Ein Plädoyer für Empathie

...und das neue Miteinander zwischen Arzt und Patient

Dr. Franz Sperlich (c) Alexander Fanslau
Dr. Franz Sperlich
(c) Alexander Fanslau

Dr. Franz Jürgen Sperlich aus Lilienthal, 1972 geboren, ist einer, der auszog, um das Gehirn zu erkunden. Der promovierte Schulmediziner interessiert sich nicht nur für den Menschen mit Blick auf Krankheiten; er wollte schon immer wissen, welche Faktoren zu nachhaltiger Vitalität führen und das schon lange bevor der Begriff „Ganzheitlichkeit“ in aller Munde war. Er forschte in den USA zum Thema Aufmerksamkeit an der renommierten University of California in San Diego. Vermutlich wäre er dort auch geblieben, wäre nicht der Vater, Landarzt in Lilienthal bei Bremen, schwer erkrankt. So kam es, dass Franz Sperlich im Jahr 2000 die väterliche Praxis übernahm. Der Wunsch, sein Wissen aus unterschiedlichen Fachbereichen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, trieb Franz Sperlich allerdings weiter um. Im Rahmen eines berufsbegleitenden Studiums der Kulturwissenschaften entwarf er das Narrative Mentoring, aus dem – zusammen mit seinem Kollegen Heiner Creutzburg – ein Trainingskonzept entstand.

Franz Sperlich ist immer noch als niedergelassener Arzt in Lilienthal tätig mit dem Schwerpunkt Komplementäre Medizin, also mit Methoden, die sich in der Schulmedizin (noch) nicht etabliert haben. Darüber hinaus ist er als Trainer und Redner, neudeutsch Keynote-Speaker, unterwegs. Er vermittelt Ärzten und anderen Interessierten auf unterhaltsame und spielerische Weise die Zusammenhänge zwischen der Funktionsweise des Gehirns und der großen Bedeutung von Emotionen und Empathie. Nebenbei erfahren die Teilnehmenden noch eine Menge Wissenswertes über das, was Vitalität ausmacht.

Frieda besuchte einen Vortrag des Arztes und war spontan begeistert von seinem Konzept und der Art und Weise, wie es Franz Sperlich gelingt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Der Transfer von Wissen und der interdisziplinäre Dialog liegen ihm besonders am Herzen. Nicht zuletzt deshalb passt er als Interviewpartner perfekt zu Frieda.

Dr. Franz Sperlich und Heiner Creutzburg
(c) Alexander Fanslau

Frieda: In Ihrem Vortrag sagten Sie, Ärzte wüssten durch ihre Ausbildung sehr viel über Krankheiten, aber nur wenig über Gesundheit, bzw. was zu deren Erhalt beiträgt. Das würden sich aber die wenigsten klar machen. Genau das sei aber wichtig, denn, um einen Vergleich zu ziehen, ist ein Höhlenforscher durch die Abwesenheit von Sonnenlicht natürlich nicht automatisch auch Experte für Sonnenlicht. Sie engagieren sich deshalb für ein neues Bewusstsein in Bezug auf eine empathischere Beziehung zwischen Arzt und Patient. Dazu bieten Sie – auf der Basis der Funktionsweise des Gehirns – neue Impulse für die Therapie und empfehlen einen Dialog „auf Augenhöhe“. Seit wann sind Sie als Trainer in diesem Bereich tätig und wie ist die bisherige Resonanz seitens der Ärzte auf Ihre Vorträge?

Dr. Sperlich: Die ersten Vorträge im Bereich Kommunikation für Ärzte habe ich vor etwa 15 Jahren gegeben. Damals war es noch schwer, Fortbildungspunkte für dieses Thema zu bekommen. Von der Ärztekammer Hamburg beispielsweise bekam ich eine Ablehnung, weil “Kommunikation keine ärztliche Tätigkeit“ sei. Zum Glück hat sich das stark geändert. Für die Seminare, die ich mit meinem Kollegen Heiner Creutzburg gebe, bekommen wir in der Regel eine attraktive Punktzahl. In den Seminaren wird anfangs meist sehr skeptisch diskutiert. Die Rückmeldungen durch die Kollegen, v.a. auch lange nach den Seminaren, sind aber sehr ermutigend.

