„Der betrogene Patient“

Ein Mediziner im Ruhestand rechnet ab

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Das Buch mit dem Titel „Der betrogene Patient“ steht aktuell (April 2017) auf Platz 40 der Spiegel-Bestseller-Liste. „Ein Arzt deckt auf, warum Ihr Leben in Gefahr ist, wenn Sie sich medizinisch behandeln lassen!“ lautet der Untertitel.

Der Autor ist der bayerische Radiologe Dr. Gerd Reuther. Er hat lange abgerechnet – wie alle anderen seiner Zunft mit den Krankenversicherungen. Nun, im Ruhestand, rechnet er mit seinem eigenen Berufsstand ab. Aus der Fraktion mögen einige ihn jetzt vielleicht als Nestbeschmutzer betrachten, denn man sagt ja „Der Überbringer der Nachricht ist der Schuldige…!“

Aus der Seele dürfte Reuther zumindest vielen Patienten sprechen. Und gewiss bekommt er für sein Buch auch Zustimmung von einigen Kollegen, denn es gibt sie ja noch hier und da, Ärzte, die den Hippokrates-Eid mal geschworen haben. Das KV-Abrechnungssystem unterstützt zudem nicht unbedingt Ärzte, die ihren Patienten die Wahrheit sagen.

Privatpraxen bieten da schon mehr Spielraum und vielen Ärzten, die etwas von Gesundheit verstehen, bleibt oft nichts anderes übrig als die Privatpraxis. Doch die kann sich dann wiederum nicht jeder Patient leisten – obwohl auch das oft nur eine Frage der finanziellen Prioritäten ist. Der Fehler liegt also im System. Wie so oft.

Der betrogene Patient – Ein Buch, das das kranke System offenbart

Gerd Reuther bietet in seinem Buch tiefe Einblicke in dieses System, das dazu geschaffen wurde oder sich zumindest dazu entwickelt hat, Menschen krank zu halten. Selbstverständlich – die Schulmedizin leistet auch Enormes, wenn es beispielsweise um die Notfallchirurgie geht. Auch bei chronischen Zahnschmerzen geht man normalerweise schließlich nicht zum Heilpraktiker. „Der betrogene Patient“ ist auch keine Kritik an der Schulmedizin an sich, sondern an dem, was aus ihr geworden ist oder zu was sie sich machen ließ.

Es geht also nicht um die böse Schulmedizin und die gute Alternativmedizin, denn schwarze Schafe und lichtvolle Engel gibt es auf allen Seiten. Letzten Endes kann auch kein Arzt die Selbstverantwortung eines Patienten übernehmen. Es gibt auch heute noch genügend Menschen, die die Qualität ihrer Ärzte daran messen, wie viele Rezepte für Präparate sie im Quartal bekommen, weil sie schlichtweg ihre Lebensgewohnheiten nicht ändern wollen.

Fazit: „Der betrogene Patient“ ist nun also ein weiteres von vielen Whistleblower-Büchern aus der Medizin, das aufzeigt, was doch eigentlich schon längst alle wissen. Das so genannte Gesundheitssystem ist ein lobby- und kartellgesteuertes Konstrukt, an dem viele Leute viel bis sehr viel Geld verdienen (Pharmaindustrie) und sehr viel mehr Leute viel Geld verlieren – oft zudem ihre Gesundheit.

Und unsere Politik wähnt sich in Sicherheit, denn wenn sich wieder mal ein paar Leute eine Weile empört haben, geht irgendwann alles wieder zur Tagesordnung über. Schließlich hat Gerd Reuther – bei allem Respekt dafür, dass er mit seinen Enthüllungen nochmal für eine öffentliche Debatte gesorgt hat – sein Buch eben auch erst verfasst, nachdem er jahrezehntelang mitgespielt hat.

Aber das soll ihm nachgesehen sein. Er hätte ja im Ruhestand auch den Golfschläger statt den Füller schwingen können. Insofern – ein lesenswertes Buch, das hoffentlich mehr als kurzlebige Empörung zurücklässt.

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