Authentisch sein ist schön!

Im Gespräch mit Tine Wittler

(c) Tine Wittler
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Authentisch sein ist schön

„Man lernt sehr viel über die Menschen, wenn man ‚anders‘ ist“, schreibt Tine Wittler in ihrem Buch „Wer schön sein will, muss reisen“. Und „anders“ als viele andere ist die Schriftstellerin, Journalistin, Filmproduzentin, Sängerin und Künstlerin zweifellos – nicht zuletzt wegen ihrer beeindruckenden Vielseitigkeit und offenbar grenzenlosen Kreativität. Gewiss ist sie auch Freundin, Gefährtin, Muse, Ästhetikerin, Philanthropin, sensibel, humorvoll – und vermutlich eine Menge mehr. Tine Wittler ist facettenreich, wie viele von uns. Und sie dürfte trotz aller Qualitäten nicht perfekt sein, wie wir alle.

(Einwurf Tine Wittler: „Zum Glück – denn perfekt ist langweilig!“)

Die Würde des Menschen hängt nicht vom BMI ab

Doch was Tine Wittler mit dem eingangs erwähnten Satz aus ihrem Buch meinte, hat weniger mit ihren zahlreichen Talenten und Kenntnissen zu tun, sondern mehr mit ihrer körperlichen Erscheinung. Tine Wittler weiß, wie es sich anfühlt, wenn Menschen andere Menschen wegen eines – vermeintlichen – Makels vorverurteilen, sei in der privaten oder öffentlichen Begegnung oder aber auf der anonymisierten virtuellen Bühne. Als Prominente, deren runder Körper auf manche nahezu wie ein Angriff auf die öffentliche Ordnung wirkt, erlebte sie das häufig genug.

Tine Wittler betreibt heute das Kulturzentrum „parallelwelt KULTURGUT, DRINKS & SPEISEN“ in Hamburg-Eimsbüttel samt Kulturcafé, Künstlerbar und Galerie – mit kulinarischen Genüssen und kulturellen Ergüssen. Mit ihrer Bewegung „ReBelles“ engagiert sie sich für mehr Körpervielfalt und -akzeptanz in Gesellschaft, Kultur und Medien, denn die Vielfalt sei es, die eine Gesellschaft lebendig mache. „Die Körper von Mädchen und Frauen sind nicht dafür da, dass andere sie bewerten, beurteilen oder als ’schön‘ empfinden – auch wenn dies auf vielerlei Art und Weise zu einer gesellschaftlichen Übung geworden zu sein scheint“, schreibt sie. Mit der Initiative und ihrem Buch- und Filmprojekt „Wer schön sein will, muss reisen“ ist sie inzwischen laufend zu Gast an Schulen, in Bildungs- oder Selbsthilfeeinrichtungen, Vereinen, Kinos, Kulturzentren oder Buchhandlungen.

Während Frauen sich in weiten Teilen der Welt mit Diäten plagen, mit Botox pimpen und anderweitig an sich herumdesignen lassen, machte Tine Wittler sich auf den Weg nach Mauretanien, ein islamisches Land im Nordwesten Afrikas. Schwergewichtige Frauen werden dort, zumindest noch in den ländlichen Regionen Mauretaniens, als besonders schön und begehrenswert betrachtet, was ihren „Marktwert“ erhöht. Um diesem Konstrukt zu entsprechen, werden Mädchen dort gemästet oder „dopen“ sich mit Hilfe von Hormonmedikamenten, die die schnelle Gewichtszunahme fördern, sogar selbst – oft mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Das alles, um zu gefallen.Wem? Den Männern?

FRIEDA im Gespräch mit Tine Wittler

FRIEDA: Das Kernanliegen Ihrer Reise nach Mauretanien war wohl, wenn ich das richtig verstanden habe, unser westliches Schönheitsideal zu relativieren?

