Der mit den Golfern tanzt…

Ein Gespräch mit Oliver Heuler

Unterricht mit Sohn Josh
(c) Oliver Heuler

Bis auf verschwindend geringe Erfahrungen beim Minigolf in den 70er Jahren auf einem Campingplatz in Ostfriesland war der „richtige“ Golfsport für FRIEDA immer etwas, das weit entfernt von der eigenen Lebensrealität angesiedelt war. Etwas, das irgendwelche versnobten Leute spielten, um untereinander ihre Krokodil-Shirts und Markenuhren zu präsentieren. Aber so ist das eben mit den Vorurteilen. Dass Golf etwas sein könnte, das im besten Falle zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt und womöglich spirituelle Aspekte hat, hätte damals nicht annähernd in FRIEDAs Vorstellungswelt gepasst. Doch dank Oliver Heuler ist das inzwischen nicht mehr so.

Oliver Heuler ist Golflehrer. Er wurde 1967 in der Schweiz geboren und lebt heute mit seiner Familie in Waren, Mecklenburg-Vorpommern. Er hat ein Dutzend Bücher geschrieben und viele Videos gedreht. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg. Dessen Theorie des Gewaltverzichts in persönlichen Konflikten hat Oliver Heuler auf die Gesellschaft übertragen und so bezeichnet er sich selbst als Anarchist (Anarchie = Herrschaftsfreiheit). Neben Lehrvideos zum Golfen gibt es auf seinem YouTube-Kanal auch einen Clip mit dem Titel „Warum Gott das Golfspielen erfand“.

FRIEDA im Gespräch mit Oliver Heuler

(c) Oliver Heuler

FRIEDA: Wie sind Sie eigentlich selbst „auf den Golf“ gekommen?

Oliver Heuler: Ich bin in Düsseldorf zur Schule gegangen und dort gab es im Hafen den ersten öffentlichen Golfplatz, den die Stadt betrieb. Auf der Lausward konnte man als Schüler für 5 DM 18 Löcher spielen. Diesen Platz habe ich mit 16 entdeckt und weil das Golfspiel viel anspruchsvoller ist als alle anderen Sportarten, die ich bis jetzt betrieben habe (über 30), bin ich noch heute dabei.

FRIEDA: Und warum hat Gott das Golfspielen erfunden?

Oliver Heuler: Der Titel des Videos ist natürlich augenzwinkernd gemeint. Ich glaube nicht an einen Gott. Aber in dem Video behaupte ich, dass Gott das Golfspielen erfunden hat, damit die Golfer sich als Menschen schneller weiterentwickeln können. Tatsächlich fangen nämlich einige mit dem Golfspielen an, weil sie glauben, man könne so am schnellsten Kontakte zu den Schönen, Reichen und Mächtigen knüpfen. Und dann stellen sie fest, dass das Schlagen des Balles viel schwieriger ist als sie gedacht haben, aber auch viel unterhaltsamer. Jetzt beginnt ein lebenslanger Wechsel zwischen Lust und Frust. In den Frust-Phasen kann man sich selbst besser kennen lernen und mit etwas Anleitung die eigenen Grenzen auch überschreiten. Darüber habe ich ein Buch geschrieben. Es heißt „Jenseits der Scores“ und eignet sich nicht nur für Golfer.

FRIEDA: Recherchiert man über Sie im Internet, entsteht der Eindruck, dass Sie, wie eingangs schon erwähnt, viel über Gelingen oder Scheitern des menschlichen Miteinanders sinniert haben und somit auch über das, was es offenkundig so schwierig erscheinen lässt, in Frieden zusammen zu leben. Das Thema Gewalt, das ja auch eng an „Macht und Kontrolle“ gekoppelt ist, scheint Sie dabei besonders zu beschäftigen. Worauf führen Sie zurück, dass es auf der Welt immer noch so viel Gewalt gibt und sich anscheinend vergleichsweise wenige Menschen über die tieferen Ursachen davon Gedanken machen, sondern  – wenn überhaupt – nur versucht wird, die Symptome „irgendwie zu bekämpfen“?

Gewalt
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Oliver Heuler: Vorab: Ich gehöre nicht zu den Kulturkritikern oder Retro-Romantikern, die glauben, früher war alles besser. Ich sehe einen klaren Trend in Richtung weniger Gewalt. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich das Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ von Steven Pinker.