Diese Arbeit liegt uns auch sehr am Herzen, denn wir sind davon überzeugt, dass der eigentliche Experte für (seine eigene) Gesundheit der Patient selbst ist. In den meisten Praxen wird diese wertvolle Kompetenz jedoch kaum genutzt. Wenn der Arzt jedoch die Deutungshoheit für die Situation des Patienten hauptsächlich für sich beansprucht, gehen wertvolle Informationen und damit Möglichkeiten verloren. Der Begriff Diagnose ist für mich ein gutes Beispiel dieser Denkweise. Er bedeutet übersetzt in etwa auch das „Durchschaute“, was ja bedeuten würde, dass der Arzt unter Berücksichtigung aller Faktoren genau weiß, unter was der Patient leidet. Genau dies kann aber in der Regel nicht zutreffen, denn dazu müsste der Arzt neben den Befunden auch noch die subjektiven Parameter, z.B. die Bedürfnisse, Wünsche, Interpretationen, eigenen Erfahrungen und vieles mehr des Patienten kennen. Natürlich sind die Befunde und daraus abgeleitete Arbeitsdiagnosen wertvoll und gerade in der Akutmedizin extrem wichtig. Bei anderen, v.a. chronischen Erkrankungen, sollte meines Erachtens die Deutungshoheit beim Patienten liegen, ergänzt durch das Fachwissen des Arztes. Für eine solche, dynamische Deutung habe ich den Begriff „Syngnose“ vorgeschlagen, der die gemeinsame Deutung im Austausch betonen soll.
Ich glaube, dass schon hier ein Umdenken beginnen kann. Fasst man den Aspekt der Wichtigkeit von Deutung einer Situation noch etwas weiter, dann ist man bereits beim Narrativen Mentoring©. Dieses betont die Lebensgeschichte als etwas individuell Erlebtes und höchst Subjektives. Narrativ bedeutet dabei das Erzählende, also auch, wie wir unsere Lebensgeschichte erzählen. Mentoring wiederum steht für die Metaebene in dem Prozess: Man reflektiert selbst oder mit der Hilfe eines Gegenübers die Auswirkung der eigenen Geschichte auf deren Fortsetzung. Im Fall einer Erkrankung zum Beispiel, ob man sich als deren Opfer sieht, oder wo Möglichkeiten zur Selbstwirksamkeit liegen.

Frieda: Das „Narrative Mentoring“ erinnert an Elemente aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, die sich u.a. darauf stützt, ein verstehendes Gewahrsein für die emotionale Befindlichkeit des Gegenübers zu entwickeln und anregt, öfter nachzufragen, statt voreilig zu bewerten. Können Sie anhand eines Beispiels skizzieren, wie so etwas im Praxisalltag aussehen kann?

Dr. Sperlich: Ja, das ist richtig. Marshall B. Rosenberg kommt mit seiner Gewaltfreien Kommunikation meines Erachtens sehr nah an die funktionellen Grundlagen von Kommunikation, wie man sie heute aus Sicht der Kognitionswissenschaften zu begreifen beginnt. Er betont ja das Bedürfnis als entscheidendes Element, das aus dem, was wir wahrnehmen, überhaupt das Gefühl entstehen lässt.
Eine häufige Frage in der Praxis ist, ob bestimmte Medikamente, wie z.B. Blutdrucktabletten, weiter eingenommen werden sollen. Üblicherweise antwortet der Arzt mit einem, manchmal genervten „Ja“. Aus seiner Sicht ist es klar notwendig die Therapie fortzusetzen. Dabei überhört er aber das Bedürfnis des Patienten, der wahrscheinlich fragt, weil er das Medikament lieber nicht weiter nehmen würde. Dahinter kann Angst vor Nebenwirkungen stecken oder aber das Gefühl „nicht mehr heil“ zu sein, da man ja jetzt Medikamente benötigt. Es kann sehr viele Gründe für die Frage geben, Gründe, die für langfristigen Therapieerfolg wichtig sind. Ein lapidares „Ja, natürlich“ ist zwar formell richtig, aber vernachlässigt die vielen weiteren Dimensionen dieser Frage.