(c) Tine Wittler

Tine Wittler: Das Grundanliegen der Reise, des dazugehörigen Reisetagebuches und des Dokumentarfilmes war, unter einer bestimmten Fragestellung einen echten Perspektivwechsel zu vollziehen – und dadurch Neues nicht nur über ein fremdes Land, sondern auch über die eigene Gesellschaft zu lernen. Meiner Meinung nach macht es einen Menschen schön, wenn ihm bewusst ist, dass der eigene kleine Kosmos nicht der Nabel der Welt ist, sondern nur eine von abertausenden Möglichkeiten auf dieser Welt. Um das zu begreifen, muss man geistig beweglich sein – und reisen. Ob nun im Kopf oder indem man wirklich seine Koffer packt. Deshalb übrigens auch der Titel „Wer schön sein will, muss reisen“ – der oft missverstanden wurde. Mancher Pressevertreter interpretierte ihn eher so, dass ich diese Reise angetreten hätte, um mich persönlich endlich mal „schön“ fühlen zu „dürfen“. Das ist natürlich totaler Quatsch – zeigt aber sehr deutlich, wie überbewertet das Thema „äußere Schönheit“ in unserer Gesellschaft generell ist und wie eindimensional mit dem Begriff „Schönheit“ überhaupt umgegangen wird.

FRIEDA: Wie haben Sie die Frauen Mauretaniens in ihrem Selbstverständnis erlebt?

Tine Wittler: Die mauretanischen Frauen sind sehr starke Persönlichkeiten. Die Gesetzgebung in ihrem Land gesteht ihnen „offiziell“ kaum relevante Entscheidungen zu – aber sie haben gelernt, damit umzugehen, ihre Ziele zu erreichen und diese durchzusetzen, indem sie im Hintergrund die Fäden ziehen. Was die Mauretanierinnen oftmals von uns deutschen Frauen unterscheidet: Für eine mauretanische Frau kann es aus gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen bis heute überlebensentscheidend sein, ob sie einen Mann findet, der sie „schön“ findet und heiratet. Auf deutsche Frauen trifft dies in dieser Form – eigentlich! – nicht mehr so sehr zu. Aber wir hier nutzen dies kaum für unser geistiges Fortkommen. Denn nichtsdestotrotz vernachlässigen wir deutschen Frauen zu oft unsere innere Energie und unsere Möglichkeiten, wirklich etwas zu bewegen, zugunsten unserer äußeren Erscheinungsform und zugunsten der Bemühungen, diese möglichst dem aktuellen Schönheitsideal anzupassen. Und zwar durch einen sehr hohen Energie- und Zeitaufwand, der meiner Meinung nach besser dafür zu nutzen wäre, sich mit innerer Kraft zu engagieren. Die Mauretanierinnen hingegen setzen ihre Bedürfnisse durch und bringen ihre Gesellschaft weiter, trotz ihrer scheinbaren Rechtelosigkeit – sozusagen aus der „zweiten Reihe“. Das ist bewundernswert und kann uns viel lehren.

FRIEDA: Schönheit dürfte ja generell relativ sein, auch hierzulande. Dennoch eifern viele Frauen, darunter gerade auch sehr junge, Modelkörpern nach, was oft schon pathologische Ausmaße annimmt. Man sagt, Kinder seien die Symptomträger der Familien. Können Eltern in den Industrienationen ihren Kindern kein Selbstbewusstsein mehr vermitteln, das sich nicht an äußeren Attributen orientiert, sondern an innerer Stabilität? Wie sind Ihre Erfahrungen da, wenn Sie als „ReBelle“ unterwegs sind?

Tine Wittler: Das ist tatsächlich ein ganz entscheidender Punkt. Wenn ich als Mädchen aufwachse mit einer Mutter, die ständig vor dem Spiegel steht und jammert, sie sei zu dick und/oder habe nichts anzuziehen – was lerne ich dann? Bestimmt nicht, meinen Körper so anzunehmen, wie er ist, und mich – statt auf die richtige Garderobe oder die neueste Handtasche – auf das zu konzentrieren, was ich zwischen den Ohren habe und im Herzen. Genau das ist es aber ja, was geistige Gesundheit – samt eines gesunden Selbstbewusstseins – bedeutet.

FRIEDA: Selbstliebe dürfte entscheidend dafür sein, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und zwar auch dann, wenn der sich im XXL-Bereich bewegt.

