Emanzipation in Beziehungen: Bedeutung und Praxis

Emanzipation – was ist das eigentlich? Sinngemäß übersetzt bedeutet der lateinische Begriff „emancipatio“ soviel wie die Freilassung eines Sklaven oder das Loslassen erwachsener Söhne. Und so ähnlich sehen manche Philosophen es noch heute. Die Emanzipation als Akt der Befreiung aus Abhängigkeit, aus Unmündigkeit, aus gesellschaftlichen und moralischen Zwängen. 

Emanzipation in der Beziehung: Bedeutung in der Praxis?

Meistens sind Frauen gemeint, wenn heute von Emanzipation die Rede ist, aber in einer Beziehung müssen sich, objektiv betrachtet, nicht nur die Frauen, sondern manchmal auch die Männer emanzipieren, wenn sie gut und erfüllend sein soll. Dazu zählen:

  • die Fähigkeit, seine Position zu erkennen, sie zu definieren, sie zu gestalten und
    wenn es sein muss, auch zu verändern.
  • die Fähigkeit, eigene soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen
  • die Kraft, eine individuelle, selbst bestimmte und eigenständige Lebensperspektive
    zu entwickeln und die eigene Existenz zu sichern
  • die Kraft, eine Perspektive zu entwickeln, die dem eigenen Leben einen Sinn gibt
  • die Fähigkeit, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und gleichzeitig die
    Bedürfnisse aller im Blick zu haben.

Und was ist mit der Praxis?

Grundlegend ist es wichtig, dass die Beziehung auf Augenhöhe stattfindet. Keiner sollte höher stehen oder sich höher fühlen als der andere, keiner wichtiger sein oder allein bestimmen wollen, wo es lang geht. Keiner fühlt sich überlegen oder unterlegen. Beide Partner/Partnerinnen respektieren sich und versuchen gar nicht erst, den anderen zu dominieren. Das ist auch heute noch nicht ganz leicht. Das gilt besonders dann, wenn beide einen sehr unterschiedlichen sozialen und intellektuellen Hintergrund haben. Aber es funktioniert trotzdem, wenn beide grundsätzlich bereit sind, den anderen zu achten und zu respektieren, so wie er/sie eben sind. Dazu braucht es aber nicht nur Toleranz sondern auch ein gesundes Selbstwertgefühl, nicht zu verwechseln mit Überheblichkeit und Arroganz. Wer sich selbst mag, seine innere Mitte gefunden hat, der bringt damit eine entscheidende Voraussetzung dafür mit, sich zu emanzipieren.

Wichtig ist aber auch die bewusste Kommunikation über das Thema. Nur wenn beide den Redebedarf und gegebenenfalls auch den Handlungsbedarf anerkennen, kann sich die Beziehung entwickeln und eine eventuelle Schieflage beseitigt werden. Es kommt verhältnismäßig häufig vor, dass es immer wieder die gleichen Punkte sind, die Konfliktpotential bieten. Umso wichtiger ist es dann, diese Punkte offen und ruhig, ohne Vorwürfe und ohne ständige Nörgelei anzusprechen. So besteht in einer guten Beziehung die Chance, zu einem für beide Seiten positiven Kompromiss zu kommen. Trotzdem wird alles Reden und alle Offenheit nicht dazu führen können, dass Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten, ihrem Charakter, ihrer Erziehung, ihrem Background verschwinden und das sollen sie auch gar nicht. Schließlich machen diese Unterschiede eine Beziehung doch erst wirklich spannend und abwechslungsreich.

Paar Beziehung glücklich

Toleranz, Respekt und Selbstständigkeit

Toleranz und der Respekt vor einer anderen Lebenseinstellung gehören ebenso zu einer guten Beziehung, wie die seelische und körperliche Anziehung, die beide verbindet. Natürlich gilt das nicht, wenn einer von beiden rücksichtslos und verletzend wird, das sollte keineswegs hingenommen werden. Aber in allen anderen Fällen können und müssen Kompromisse möglich sein. Das „Geben“ und das „Nachgeben“ sind die Klammer, die eine Beziehung am Leben hält.

Die zweite Klammer ist die Selbstständigkeit, die in jeder guten Beziehung gewahrt bleiben sollte. Keiner sollte in der Beziehung das eigene Leben völlig aufgeben müssen. Jeder sollte seine Hobbys beibehalten und seine eigenen Freunde haben können und allein Dinge tun, die er vor der Beziehung getan hat. Vielleicht entwickeln sich aus zwei Freundeskreisen ein gemeinsamer, aber wenn nicht, dann ist das auch überhaupt kein Problem. Der Anspruch, immer alles zusammen machen zu wollen, hat nichts mit Emanzipation zu tun und kann eine Beziehung extrem lähmen.

Emanzipation in der Beziehung: Das Fazit

Trotzdem gibt es auch Grenzen, über die hinaus eine Beziehung manchmal nicht hinweg kommt, oder jedenfalls nicht ohne professionale Hilfe. Da ist der absolute Macho, der glaubt, er könne alles allein bestimmen, nur weil er „der Mann im Haus“ ist, oder der Narziss, der sich extrem wichtig nimmt und immer im Mittelpunkt stehen will. Aber es gibt auch die Diva, die so gerne „auf einen Sockel gestellt“ werden möchte, oder die chronische Besserwisserin, die glaubt, einfach immer Recht zu haben. Sicher können auch solche Menschen in anderer Hinsicht liebenswert und interessant sein, aber sie machen es sehr schwer, eine emanzipierte Beziehung mit ihnen zu führen.