Frieda: Führt es denn für Ärzte nicht zu einem Spagat, wenn sie sich neben der Interpretation von Laborwerten und bürokratischen Auflagen auch noch im kassenärztlichen Praxisalltag näher mit Aspekten der Lebensgeschichte ihrer Patienten beschäftigen sollen?

Dr. Sperlich: Tatsächlich spielt die Reflexion auf die Lebensgeschichte, also das Narrative Mentoring, für viele Konsultationsanlässe nicht unbedingt eine Rolle. Die kleine Wundversorgung, der Infekt, für den eine Krankmeldung gebraucht wird usw.

Für die Selbst – und die Praxisorganisation kann das Narrative Mentoring aber eine andere wichtige Rolle spielen. Schließlich setzt die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte anderer unter systemischen Aspekten immer auch die mit der eigenen Lebensgeschichte voraus. Mit anderen Worten: Der Arzt kann sein Vorgehen, das sich auch in der Praxis-Organisation widerspiegelt, ebenfalls reflektieren. Im Laufe der Arbeit mit meinem Kollegen Heiner Creutzburg, der eine größere hausärztlich internistische Praxis führt, haben wir dies bei vielen Ärzten beobachten können. Werde ich mir als Arzt über meinen Antrieb und meine Werte auf Basis meiner eigenen Lebensgeschichte, also meines Selbstverständnisses, klar, lösen sich viele Probleme wie von allein. Dinge wie Team-Führung, Zeitmanagement, Umgang mit Notfällen und vieles mehr aus der täglichen Praxis laufen wesentlich einfacher, wie uns Ärzte und Ärztinnen nach unseren Seminaren berichteten. Genau dieser Effekt schafft dann die Möglichkeit, den Patienten eine Hilfestellung zu geben, die mit einer Frage in die Praxis kommen, die eine nachhaltige Auswirkung auf ihr Leben bzw. ihre Lebensgeschichte hat.

Frieda: Warum sind Aspekte der Lebensgeschichte bzw. der aktuellen Lebenssituation für die Anamnese überhaupt so wichtig?

Dr. Sperlich: Anamnese heißt ja wörtlich Erinnerung. Im medizinischen Sinne ist damit das Zusammentragen der Faktoren gemeint, die relevant für die aktuellen Beschwerden sind. Diese Erinnerung ist, wie man aus der Kognitionsforschung heutzutage weiß, sehr subjektiv. Und diese Subjektivität hängt mit unserer gesamten Lebensgeschichte zusammen. Ein einfaches Beispiel: Jemand schenkt zwei verschiedenen Menschen Karten für ein Heavy Metal-Konzert. Der eine kann sein Glück kaum fassen, für den anderen wäre es eine Strafe, dieses Konzert zu besuchen. Der Heavy Metal-Fan hat gute Erfahrungen mit dieser Musikrichtung; wahrscheinlich hört man in seinem Freundeskreis ähnliche Musik, vielleicht spielt er selbst Schlagzeug oder E Gitarre. Will er sich entspannen, greift er zu einer CD mit eben dieser Musik. All dies sind Aspekte seiner Lebensgeschichte, die die Bewertung der geschenkten Tickets maßgeblich beeinflusst.

