben mussten, um nicht nass zu werden, da gerade Regenzeit war. Die Wäsche auf der Leine wurde wegen der hohen Luftfeuchtigkeit gar nicht trocken und begann zu schimmeln. Das führte dazu, dass wir oft feuchte Sachen anzogen. Die Jungs fanden das alles total spannend und lebten richtig auf. Die kamen ganz schnell innerlich zur Ruhe so inmitten der Natur und auch mich verließ die deutsche Alltagshektik bald immer mehr. Ich hatte das Gefühl, „endlich wieder Luft zu bekommen“. Meine Migräneanfälle blieben dort aus und ich konnte mich sichtlich erholen.

Frieda: Machte Ihnen der Verzicht auf den gewohnten Komfort zu Hause denn nichts aus?

Friedgard M.: Nein. Das war ganz erstaunlich. Wir fuhren ja oft zum Schwimmen ans Meer mit dem öffentlichen, klapprigen Bus oder in den Dschungel, um im Wasserfall zu baden. Die Jungs haben mit Einheimischen Jägern eine Zwille gebaut und sind zum Fischen gegangen. Die Intensität der Natur, das Erleben des Regens, das Zusammensein mit den Einheimischen, die Freundschaften, die dabei entstanden – das alles war mehr als ein Ersatz für den Komfort zu Hause. Wir haben das vom ersten Tag an genossen, die frische Luft, die Wärme auf der Haut, die Naturgeräusche und diese atemberaubende Schönheit, die alles zu umgeben schien. Nach ein paar Tagen schon habe ich nichts mehr vermisst – weder Komfort, noch Klamotten, noch Kino – nichts. Bei den Nachbarn, der Auswandererfamilie, konnten wir allerdings gelegentlich ins Internet. Das war dann schon ganz angenehm, um Freunde und Verwandte zu informieren, aber das alles eben in verträglicher Dosis. Man sagt, der Dschungel erzieht die Menschen. Und tatsächlich entwickelt man eine andere Art der Achtsamkeit. Wer nicht in seine Schuhe sieht, bevor er sie anzieht, riskiert, dass sich Spinnen oder Skorpione darin einmieten. Und wer die Krümel nicht vom Tisch aufnimmt nach dem Essen, hat mindestens zwei Stunden später Kakerlaken zu Besuch.

ohne Worte...
ohne Worte… (c) Friedgard Mattlin

Frieda: Gab es wegen der langen Abwesenheit im Vorfeld keine Probleme mit der Schule?

Friedgard M.: Der Ältere konnte den Aufenthalt für ein Praktikum nutzen, das er sowieso für die Schule machen musste. Er absolvierte es in einem Dschungelkrankenhaus, das von amerikanischen Ärzten geführt wurde. Da konnte er in allen Bereichen mithelfen und das gefiel ihm sehr gut. Er blieb dann auch noch länger in Belize. Ich kratzte mein letztes Geld zusammen und reiste mit dem Jüngeren noch zu einer Insel in der Nähe, wo wir schnorchelnd die Unterwasserwelt des weltweit zweitgrößten Korallenriffs erkunden konnten. Das Verhältnis zu diesem Sohn war vor unserer Abreise aufgrund der ewigen Streitereien wegen der Hausaufgaben und der Schulverweigerung sehr belastet gewesen. Aber das wurde durch die gemeinsame Reise wieder tief und liebevoll. Da konnte bei uns allen eine Menge heilen. Ich habe in Zentralamerika besonders gemerkt, was für ein waches und intelligentes Kind er eigentlich ist. Er war ja mittlerweile auch in einer Sonderschule.

Friedgard Mattlin mit einem ihrer Söhne
Friedgard mit einem ihrer Söhne (c) Friedgard Mattlin

Frieda: Im Februar 2015 sind Sie mit Ihrem jüngeren Sohn zurück nach Bremen geflogen. Wie ging es dann weiter?

Friedgard M.: Vorweg möchte ich noch sagen, dass die gemeinsame Reise mit meinen Söhnen das bisher schönste Erlebnis in meinem Leben war und das trotz aller Bescheidenheit der Verhältnisse in der Hütte. Meine Söhne wünschen sich bis heute, wieder einmal dorthin zu reisen. Zurück in Bremen stand dann die Frage an, wie es mit dem Jüngsten weitergehen würde. Er war damals offiziell auf dem intellektuellen Stand eines Viertklässlers eingestuft worden, obwohl er in der 8. Klasse war. Nach den Erfahrungen während der Reise war mir völlig klar, dass ich ihn nicht auf der Sonderschule lassen würde. Gegen den Rat der Lehrer habe ich ihn dann auf einer Staatsschule hospitieren lassen. Mein Sohn wollte das auch selbst. Die Lehrer, die ihn dort einschätzen sollten, wussten vorab nicht, dass er von der Sonderschule kam. Das war so besprochen worden mit der Schulleitung, damit man ihm völlig unvoreingenommen begegnen konnte. Auch in der näheren Verwandtschaft glaubte man schon gar nicht mehr an ihn. Trotzdem blieb er dabei, es mit der Staatsschule versuchen zu wollen. Die Lehrer an der Staatsschule waren dann nach der Hospitation auch der Meinung, dass er ohne weiteres in die 8. Klasse könnte. Er holte also quasi in 14 Monaten vier Schuljahre auf und steuert jetzt gerade den Realschulabschluss an. Aktuell arbeitet er an einer Präsentation über Kriegsberichterstattung und der Sohn, der auch in Belize mit war, macht inzwischen Abi.