Aber natürlich kann man versuchen, die Gewalt weiter zu reduzieren. Am besten in seinem eigenen Leben. Oft wird leider versucht, die Gewalt der anderen zu reduzieren, und das ist dann auch nur wieder Gewalt. Rosenberg hat ja die Giraffe als Symbol der Gewaltfreiheit gewählt und der Wolf ist in seinen Rollenspielen immer der Repräsentant der Gewalt. Ein Schlüsselsatz lautet jedoch: Wer in anderen den Wolf sieht, ist selbst der Wolf. In diesem Video erklärt Rosenberg es selbst.

Und nun zu den Ursachen: Ich denke, alles beginnt mit der Erziehung. Weltweit erziehen Eltern ihre Kinder mit zumeist edlen Motiven, häufig aber fatalen Wirkungen. Kinder kennen auf Freiheitsbeschränkungen nämlich nur zwei Reaktionen: Unterwerfung oder Rebellion. Nach anfänglicher Unterwerfung stauen sich Wut und Frustration. Irgendwann entsteht eine scheinbar völlig unangemessene Reaktion: Das Kind schreit, schlägt, stiehlt, mobbt, lügt, zerstört – und das, ohne selbst genau zu wissen, warum es sich so verhält. Jetzt können die Eltern dem Kind ein schlechtes Gewissen machen und haben damit noch eine nachträgliche Rechtfertigung für ihre Freiheitsbeschränkungen. Nach genügend ähnlichen Fällen kommt das Kind selbst zu der Überzeugung, dass es einen schlechten Kern hat, der offensichtlich präventiv im Zaume gehalten werden muss. Es schließt von sich auf alle anderen und so wird auch dieses Kind später seine Kinder bevormunden, vor sich selbst beschützen und mit den besten Absichten versuchen, es zur Tugendhaftigkeit zu erziehen. Das ist der Teufelskreis des Misstrauens, der eine Gesellschaft ohne Gewaltmonopol zielsicher verhindert.

FRIEDA: Haben Sie auch eine Idee für einen Ausweg?

Oliver Heuler: Jeder kann durch eigene Versuche die Erfahrung machen, dass man Menschen grundsätzlich vertrauen kann. Auch Kindern. Menschen sind nämlich weder Engel noch Teufel. Und jeder kann das an sich selbst beobachten: Je nachdem, wie man uns begegnet, zeigen wir unsere beste oder schlechteste Seite. Es ist dabei hoffnungsstiftend und tragisch zugleich, dass Vertrauen und Misstrauen die Tendenz haben, sich zu bestätigen: Vertrauen wir unserem Gegenüber und machen wir uns dadurch verletzlich, entsteht in ihm eine Selbstverpflichtung, dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Misstrauen wir unserem Gegenüber vor jeder Erfahrung, sinkt dessen Wohlwollen in gleichem Maße und wahrscheinlich werden wir unser Misstrauen am Ende gerechtfertigt sehen. Die Fesseln der eigenen Kinder zu lösen, erfordert allerdings Mut. Zumal sich beim Kind ein Berg von negativen Erfahrungen nach einer kleinen Geste nicht gleich in Luft auflöst. Aber mit etwas Geduld wird der Prozess irgendwann selbstverstärkend und die Spirale des Misstrauens und der Gewalt ist gebrochen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Eltern und Kinder, um Lehrer und Schüler, um Chefs und Mitarbeiter oder Politiker und Bürger handelt.

FRIEDA: In einem anderen Kontext haben Sie in einem Interview gesagt, wenn der Staat die Bürger dazu zwingt, Steuern zu zahlen, sei das eine Form von Gewalt, sofern der Bürger keine Steuern zahlen will. Ein Großteil der Steuern und Zwangsabgaben, die uns gegenwärtig auferlegt werden, dürfte ohnehin überflüssig sein, wenn es eine andere Verteilung gäbe. Es würde den Rahmen sprengen, hier zu sehr ins Detail zu gehen, aber eine Nation ganz ohne Steuerzahlungen erscheint doch unmöglich oder welche Ideen haben Sie dazu?

