Endspiele – Bekenntnisse des Felix Giebel

Im Gespräch mit Sebastian C. Rosenstock

(c) Sebastian Rosenstock
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„In Zeiten ohne Rückversicherung“ ist der erste Kriminalroman aus der Feder von Sebastian C. Rosenstock. Das Erstlingswerk entpuppte sich sogleich als Initialzündung für weitere Thriller rund um die aufreibenden Erlebnisse der Hauptfigur Felix Giebel.

Selbigem eröffnet sich nach seinem BWL-Studium eine Karriere im Rückversicherungsgeschäft. Dabei gerät er in verwobene Kriminalfälle, die sein detektivisches Gespür wecken. Auf das 2014 erschienene Debutwerk von Rosenstock folgten schon 2015 „Die Vermessung der Rückversicherung“ und „Das Ende der Rückversicherung“.

Nicht zuletzt auf Wunsch der Leserschaft fasste der Autor die Trilogie in dem 2016 erschienenen Band „Rückversicherung“ zusammen, ein 700 Seiten umfassender Krimi. Dieser ist mehr als eine Aneinanderreihung der drei zuvor veröffentlichten Bücher, denn die Einzelbände wurden so überarbeitet und auch aktualisiert, dass die Leser nun einer durchlaufenden Handlung folgen können. Jüngst ist Rosenstocks aktuellstes Werk „Endspiele“ erschienen.

Felix Giebel – vom BWL-Studenten zum „Special Agent“

Die Abenteuer des Felix Giebel fanden sogleich eine große Anhängerschaft. „In Zeiten ohne Rückversicherung“ lernen wir Felix Giebel also kennen, der während des Deutschen Herbstes noch BWL-Student ist und sich mehr für Wein, Musik von Bob Dylan und Bob Marley sowie – selbstredend – für Frauen zu interessieren scheint als für eine konkrete Karriereplanung.

Ein Job in einer weltweit agierenden Rückversicherungsgesellschaft ist Türöffner für ein Leben unter den smarten Krawattenträgern, die scheinbar zufällig in die Geschicke dieser Welt verwickelt werden, oftmals aber verknüpfter sind mit globalen Katastrophen als es nach außen den Anschein haben könnte.

Immer wieder wird Felix, mittlerweile verheiratet und Vater dreier Kinder, bei seinen Einsätzen rund um die Welt in Kriminalfälle gezogen, bei denen ihm eine zumeist unfreiwillige Ermittlertätigkeit zukommt. Häufig ist er selbst enger verstrickt mit dem Verbrechen als ihm lieb ist, während Ehefrau Angelika im trauten Heim in München oftmals nicht entfernt ahnt, in welchen Gefahren ihr Mann sich befindet.

Doch Felix schafft es immer irgendwie, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und der Polizei wertvolle Hinweise zu liefern, die meist zur Ergreifung der Täter führen. Einige dieser Täter entkommen zwar, bleiben aber nicht begrabene Leichen im Keller der Biografie des bodenständigen und intuitiven Versicherungsangestellten. Manche von ihnen tauchen irgendwann wieder auf, um alte Rechnungen zu begleichen.

Neben vielen Informationen über Sitten und Gebräuche in fernen Ländern, die Rosenstock aus erster Hand in die Kriminalgeschichten einfädelt, bieten die Krimis eine durchgängig spannende Lektüre, die tiefe Einblicke in die Aktivitäten der Global Player liefert.

Endspiele“ – Felix Giebel at his best

Mit „Endspiele“ ist es Sebastian C. Rosenstock erneut gelungen, einen temporeichen, dynamischen Krimi zu veröffentlichen, der ausgesprochen nah am Zeitgeist ist. Weltpolitisch relevante Ereignisse fließen mit beeindruckenden Hintergrundinformationen in die Handlungsstränge hinein. Wie hinter den Kulissen der Macht alles mit allem verstrickt zu sein scheint, mag die gemeinen Konsumenten von Instant-Medien verblüffen, doch jene, die sich ohnehin schon mit den Seilschaften der Mächte beschäftigen, dürften sich in ihrer Weltsicht eher bestätigt fühlen.

FRIEDA im Gespräch mit Sebastian C. Rosenstock

FRIEDA: Wein, Musik und Frauen: Stimmt die Reihenfolge?

Sebastian C. Rosenstock: Nun, auf eine Reihenfolge möchte ich mich da nicht festlegen. Tatsache ist jedoch, dass alle drei „Bereiche“ bedeutend sind – aber das ist ja nicht ungewöhnlich.

Ich greif‘ mal die Musik heraus. Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, die Erlebnisse von Felix Giebel aufzuschreiben, wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr ich noch die Musik der 60iger und 70iger Jahre liebe. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich Songs von Jimmy Hendrix, Janis Joplin, den Rolling Stones und anderen höre. Dire Straits sah ich Ende der 70iger Jahre noch in einer winzigen Turnhalle irgendwo in Luxemburg, Bob Marley & The Wailers 1980 auf dem Betzenberg in Kaiserlautern. Heute bin ich Mitte Sechzig und es stimmt, was da geschrieben steht: Wie schlecht unser Gedächtnis auch sein mag – Musik wird uns immer wieder in die Vergangenheit zurückschicken

(c) Sebastian C. Rosenstock
Rosenstock: ohne Rückversicherung…

FRIEDA: Sebastian C. Rosenstock ist ein Pseudonym. Warum nutzen Sie es? Was inspirierte Sie zu diesem Namen?

