Dexit – Was brächte uns ein Ausstieg aus der EU?

Im Gespräch mit Manfred Julius Müller

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Das Manager-Magazin schrieb bereits am 03.08.2015 in einem Beitrag mit dem Titel „Lasst uns aus dem Euro austreten, bevor Italien es tut“, dass die Idee mit der Währungsunion zu einem Bumerang für die europäische Idee geworden sei und das straffe Eurokorsett nicht dazu beigetragen hätte, Europa zu einen, sondern zum Gegenteil geführt habe. Die Bilanz des Projektes „Euro“ sei verheerend. Der Ruf nach einem Dexit ist also nicht wirklich neu.

Ohne über fundierte Kenntnisse in Bezug auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu verfügen, assoziiere ich mit dem Begriff „Währungsunion“ in erster Linie die Reglementierung durch das EU-Parlament in Brüssel, deren desaströse Folgen für die Agrarwirtschaft und viele andere Bereiche, den gigantischen Lobbyismus, horrende Vergütungen für EU-Abgeordnete, uferlose, oft irrsinnige Verordnungen, die Globalisierung und die Zentralisierung der Macht, insbesondere in Bezug auf die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB). Beim Thema „EU“ denke ich aber auch an Individuen wie Daniel Cohn-Bendit, zwielichtige Persönlichkeiten also, die sich jahrzehntelang auf Steuerzahlers Kosten als EU-Abgeordnete ein angenehmes Leben machen.

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Man halte sich vor Augen: In Brüssel arbeiten etwa 23.000 Kommissionsbeamte und ungefähr 20.000 Lobbyisten! Ein EU-Abgeordneter verdient im Schnitt zwischen 8.000 und 10.000 Euro – neben weiteren zu vermutenden Zuwendungen aus Lobbybüros. EU-Abgeordnete zahlen selbst keine Steuern. Zu welchen absurden Blüten viele der in Brüssel beschlossenen Verordnungen geführt haben, sehen wir allein im Bereich der Nahrungsmittel, aber auch in vielen weiteren Wirtschaftszweigen.

Könnte ein Ausstieg aus der EU für Deutschland, also ein Dexit, hilfreich sein und wenn ja, welche Konsequenzen und Chancen hätte das? Um mehr über das Thema Dexit zu erfahren, suchte ich im Internet nach entsprechenden Quellen und stieß auf die Seiten tabuthemen.com und http://www.politisches-lexikon.eu/, die der Unternehmer und Autor Manfred Julius Müller aus Flensburg mit vielen Informationen bestückt.

Aus seiner Feder stammen auch die Bücher „Das Kapital und die Globalisierung: Plädoyer für die Entmachtung des Kapitals und die Rückbesinnung zur Marktwirtschaft“, „Das Kapital und die Weltwirtschaftskrisen: Mit billigem Notenbankgeld und Währungsdumping aus der Krise?“, „Der Freihandelswahn: Der Niedergang der westlichen Welt durch den Zollabbau“, „Only Fair Trade: Die kapitalistische Reformation! 42 Thesen für eine gerechtere Welt!“, „Das Kapital und der Sozialstaat: Umverteilung bis zur Perversion? Wann kollabiert das Sozialsystem?“, „Raus aus der EU! Oder durchhalten bis zum Untergang?“ sowie „Die Kultivierung des Kapitals. Grundlagen für eine gerechtere Weltordnung“ und „Anti-Globalisierung. Zurück zur Vernunft!“. Allerdings sind die beiden zuletzt genannten Bücher nicht mehr lieferbar.

FRIEDA im Gespräch mit Manfred Julius Müller

FRIEDA: Wie kamen Sie als Unternehmer dazu, sich so intensiv mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen, dem Kapital und der Globalisierung zu beschäftigen?

(c) Manfred Julius Müller, tabuthemen.com sowie http://www.politisches-lexikon.eu/

Manfred Julius Müller: Bereits Anfang der 1980er Jahre registrierte ich in Deutschland einen schleichenden Niedergang der inflationsbereinigten Löhne und Renten. Es war schier unglaublich: Wie konnten die Erwerbseinkommen auf breiter Front sinken, wo doch die Produktivität aufgrund technologischer Fortschritte und zunehmender Arbeitsverdichtung ständig stieg?