Oliver Heuler: Uns wurde beigebracht, dass Dinge wie Rechtsprechung, innere und äußere Sicherheit, nur von einem Gewaltmonopolisten übernommen werden können: dem Staat. Und bei einer Demokratie soll der Vorteil darin bestehen, dass wir Einfluss auf die Stellenbesetzung haben und uns sogar selbst zur Wahl stellen können. Die Demokratie setzt dem Politiker jedoch die falschen Anreize. Damit er gewählt wird, muss er große Versprechungen machen, und damit er wiedergewählt wird, muss er Geschenke verteilen. Die Finanzierung kann er durch Verschuldung auf seine Nachfolger verschieben. Das kann nur schief gehen.

FRIEDA: Womit aber noch nicht beantwortet ist, wovon in einer Anarchie Kosten für Investitionen bestritten werden sollen, von denen die Allgemeinheit profitiert. Ich weiß, das Beispiel „Autobahnbau“ kommt nun gerade gar nicht gut, aber auch Landstraßen müssen mal neu asphaltiert werden. Wer zahlt das dann, wenn niemand Steuern zahlen will?

Oliver Heuler: Die Frage nach den Straßen kommt in Diskussionen über Anarchie tatsächlich oft als erstes; deshalb habe ich die gleich in der ersten Folge meiner Kindersendung ohne den Wolf beantwortet.

In einer Welt ohne Staat wären alle Straßen privat und man müsste eine Maut bei der Benutzung zahlen. Wenn mir nun zufälligerweise ein kleines Stück Straße gehören sollte, dann rechnete es sich natürlich nicht, dort ein aufwendiges elektronisches Mautsystem zu installieren. Ich würde die Straße wahrscheinlich einem größeren Konsortium verpachten, das dann ein ganzes Wegenetz verwaltet, in dem sich die Installation von Mautsystemen rechnet. Man würde also bei jeder Straßenbenutzung bezahlen müssen. Die Gebühren wären in der Regel jedoch nicht sehr hoch. Aber sie wären abhängig von der Nachfrage. Und das hätte eine Menge Vorteile. Heute zahlt jeder Mineralölsteuer proportional zu den gefahrenen Kilometern, unabhängig davon, welche Straße er zu welcher Zeit benutzt. Privat würde das natürlich niemand so organisieren. Auf einem Markt bestimmt bei einem gegebenen Angebot die Nachfrage den Preis. Die Nutzung von wenig befahrenen Landstraßen wäre sehr billig: Wer jedoch zur Stoßzeit durch die Stadt fahren will, müsste deutlich mehr bezahlen. Auch die Autobahnen wären zur Urlaubszeit vergleichsweise teuer. Damit würden Staus der Vergangenheit angehören. Auch nach Unfällen würden die Straßen schneller geräumt, denn im Gegensatz zum Staat hat ein privater Betreiber ein großes finanzielles Interesse daran, dass die Leute seine Straßen nicht umfahren werden. Wer sich trotzdem zu den teuren Zeiten bewegen will, kann Fahrgemeinschaften, Busse und Bahnen nutzen, die dann mehr nachgefragt und privat sicher kundenfreundlicher und pünktlicher betrieben würden. Es würde sich sicher auch eine Menge des Güterverkehrs, der derzeit zu 70 Prozent auf der Straße stattfindet, auf Bahn und Schiff verlagern, denn das Betreiben eines Speditions-LKW würde wahrscheinlich zu teuer; zumindest wenn er sich hauptsächlich tagsüber auf Autobahnen bewegt.

England lieferte bereits im 18. Jahrhundert ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen einem staatlichen und einem privaten Verkehrsnetz: Die öffentlichen Straßen waren schlecht gebaut und schlecht erhalten. Sie hätten niemals die industrielle Revolution ermöglichen können. Tatsächlich errichteten private Straßengesellschaften seit 1706 ein großes Netz, um das England von der ganzen Welt beneidet wurde. An speziellen Toren wurde eine Maut erhoben, mit der sich die Straßen refinanzierten. Und weil alle davon profitierten, verbanden sich die Straßengesellschaften miteinander, um ein effizientes Straßennetz für das gesamte Land zu schaffen. Zwischen 1800 und 1830 entstand in den nordöstlichen Staaten Amerikas auf die gleiche Weise ein große Straßennetz. Und auch hier zeigte sich, dass private Erbauer und Eigentümer dem Staat weit überlegen waren.

