Co-Abhängigkeit: Im Schatten der Sucht

Ein Interview mit Edith Hatesuer

Sucht photo
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Wer aufgrund familiärer oder anderer Bindungen nahe an einem Menschen mit einer Suchtproblematik lebt, befindet sich aufgrund co-abhängiger Strukturen nicht selten mit im sinkenden Boot. Während mit der Problematik mannigfaltiger Süchte inzwischen schon offener als früher umgegangen wird, führen co-abhängige Menschen mit ihren Sorgen oft ein Schattendasein. Dabei ist ihr Leben häufig auf eine ähnlich fatale Weise durch die Sucht eines nahestehenden Menschen beeinflusst, wie das des betreffenden Süchtigen selbst.

Edith Hatesuer hat sich in ihrer Bremer Praxis auf die therapeutische Begleitung von co-abhängigen Menschen spezialisiert. Die Diplom-Pädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie ist zudem regionale Ansprechpartnerin für NACOA Deutschland e.V., eine Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien.

FRIEDA im Gespräch mit Edith Hatesuer

FRIEDA: Wie Sie im Vorfeld erzählten, waren Sie früher als Kauffrau in einer Fabrik tätig. Damals haben Sie sich bereits gewerkschaftlich engagiert. Wie kam es dann zu der beruflichen Neuorientierung?

(c) Edith Hatesuer

Edith Hatesuer: In der Fabrik habe ich überwiegend im Akkord gearbeitet, obwohl ich gelernte Bürokauffrau war. Durch das gewerkschaftliche Engagement arbeitete ich damals dort stundenweise für den Betriebsrat, später auch als Betriebsrätin im Büro. So kam ich zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit und zum späteren Studium der Erwachsenenbildung.

FRIEDA: Mit welchen konkreten Problemen kommen Menschen zu Ihnen in die Praxis?

E. H.: Da ich mich ganz bewusst in meiner Praxis auf Menschen mit einer Co-Abhängigkeitsproblematik spezialisiert habe, kommt auch überwiegend dieser Personenkreis zu mir. Menschen mit Suchtproblemen suchen mich eher selten auf, da sie sich, wenn überhaupt, dann zumeist an andere Stellen wenden. Zu meiner Klientel gehören in erster Linie Angehörige von Alkohol- oder Cannabissüchtigen, die ganz gezielt Hilfe für sich selbst suchen, weil sie schon ahnen oder sogar erkannt haben, dass bei ihnen eine Co-Abhängigkeitsproblematik vorliegen könnte. Sehr häufig kommen aber auch Menschen, die schon woanders wegen Depressionen oder wegen Burnouts kassentherapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben. Oft haben sie sogar schon Psychopharmaka erhalten, womit aber natürlich nicht die eigentliche Ursache aus dem Weg geräumt wird. Das geschieht aber leicht, weil bei vielen der kassentherapeutischen Angebote die Suchtanamnese unter den Tisch fällt.

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FRIEDA: Und wie gehen Sie dann im Unterschied zu kassentherapeutischen Anbietern vor?

E. H.: Das fängt schon damit an, dass ich ganz andere Fragen stelle als die Hilfesuchenden es gewohnt sind. Zum Beispiel: „Woher kommt es, dass Sie sich immer so überverantwortlich fühlen? Gab es in Ihrer Familie Suchtprobleme?“ Bei Frage 1 haben viele schon das erste Aha-Erlebnis, aber bei Frage 2 sagen viele, dass es in der Familie keine Suchtprobleme gab. Wenn ich dann aber weiterfrage, zum Beispiel: „Gab es denn in Ihrer Familie manchmal Streit, beispielsweise wegen Alkohol?“ Dann plötzlich bestätigen das die meisten. Über diese Art des Nachfragens lässt sich Schritt für Schritt, wie bei einer Zwiebel, aufdröseln, wo die tatsächlichen Ursachen der eigenen Neigung zur Co-Abhängigkeit liegen. Das Nachfragen ermöglicht zudem, dass die Menschen selbst auf die Antworten kommen können. Das ist meiner Erfahrung nach nachhaltiger in der Wirkung als wenn Menschen „nur“ von ihren aktuellen Problemen sprechen und dann eine Diagnose gestellt wird.