Ob wir etwas mögen und wie wir etwas beurteilen, hängt also von unseren Erfahrungen/Erinnerungen ab. Und genau so ist es auch mit Ereignissen, die unsere Gesundheit betreffen. Schlecht Luft zu bekommen, löst bei einem Menschen sofort Panik aus, während ein anderer das kaum bemerkt und vielleicht in der Konsultation sagt, dass ihn die Partnerin schickt, weil er so schwer atmen würde. Neben den Geschlechts- und Altersunterschieden ist hier vor allen Dingen die eigene Lebensgeschichte entscheidend. Und ebenso spielt sie eine Rolle für den weiteren Umgang mit der Situation. Das heißt, ob vorgeschlagene Maßnahmen wie weitere Untersuchungen, die Einnahme von Medikamenten, Empfehlungen zur Lebensveränderung usw. umgesetzt werden, hängt davon ab.

Im Jahr 2002 erhielt der Psychologe Daniel Kahneman den Wirtschafts-Nobelpreis für eine neue Theorie über das Entscheidungsverhalten von Menschen. In seinem Buch „Schnelles Denken Langsames Denken“ führt er die Unterscheidung dieser beiden Systeme verblüffend aus. Das schnelle Denken trifft Entscheidungen auf der Basis all unserer Erfahrungen und diese stammen natürlich aus der Lebensgeschichte und sind Teil dieser. Das langsame Denken kann zwar Informationen zu diesen Entscheidungen beisteuern, sitzt aber in der Regel am kürzeren Hebel. Gewissermaßen spiegeln sich im Narrativen Mentoring diese beiden Systeme. Das Narrative ist das schnelle automatische Denken, der Mentor das langsame rationale (Über-) Denken. Ich verwende gerne das Beispiel aus dem Märchen „Der Hase und der Igel“. Der Igel kann aus anatomischen Gründen ein solches Wettrennen nicht gewinnen, aber er nutzt einen Trick und dank seiner ihm sehr ähnlich sehenden Ehefrau ist „er“ immer schon vor dem Hasen am Ziel. Wenn der Mentor dies berücksichtigt, kann er zu einer gelungenen Selbststeuerung beitragen. Diese beiden Systeme gehören eng zueinander und meiner Meinung nach kann nur die Kooperation dieser beiden zu einem gelungenen, vitalen Sein führen. Dies ist ein Kerngedanke des Narrativen Mentorings.

Frieda: Worin liegt der Gewinn für Ärzte selbst, wenn sie sich näher auf die emotionale Welt ihrer Patienten einlassen?

Dr. Sperlich: Es wird einfacher. Also genau das Gegenteil von dem, was viele Kollegen zunächst befürchten, tritt ein. Aus der Erfahrung von Zeitnot, Überstunden und mangelndem Verständnis entsteht bei vielen Kollegen das Gefühl, die Informationen seitens der Patienten möglichst knapp halten zu wollen. In manchen Fällen kann das das therapeutische Bündnis ungünstig beeinflussen. Genau diese Patienten fordern dann direkt oder indirekt mehr Zeit, was wiederum oft mit einem Unwillen seitens des Therapeuten einhergeht. Ist dem Arzt dieser Mechanismus klar, kann er deutlich effektiver kommunizieren und spart sich sogar Zeit, die durch Nachfragen wegen Unzufriedenheit oder Unsicherheit sonst beansprucht wird.

Die beiden Eigenschaften, die durch die Beschäftigung mit dem Narrativen Mentoring gestärkt werden, sind einerseits Achtsamkeit und andererseits Verständnis und zwar beides nicht nur in Bezug auf sein Gegenüber, sondern vor allem auch zu sich selbst. Manchmal erkennt man dabei sehr einfache Mechanismen, deren Berücksichtigung sofort zu einer Verbesserung führen. Unser reflektiertes, langsames Denken, also unser Mentor, benötigt Zeit und Energie, um optimal arbeiten zu können. Ist beispielsweise am späten Nachmittag der Blutzuckerspiegel niedrig, verändert dies dramatisch die Art und Weise, wie wir entscheiden und uns dabei fühlen. Eine feste Pause von einigen Minuten, beispielsweise um 10:30 Uhr, kann in diesen Fällen geradezu Wunder bewirken

Frieda: Das Konzept zielt also auch darauf ab, die „Selbstwirksamkeit“ zu stärken, wie Sie erwähnten. Was genau ist damit gemeint?