FRIEDA: Anm.: Die Idee, nach den Straßen zu fragen, war echt suboptimal…! :-O Themawechsel: Sie bezeichnen sich auf Ihrer Internetseite als Anarchist. Anarchie lehnt jede Herrschaftsform und jegliche Art von Hierarchien als Form der Unterdrückung von Freiheit ab. Ist das nicht sehr weltfremd?

Oliver Heuler: Ich bin so realistisch, zu erkennen, dass so eine Form des Zusammenlebens Zukunftsmusik ist. Aber selbst, wenn in meinem Leben keine post-demokratische Gesellschaft mehr genossen werden kann, so wäre es doch weltfremd zu denken, dass mit der Demokratie das Ende der Geschichte erreicht sei. Dafür sind die Probleme zu offensichtlich. Im Moment denken die meisten halt nur über verbesserte Formen der Demokratie nach oder hoffen auf bessere Politiker. Ich versuche da noch radikaler heranzugehen und suche nach Lösungen „outside the box“. Herrschaftsfreiheit kann man ja auch nicht einführen, denn dann wäre es keine. Erst wenn eine kritische Masse der Menschen aus der Demokratie herausgewachsen ist, wird etwas Neues entstehen.

FRIEDA: Haben wir Menschen, die wir ja durch unterschiedlichste Prägungen, Konditionierungen, womöglich traumatische Erfahrungen, familiensystemische Verstrickungen, diverse religiöse, kulturelle, geografische und sonstigen Einflüsse beeinflusst sind, überhaupt einen bewussten freien Willen oder werden wir nicht viel entscheidender über unser Unterbewusstsein gesteuert?

Oliver Heuler: Ich glaube nicht daran, dass ein Mensch in einer ganz konkreten Situation so und auch anders entscheiden kann. Dann stünden wir jenseits des Prinzips von Ursache und Wirkung. Als Sie mich fragten, ob ich dieses Interview mit Ihnen machen will, da hatte mein Gehirn – bedingt durch Gene und Erfahrungen – einen ganz bestimmten Zustand mit ganz bestimmten Verknüpfungen und mit denen war die Antwort klar. Mein Gehirn gaukelt mir dann vor, ich könne mich frei entscheiden, aber die Entscheidung kam erst vom Gehirn und dann kam in meinem Bewusstsein das Gefühl auf, dass ich mich entscheide.

FRIEDA: Und wenn Sie jemanden umbrächten, dann träfe Sie keine Schuld?

Oliver Heuler: Ja, das ist die große Angst aller, wenn man den freien Willen in Frage stellt. Ich bin auf jeden Fall für meine Handlungen verantwortlich. Wer auch sonst? Und wenn ich eine Gefahr für die Gesellschaft darstelle, dann werde ich zu Recht ein- oder ausgeschlossen. Wenn man meine deterministische Haltung allerdings verinnerlicht hat, dann denkt man nicht mehr in den Kategorien von gut und böse. Wie soll ich auf jemanden sauer sein, der etwas getan hat, was er nicht frei gewählt hat? Das ist allerdings kein Fatalismus. Ich werde ja immer noch aus den Handlungen der anderen lernen und zum Beispiel jemandem mit mehr Vorsicht begegnen, wenn er mich schon mal angegriffen hat. Ohne Wut über ein vorsätzlich böses Vorgehen des anderen kann man sogar viel besonnenere und klügere Schlussfolgerungen ziehen.

FRIEDA: (Sofern man dann überhaupt noch Entscheidungen treffen kann, denn wenn jemand einen umbringen will und das schafft, dürfte es mit besonnenen Schlussfolgerungen auch vorbei sein.) Was verstehen Sie eigentlich unter Spiritualität?

Oliver Heuler: Um darauf Antworten zu finden, bin ich eine Weile etwas orientierungslos in esoterischen Urwäldern herumgeirrt. Es steckt auch in mir eine Sehnsucht nach Ganzheit und ein Verlangen nach einem Zustand der völligen Akzeptanz dessen was ist. Inzwischen haben mich Leute wie Tony Parsons und Karl Renz aber davon überzeugt, dass es nichts gibt, was man tun könnte, um der Einheit mit allem oder einer Non-Dualität näher zu kommen, oder besser: sich von der Illusion zu lösen, wir seien voneinander getrennte Wesen (Dualität). Ich meditiere deshalb nicht mehr und besuche keine Seminare mehr von irgendwelchen spirituellen Lehrern, die den Leuten den Weg zu ihrer Erleuchtung zeigen wollen. Ich beobachte mich allerdings sehr aufmerksam dabei, wie ich aus Gewohnheit immer noch oft in moralisches Denken verfalle. Und je mehr es mir gelingt, davon Abstand zu nehmen, desto besser geht es mir.