Je intensiver ich mich mit der Materie auseinandersetzte, desto klarer wurde: Hauptursache des Negativtrends konnte nur der stete Zollabbau sein, der ein globales Lohn-, Steuer-, Umwelt- und Sozialdumping auslöste. So wurde ich mehr und mehr zum Globalisierungsgegner. Ab Ende der 1980er Jahre habe ich diesbezüglich warnende Abhandlungen veröffentlicht und dabei auch die bundesdeutsche Politikelite um Stellungnahme gebeten. Es hat aber leider wenig gebracht.

FRIEDA: So gesehen wäre dann ja die Idee von Donald Trump, die Zölle zu erhöhen, um die eigene Wirtschaft zu stabilisieren, richtig?

Manfred Julius Müller: Auf jeden Fall! Der Tag seiner Wahl zum Präsidenten war für mich ein absoluter Freudentag. Endlich gab es da jemanden, der das perfide System menschlicher Ausbeutung und Knechtung verstanden hatte. Jemand, der ausnahmsweise nicht auf die gehirnwäscheartige Dauerpropaganda der mächtigen Kapitallobby hereinfiel! Und dieser Jemand war nicht irgendein unbedeutender Parteisoldat, sondern der mächtigste Mann der Welt, der amerikanische Präsident.

Der globalen Kapitallobby (dazu zähle ich Konzerne, Spekulaten, Milliardäre, Pensionsfonds, Banken usw.) musste klar sein: Sollte Trump seine angekündigten Zollanhebungen durchsetzen, wäre es bald vorbei mit der einträglichen Abzocke, den abnormen Superrenditen. Warum? Weil dann die Staaten und Arbeitnehmer dieser Welt weniger erpressbar wären! Die Global Player könnten dann nicht mehr damit drohen, Fabriken ins Billiglohnland zu verlagern. Denn die auf diese Weise eingesparten Produktionskosten würden durch die Einfuhrzölle wieder aufgezehrt.

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Schon vom Ansatz her ist die vielgepriesene internationale Arbeitsteilung alles andere als effizient – sie ist im höchsten Maße kontraproduktiv – wegen des zusätzlich anfallenden Arbeitsaufwandes. Lange Transportwege, komplexe Lieferketten, aufwendige Qualitätskontrollen, Dolmetscher, Juristen erhöhen den Produktionsaufwand. Außerdem werden durch das Outsourcing erhebliche Risiken eingegangen in puncto Rechtsstaatlichkeit, Behördenwillkür, Patentverletzungen, Enteignungen, Produktfälschungen, Währungsschwankungen usw.

Allein das abnorme Lohndumping macht die internationale Arbeitsteilung aus Sicht der Markenhersteller doch noch rentabel.
Die Industriestaaten aber zahlen dabei in aller Regel mächtig drauf. Ihre industrielle Basis schrumpft, eine Branche nach der anderen stirbt förmlich aus – und die Erwerbseinkommen sinken trotz Verdoppelung der Produktivität. Leidtragende des Zollfreihandels sind aber auch die Entwicklungs- und Schwellenländer. Denn diese würden schneller vorankommen, wenn sie ihre im Aufbau befindlichen Volkswirtschaften über angemessene Zölle schützen könnten. Wie sollen sie eine eigene Industrie aufbauen können, wenn ihnen eine übermächtige Konkurrenz aus dem Ausland ständig im Nacken sitzt?

FRIEDA: Das klingt schlüssig und höhere Zölle wären dann beispielsweise ja auch für Afrika eine Lösung, ein Kontinent, dessen Rohstoffe seit langer Zeit ausgebeutet werden und der heute als eine der Müllkippen dieser Welt missbraucht wird. Trump wird hier ja in der Mainstreampresse recht einhellig als Vollpfosten dargestellt. Aber wenn er gegen die Globalisierung ist, wäre das ja genau das, was hier seit vielen Jahren auch Organisationen wie attac etc. anstreben. Warum wird das Thema mit den Zöllen hier so wenig angesprochen?