Dr. Sperlich: Selbstwirksamkeit ist das Zauberwort, wenn es um Therapieerfolg und Stressbewältigung geht. In sehr vielen wissenschaftlichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass das Gefühl, selbst Einfluss nehmen zu können, die eigene Widerstandskraft und Toleranzbreite enorm erweitert. Überspitzt formuliert: Fühle ich mich als Opfer einer Situation, ist diese für mich wesentlich schlechter zu ertragen, als wenn ich dieselbe Situation „nur“ als ungünstig und unangenehm empfinde, aber den Eindruck habe, selbst etwas zur Verbesserung beitragen zu können. In der Medizin kann man sich dies durch so genannte Standby-Verordnungen zu Nutze machen. Wenn ich das Medikament griffbereit habe, von dem ich weiß, dass es meine Symptome lindern wird, habe ich eine größere Toleranz gegenüber den Symptomen. Natürlich gilt dies nicht für alle Situationen; bei potentiell gefährlichen Verläufen wird der Arzt diese Option nicht in Betracht ziehen. Aber es erweitert die Möglichkeiten in bestimmten Fällen, vor allem, wenn es um die Überbrückung von kurz- oder mittelfristigen Zuständen geht.

Besonders beeindruckend ist der Effekt der Selbstwirksamkeit auch, wenn es um die Auswirkungen von Stress geht. Beim so genannten Führungsparadoxon findet man weniger negative Auswirkungen von Stress bei Führungspersonen als bei Menschen, die keine Personalverantwortung haben und das, obwohl viele Faktoren für Stress bei den Führungspersonen stärker im Berufsprofil auftauchen. Dies liegt daran, dass im Führungsbereich in der Regel eine größere Möglichkeit zur Selbstbestimmung gegeben ist. Passend zur Berufsgruppe gehört also die Haltung “Ich manage das schon!“ und allein das führt zur Stressreduktion.

smile-postkarteFrieda: Sie engagieren sich nicht nur für ein empathischeres Miteinander zwischen Therapeuten und Patienten, sondern vermitteln auch Wissen über die Säulen der Gesundheit. Davon ausgehend beziehen Sie sich auf die so genannte „BodyMindMedicine“. Was ist genau damit gemeint?

Dr. Sperlich: Die Begrifflichkeit von Gesundheit und Vitalität führt zu einem komplexen Thema, das auch von subjektiven Vorstellungen geprägt ist. Jemand kann zum Beispiel aufgrund von Laborwerten als „nicht gesund“ gelten, sich aber dennoch vital fühlen. Beispielsweise ist das bei Bluthochdruck oder Diabetes oft zu beobachten. Laut den Befunden sind diese Menschen zwar krank, aber sie erleben das selbst nicht zwingend als Einschränkung. Auf der anderen Seite kann ein Mensch sich krank fühlen, obwohl die erhobenen Befunde keinen Hinweis auf eine Erkrankung liefern. Man kann nicht immer schulmedizinisch erfassen, warum sich der eine Patient trotz „schlechter Werte fit“ und ein anderer sich trotz „guter Werte schlapp“ fühlt. Gesundheit ist eben mehr als die Abwesenheit von Krankheit und ich spreche deshalb gerne von Vitalität.

Auf der BodyMindMedicine basiert ein Modell, das anhand von vier Säulen ganz anschaulich erklärt, auf welchen Faktoren diese Vitalität ruht. Die Säulen sind: Ernährung, Bewegung, Entspannung und die innere Haltung. Letztere ist besonders relevant, wenn wir von Vitalität sprechen. Ich habe dieses Säulenmodell daher modifiziert, denn von der inneren Haltung sind letztlich alle anderen Säulen beeinflusst. Diese innere Haltung entspricht beim narrativen Mentoring dem Narrativ, also meiner Sichtweise. In dem von mir entworfenen Modell ist die innere Haltung daher das Fundament, auf das sich die Säulen Ernährung, Bewegung und Entspannung stützen, die wiederum die Vitalität tragen. Und es kommt noch etwas hinzu: Die Vitalität ist nämlich entscheidend für die Selbststeuerung, also den „Inneren Mentor“ und der beeinflusst dann im Umkehrschluss auch wieder das Fundament, die „Innere Haltung“.