FRIEDA: Dass Konditionierungen aus der Herkunftsfamilie weitreichende Konsequenzen haben können, ist ja inzwischen bekannt, gerade auch in therapeutischen Kreisen. Gibt es Bestrebungen, dass Sie mit Ärzten oder Psychologen in diesem Bereich kooperieren? Oder anders gefragt: Worauf führen Sie zurück, dass man co-abhängige Menschen eher auf Depressionen behandelt als auf mögliche Ursachen in der eigenen Familienbiografie?

E. H.: Ich habe, besonders in der Anfangszeit meiner Praxis, sehr engagiert Kontakt zu Allgemeinmedizinern gesucht, aber es bestand nur ein sehr geringes bis gar kein Interesse an einer Kooperation. Anscheinend bestehen große Vorbehalte gegenüber dieser Thematik. Diese Vorbehalte sehe ich besonders bei dem Tabuthema Alkoholismus. Viele Ärzte möchten sich nicht damit beschäftigen, weil diese Patienten als schwierig gelten, denn sie tun meistens nicht, was man ihnen sagt und sie lügen auch noch. Ärzte beschäftigen sich oft erst dann mit diesen Menschen, wenn die Laborwerte eine eindeutige Sprache sprechen. Gerade bei Alkohol ist es ja so, dass die Organe eine ganze Weile mitmachen und solange die Werte unauffällig sind, besteht für viele Ärzte kein Handlungsbedarf. Aber die psychische Abhängigkeit steht eben vor der körperlichen und wird i.d.R. von Ärzten nicht wahrgenommen. Das führt wiederum meistens dazu, dass auch die Angehörigen bei den Ärzten kein Gehör für ihr Erleben mit dem Suchtkranken finden.

FRIEDA: Wenn Ihre Klienten dann erkannt haben, dass die Neigung zur Co-Abhängigkeit mit großer Wahrscheinlichkeit in der eigenen Biografie zu suchen ist, wie geht es dann weiter?

E. H.: Dann versuche ich – gemeinsam mit den Klienten – zu ergründen, warum und auf welche Weise sie auf die Suchtproblematik des entsprechenden Angehörigen reagieren. Viele haben Angst, dass die Beziehung leidet – sofern es sich um eine Paarbeziehungsstruktur handelt, was ja häufig der Fall ist – , dass es also zur Trennung kommen könnte. Ich frage dann, welche Verhaltensweisen denn entwickelt wurden, in der Kindheit und auch im aktuellen Leben, um mit der Situation umzugehen. Ich versuche herauszufinden, warum dieses Muster immer wiederholt wird, zumal es in der Vergangenheit ja schon nicht geklappt hat.

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FRIEDA: Ist ein gewisses Maß an Co-Abhängigkeit, gerade in Paarbeziehungen, nicht irgendwie normal bzw. ab wann ist es nicht mehr normal und als pathologisch einzustufen?

E. H.: Co-abhängige Verhaltensweisen sind gesellschaftlich akzeptiert und werden in jeder Beziehung, ob privat oder beruflich, gelebt. Problematisch ist es erst, wenn diese Verhaltensweisen über ein persönliches gesundes Maß hinaus gelebt werden, z. B. Helfen-Wollen und sich dabei immer mehr aufzuopfern, oder sich nicht mehr abzugrenzen, und das bis zur Selbstaufgabe, nicht mehr ‚Nein‘ zu sagen, obwohl die Erschöpfung schon zu groß ist, oder eigene Bedürfnisse weniger wichtig zu nehmen als die der anderen Menschen.

Grundsätzlich sind es ja konstruktive Eigenschaften und Verhaltensweisen, für andere da sein zu wollen; sie werden bei der Co-Abhängigkeit nur in einem „nicht guten“ Maß gelebt. Deshalb verstehe ich das ganze Gerede über Stigmatisierung auch nicht wirklich. Die Menschen, die die Zusprechung von Co-Abhängigkeit als Stigmatisierung betiteln, haben meiner Ansicht nach selbst ein großes Problem mit dem Thema. Ansonsten wüssten sie, dass die betroffenen Menschen ganz normale Verhaltensweisen leben, nur halt ein bisschen zu viel des Guten.

Wer zur Co-Abhängigkeit neigt, verliert sich an der Seite eines süchtigen Partners leicht selbst und sorgt eben auch nicht mehr für sich, weil sich alles um den süchtigen Partner dreht, man in ständiger Anspannung ist. Wie eingangs schon erwähnt, kommen ja die Menschen meistens in meine Praxis, weil sie den Verdacht haben, co-abhängig zu sein und lernen wollen, sich besser abzugrenzen, eben eine gesündere Haltung zur Situation zu bekommen. Der Gewinn in so einem System liegt immer bei dem, der sich verändern will und ins Handeln kommt. Das lässt sich meiner Meinung nach übrigens auch auf andere Systeme übertragen. Suchtsysteme „leben“ sozusagen von der Beweispflicht.