Frieda: Sie haben ein interessantes Buch geschrieben. Um was geht es darin?

Friedgard M.: Ja, nach siebenjähriger Arbeit daran erschien 2011 mein erstes Buch „Stella, das Ohrenmädchen“ unter meinem Autorennamen Marva Aurin im Futurum-Verlag Basel. Es beleuchtet die Lebensgeschichte eines Mädchens von deren 5. bis 21. Lebensjahr. Stella ist ein hochsensibles Kind, das die Fähigkeit hat, die Gefühle ihrer Mitmenschen zu hören. Ich schrieb es für alle Kinder, die „anders“ erscheinen und doch wunderbare Menschen sind! Erwachsene haben dadurch die Möglichkeit, sich in ein solches Kind hineinzuversetzen.

Stella, das Ohrenmädchen: Ein sensitives Kind erlauscht die Welt, Marva Aurin, 262 Seiten, Futurum-Vlg., gebunden: 19,80 Euro
Stella, das Ohrenmädchen: Ein sensitives Kind erlauscht die Welt von innen, Marva Aurin, 262 Seiten, Futurum-Vlg., gebunden: 19,80 Euro, Buch bestellen

Frieda: Wenn Sie nun Bildungsministerin wären, was wären Ihre ersten Amtshandlungen?

Friedgard M.: Ich würde die Kinder individuell zu echten Lerninhalten führen, zu Erlebnissen, die all ihre Sinne ansprechen, Bildung zum Anfassen, zum Selbsterarbeiten und möglichst fächerübergreifend jenseits von Stunden-Plänen. Das Wichtigste dabei wäre Begeisterung der Kinder für das, was sie lernen. Sie müssten die Lerninhalte sozusagen „mit Herz, Hirn und Hand“ erfassen dürfen. In Finnland wird das teilweise ja schon erfolgreich gemacht. Ich empfehle dazu den Film Alphabet. Wir sollten den Kindern einfach mehr zutrauen, ihnen vertrauen und sie in ihren einzigartigen „Hoch-Begabungen“ unterstützen, die jedes Kind in sich trägt! Wegen des hohen und einseitigen Leistungsdrucks, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn unsere Kinder schon psychisch krank werden. Ich sehe in einer grundlegenden Reform des Bildungssystems, die sich auf die Erkenntnisse der neueren Hirnforschung bezieht, eine sehr große Herausforderung für die Gesellschaft, von der wir alle maßgeblich profitieren würden.

Frieda: Herzlichen Dank, dass Sie Ihre Geschichte erzählt haben!

Das Curriculum der Tiere

Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine Schule. Das Bildungsprogramm bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen, Schwimmen und Fischefangen und alle Tiere wurden in allen Fächern geschult. Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als die Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Bereich so schlecht war, musste sie immer wieder rennen, um das Rennen zu üben, und sie durfte nicht mit zum Schwimmen gehen. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittlich war aber akzeptabel, deshalb machte sich niemand Gedanken darüber – nur die Ente. Der Bär hatte seine eigene Methode, Fische zu fangen. Er wollte die Fische immer mit der Pfote fangen und nicht mit der Angelrute, wie es im Lehrplan stand. Der Angelunterricht machte dem Bären keinen Spaß, er schwänzte immer mehr den Unterricht und bekam als Quittung dafür auf dem Zeugnis eine „Sechs“ im Fischefangen. Das Kaninchen war zuerst im Laufen an der Spitze der Gruppe, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch, wegen der vielen Nachhilfestunden im Schwimmen. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Das Eichhörnchen war im Klettern einsame Spitzenklasse, ohne Konkurrenz. Aber das Eichhörnchen war ein Problemschüler. In den Flugstunden begannen alle Übungen am Boden. Das Eichhörnchen wollte jedoch immer oben im Baumwipfel beginnen. Wegen seiner Eigensinnigkeit erhielt das Eichhörnchen mehrere Einträge ins Klassenbuch und wurde schließlich als „verhaltensauffällig“ und „erziehungsschwierig“ an die Förderschule überwiesen. Die mit Sinn fürs Praktische begabten Präriehunde gaben ihre Jungen lieber zum Dachs in eine Privatschule. Da die Schulbehörde es ablehnte, das Buddeln in den Lehrplan aufzunehmen. Am Ende des Jahres hielt bei der Abschlussfeier ein anormaler Aal, der gut schwimmen und etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlussansprache.

(Quelle unbekannt)

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