S. R.: In der Tat, manchmal frage ich mich auch, warum ich noch ein Pseudonym benutze. Am Anfang hat es mir geholfen, „frisch von der Leber weg“ zu schreiben. Es war als so eine Art Schutzschild gedacht, denn die Geschichten waren zum Teil auch persönlich. Doch wenn ich so überlege, ja, auch heute noch fällt mir das Schreiben über sensible Themen mit einen Pseudonym leichter. Also belasse ich es vorerst dabei – und lasse Felix sprechen und agieren.

Warum „Rosenstock“? Hmm, das ist mir entfallen. Eine Weinbergslage an der Mittelmosel hieß „Rosengarten“ – vielleicht hat mich das inspiriert, denn ich erinnere mich, dass es sich um einen ausgezeichneten Tropfen handelte.

FRIEDA: Was wollen Sie mit den Geschichten eigentlich erzählen?

S. R.: Dass ich je in meinem Leben Krimis schreiben würde, hätte ich nicht gedacht. Zuerst hatte ich beabsichtigt, „nur“ interne Abläufe, Ängste und Marotten der Manager in einem großen internationalen Unternehmen zu beschreiben. Dabei sollten Übertreibungen und Ironie nicht zu kurz kommen. Erst dann kam mir der Gedanke, das alles mit Weltgeschehen, ob Finanzkrise, Korruptionsaffären oder der Naziszene, zu verbinden. Als Ergebnis waren das kuriose und spannende Kriminalgeschichten, eine ungewöhnliche Kombination, wie ich meine. Doch es sind Themen, die nie aufhören, einen zu beschäftigen.

FRIEDA: Sie waren selbst rund drei Jahrzehnte, teils in leitender Position, im Rückversicherungsgeschäft unterwegs, haben im Rahmen Ihres Berufes die Welt bereist und dabei sicher eine Menge erlebt. Genau das trägt dazu bei, dass Felix Giebel so authentisch wirkt – eigentlich ein ganz normaler, friedlicher Mann, der sich Gedanken macht, der Fragen stellt und der ein ziemlich gutes analytisches Gespür für Zwischenmenschliches zu haben scheint. Alles reine Fiktion?

S. R.: Nee, es ist nicht nur Fiktion. Vieles ist so oder so ähnlich passiert, wobei ich natürlich der Phantasie und auch der Ironie und dem Humor genügend Raum gelassen habe. In die Bücher floss manches hinein: Erfahrungen, Unsicherheit, angestauter Ärger, aber auch das Vertrauen, dass das irgendwann viele lesen wollen. Es scheint so zu sein, denn die Verkaufszahlen entwickeln sich gut.

Für Felix, aufgewachsen in einem kleinen Dörfchen an der Mittelmosel, war das Studium in Trier der erste Schritt raus aus der kleinen Welt. In der alten Römerstadt erlebte er die politischen und kulturellen Entwicklungen in der BRD hautnah mit: Baader-Meinhoff, die Süchte und Sehnsüchte der 68er Generation, Ölkrise …

Nach dem Studium zog es ihn nach München zu einer internationalen Rückversicherungsgesellschaft. Das war wieder eine völlig andere Welt. Bereits nach einem Jahr ging es nach Kolumbien, Venezuela, später Argentinien, Brasilien und andere Länder. Neben den vielen Geschäftsreisen in Europa kamen Ende der 90iger Jahre asiatische Märkte wie China, Hongkong und Singapur hinzu. Das war aufregend, ohne Zweifel – trotz all des Stresses, den solche Reisen mit sich bringen.

FRIEDA: Stichwort „große weite Welt“. Felix Giebel ist drei Jahrzehnte geschäftlich weltweit unterwegs gewesen. Ist das nicht das eigentlich Faszinierende in der Rückversicherung?

S. R.: Felix hatte einfach Glück, viele Geschäftsreisen in noch mehr Länder unternehmen zu dürfen, was auch in der Rückversicherung nicht selbstverständlich war und ist.

In der Fachzeitschrift Versicherungswirtschaft stand kürzlich eine Rezension für den Sammelband RÜCKVERSICHERUNG. Sie ist überschrieben mit „Ein Felix Krull der internationalen Rückversicherung“, was ich sehr originell fand, anspielend auf die Parallelen zur Romanfigur von Thomas Mann in seinem unvollendeten Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“.

Also der richtige Felix Krull war bekanntlich in einer Kleinstadt im Rheingau geboren und der Sohn eines Schaumwein-Fabrikanten – und auch auf dem Sprung, international tätig zu werden, wenn auch a bisserl anders als „mein“ Felix Giebel.