Gerade bei Frauen geht es aber auch oft um Schuld und Scham. Sie ziehen sich den Schuh eben leicht an, dass sie sich für das Gelingen der Beziehung in einem höheren Maß zuständig und verantwortlich fühlen. Sucht schafft aber immer Verwirrung und Co-Abhängige neigen dazu, dass sie ihre eigene Befindlichkeit davon abhängig machen, wie der Partner gerade gelaunt ist. In Suchtsystemen geht es immer um entweder/oder, um richtig oder falsch, statt um sowohl als auch. Ziel der therapeutischen Begleitung ist, dass die Klienten wieder lernen, auf ihr Bauchgefühl, also ihre innere Stimme, zu hören, dass sie lernen, sich nichts mehr vorzumachen bzw. vormachen zu lassen.

Ich empfehle da immer gern das Buch „Liebe macht stark: Von der Abhängigkeit zur engagierten Partnerschaft“ von Gay Hendricks.

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FRIEDA: Dass ein Suchtsystem von der Beweispflicht „lebt“ ist ein interessanter Gedanke auch angesichts unserer gesamten Gesellschaft, wo es ja auch – beispielsweise im „Gesundheitssystem“ – immer noch um die Beweispflicht statt um Verursacherhaftung geht. Das zeigen insbesondere auch viele Beispiele aus dem Bereich Berufsunfähigkeit aufgrund von toxischen Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz. Betroffene müssen da nicht selten eine lange Odyssee in Kauf nehmen. Ähnlich verhält es sich ja bei Täter-Opfer-Strukturen, wo es oft so zu sein scheint, dass wir eine Täterschutzkultur pflegen. Ich denke da auch an ein Buch mit dem Titel „Im Zeitalter der Sucht“ von Anne Wilson-Schaef, die darin beleuchtet, wie viele Formen von Süchten es gibt und wie die ganze Gesellschaft davon betroffen ist. Was ist Ihrer Ansicht nach die Kernursache für das Entstehen von Süchten und Co-Abhängigkeit?

E. H.: Die Kernursache für die Entstehung von Sucht und Co-Abhängigkeit liegt m. E. in dem frühen Erleben, mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht wahrgenommen oder ernst genommen zu werden. Kinder wachsen immer mehr in Umgebungen auf, in denen Liebe und Zuwendung an Bedingungen geknüpft werden, nach dem Motto: „Wenn du lieb bist, wenn du gute Leistungen in der Schule bringst, gibt es Belohnungen.“ Ansonsten spielen Bedürfnisse eine untergeordnete Rolle. Leistung ist das, was zählt. Viele Eltern wiederholen da erstens das, was sie selbst erlebt haben und/oder projizieren ihren inneren Mangel und den Wunsch, „etwas zu sein“, auf ihre Kinder, die dann selbst wiederum meinen, sie sind nur wertvoll, wenn sie etwas leisten oder so funktionieren, wie es die Erwachsenen wünschen.

FRIEDA: Was Sie sagen, deckt sich übrigens mit der Sichtweise eines anderen Interviewpartners, der der Ansicht ist, dass Erziehung, die auf „Belohnung und Strafe“ basiert, zu Systemen führt, die wiederum „Herrscher und Sklave-Strukturen“ fixieren. Sie sind auch regionale Ansprechpartnerin für NACOA. Welche Erfahrungen haben Sie speziell mit Kindern aus Suchtfamilien gemacht?

E. H.: Dysfunktionale Familien sind ja nicht immer von außen als solche erkennbar. Sucht berührt alle sozialen Schichten und Bildungsniveaus. Gerade in Familien, in denen man versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten, sieht es hinter den Kulissen oft ganz anders aus. Häufig leiden Kinder in einem solchen Umfeld mehr als Kinder, die aus offenkundigen Problemfamilien stammen. In den „Fassenden-Familien“ erleben die Kinder ein atmosphärisches Spannungsfeld, das als irritierend wahrgenommen wird. Sie spüren „Hier stimmt was nicht!“, aber die Eltern tun oft so, als sei alles in bester Ordnung, weil sie sich die Konflikte entweder selbst nicht eingestehen wollen oder aber meinen, dass sie die Kinder schonen, wenn sie so tun als ob.