Frieda: Angenommen, jemand will mit dem Rauchen aufhören, geht zum Arzt und will nun ein Patentrezept. Wie würde ein Arzt, der um die von Ihnen dargestellten Funktionsweisen des Gehirns weiß, einen solchen Patienten therapeutisch unterstützen?

Dr. Sperlich: Solch ein Anliegen betrachte ich heute natürlich nicht nur als Schulmediziner, sondern auch vor dem Hintergrund der kognitionswissenschaftlichen Erkenntnisse und dem Konzept des Narrativen Mentorings. Wenn ein Raucher zum Arzt geht und bekundet, er möchte mit dem Rauchen aufhören, appellieren die meisten Kollegen an die Vernunft; oft betonen Sie die negativen Aspekte als eine Art Abschreckung. Doch das funktioniert nur selten, meist bleibt nur ein schlechtes Gewissen und der Patient verschweigt in Zukunft, dass er weiter raucht. Schon besser ist es, wenn die gefragten Kollegen ein Buch empfehlen oder eine Methode.

Kommt ein Patient mit diesem Anliegen zu mir, berücksichtige ich die Dynamik zwischen dem Narrativ und dem Mentor. Ein kleiner Beispieldialog kann das vielleicht am besten veranschaulichen:

Patient: „Ich muss mit dem Rauchen aufhören!“

Arzt: „Nein, wieso?“

Patient: (verwundert): „Na, das ist ja nicht so gesund.“

Arzt. „Das stimmt, also wollen Sie aufhören, weil es nicht gesund ist? Wie viele Zigaretten rauchen Sie denn so pro Tag?“

Patient: „Ja genau. Ich rauche so eine Schachtel, also etwa 20 Zigaretten pro Tag.“

Arzt: „Haben Sie schon mal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören?“

Patient: „Ja, mehrmals, aber hält nicht lange an, dann rauche ich wieder!“

Arzt: „Wie wäre es denn, einfach weniger zu rauchen?“

Patient: „Muss ich nicht ganz aufhören?“

Arzt: „Na ja, müssen nicht, aber vielleicht wollen Sie es ja? Weniger zu rauchen ist dafür ein guter Anfang. Wenn Sie jeden Tag nur drei Zigaretten weniger rauchen, sparen Sie pro Jahr schon mal mehr als 1000 Stück.“

Patient: „Okay, und wie funktioniert das?“

Arzt: „Haben Sie die Zigarettenschachtel immer bei sich?“

Patient: „Ja, in der Jackentasche. Wieso?“

Arzt: „Sie bestimmen ab jetzt die Zahl an Zigaretten, die Sie in der kommenden Woche pro Tag rauchen wollen. Dann besorgen Sie sich ein Etui und füllen sich für jeden Tag der Woche die gewählte Menge an Zigaretten ab. Andere Quellen oder Schnorren gilt nicht. Wenn es gut klappt, können Sie es in der Woche darauf mit einer weniger am Tag versuchen, solange sie sich wohlfühlen das Schema fortsetzen.“

Patient: „Und das funktioniert?“

Arzt: „Ja natürlich. Und das Beste daran ist: Wenn es mal nicht funktioniert, fangen Sie einfach wieder mit der Menge an, die sie sich für die nächste Woche vorstellen können.“