Manfred Julius Müller: Natürlich finde auch ich es nicht so toll, wenn Donald Trump übereilt Verträge aufkündigt und sich wie ein Poltergeist aufführt. Aber man darf nicht vergessen: Nie zuvor war ein amerikanischer Präsident derart täglichen Anfeindungen ausgesetzt. Diesen Druck muss man erst einmal aushalten können. Er provoziert geradezu eine Gegenwehr, eine Überreaktion. Wer ständig auf einen Hund einprügelt, darf sich schließlich auch nicht wundern, wenn dieser plötzlich ausrastet und zurückbeißt. Würde Trump auf seine geplanten Zollanhebungen verzichten, würden seine Gegner vermutlich viel friedlicher mit ihm umgehen, denn der Umgang mit dem Zoll ist der entscheidende Faktor der weltwirtschaftlichen Fortentwicklung. Er entscheidet über die Zukunft der Menschheit. Der Zollfreihandel ist Voraussetzung für die abnormen Gewinne des Großkapitals! Deshalb wird eine offene Debatte über das Thema vermieden. Deshalb werden Zollanhebungen als Protektionismus gegeißelt und als Abschottung verunglimpft.

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Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in den Medien (vor allem im Staatsfernsehen) prominente Politiker oder Wirtschaftsbosse den Nutzen des (Zoll)freihandels hervorheben. In dem Zusammenhang behaupten sie immer wieder, der Zollfreihandel sichere unseren Wohlstand. Was einfach nicht stimmt! Es sind ja nicht nur die Reallöhne und Renten, die selbst im Exportwunderland Deutschland seit 1980 gefallen sind. Auch bezüglich der Arbeitslosenzahlen sieht es düster aus. 1962 wurden bei uns 142.000 Erwerbslose gezählt, heute sind es trotz aller Bilanzierungstricks stattliche 2,4 Millionen (ohne Tricksereien wären es mindestens doppelt so viele).

Aber gegen die mediale, den Freihandel verherrlichende Dauerberieselung ist kein Ankommen. Selbst das Gros der Politiker fällt darauf herein. Organisationen wie attac haben da keine Chance; sie werden in der Öffentlichkeit nur als Exoten wahrgenommen. Wenn der Bundesbürger im Laufe des Jahres eintausendmal aus vermeintlich berufenem Munde hört, ohne Zollfreihandel drohe der Weltuntergang, nimmt er die wenigen Gegenstimmen doch gar nicht mehr ernst. Die Wahrnehmung in der Bevölkerung ist quasi immer ein Spiegelbild der medialen Propaganda. Wenn zum Beispiel Horst Seehofer in der Öffentlichkeit ständig kritisiert wird (ob zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt), dann ist es nur logisch, wenn auch seine Beliebtheitswerte abstürzen.

FRIEDA: Sehr bedenklich finde ich hingegen, dass Donald Trump eine Weltraumarmee einführen will, die so genannte „Space Force“ – als gäbe es keine sinnvolleren Investitionen, beispielsweise, um die Erde zunächst einmal in Ordnung zu bringen. Und nebenbei bemerkt: Der Mangel an Kompetenz scheint mir in der Politik ein generelles Problem zu sein. Der eklatante Fachkräftemangel in der Politik wird leider kaum öffentlich thematisiert, was nicht weiter überrascht. Eher kommt mir die Politik vor wie ein Sammelbecken für Postenjäger und Trittbrettfahrer, doch anscheinend stört das kaum jemanden so wirklich. Doch zurück zur Globalisierung. Deren Schattenseiten, besonders für die so genannten Schwellenländer, wird seit vielen Jahren kritisiert, unter anderem eben von Organisationen wie attac und von Jean Ziegler (Soziologe, Politiker, Autor und prominenter Globalisierungskritiker). Welche Rolle spielt die EU bei der Globalisierung?