FRIEDA: Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

E. H.: Ja, wenn sich Eltern nachts streiten und das Kind davon wach wird. Es wird in aller Regel aufstehen und nachsehen, was los ist. Wenn die Eltern dann plötzlich, aus welchen Gründen auch immer, so tun, als wäre nichts, das Kind aber doch weiß, dass es einen Konflikt gibt, „lernt“ es auf folgenschwere Weise seiner Wahrnehmung zu misstrauen und setzt dieses erlernte Verhalten später fort. Ein ehrlicher Umgang mit den eigenen Konflikten seitens der Eltern gegenüber den Kindern wäre da sicher wünschenswert. Kinder kriegen alles mit. Wenn man ihnen ruhig erklärt, nochmal in Worte fast, vielleicht am nächsten Tag, dass sich Mama und Papa gestritten haben und wütend gewesen sind, ist das für das Kind erträglicher als dieser Dunst der maskierten Harmonie.

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FRIEDA: Kinder aus solchen Familien kommen ja vermutlich nicht von sich aus zu Ihnen und Familien, die sich die eigene Suchtproblematik nicht eingestehen oder sie zu vertuschen versuchen, werden Sie ja auch mit den Kindern nicht freiwillig aufsuchen, oder? Wie erreicht man solche Kinder denn?

E. H.: Diese Kinder können durch aufmerksame Professionelle in deren Umfeld, wie Lehrer/innen oder Erzieher/innen, erreicht werden. Leider sind diese selten entsprechend geschult, was das Thema Sucht angeht, und sie erkennen die Zusammenhänge der Verhaltensweisen der Kinder zur Suchtproblematik in der Familie nicht. Hier sind meines Erachtens gezielte Fortbildungen schon während der Ausbildungen für entsprechende Berufsgruppen dringend notwendig. Ebenso gibt es hilfreiche Literatur für diese Berufsgruppen, z. B. Kinderbücher zum Vorlesen, wie „Fluffi“, ein Buch, das über NACOA bezogen werden kann.

FRIEDA: Sie erwähnten anfangs, dass zu Ihnen in erster Linie Co-Abhängige kommen, in deren Umfeld es Alkohol- oder Cannabisprobleme gibt. a) Wie sieht es mit Sexsucht aus? b) Cannabis wird nun regierungsseitig ja mehr aus dem illegalen Bereich geholt, was viele begrüßen. Cannabis hat ja auch einen therapeutischen Nutzen. Wie beurteilen Sie aus Ihrer Erfahrung heraus die Situation in Bezug auf Cannabis-Abhängigkeit?

E. H.: Aus meinem Praxisalltag kann ich sagen, dass Co-Abhängige, gerade bei Alkoholabhängigkeit in der Familie, irgendwann mit der Information um die Ecke kommen, dass auch Sexsucht im Spiel ist. Die wird nicht immer ausgelebt, aber angesichts der heutigen Möglichkeiten im Internet eben auf diese Weise ausagiert. Das Suchtpotenzial in diesem Bereich ist wirklich nicht zu unterschätzen.

Neben den Alkohol- und/oder Cannabisproblemen wird dann das Thema Sexualität zusätzlich zum Problemfeld. Da fühlen sich Co-Abhängige wiederum für das Gelingen einer guten Sexualität in der Beziehung verantwortlich. Sie scheitern aber häufig damit, weil sie sich auch dort nicht ausreichend „versorgen“ oder „versorgt fühlen“, was meiner Meinung nach auch ein Hinweis auf Sucht ist. Sucht existiert immer, wenn es zu Problemen kommt, auch bei der Sexualität. Geht es auch beim Sex um „Beweispflicht“, ob zu wenig, zu oft oder zu irgendwas, und kommt es dann zum Streit, kann aus meiner Sicht von Sexsucht gesprochen werden. Pornografische Inhalte im Internet wecken womöglich auch Bedürfnisse oder Fantasien, die (süchtige) Menschen sonst gar nicht zwingend hätten.

Heute kommt ja auch noch dazu, dass viele Paare sich sehr schnell auf Sexualität einlassen, und zwar noch bevor sie sich richtig kennen lernen. Irgendwann merkt dann einer von beiden, dass der anfangs schöne Apfel wurmstichig ist. Aber die Bindung ist dann schon da. Da geht es dann nicht um wirkliche emotionale Nähe, die auch einen gemeinsamen Wachstumsprozess erfordert, nicht um Intimität, sondern nur um Sexualität, sprich Lustbefriedigung. Der Mensch bzw. der Partner wird so zum Objekt zur Befriedigung.

