Earthships – nachhaltig bauen im besten Sinne

Eine Architektur als Teil der Lösung

(c) Kurt Schmidt

In den 1970er Jahren entwickelte der amerikanische Architekt Michael Reynolds das Prinzip der sogenannten Earthships. Bereits damals war er mit seinem Konzept des nachhaltigen Bauens ganz weit vorne, aber dem Zeitgeist wohl auch meilenweit voraus. Seine detailgenau durchdachte Idee von Häusern, die nicht nur energetisch autark machen, sondern auch noch viel Raum für Fantasie und sogar eine Lösung für die Verwendung von Müll bieten sollen, schien seinerzeit wohl noch als zu utopisch.

Seit einigen Jahren jedoch kommt Michael Reynolds doch noch zu späten Ehren und in immer mehr Ländern greift man sein Konzept auf. Der Architekt betreibt heute in New Mexiko die Firma Earthship Biotecture, die sich auf die Planung und Umsetzung von Earthships spezialisiert hat, aber auch Pläne und Bücher zum Selbstbau anbietet.

Eine Antwort auf die unermessliche Müllproduktion

Earthships („Erdschiffe“) sind, wie auf dem Webportal von Earthship Deutschland zu lesen ist, „die Antwort auf die unermessliche Müllproduktion unserer heutigen Zivilisation, die exzessive Verschwendung von Trinkwasser und Energie, die ausufernden Kosten zentralisierter Versorgungssysteme und die offensichtliche Unausgewogenheit zwischen moderner Architektur und unserem natürlichen Lebensraum. Earthships sind belebte Strukturen, bieten ganzjährig temperierten Wohnraum weitgehend ohne zusätzliches Heizen. Earthships versorgen alle Bewohner dezentral mit Wasser, Strom und Nahrungsmitteln unter minimalem Einsatz von Ressourcen. Nach 40 Jahren experimenteller Forschung und Entwicklung des Architekten und Pioniers Michael Reynolds − auch bekannt als ‚Garbage Warrior‘ − baut eine neue Generation von Visionären auf seinen Ergebnissen auf: Sie kultiviert gemeinschaftliches Bauen und Leben, bringt Prinzipien der Permakultur zum Einsatz und drängt auf eine verstärkte Integration in ökologische Kreisläufe.“

Wer in Suchmaschinen nach Fotos von „Earthships“ fahndet, findet eine Fülle an fantasievollen, einladenden und kreativen Wohnobjekten, bei denen alte Autoreifen, Leergut und andere „Abfallprodukte der Zivilisationsgesellschaft“ als Baumaterialien verwendet wurden. „Eigentlich möchte man da sofort einziehen“, dachte Frieda, und findet, dass Earthships überall entstehen sollten.

(c) Earthship Deutschland

Hierzulande gibt es bisher nur ein konkret umgesetztes Projekt zu dem Thema und zwar am Schloss Tempelhof. Die „Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof“ konnte eine Baugenehmigung für ein Earthship erwirken. Die Planungs- und Genehmigungsphase dauerte etwas länger als ein Jahr, was sehr kurz ist für die Planung eines Hauses. Nach dieser Phase ging es Ende September 2015 gemeinsam mit amerikanischen und deutschen Fachleuten auf die Baustelle. Das Projekt soll Vorbildfunktion haben und wünschenswert ist, dass viele engagierte Menschen auch andernorts diese Idee aufgreifen. Lale Rohrbeck war im Herbst 2015 im Baden-Württembergischen Kreßberg dabei, als das Fundament für das erste Earthship in Deutschland am Schloss Tempelhof gelegt wurde. Frieda sprach mit der 25-Jährigen aus Rögnitz in Mecklenburg Vorpommern über ihre Motivation, Erfahrungen vor Ort und weiteren Pläne.

Im Gespräch mit Lale Rohrbeck

Frieda: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie sich für diese Art Architektur zu interessieren begannen?

Lale Rohrbeck: Meine Eltern haben mich vor etwa 3 Jahren auf das Konzept der Earthships aufmerksam gemacht und ich war sofort fasziniert. Als ich dann noch einen aktuellen Artikel in der Zeitung darüber las, war für mich klar, dass ich mich damit eingehender beschäftigen möchte. Earthships sind für mich wie ein Symbol für die Möglichkeit, Dinge anders zu machen als bisher bekannt, zukunftsfähiger und selbstbestimmt.

Frieda: Deutschland ist ein Land der DIN-Normen und Paragraphen. Haben Sie Informationen darüber, wie sich das Genehmigungsverfahren gestaltet hat? War man da behördenseitig eher offen oder gab es viele Hürden zu umschiffen?