Manfred Julius Müller: Wesentlicher Bestandteil der EU ist der Binnenmarkt, also der Zollfreihandel. Und der ist innereuropäisch genauso schädlich wie außereuropäisch. Auch innerhalb der EU haben Staaten mit schwacher industrieller Basis keine echte Chance, ihre Rückschritte rasch aufzuholen. Ohne wirksame Zölle ist die ausländische Konkurrenz einfach übermächtig. Wie soll zum Beispiel ein heimischer Schuhfabrikant klarkommen, wenn ausländische Billigimporte eine faire Kalkulation von vornherein unmöglich machen? Griechenland zum Beispiel könnte sogar eigene Autos fabrizieren, würden Importwagen mit einem saftigen Zoll belegt. Dann würden sich auch internationale Autokonzerne darum reißen, in Griechenland entsprechende Produktionsstätten zu errichten.

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Was die fachliche Qualifikation unserer Bundespolitiker betrifft: Ich denke schon, dass die große Mehrheit der Abgeordneten integre Absichten verfolgt. Leider führt aber das politische Auswahlverfahren so manches Mal zu Fehlbesetzungen. Von der Parteibasis werden in der Regel Persönlichkeiten aufgestellt, die besonders redegewandt sind, sich durchsetzen können und eine schnelle Auffassungsgabe haben. Die fachliche Befähigung kommt dabei häufig zu kurz.

Ich schätze, dass 98 % der Bundestagsabgeordneten die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht wirklich verstehen, auch weil inzwischen alles so furchtbar kompliziert und miteinander verwoben ist. Diese fachlichen Laien folgen dann notgedrungen den Empfehlungen ihrer Partei, die sich wiederum auf ihre wenigen Experten verlässt. Bundesminister sind heute meist auch nur noch Manager, die sich auf die Kompetenz ihrer Untergebenen verlassen.

FRIEDA: Was die Integrität der Mehrheit unserer Politiker angeht, sehe ich das pessimistischer als Sie. Informationen über Mitgliedschaften in „elitären“ Clubs unserer Politiker sind heute oftmals nicht einmal mehr geheim. Unter Integrität verstehe ich zumindest nicht, Mitglied in irgendeinem „Club“ zu sein und sich dann als Volksvertreter üppig bezahlen zu lassen. Beispiel: Welches Unternehmen würde eine Psychologin als Bilanzbuchhalterin einstellen? Welches Öko-Institut eine Frau mit abgebrochenem Studium der Theaterwissenschaften? Die Bremer Finanzsenatorin Karoline Linnert (Bündnis 90/Die Grünen) ist von Haus aus gelernte Röntgenassistentin und Psychologin. Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) hat zwei Semester Theaterwissenschaften studiert, dann eine steile Karriere in der Politik hingelegt. Wir haben es in der Politik aus meiner Sicht, ob auf kommunaler, nationaler oder internationaler Ebene, mit einer Horde von Opportunisten zu tun, die sich auf Kosten der Allgemeinheit als „Akteure“ (Schauspieler) ein bequemes Leben machen. Solche Leute finden sich natürlich auch in den anderen Parteien en masse. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch integre Politiker gibt, die ihr Bestes geben und die auch ehrlich sind, doch was vielen Menschen noch nicht klar sein dürfte: Ohne Zugehörigkeit zu entsprechenden „elitären“ Clubs oder ohne andere „Beziehungen“ schafft es kaum ein Politiker in eine Machtposition. Schon 2013 schrieb Benedikt Gradl in einem Beitrag in der Welt, aus welchen Berufsgruppen sich der Bundestag – seinerzeit – zusammensetzte. Darin steht: „Aber auch die Zusammensetzung des Bundestags nach Berufen hat sich deutlich verändert. Von den 630 Abgeordneten kommen 149 Beamte und Angestellte aus dem öffentlichen Dienst, also Lehrer, Polizisten oder Verwaltungsmitarbeiter. Sie stellen fast ein Viertel der Abgeordneten. Gemessen an den insgesamt rund 41 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland, von denen sie rund elf Prozent ausmachen, ist der öffentliche Dienst also stark vertreten.

