Die verlorene Stille

Ein Märchen

Stille photo
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Es war laut geworden in der Welt, damals, 2018. Die öffentlich rechtlichen Medien belogen die Menschen schon seit Jahrzehnten und schreckten nicht einmal davor zurück, die Gehirne der Menschenkinder zu missbrauchen. Die Politiker dachten nur noch an sich selbst, bis auf wenige Ausnahmen, doch diese wenigen waren ratlos. Aufgrund der über die Jahre nachlassenden Qualität der Böden, der Verschmutzung der Gewässer, des unsäglichen Mülls, der gezielten Verhinderung wirklich nachhaltiger Technologien, und vor allem wegen der ständigen Ablenkung, hatten die Menschen die Orientierung in ihrem Leben verloren.

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Der Lärm war allgegenwärtig. Nicht nur in auditiver Hinsicht. Auch die visuelle Vergewaltigung hatte Formen angenommen, die es in den Städten kaum noch jemandem ermöglichte, seinen Blick von all den vielen Monitoren abzuwenden, über die stereotyp Bilder von Kreditangeboten, Gewalt-, Kriegs- und Pornodarstellungen in den Äther gesandt wurden. Die Menschen wurden seelisch und mental immer verwirrter, körperlich immer kränker. Natürliche Heilmethoden waren über sehr lange Zeit unterdrückt worden, da der Profit über allem stand. Nur wenige konnten sie sich noch leisten. Die Seilschaften in der Politik waren wie ein dichtes Spinnennetz. Der Alkohol- und Drogenkonsum war ausgeufert, die Familien zerrüttet, das Bildungssystem ein Desaster. Alle Warnungen von den noch verbliebenen seriösen Wissenschaftlern und spirituellen Lehrern waren in den Wind geschlagen worden. Um der unsäglich tiefen inneren Leere zu entgehen, sich wenigstens kurzzeitig zu betäuben, strömten die Menschen zu Massenveranstaltungen wie Fußball oder zu großen, sehr lauten Konzerten. Oder sie jubelten ihren Fernsehhelden zu, ohne zu merken, dass auch diese sie belogen und nur ablenken wollten. Viele der schönsten Orte der Welt waren durch Massentourismus und Raubbau verschandelt worden. Es gab mehr Banken als spirituelle Zentren der Ruhe. Die restlichen Wälder waren überwiegend in Privatbesitz übergegangen. Mit Lebensraum wurde immer mehr spekuliert. Wer noch konnte, arbeitete von früh bis spät, um die nötigsten Überlebensbedürfnisse zu sichern. Die Menschen stritten wegen Kleinigkeiten, zerfetzten sich im Vorwurf. Technologien entwickelten sich rasant. Es gab kaum noch einen Arbeitsplatz, der nicht von der Maschine abhängig war. Wegen der Vergiftung der Menschen durch Metalle, Insektizide und die zumeist völlig überflüssigen Produkte der Pharmaindustrie, mussten immer mehr Spitäler und Seniorenheime gebaut werden, denn die älteren Menschen wurden immer vergesslicher. Das ging eine ganze Weile so. Viele spürten schon lange, dass es so nicht mehr weitergehen durfte, doch ihre Stimmen wurden von der Masse überhört. Manche wollten etwas tun, doch sie wussten nicht, wie und was. Sie beteten, hofften, eine Macht von außerhalb würde eingreifen, denn allein würden es die Menschen nicht mehr schaffen. So viel stand fest, damals, im Jahre 2018.

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Irgendwann wurden es dann immer mehr Menschen, die sich trafen, um gemeinsam zu beten, um die Stille zu suchen. Manche saßen auch einfach nur da und schwiegen. Sie wussten, wenn sie still wurden und um Antworten baten, würden Impulse aus fremden Sphären zu ihnen dringen. Dabei ging es nicht um eine bestimmte Religion. Sogar so genannte Atheisten konnten das. Denn durch das Aneinanderlegen der eigenen Hände konnte sich jeder Mensch mit der Urquelle, dem Nullpunktfeld verbinden – in der Stille. Dazu brauchte es keine Kirchen, Rituale oder Priester! Letztere waren da meistens eher hinderlich, zumal sie jahrhundertelang oft falsche Lehren verbreiteten. Diese Fähigkeit der inneren Kontaktaufnahme basierte schlichtweg auf der Tatsache, dass Gott/die Göttin schon längst da waren, in allen Menschen, die sich für diese Art von Inspiration öffneten, die aus dem großen Feld des Wissens zu empfangen bereit waren, denn das Wissen steckte nicht im Kopf; der Kopf steckte im Wissen. Einige unter den Menschen, die andere schon lange zuvor gewarnt hatten, und die immer wieder dazu aufriefen, sich in Gemeinschaften zu versammeln, wurden sogar angegriffen, teilweise auf sehr bösartige Weise, doch wenn sie unermüdlich glaubten, dass Hilfe kommen würde, dann kam sie irgendwann auch – für jeden Menschen individuell, aber wirksam für das ganze Feld des Kollektivs. Nachdem weltweit sehr viele Menschen sich mit der Urquelle verbunden hatten, sich also mit dem Nullpunktfeld synchronisierten, durch das Aneinanderlegen ihrer Hände oder durch Meditation, veränderte sich eines Tages der Elektromagnetismus im Feld und begann, sich neu zu sortieren.