Viele Menschen sind nicht zu wirklicher Intimität fähig, weil sie oft keine guten Bindungserfahrungen gemacht haben in der Kindheit. Sie verwechseln dann Intimität mit Sex, erleben kurzfristige Kicks, die nach immer mehr Steigerung verlangen, aber eine tiefe, verlässliche Partnerschaft kann so nur schwer wachsen. Der schnelle und oft unverbindliche Kick, ob beim Sex oder bei anderen Drogen, sorgt zwar für Euphorie und kurzfristige „Entladung“, aber das ist dann so ähnlich wie bei einem Junkie, der ständig nach dem nächsten Druck verlangt, weil sich die Reizspirale immer wieder aufbaut und wieder senkt, ein Leben in Extremen, aber keines in Balance. So viel zum ersten Teil Ihrer Frage.

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Die Legalisierung von Cannabis sehe ich sehr kritisch. Selbst mit Heroin zu therapeutischen Zwecken wurde früher schon experimentiert und dieser Versuch ist kläglich gescheitert, da der Suchtfaktor mit den damit einhergehenden Verhaltensweisen ausgeblendet wurde. Mit dem Suchtmittel wurde damals auch untereinander gehandelt. Es war sogar noch einfacher, weil man es vom Arzt bekam. Ähnlich wird auch jetzt mit stimmungsaufhellenden Medikamenten wie Ritalin umgegangen. Daher ist meine Meinung, dass die Legalisierungsdebatte stark am Thema Heilung oder Verbesserung für Suchtmittelabhängige vorbeigeht. So, wie diese Debatte geführt wird, halte ich sie für süchtige Menschen kontraproduktiv, also nicht hilfreich.

FRIEDA: Die Unterscheidung zwischen Cannabis/Haschisch als Droge und Cannabisprodukten, die tatsächlich effektiv für therapeutische Zwecke eingesetzt werden, wie etwa Cannabis-Öl, finde ich allerdings in diesem Zusammenhang wichtig. Nun wird ja ein Mensch, der Cannabis konsumieren will, Mittel und Wege finden, ob diese nun legalisiert sind oder nicht. Bei der einen Variante verdienen die Drogenkartelle eben mehr, bei der anderen der Staat, wobei das womöglich letzten Endes auf dasselbe hinausläuft (…). Was wäre Ihrer Ansicht nach denn ein probates Mittel, um Süchten gesellschaftlich/gesundheitspolitisch wirksam zu begegnen?

E. H.: In erster Linie durch Prävention. Durch Aufklärung überall dort, wo Menschen mit Menschen zu tun haben, besonders aber, wie schon gesagt, schon im Aus- und Fortbildungsbereich aller pädagogischen und therapeutischen Berufe. Die Thematik sollte auch schon in der Grundschule – auf entsprechend spielerische Weise – untergebracht werden. Das halte ich für sehr viel wichtiger als Frühsexualsierung, denn Frühsexualisierung nun auch schon im Kindergarten- und Grundschulbereich anzubieten mit Materialien, die sich Erwachsene ausgedacht haben, ist meiner Ansicht nach ein Symptom der süchtigen Gesellschaft und genau das dürfte wiederum mehr Süchtige produzieren als emotional stabile und selbstbewusste Menschen.

FRIEDA: Haben Sie auch mit Menschen zu tun, denen im Rahmen einer Co-Abhängigkeitsbeziehung vom süchtigen Familienmitglied/Partner Gewalt angetan wurde, physisch oder psychisch?

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E. H.: Ja, aber das sind eher Menschen, die unter der psychischen Gewalt leiden, die so eine Konstellation mit sich bringt und zwar oft in Form von Stress und Druck, den die Co-Abhängigen empfinden bzw. Druck, der auch ausgeübt wird, wenn sie sich nicht den Bedürfnissen der Suchtkranken entsprechend verhalten. Im Sinne der Toleranzerweiterung von Sucht erweitern auch Angehörige die Toleranz des Aushaltens von z. B. Drucksituationen.