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Wir erinnern uns: Beamte und Berufspolitiker (Abgeordnete) zahlen keine Beiträge in das Rentensystem ein! Wenn sie in den Ruhestand gehen, haben sie aber kaum Einbußen bei ihrer Pension.

Ich denke da auch an die jüngst ans Licht gekommenen Verquickungen zwischen Ursula von der Leyen und der Beraterfirma Mc Kinsey, in der einer ihrer Söhne eine federführende Position innehat. In dem Buch „Beraten und verkauft“ geht der Journalist Thomas Leif näher darauf ein. Und maximal räumen diese Leute dann öffentlich Fehler ein, wenn der mediale Druck größer wird; zur Verantwortung gezogen werden sie meistens nicht. Und wirkliche Konsequenzen hat ihr Verhalten eben auch nicht. Es ist vielleicht ein bisschen so wie in der Schule: Da gibt es ein paar Anführer mit einer großen Klappe und einen Haufen Mitläufer. Demokratie ist das für mich nicht. Warum sich die „etablierten Parteien“ so vehement gegen Volksabstimmungen sträuben, lässt sich also ahnen. Doch zur nächsten Frage: Welche Rolle spielt der Euro in dem ganzen Gefüge?

Manfred Julius Müller: Die Einführung des Euro war meines Erachtens das Dümmste, was man überhaupt hätte machen können. Jedes halbwegs souveräne Land braucht als Regulator eine eigene Währung, die entsprechend seiner wirtschaftlichen Stärke auf- und abgewertet werden kann. Ohne Not wurde dieses grundsätzliche marktwirtschaftliche Prinzip aufgegeben. Wenn es nicht gelingt, diese Fehlkonstruktion beizeiten zu beenden und eine geregelte Rückabwicklung einzuleiten, wird es früher oder später zu einem unkontrollierten Crash kommen. Auf Dauer lässt sich der Euro ohne Schaffung eines Einheitsstaates (mit gleichen Löhnen, Steuern, Gesetzen) nicht halten.

FRIEDA: Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit „Einheitsstaat“? Oder anders gefragt: Wieso wird derzeit massiv versucht, einen europäischen Einheitsstaat zu schaffen, ein Konzept, gegen das sich ja Staaten wie Ungarn und nun auch Italien entschieden zur Wehr setzen?

Manfred Julius Müller: Weil der Euro nur funktionieren kann, wenn der gesamte Euroraum zu einem „echten Nationalstaat“ mutiert. Die alten Euro-Staaten müssten sich also auflösen und zu einer neuen Einheit verschmelzen, man müsste sich auf eine Zentralregierung, und langfristig gesehen auch auf eine Amtssprache, einigen. Die alten Nationalstaaten hätten dann nur noch den Status heutiger Bundesländer.

Der Wunsch nach einem solch tiefgreifenden Wandel ist aber nirgends mehrheitsfähig. Er ist und bleibt somit eine Utopie. Und der Euro ist das Produkt dieser Utopie. Der Euro ist das Werk von Phantasten, die einen Einheitsstaat mit Gewalt erzwingen wollten und sich in ihrem Machtrausch ohne Rücksicht auf Verluste über alle Regeln der Vernunft hinweggesetzt haben.

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FRIEDA: Nun verstehe ich diese Zusammenhänge besser. Darum wird nun auch so viel daran gesetzt, die EU zu retten, wobei es allerdings wieder einmal nur um Bankenrettung gehen dürfte. Welche Konsequenzen ein „Europäischer Nationalstaat“ für die Souveränität einzelner europäischer Länder hätte und welche auf die Freiheit der Bevölkerung, lässt sich ahnen. Venezuela will nun den US-Dollar ja nun durch den Euro, den Yuan und andere Währungen ersetzen. Was halten Sie denn davon?