Das führte zunächst zu einigen elektromagnetischen Veränderungen. Verkehrsunfälle, Stromausfälle, Überschwemmungen und andere Wetterphänomene waren darunter. Vorübergehend waren auch die Banken geschlossen. Das versetzte die Menschen am meisten in Panik. Einige fielen übereinander her. Doch die, die sich vorbereitet hatten, waren nun besonders gefragt, um all den verwirrten Seelen zur Seite zu stehen. Dann kam der große Tag der Stille. Es kam kein einziger Laut mehr aus dem Radio, kein Geflimmer mehr auf den Milliarden Monitoren. Stille. Irgendwann, Tage später, ertönte eine Art Gong. Alle konnten ihn hören, doch niemand wusste so genau, woher dieser Gong kam. Hier und da zeigten sich ungewohnte Lichterscheinungen am Himmel.

Es vergingen einige Wochen, weil die Verletzten und von Mühsal geplagten Menschen Unterstützung brauchten. Viele fleißige Helfer verrichteten nun ihren Dienst. Als sich nach Monaten die Situation einigermaßen beruhigt hatte, begannen die Menschen endlich damit, Gemeinschaften zu bilden. Sie teilten ihre Vorräte und wählten in den unterschiedlichsten Regionen Räte, in die die weisesten aller Menschen berufen wurden. Nun endlich hörte man ihnen zu!

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Vor dem großen Tag der Stille waren viele Menschen umgekommen. Die Gemeinschaften hatten nun viel zu tun. Sie trafen sich wieder, saßen zusammen am Feuer, wärmten sich und tauschten Geschichten aus. Viele weinten. Nun hatten auch die Männer gelernt, wieder mehr auf die Frauen zu hören. Gerade die Frauen waren es nun, die ganz entscheidend den Ton bei den Aufräumarbeiten angaben und über die nächsten Maßnahmen berieten. Nachdem die Stille den ganzen Planeten beruhigt hatte, wurde es wieder Frühling. Nach und nach kehrten Tierarten zurück, die schon als ausgestorben galten. Die Menschen begannen jetzt damit, das, was von der Erde geblieben war, in Ordnung zu bringen. Hautfarbe, Herkunft, Religion – das alles spielte keine Rolle mehr, denn alle wussten, dass sie nur gemeinsam überleben würden. „Wenn wir das hier schaffen und die dunklen Kräfte loswerden wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als endlich an einem Strang zu ziehen“, sagte jemand aus dem Ältestenrat. Alle nickten still. Niemand protestierte. Jetzt nicht mehr.

2021

Es wurden inzwischen viele Äcker auf natürliche Weise bewirtschaftet, Gebäude abgerissen und neue gebaut. Die neuen Gebäude waren aber nicht mehr so groß und grau, sondern überall gab es Gärten und begrünte Terrassen. Mobilfunkantennen waren demontiert worden und dafür pflanzte man Bäume an vielen, vielen Orten. Je mehr die Natur wieder ihren Raum zurückeroberte und die Menschen sich daran erinnerten, wie es einmal war und wieder sein würde, mit der Natur und nicht gegen sie zu leben, desto mehr kehrte auch die Sonne am Himmel zurück. Die Menschen hatten in der Not auch gelernt, Wasser und Strom zu sparen. Jedes Haus hatte nun eine eigene dezentrale Anlage als Energiequelle, die auf freier Energie basierte, für die es 2018 schon längst entsprechende Technologien gegeben hatte (…). Es gab nun auch ganz andere Berufe als vor 2018. Die Menschen machten wieder mehr mit ihren Händen. In jeder Gemeinschaft gab es einen Computer, der wechselseitig von allen genutzt werden konnte, wenn es sein musste. Doch eigentlich hatte kaum noch jemand Lust dazu. Die Menschen merkten, dass sie gar nicht so viel arbeiten mussten wie damals, 2018. Nun, wo all die gierigen Leute nicht mehr da waren, denen die Natur so lange Zeit egal gewesen war, wurde das Leben sehr viel entspannter. Die Menschen musizierten nun mehr und ruhten sich öfter aus.

Über die Jahre erblühten die Landschaften der Erde wieder. Bis alle Aufräumarbeiten erledigt sein würden, sollte es noch eine Weile dauern, aber durch das gemeinsame Anpacken waren schnell Ergebnisse zu sehen. Immer häufiger hörte man nun wieder lachende Kinder. Die Erwachsenen freuten sich darüber und konnten nun gar nicht mehr verstehen, wieso sie so viele Jahrzehnte nicht gemerkt hatten, in welche Richtung sich die Welt entwickeln würde. Doch nun endlich, nach den Jahrtausenden des Leidens, hatten sie erkannt, was sie alle miteinander verband. Die über so lange Zeit verlorene Stille war auch zurück. Und sie war nun immer da, wenn die Menschen sich danach sehnten.

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