Manchmal berichten Angehörige auch unter großer Scham von körperlicher Gewalt, die sie erfahren oder aus Verzweiflung und Hilflosigkeit selbst ausgeübt haben. Hilfreich ist hier die konkrete Auseinandersetzung, wie sie der Scham begegnen und was sie ihr entgegensetzen können, damit sie gewaltfrei leben können. Das fällt den Menschen in Einzelgesprächen meistens leichter als in Gruppensitzungen.

FRIEDA: Sie bieten neben Einzel- also auch Gruppentherapien an. Welche Vorteile bietet eine Gruppe sonst noch?

E. H.: Die Vorteile einer Gruppe bestehen darin, dass die Menschen das Gefühl bekommen, nicht alleine mit ihren Problemen dazustehen. Sie können sich gegenseitig Mut machen, sich bestärken, wenn sie neue Verhaltensmuster ausprobieren. Sie können sich gegenseitig trösten, wenn mal wieder etwas schief gelaufen ist. Sie erleben, dass sie Fehler machen dürfen, ohne abgewertet zu werden, und dass sie die Erlaubnis haben, immer wieder anzufangen, auch wenn sie meinen, gescheitert zu sein. Und manche machen diese Art von Erfahrung leider zum ersten Mal in ihrem Leben. Für viele ist die Gruppe ein geschützter Raum, in dem sie so sein können wie sie sind, und in dem sie sich mit allen Fähigkeiten und Schwächen zeigen dürfen.

FRIEDA: Wie lange dauert beispielsweise eine Einzeltherapie bei Ihnen?

E. H.: Das ist natürlich individuell. Ich lasse das meine Klienten selbst entscheiden, je nachdem, in welchem Rhythmus sie kommen möchten. Die Verweildauer ist somit unterschiedlich und es wird individuell gestaltet, wer wie lange und wie oft kommen möchte. Das muss nicht wöchentlich sein, aber eine gewisse Regelmäßigkeit ist schon wünschenswert. Meine Empfehlung liegt bei mindestens fünf Sitzungen für den Anfang. Dann wird geschaut, wie es weitergeht. 25 Sitzungen halte ich meistens für angemessen. Oft aber kommen die Menschen dann länger, was auch nachhaltiger wirkt, denn es ist die eine Sache, neue Verhaltensweisen zu erkennen und die andere, sie auch wirklich umzusetzen und zu leben.

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FRIEDA: Immer mehr Menschen sind unzufrieden mit unserem so genannten Gesundheitssystem. Wenn Sie gesundheitspolitische Sprecherin irgendeiner Partei wären, welche Reformideen hätten Sie?

E. H.: Informationen, Schulungen in allen Berufsgruppen, die mit erwachsenen Menschen, Kindern und Jugendlichen arbeiten. Aufklärung, was Sucht bedeutet, dass es um Krankheit und nicht um Willensschwäche geht, dass eben die eigene Familienbiografie dabei eine große Rolle spielen kann. Ich würde es wünschenswert finden, wenn das Thema Sucht aus der Schmuddelecke herauskommt, damit sich niemand mehr wegen einer Krankheit zu schämen braucht.

Außerdem sollte mit der Verharmlosung von Suchtmitteln, wie Alkohol oder Cannabis, Schluss gemacht werden. Medienkonsumsucht kommt auch noch dazu, ob es um TV oder Internet geht. Wenn es um Sucht geht, ist nichts mehr harmlos, auch nicht bei nicht stofflichen Süchten, wie z. B. der Arbeitssucht, die für mich die kleine oder große Schwester der Co-Abhängigkeit ist. Sie basiert auch darauf, Anerkennung zu erhalten bzw. Ablehnung zu vermeiden. Hier bedarf es der Aufklärung in allen vorher genannten Berufsgruppen und politischen Schaltstellen.

FRIEDA: Vom 13. bis zum 21. Mai findet die „Aktionswoche Sucht 2017“ auch mit Veranstaltungen in Bremen statt. Sind Sie da vertreten?

E. H.: Ja, am Montag, 15.05.17 referiere ich ab 20.00 Uhr im Rosenak-Haus, Kolpingstr. 7, über das Thema „Wie gut, dass unsere Kinder nicht alles mitbekommen!?“…

Dabei geht es natürlich um die Rolle der Kinder in suchtkranken Familien. Der Vortrag richtet sich an persönlich und beruflich interessierte Menschen. Auf der Homepage der Bremer Landesstelle für Suchtfragen (BreLS e. V.) gibt es dazu weitere Informationen.

FRIEDA: Vielen Dank für das Gespräch!

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