Manfred Julius Müller: Ich wüsste nicht, was sich dadurch groß verändern würde. Venezuela hat es in der Vergangenheit versäumt, seine eigene Wirtschaft über Zölle wirksam zu schützen. Deshalb ist dort alles den Bach runtergegangen. Man hat hauptsächlich von den Ölexporten gelebt und sich dabei auch noch verschuldet. Venezuela ist heute nicht einmal mehr in der Lage, sich eigenständig zu ernähren.

Um wieder auf die Beine zu kommen, bedarf es einer intelligenten Zollpolitik (hohe Zölle auf alle Luxusgüter) und die Schaffung einer vertrauenswürdigen eigenen Währung. Das bedingt natürlich eine verlässliche Rechtsstaatlichkeit und die Eindämmung der Korruption und Vetternwirtschaft.

FRIEDA: In ihrem Buch „Wir schaffen das alleine“, Untertitel „Warum kleine Staaten einfach besser sind“ schreiben Andreas Marquart und Philipp Bagus, dass kleine Staaten ihren Bürgern stets mehr Nutzen, wirtschaftlichen Erfolg und Freiheit brächten als große Staatsgebilde, wie etwa die Europäische Union. Großstaaten tendierten zum Zentralismus und stünden nationaler Autarkie im Wege. Das wiederum führe zu mehr Eingriffen in die Rechte der Bürger und die wirtschaftliche Freiheit. Interventionen des Staates in allen möglichen Lebensbereichen (Familie, Bildung, Wirtschaft usw.) nähmen dann zu und genau das erleben wir ja gerade, obwohl nahezu in jedem Parteiprogramm steht, man sei für mehr Freiheit! Doch das Gegenteil geschieht!

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Kleinstaaten hingegen sind also effizienter und könnten auch eher bürgerliche und wirtschaftliche Freiheiten gewährleisten. Beispiele dafür gibt es genug. Die Argumentation der Autoren des erwähnten Buches klingen plausibel und doch findet auch sie in den Medien vergleichsweise wenig Widerhall. Warum gehört eine öffentliche Diskussion über einen möglichen Dexit Ihrer Ansicht nach auch zu einem Tabuthema?

Manfred Julius Müller: Nach den verheerenden Auswirkungen des 2. Weltkrieges entstand die Vision von einem vereinigten Europa. Führende europäische Staatschefs fühlten sich dieser Idee verpflichtet, auch in der Hoffnung, damit einfürallemal Frieden zu schaffen.

Inzwischen hat sich diese Idee aber verselbständigt, die bürokratischen EU-Institutionen haben immer mehr Macht erhalten. Es haben sich Abhängigkeiten gebildet und alles ist miteinander verwoben und verstrickt. Bei einem solchen Szenario ist an eine Auflösung der EU kaum zu denken. Vor einer solchen Herkulesaufgabe schreckt jeder Staatschef und jeder Parlamentarier zurück. Deshalb wird die EU als unabdingbar dargestellt.

Dabei haben sich inzwischen die einstigen Beweggründe ihrer Gründer weitgehend aufgelöst. In unserem aufgeklärten Atomzeitalter ist, auch angesichts der Nato, ein großer Krieg in Europa kaum mehr vorstellbar. Die EU bietet da keine zusätzliche Sicherheit. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein, denn heutzutage muss Deutschland in weit entfernten Kriegs- und Krisengebieten aufmarschieren.

Ob kleine Staaten effizienter sind als große wage ich zu bezweifeln. Entscheidender scheint mir die Homogenität eines Landes zu sein – das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerung, ein gesundes Maß an Nationalbewusstsein und natürlich eine einheitliche Landessprache, ein einheitliches Lohnniveau, einheitliche Steuern und Gesetze.

Mit Gewalt (und ohne Volksabstimmungen) ließe sich womöglich ein europäischer Einheitsstaat durchsetzen (die „Vereinigten Staaten von Europa“), ließen sich Steuern, Löhne und Gesetze vereinheitlichen. Eine solch verordnete Union wäre aber auf Sand gebaut. Weil es nicht gelingen würde, sich auf eine allgemeine Landessprache zu einigen und ein homogenes Nationalbewusstsein zu schaffen. Die oft tausendjährige Geschichte der europäischen Völker lässt sich nicht so einfach über Bord werfen.