Ich arbeite also mit dem eingangs erwähnten „schnellen Denken“ (Narrativ) und dem „langsamen Denken“ (Mentor), mit der paradoxen Intervention einerseits und Ermutigung andererseits. Das schnelle Denken assoziiert Zigaretten mit positiven Erfahrungen, wie Geselligkeit, Entspannung oder Stressabbau. Diese Prozesse laufen automatisch ab. Das Narrativ „glaubt“ also, dass das Rauchen uns Vorteile bringt, weil es über lange Zeit schließlich einem gewissen Zweck gedient hat. Der Trick mit der Zigarettenbox hilft dabei, die Routine zu durchbrechen und dem Mentor (beim Griff zur neuen Zigarettendose = Änderung der Gewohnheit) die Chance zu geben, einen Moment zu reflektieren. Das führt dann zu einem Aha-Effekt und mündet in ein Belohnungserlebnis, denn wenn es einem Raucher gelingt, seinen Zigarettenkonsum zu halbieren, setzt die Schuldgefühl-Abwärtsspirale nicht ein, sondern dieser Patient fühlt sich – im Erleben seines Teilerfolges und seiner Autonomie – eher dazu ermutigt, noch weniger zu rauchen. Das ist die schon erwähnte Selbstwirksamkeit. Zudem hat der Patient insgesamt das Gefühl, dass er „nichts tun muss“, sondern etwas „tun darf“ und somit selbst entscheiden kann.

Die Selbstwirksamkeit ist hier ganz wichtig; idealerweise ist sie wesentlicher Bestandteil jeder Maßnahme. Es geht also darum, dem „Mentor“ und dem „Narrativ“ ein gemeinsames Ziel schmackhaft zu machen. Überlässt man diesen Prozess dem schnellen Denken, das auf “Bewährtes“ ausgerichtet ist, würde der Patient vielleicht weiter rauchen, aber es nicht mehr beim Arzt ansprechen, weil er diese Automatismen nicht durchbrechen konnte. Das hat oft Gewissensbisse, aber auch Selbstkritik und Frust zur Folge. Mir geht es aber darum, den Patienten mit auf den Weg zu geben, dass Sie sich etwas Gutes tun sollen, gut für sich selbst sorgen sollen. Wenn jemand dann am Ende seinen Konsum von 20 auf fünf Zigaretten reduziert hat, diese fünf aber mit Genuss raucht, ist aus medizinischer Sicht schon viel erreicht. Und der Patient hat das Gefühl, dass er die Situation in der Hand hat und nicht, dass er irgendetwas „verordnet“ bekam, was er sowieso nicht und nur unter großen Mühen einhalten kann. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Mentor und Narrativ für nachhaltige Vitalität kooperieren sollten. Wenn das gelingt, hört das anstrengende und selten dauerhaft erfolgreiche Kontrollieren durch den Mentor auf und stattdessen wird Selbststeuerung gelebt.

Frieda: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Noch ein Lesetipp zu guter Letzt:

Das Buch „S.M.i.Le. – Sei Mentor im Leben“ von Dr. Franz Sperlich und Svenja Zitzer bietet allen, die wissen wollen, wie der „Mentor“ das eigene Leben bestimmt und wie man ihn als effektives Instrument konstruktiv nutzen kann, einen praktischen und unterhaltsam geschriebenen Leitfaden. Wer um das „schnelle und langsame Denken“ sowie um die Tücken sowie Möglichkeiten des „Mentors“ weiß, ihn somit bewusst einzusetzen vermag, kann im besten Sinne selbstwirksam das eigene Leben in neue Bahnen lenken. Das Buch ist als Paperback, Hardcover oder als ebook erhältlich. Als Taschenbuch umfasst es 152 Seiten und kostet 14,99 Euro, gebunden 24,99 Euro.

Buch gebunden kaufen

Weitere Informationen und Seminarhinweise unter www.SeiMentorImLeben.de
sowie unter www.balanceacademie.de

Titelfoto (Dr. Franz Sperlich (li.), Heiner Creutzburg, niedergelassener Internist in Coppenbrügge),

Beitragsfoto (Dr. Franz Sperlich) (c)  Alexander Fanslau
Postkarte (c) Alexandra Thoese, Bildquelle 123rf.com 123rf.com#7106108800
und www.seimentorimleben.de

Weitersagen auf

Monetäres für FRIEDAs Kaffeekasse