FRIEDA: Haben Sie so etwas wie ein Vorbild aus diesem literarischen Genre und wenn ja, wer ist das?

S. R.: Martin Suter mit seinen Managergeschichten hat mich ohne Zweifel inspiriert. Was die Art zu schreiben anbelangt, erlaube ich mir, T. C. Boyle zu nennen, gegenwärtig einer der erfolgreichsten US-Schriftsteller. T. C. gelingt es immer wieder, Geschichten spannend und tiefgreifend zu erzählen, wobei mir seine offene, besonders aber auch seine versteckte Gesellschaftskritik gefällt. Vor einigen Monaten hatte ich die Möglichkeit, mich mit T. C. Boyle in München zu unterhalten. Lockerer Typ von 69 Jahren, ein Profi, na klar, äußerst sympathisch und übrigens ein erbitterter Kritiker von Donald Trump.

FRIEDA: Tja, Ron Paul wäre mir auch lieber gewesen (…). Ganz erstaunlich ist, dass es Ihnen immer wieder gelingt, historisches und aktuelles Zeitgeschehen in die Abenteuer von Felix einzubinden. Gerade im neuen Buch „Endspiele“ gelingt das auf geradezu fesselnde Art und Weise. Ob es um die Friedensbemühungen in Kolumbien geht, um die Ramstein-Drohnen, die Kriege im Nahen Osten und die Rolle des US-Imperiums.

Dabei kommen Sie als Felix oft zu philosophischen Schlussfolgerungen, die aber nicht dazu führen, dass er frustriert ist. Der Genussmensch und Ästhet schafft es immer wieder, auch die schönen Dinge des Lebens zu sehen und zu feiern. Das nimmt den oft dramatischen Geschichten die Schwere und schafft eine beinahe cineastische Erlebniswelt beim Lesen Ihrer Bücher.

S. R.: Danke, sehr gut beschrieben. In der Tat: Felix war als Rückversicherungsmensch, und jetzt als Rentner, immer ein Detektiv alter Schule. Das heißt, er ist normal im allgemeinen Sinn, versteht die Welt nicht mehr – so wie ich. Aber, weil er so ist wie er ist, gelingt es ihm immer wieder, die Fälle zu lösen oder sich aus der Affäre zu ziehen und das Positive im Leben zu sehen.

FRIEDA: Wie im Editorial dieses Magazins zu lesen ist, wüsste ich gern, warum wir eigentlich noch keinen Weltfrieden haben, obwohl doch – eigentlich – die meisten Menschen einen solchen wünschen, wie man meinen könnte. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass es immer noch so viele militärische Konflikte und Verbrechen gibt?

S. R.: In „Endspiele“, besonders im letzten Kapitel, schreibe ich darüber. Ich habe viel recherchiert. Friedensforscher, wie Dr. Daniele Ganser und andere, haben mir dabei wichtige Anhaltspunkte geliefert. Diese habe ich kritisch gewürdigt, um es mal so auszudrücken, und erkannt, dass das Friedensthema ungemein vielschichtig ist. Es hat mit Macht und korrupten Eliten zu tun, aber auch mit der Gleichgültigkeit von Menschen wie „Du und Ich“. Wenn durch meinen Roman einige Leser Zugang zu dem Friedensthema finden würden, hat er sich bereits gelohnt.

FRIEDA: Angenommen, ein Filmproduzent würde Ihnen im Fahrstuhl begegnen und Sie hätten gerade einmal so viel Zeit, um ihm vom 1. bis zum 3. Stock zu erklären, worum es in Ihren Krimis geht, ein Speed-Pitch gewissermaßen: Was würden Sie ihm sagen, um ihn dazu zu bewegen, Felix‘ Abenteuer zu adaptieren und als Film oder Serie zu produzieren?

S. R.: Hmm, die Fahrstühle werden auch immer schneller. Vielleicht bliebe nur Zeit für eine kurzes „Just do it!“, was aber angesichts seiner weiblichen Begleitung (davon gehe ich mal aus) missverstanden werden könnte. Also, dann doch etwas ausführlicher.

„RÜCKVERSICHERUNG“: Die Bekenntnisse des Felix Giebel, Angestellter einer Rückversicherungsgesellschaft. Dokumentarische Darstellung über drei Jahrzehnte in Verbindung mit Zeitgeschehen, Managerverhalten und Verstrickung in nationale und internationale Kriminalfälle. Drei Bücher = Drei spannende, witzige und informative Filme.

„ENDSPIELE“: Krieg und Frieden. Wie geht man mit diesen Themen um in Kolumbien? Wie war das eigentlich damals in Vietnam, im Irak usw.? Die Wahrheit über das US-Imperium. Dazu Spannung pur, wie der „abtrünnige“ CIA-Agent, der nächtliche Drohnenangriff in München und die versuchte Sprengung des Mossul-Staudammes etc. Ein Film, der Mut von den Filmschaffenden erfordert, der jedoch – das behaupte ich einmal – der Friedensbewegung mehr nutzen würde als die vielen Bücher darüber, die leider viel zu wenig gelesen werden.

FRIEDA: Danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit Ihren Büchern!

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