(c) Oliver Heuler

FRIEDA: Religionen, so zeigen Geschichte und Gegenwart gleichermaßen, haben es bislang ja auch nicht vermocht, Menschen dazu zu bewegen, friedlich zu koexistieren. Stehen religiöse Dogmen einer tief erlebten und erfahrenen Spiritualität eher im Wege und wenn ja, warum ist das so Ihrer Meinung nach?

Oliver Heuler: Ich würde es so ausdrücken: Dogmen stehen der menschlichen Entwicklung im Wege, egal ob sie von Theologen kommen, von Politikern, Philosophen, Gurus, Lehrern, Eltern oder anderen Erziehern.

FRIEDA: Sie haben auf Ihrer Internetseite eine Rubrik, auf der verschiedene, emotional berührende Filmszenen zu sehen sind, mit denen Sie Ihrem Namen „Heuler“ alle Ehre machen, denn diese Szenen ermutigen zum Heulen. Lachyoga wird ja schon vielerorts angeboten, aber kollektives Weinen noch nicht. Schade eigentlich. Wie sehen Sie das?

Oliver Heuler: Ich hatte 2007 eine lebensverändernde, zweistündige Sitzung mit Marshall Rosenberg und seiner Frau. In einem Rollenspiel ging es da um einige Traumata aus meiner Jugend. Die Geschichte ist etwas länger, aber eines der Ergebnisse war, dass bei mir ein emotionaler Panzer aufgebrochen ist. Seitdem kann ich wieder weinen. Ich merke beim Weinen besonders intensiv, dass ich einen freieren Zugang zu meinen Gefühlen habe und sie weniger unterdrücke. Ich genieße also solche bewegenden Videos und weil ich mir dachte, dass es anderen ja auch so gehen könnte, habe ich die mal auf einer Seite gesammelt.

FRIEDA: Ist es nicht erstaunlich, dass sich nach wie vor scheinbar nur wenige Menschen mit Themen wie beispielsweise der GfK beschäftigen? Gehörten Informationen darüber nicht eigentlich auf den Lehrplan einer jeden Schule – und das noch viel dringlicher als beispielsweise die Frühsexualisierung?

Oliver Heuler: Schon in den 40er-Jahren hat Maslow mit seiner Bedürfnispyramide gezeigt, dass erst einmal das Überleben gesichert sein muss, bevor man sich mit Dingen wie Selbstverwirklichung oder menschlichem Reifen beschäftigen kann. Ich fand dann irgendwann das Modell von Spiral Dynamics noch detaillierter und nützlicher. Dem fehlten allerdings die Aspekte von Rosenberg. Also habe ich mein eigenes Modell der menschlichen Entwicklung geschaffen. Ich weiß: Das klingt anmaßend von einem Golflehrer, aber ich stehe ja auf den Schultern von Riesen und wenn die Sonne der Kultur dann noch tief steht, haben auch Zwerge wie ich eine Chance, lange Schatten zu werfen. Das Modell habe ich in meinem bis jetzt längsten Video erklärt. Es ist der Film ohne den Wolf.

Um noch den zweiten Teil Ihrer Frage zu beantworten: Nichts läge mir ferner, als die Aufnahme der GfK in irgendeinen Lehrplan zu fordern. Das wäre wahrscheinlich der sicherste Weg, den Kindern die Freude an der gewaltfreien Kommunikation gründlich zu verderben. Sie merken schon: Ich bin kein Freund des Schulzwanges.

FRIEDA: Jeder kann Politiker werden. Die Karrierechancen hängen dabei weniger von emotionalen Schlüsselqualifikationen ab, geschweige denn davon, ob Kurse in GfK absolviert wurden, sondern womöglich – fallweise – eher von irgendwelchen Mitgliedschaften in elitären Kungelclubs. Aber auch in anderen Bereichen und Strukturen scheint es an einem empathischen Miteinander zu mangeln. Wenn Sie König von Deutschland wären und Eignungstests für beispielsweise Politiker entwickeln müssten, welche Prüfungsaufgaben stünden dann auf dem Lehrplan?