L. R.: Für das Earthship in Schloss Tempelhof hatten wir einen sehr talentierten deutschen Architekten (Ralf Müller) in der Ausführungs- und Genehmigungsplanung. Auch die Tempelhofer hatten schon zuvor einen hervorragenden Draht zu den zuständigen Baubehörden und Ämtern. So war es von Beginn an ein kreativer Prozess, den alle gleichermaßen zusammen positiv mitgestaltet haben. Klar gab es einige Dinge, die ungewöhnlich waren, wie zum Beispiel Autoreifen als Baustoff. Auch wurden Kompromisse eingegangen; deshalb ist das Earthship dort nicht komplett autark, sondern an das Abwassernetz angeschlossen. Aber es ist ein Anfang und wenn die Zusammenarbeit eine positive ist und Menschen sich für neue Dinge begeistern und an einem Strang ziehen, dann ist vieles möglich.

Lale Rohrbeck
(c) Lale Rohrbeck

Frieda: Sie waren im Herbst 2015 dabei, als die Bauarbeiten am Schloss Tempelhof begannen. Doch statt Kelle und Mörtel sind es in erster Linie andere Materialien als die, die man sich so von einer Baustelle vorstellt. Worum handelt es sich dabei im Wesentlichen?

L. R.: Ein prägnanter Bestandteil eines Earthships ist die Wand aus alten Autoreifen. Diese werden mit Sand gefüllt, mit Vorschlaghämmern verdichtet und anschließend verputzt. Das ergibt eine super Thermalmasse. Auch gibt es Wände aus alten Glasflaschen. Es wird möglichst viel recycled, in Tempelhof zum Beispiel auch Steinbruch von alten Baustellen. Es gibt jedoch auch allerlei herkömmliche Baumaterialien, so wie Zement, Holz, Dämmmaterial und und und. Kellen und Mörtel sind auch zu finden 😉

Frieda: Sie haben als Freiwillige zusammen mit vielen anderen 5 Wochen mitgearbeitet. Früher wurden die Häuser ja oft noch in Gemeinschaftsarbeit gebaut, auf dem Land ist das teilweise noch immer so. Das gemeinsame Bauen verbindet ja auch und bringt Menschen einander näher. Wie haben Sie den gemeinsamen Geist erlebt, der das Team motiviert?

L. R.: Das Ungewöhnlichste an so einer Baustelle ist für mich definitiv das gemeinschaftliche Bauen! Wir waren 70 Freiwillige, die gemeinsam auf die Autoreifen eingekloppt haben, das macht unglaublich viel Spaß und verbindet auf eine ganz spezielle Art und Weise. Es gab auch keine Anweisungen, wer was zu tun hat. Es gab eine Morgenrunde, da wurde durchgegangen, was alles zu tun ist und dann konnte jede und jeder selbstbestimmt entscheiden, was er oder sie tun möchte. Diese Basis der freiwilligen Teilnahme aus Eigenmotivation und Lust auf die Sache schafft eine ganz besondere Atmosphäre! So eine Baustelle ist da, um Dinge zu lernen, jede Person ist angehalten Neues auszuprobieren, auch wenn es keinerlei Vorerfahrung gibt. So hat man viele kleine Erfolgserlebnisse und profitiert von dem Wissen jedes einzelnen, egal ob es um Zement mischen, eine Holzkonstruktion, die beste Technik zum Autoreifenverdichten oder Jonglieren lernen geht.

(c) Earthship Deutschland

Frieda: Welche konkreten Vorteile zeichnet das Leben in solch einem Earthship aus?

L. R.: Das Haus ist wie ein lebendiger Organismus. Alles was seine Bewohner tun, hat einen direkten Einfluss auf die Lebensqualität. Wenn zum Beispiel zu viele chemische Reinigungsmittel verwendet werden, sterben die Pflanzen im Gewächshaus, da sie durch das entstehende Grauwasser (Wasser aus Dusche und Spüle) bewässert werden. Dann bringen sie keine Erträge und es gibt weniger zu ernten. Das als ein Beispiel. Das alles schafft ein erhöhtes Bewusstsein für die eigene Art und Weise zu leben und welche Auswirkungen dies auf die Umwelt hat. Außerdem ist ein Earthship komplett autark. Earthship-Bewohner sind nicht von zentralisierten Systemen abhängig sondern leben in Eigenverantwortung, mit einem großen Bewusstsein für den Verbrauch und die Nutzung von Energie und Ressourcen. Regenwasser wird auf dem Dach gesammelt und in Filtern gereinigt. Strom wird durch Solar erzeugt. Wärme entsteht durch Sonneneinstrahlung und die Abgabe aus den Thermal-Speichern im Gebäude.

(c) Kurt Schmidt

Frieda: Was hat sich für Sie durch die Freiwilligenarbeit am Schloss Tempelhof verändert?