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FRIEDA: Das sehe ich etwas differenzierter. Wer ein Interesse daran hat, dass Deutschland in „weit entfernte Kriegs- und Krisengebiete einmarschiert“, steht auf einem anderen Blatt. Mein Interviewpartner Wolfgang Aurose, Ethnologe und Historiker, antwortete in dem Beitrag „Identität und Evolution“ auf meine Frage, welche Konsequenzen noch mehr Zentralisierung der Macht („Vereinigte Staaten von Europa“) haben könnten und ob eine Art Konföderation im Sinne von „Allianzen von Nationalstaaten“ nicht sinnvoller wäre, Folgendes: „Für das Bild einer integralen Weltgemeinschaft ist die Idee einer Konföderation in der Tat naheliegend. Es geht bei allen Nationen um deren freie Entwicklung hin zur seelischen Identität. Wenn das, etwa durch eine installierte NWO, durch Zwang ersetzt wird, wird es explodieren und zu Chaos führen. Europa können wir da durchaus als Übungsfeld betrachten. Nur wenn man den europäischen Ländern Freiheiten lässt, können sie und ihre Regionen lebendig bleiben und sich selbst organisieren. Eine weitere große Gefahr der NWO wäre, dass durch die Schattenaspekte des rationalen Zeitalters (Verordnungen, Paragraphen, Bürokratie etc.) Identitäten immer mehr missachtet würden. Das führt zu noch mehr Kontrolle. Es ist aber wichtig, das Schicksalhafte der seelischen Ebenen anzuerkennen. Alles andere wäre Abwehr. Wir sehen gerade, wie nicht wenige Linksliberale, die sich als Wächter verstehen, sich selbst als traumatisiert bloßstellen, wenn sie den Sehnsuchtsanteil der Nationen leugnen wollen und damit nichts zu tun haben wollen. Das führt zu einem reduzierten, nicht lebensfähigen Gebilde. Im Ergebnis wäre weder ein nationalsozialistischer rechter noch ein sozialistischer linker Ansatz heilsam, denn beide Seiten spalten Teile ab. Das hat mit Integration nichts zu tun.“

Was bräuchte es denn, um einen Drexit schrittweise voranzubringen?

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Manfred Julius Müller: Es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Für Deutschland wäre es am einfachsten und schnellsten, dem britischen Beispiel zu folgen und dabei die Erfahrungen der Briten zu nutzen. Dann wäre das Thema in einigen Jahren durch, zumal es hier, anders als in Großbritannien, keine regionalen Probleme gibt (Irland, Schottland).

Ein von der EU-Bürokratie und dem Zollzölibat befreites Deutschland würde wirtschaftlich schnell genesen und erstarken. Die These „Der EU und dem Euro verdanken wir unseren Wohlstand“ würde als blanker Unsinn entlarvt. Deshalb würden schon bald andere EU-Staaten nachziehen und ebenfalls aus der EU austreten wollen. Die EU würde schließlich zerfallen, auch weil die zahlungskräftigen Geberländer dann fehlen würden.

Als Alternative zum Dexit wäre natürlich auch eine generelle Auflösung der EU denkbar. Man würde dann zunächst den Euro abschaffen, danach das Schengener Abkommen aufheben und wieder nationale Grenzen errichten. Anschließend würden die Freihandelszonen aufgekündigt, die Subventionen gestrichen und zigtausend Brüsseler Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt. Im Prinzip wäre eine allgemeine Rückabwicklung der EU aufrichtiger und anständiger. Doch sie wird wegen der unterschiedlichen nationalen Eigeninteressen kaum zu bewerkstelligen sein und würde sich ewig hinziehen.

Als weitere Option wäre ein allmählicher Rückbau der Europäischen Union vorstellbar, so wie manche Softies es sich vorstellen („Wir brauchen nicht mehr sondern weniger Europa!“). Doch ein solches Unterfangen dürfte kaum zielführend sein. Denn mit ein wenig Beschneidungskosmetik ist es nicht getan. Welche „Errungenschaften“ der EU sind denn wirklich erhaltenswert? Da fällt dem neutralen Beobachter doch kaum etwas ein.