Einwurf Tine Wittler: Verzeihen Sie mir, wenn ich das sage, aber an dieser Formulierung ist sehr deutlich zu sehen, mit welchen „Maßregeln“ unsere Gesellschaft – auch sprachlich – hier herangeht: „Und zwar auch dann, wenn der sich im XXL-Bereich bewegt“. Warum „auch dann“? Hier wird von vornherein eine Einschränkung formuliert, ein „trotzdem“ – und das ist nicht sehr hilfreich. – Selbstliebe kann man lernen, aber sie hat mit innerer Stärke zu tun und damit, das äußere Erscheinungsbild nicht zu wichtig zu nehmen. Wer seine Selbstliebe darauf baut, von anderen „schön“ gefunden zu werden, bewegt sich – man möge mir diese Formulierung in diesem Zusammenhang verzeihen – auf sprichwörtlich dünnem Eis. Jedem Menschen muss grundsätzlich erst einmal die Möglichkeit offenstehen, sich selbst zu lieben – völlig unabhängig von seiner Körperform. Dafür ist es aber eben notwendig, durch das eigene Umfeld – wie Familie, Schule, Medien – entsprechend ermuntert zu werden. Hinzu kommt, dass viele von uns den Blick eher auf das oberflächliche Urteil anderer richten als auf die eigene Kraft und die Liebe, die sie von ihren Nächsten erhalten. Genau dafür ist meine Bewegung „ReBelles“ da. Sie beschäftigt sich zum Beispiel auch mit den Auswirkungen, die ungenaue Sprachnutzung – wie die eben bemängelte Formulierung – haben kann. Oder mit der Doppelzüngigkeit bestimmter Frauenmedien, die – manchmal unbewusst, aber immer noch meistens unsanktioniert oder gar unbemerkt – mit dem Hintern umwerfen, was sie vorn gerade vorgaben aufbauen zu wollen.

(Einwurf von FRIEDA: Ihren Hinweis nehme ich dankbar zur Kenntnis! Die Formulierung war nicht so gemeint, wie sie angekommen ist; zeigt aber auch, wie schnell man sprachlich in die Falle tappen kann…) :-O

FRIEDA: Sie haben privat und beruflich viel mit Männern zu tun, aber auch mit Frauen. Sind es nach Ihrer Erfahrung wirklich Männer, die Model-Frauen zum Vorzeigen anstreben oder machen Frauen sich da eher selbst verrückt bzw. lassen sich von den Medien verrückt machen?

Tine Wittler: Ich möchte Ihnen erzählen, was mir sehr oft passiert, wenn ich mit „Wer schön sein will, muss reisen“ zu Lesungen, Vorträgen oder Filmvorführungen und -gesprächen unterwegs bin: Im Anschluss kommen Männer (die zugegebenermaßen meistens in der Mindestzahl sind und allzu oft von „ihren“ Frauen geradezu „mitgeschleppt“ wurden, es aber hinterher meistens nicht bereuen, mitgekommen zu sein) zu mir an den Bücher- und Signiertisch und bedanken sich bei mir. Wenn ich dann frage, wofür genau sie sich bedanken, sagen die meisten von ihnen so etwas wie: „Wissen Sie, Frau Wittler, ich liebe meine Frau sehr. Ich mag sie genau so, wie sie ist, und das versuche ich ihr auch zu zeigen. Meine Frau aber mäkelt ständig an sich herum, isst sich nicht satt, dann hat sie schlechte Laune, und ich kann ihr noch so oft sagen, dass sie mir gefällt und ich sie schön finde und liebe – sie glaubt es einfach nicht oder sie will es mir nicht glauben!“ – Das sagt doch schon sehr viel.

FRIEDA: Wegen des Dokumentarfilms, der neben Ihrem Buch aus der Mauretanienreise entstanden ist, und auf dessen Filmplakat Sie zusammen mit einer augenscheinlich muslimischen Frau zu sehen sind, gab es auch Schelte. So vertritt eine Journalistin in einem Artikel, der in der ZEIT vom 25.09.2013 erschien, die Ansicht, Tine Wittler könne nicht nach Mauretanien reisen und von Mauretanien schweigen. Über Sklaverei, Prostitution, Genialverstümmelung und Menschenhandel kein Wort zu verlieren, um lieber über Fett zu sprechen, sei geradezu obszön.