L. R.: Jede Menge, fast alles eigentlich!! Für mich war dieses Erlebnis der Beginn einer ganz neuen Lebensphase. Aus der Begeisterung des gemeinsam Bauens heraus ist eine ganz spezielle Energie in Schloss Tempelhof entstanden. Es hat einfach so einen irren Spaß gemacht! Jetzt muss ich kurz ausholen: Vor Beginn der Baustelle haben meine Mutter und ich ein 10 ha großes Gelände im Insolvenzverfahren nicht weit von unserem Familienhaus in Mecklenburg Vorpommern entdeckt. Ein ehemaliges Zukunftszentrum und Ausstellungsgelände für Beziehungen zwischen Mensch, Natur Technik, zugleich ein riesiger botanischer Garten. Wir waren den Park besichtigen und sofort fasziniert. Wir haben visioniert, hier mit einer großen Gruppe von Menschen gemeinsam zukunftsfähig zu wirken und spannende Arbeitsmöglichkeiten für junge Menschen in der Region zu schaffen. Am Tempelhof habe ich dann die Bilder der Besichtigung einer Gruppe von 30 Freiwilligen gezeigt und es waren alle sofort mit im Boot! Von einer Sekunde auf die nächste! Mittlerweile haben wir eine Genossenschaft gegründet, das Gelände gekauft und sind in der Aufbauphase! All das innerhalb eines Jahres. Ich bin fest überzeugt, dass es nur durch den gemeinsamen Bau des Earthships möglich war, mit so einer Energie und so einer Gruppe dieses Projekt so erfolgreich zu starten. Es heißt übrigens „Wir Bauen Zukunft“.

Frieda: Worum handelt es sich dabei genau?

L. R.: Unsere Vision ist einen nachhaltigen, experimentellen und innovativen Projektort zu gestalten. Alle aus unserer Gruppe verbindet das Bewusstsein darüber, dass die Welt Menschen braucht, die eigenverantwortlich handeln, selbstbestimmt leben und neue Dinge ausprobieren. Ein großer Teil des Ganzen ist das experimentelle und nachhaltige Bauen. Wir möchten modellhaft zeigen, wie das gehen kann, ob Tiny Houses, Earthships oder Baumhäuser. Wir möchten auch Co-Working in der Natur anbieten, als Ausgleich zum hektischen Arbeiten in der Stadt und um den ländlichen Raum zu beleben. Wir planen zudem Innovationscamps und andere größere Veranstaltungen, die gemeinsames Tüfteln und Entwickeln von Prototypen für eine zukunftsfähige Welt ermöglichen. Aber auch kleinere Projekte finden ihren Platz bei uns: nachhaltige Fischzucht, Bienenzucht, Permakulturworkshops, Wald-Erlebnispfade: Das Gelände bietet jede Menge Möglichkeiten, die wir auch grad noch ausloten. Aktuell sind wir mit der Instandsetzung der bestehenden Gebäude beschäftigt, zum Beispiel gibt es bereits ein 1000 qm2 großes Seminarhaus in Wabenform. Der Neubau von Häusern wie zum Beispiel Earthships kommt das erst im nächsten Schritt. Wir haben allerdings bereits im Oktober einen Biomeiler im Workshopformat gebaut zur Beheizung des Seminarhauses! Für all diese Aufbauarbeiten freuen wir uns wahnsinnig über Spenden und Unterstützung! Alle Infos zum Stand des Projektes gibt es bei uns auf der Website: www.wirbauenzukunft.de

Projekt in Nieklitz
(c) wirbauenzukunft

Frieda: Neue Wohn- und Lebensmodelle bietet ja auch die Transition-Town- Bewegung. Auch das Urban-Gardening erfreut sich wachsener Beliebtheit. Welche Chancen, auch in Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben, versprechen Sie sich generell von neuen Wohn- und Lebensformen?

L. R.: Ich bin überzeugt, dass wir für einen Wandel der Welt, so wie sie jetzt ist, Orte brauchen, an denen es möglich ist auszuprobieren, zu experimentieren, Fehler zu machen, zu testen, wieder neu anzupassen, kreativ weiter zu entwickeln -in jedem Bereich des Lebens und Seins. Orte, an denen Menschen sich entfalten können und merken, was eigentlich noch alles in ihnen steckt. Orte an denen sich keine Trennlinie mehr zwischen Leben und Arbeiten ziehen lässt und auf ganzheitliche Art und Weise gehandelt wird, die Möglichkeit besteht, Dinge gemeinsam zu schaffen, zu teilen, erfüllter zu leben. Orte, an denen Menschen realisieren, dass sie selbst ihr Glück und ihr Leben in die Hand nehmen können! Ich möchte mich aktiv dafür einsetzen, solche Räume zu entwickeln und andere Menschen zu inspirieren, es ebenfalls zu tun. Es gibt ein tolles Zitat von Buckminster Fuller, das mich sehr inspiriert: “You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.”

Frieda: Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Projekt Nieklitz
(c) wirbauenzukunft
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