Oliver Heuler: Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass das Wesen der Demokratie dafür sorgt, dass eher unempathische Leute nach oben gespült werden, würde ich den Demokraten nichts vorschreiben wollen. In meiner Laisser-faire-Welt ist natürlich auch Platz für Demokraten. Es wäre nur schön, wenn man es den anderen Leuten überließe, ob sie sich den Demokraten anschließen wollen. Das ist heute leider nicht so. Selbst wenn man ein Grundstück besäße und es nie verließe, käme der Staat und würde die Kinder in die Schule und die Erwachsenen ins Finanzamt bitten – oder zumindest ihr Geld, wobei das eigentlich keine Bitte ist, sondern eine Forderung, denn eine Bitte könnte man ablehnen.

FRIEDA: Was zeichnet erwachsene Menschen Ihrer Ansicht nach aus und woran liegt es, dass es so wenige davon zu geben scheint?

Oliver Heuler: Ken Wilber würde sagen: Mehr Tiefe, weniger Spanne. In dem Modell der Holarchie aus meinem Film erkläre ich das so: Aus vielen Atomen wird ein Molekül, aus vielen Molekülen wird eine Zelle, aus vielen Zellen wird ein Organ, aus vielen Organen ein Organismus etc. In so einer Anordnung wird es immer mehr Atome als Zellen geben.

FRIEDA: Eine weitere Frage schließt zwar thematisch nicht direkt an die bisher gestellten an, aber da es in diesem Magazin auch um Gesundheit, und in dem Zusammenhang auch um Ernährungsfragen, geht, sei sie trotzdem gestellt: Sie sind Vegetarier bzw. Ketarier, eine Ernährungsform, die sich am Ernährungsverhalten unserer Vorfahren orientiert. Was ist das Besondere daran und warum sind Sie auf die „Ketogene Diät“ umgestiegen?

Oliver Heuler: Ich war 15 Jahre Vegetarier. Ich habe auch eine Weile nur von veganer Rohkost gelebt. Das bekam mir leider nicht sehr gut. Aber meine damalige ideologische Verblendung hat es mir nicht gestattet, das rechtzeitig zu erkennen. Erst eine andere Weltsicht hat mich irgendwann wieder Fleisch versuchen lassen. Da ging es mir sofort besser. Ich bin aber immer jemand gewesen, der dauernd essen musste. Als ich dann gehört habe, dass man Kohlehydrate gar nicht braucht und dass das Gehirn in der Ketose auf Fett als Treibstoff umstellen kann, wurde ich neugierig. Nach ca. sechs Wochen mit weniger als 50 Gramm Kohlehydraten am Tag kommt man in die Ketose und dann isst man viel seltener, weil der Körper mehr als das Zehnfache an Energie in Form von Fett speichern kann. Das ist auch besonders nützlich bei Ausdauersportarten und derzeit bin ich ein ganz verrückter Fahrradfahrer (bis zu 300km am Tag).

FRIEDA: Ob die Entscheidung, vegetarisch oder vegan zu leben, tatsächlich auf ideologischer Verblendung basiert oder möglicherweise ganz andere Gründe hat, beispielsweise auch die Einstellung, dass konsequent gelebte Anarchie und Gewaltfreiheit auch beinhalten könnten, nicht über die Tiere zu herrschen, wäre wohl ein Thema, das mehrere Betrachtungsweisen erlauben sollte. Eine letzte Frage noch: Was raten Sie Menschen, die ihren Schwung im Leben noch nicht gefunden haben?

Oliver Heuler: Um dem Missverständnis nicht mit Karacho in die Arme zu rennen: Ich behaupte keinesfalls, dass alle Vegetarier ideologisch verblendet sind. Ich war das. Aber ich konnte eben damals nicht anders. Und wenn jemand keine Tiere töten lassen möchte, dann wäre ich der letzte, der ihm das zum Vorwurf machen würde. Ich war damals allerdings nicht nur Vegetarier, sondern auch ein fast militanter Missionar. Das bin ich nicht mehr. Und deshalb auch folgende Antwort auf die Bitte nach einem Rat: Auch Ratschläge sind Schläge. Mein Rat lautet daher, Ratschlägen mit wohlwollendem Argwohn zu begegnen. Auch diesem.

FRIEDA: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ein Filmtipp zum Thema Golf: „Die Legende von Beggar Vance“

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