Es gibt noch andere mögliche Szenarien. Man stelle sich nur vor, die Schulden- und Währungsunion würde mit einem lauten Knall zusammenbrechen. Dann wäre sicher auch die EU nicht mehr zu halten. Der Druck der von der EU enttäuschten Bürger wäre übermächtig. Und was wäre, wenn nicht Deutschland sondern Italien als nächster Staat aus der EU ausscheiden würde? Dann würde sicher auch ein allgemeiner Auflösungsprozess einsetzen. Wie auch immer man es dreht und wendet – ich halte es für unwahrscheinlich, dass in dreißig Jahren der Euro und die EU noch existieren. Denn marktwirtschaftliche Gesichtspunkte und Kräfte wird man auf Dauer nicht ausschalten und ignorieren können.

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FRIEDA: Sie schreiben auf Ihrer Seite ferner, der „schleichende Niedergang der alten Industrienationen“ müsse kein unabwendbares Schicksal sein. Wäre eine sukzessive Entwicklung in Richtung mehr Landwirtschaft, also in Richtung „Wertschöpfung durch Anbau von Lebensmitteln im Sinne von gelebtem Gemeinwohl“ nicht mittelfristig ohnehin für den Planeten förderlicher als das, wozu die Industrialisierung seit deren Beginn Mitte des 19. Jahrhunderts führte? Ich denke da auch an das Beispiel Buthan. Dort wurde schon im 18. Jahrhundert dem Bruttoinlandsglück der Bevölkerung klare Priorität als politisches Ziel eingeräumt. In seinem Film „Bhutan 26° 28° N – Königreich im Himalaya“ sagt Stefan Erdmann eingangs: „Dieses Land scheint sich mit seiner vielfältigen und faszinierenden Natur selbst genug zu sein (…). In der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen Bhutans befindet sich so unglaublich viel Liebe, wie man sie sich für die gesamte Welt wünscht“. https://vimeo.com/198988604

Wäre ein „Königreich Deutschland“ in Anlehnung an das Königreich Bhutan vielleicht eine gute Idee oder welche Staatsform wäre Ihrer Ansicht nach zielführend?

Manfred Julius Müller: Ich bin mit unserer Staatsform recht zufrieden. Würde sich Deutschland (und die Menschheit ganz allgemein) über Zölle vom globalen Unterbietungs- und Leistungsdruck abkoppeln, würde sich unsere Gesellschaft ohnehin stark verändern. Dann könnten zum Beispiel endlich auch echte Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt werden. Mehr Freizeit statt mehr Konsum scheint mir schon aus ökologischer Sicht erstrebenswert.

Das allgegenwärtige System des Freihandels macht ja alles andere als frei. Der gepriesene Freihandel führt schnurstracks in die Abhängigkeit, nämlich in eine Export- und Importabhängigkeit. Das Wort „Freihandel“ ist eigentlich ein Fake; es verklärt die Tatsachen. Ohne Freihandel (ohne internationalen Konkurrenzdruck) könnte auch die anstehende Digitalisierung der Wirtschaft keine große Sorgen bereiten. Ohne Zollfreihandel bestimmt jede Gesellschaft weitgehend selbst, wie sie mit dem Fortschritt umgehen will, was sie zu leisten bereit ist, was ihr soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Lebensqualität wirklich bedeutet.

FRIEDA: Vielen Dank für Ihre aufschlussreichen Antworten.

Anmerkungen: Der Journalist Thomas Leif, Autor des Buches „Beraten und verkauft“ und Gründer vom „Netzwerk Recherche„, ist im September 2017 gestorben. Einen Nachruf auf ihn veröffentlichte auch die taz: http://www.taz.de/!5475377/

Auf der Seite von Roland Baader sind mehrere seiner Veröffentlichungen inzwischen auch als pdf: http://www.roland-baader.de/bucher-2/

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