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Tine Wittler: In diesem Fall muss ich leider anzweifeln, dass die Kollegin den Film überhaupt bis zum Ende gesehen hat. Wir haben vor Ort ja sehr eng mit der Menschenrechtsaktivistin Aminetou Mint El Moctar zusammengearbeitet, die im Film auf sehr intensive, intime Art und Weise die sehr schwierigen Gegebenheiten der Islamischen Republik Mauretanien gezielt aufzeigt und dem Zuschauer nahebringt. Allerdings ist das intensivste Gespräch im Film mit Frau El Moctar tatsächlich in der letzten Viertelstunde der Gesamtlaufzeit platziert. Man muss den 90-Minüter also bis zum Ende sehen, will man diese Zusammenhänge noch einmal ganz explizit vor Augen geführt bekommen. Im Buch ist die Bezugnahme auf die politischen und sozioökonomischen Umstände in der Islamischen Republik Mauretanien noch sehr viel allgegenwärtiger als im Film. Aber auch ein – zumindest im Vergleich mit vielen anderen Medien – überwiegend sorgfältig arbeitendes Leitmedium wie die ZEIT ist ja nicht dagegen gefeit, dass einzelne Mitarbeiter völlig gegensätzliche, manchmal nicht ganz nachvollziehbare Meinungen vertreten und in „ihrem“ Medium auch verbreiten, zu ein und demselben Thema. Machen Sie einmal den Test und vergleichen Sie den ZEIT-Artikel zum Buch „Wer schön sein will, muss reisen“ mit dem ZEIT-Artikel zum Film „Wer schön sein will, muss reisen“ (der ganz nebenbei das Prädikat „Wertvoll“ der Filmbewertungsstelle erhalten hat). – Aber selbst wenn es nicht so wäre, dass sowohl Buch als auch Film ihr eigentliches Thema mit großer Sorgfalt in die Gesamtgegebenheiten einbetten, könnte ich den Vorwurf, den die Kollegin hier erhebt, nur bedingt gelten lassen. Wenn ein Wissenschaftler eine Studie über die Grippe veröffentlicht und dabei die Tuberkulose außen vor lässt – wird man ihm dies tatsächlich ankreiden – ?

FRIEDA: Der Logik des in der vorangegangenen Frage erwähnten Artikels lässt sich aus meiner Sicht auch nur schwer folgen, zumal wir in einem Land leben, in dem Täterschutz immer noch Priorität vor Opferschutz hat, in dem Kinderpornografie eher zu- als abnimmt und in dem die Kirche, die in ihrer Geschichte sehr oft eine unglückselige Rolle als Refugium für Pädophile gespielt hat, sogar vom Staat noch in Milliardenhöhe subventioniert wird. Hier wie dort sind es also wesentlich patriarchale Strukturen, die das jeweilige Frauenbild prägen. Möglicherweise erreichen Sie mit Ihrer Initiative „ReBelles“ an der Basis ja sogar mehr als es ein Artikel in einer Zeitung vermag, die wenige Tage später sowieso wieder im Altpapier landet…

Tine Wittler: Die „ReBelles“ sind ein Projekt zum Mitmachen – und genau dieses Mitmachen, dieses Dabeisein, ist wichtig, um sich mit einem Thema weitergehend zu beschäftigen, sich mit einer Haltung zu einem Thema zu identifizieren und daraus gegebenfalls auch Aktivitäten, Prinzipien oder Visionen für das eigene Leben entwickeln zu können.

FRIEDA: Wenn Sie beispielsweise an Schulen gehen mit Ihrem Projekt, kreisen die Gespräche mit den jungen Leuten dann ausschließlich um Schönheitsideale oder ergeben sich vor Ort noch ganz andere Themen, beispielsweise, welche Bedeutung ein liebevoller Umgang mit dem eigenen Körper auch für die Seele hat, welche Vorstellungen die jungen Leute überhaupt von Rollenidentitäten haben und dass Intimität und Sexualität womöglich nicht dasselbe sind?

Tine Wittler: Die Frage nach Geschlechteridentitäten und wie sie geschaffen werden, spielt tatsächlich eine große Rolle. Die „ReBelles“ sind mittlerweile eine von vielen Body Acceptance-Bewegungen, die seit ein paar Jahren hartnäckig ihre Arbeit tun. Jede Bewegung hat ihren eigenen Schwerpunkt. Die meine legt ihren Schwerpunkt auf die Anregung, zur eigenen geistigen Kraft zurückzufinden, zur Vorsicht beim Medienkonsum aufzurufen und auch wirtschaftliche Zusammenhänge zu verdeutlichen. Ein Schönheitsideal ist ja perfekt, um den Konsum anzukurbeln – denn es ermöglicht, den Leuten Produkte oder Dienstleistungen zu verkaufen, mit denen man dieses Ideal angeblich erreichen kann. Oder, wie es die britische Feministin Laurie Penny sagt: „Wenn morgen alle Frauen aufwachten und sich selbst schön fänden – die Weltwirtschaft würde zusammenbrechen.“ Diese Erkenntnis kann bahnbrechend sein.

FRIEDA: Die Diskussion um Burka und Kopftuch war gerade im letzten Jahr wieder eine sehr polarisierte. Wir leben in einem Land, in dem Frauen sich, darunter auch Prominente, via Selfie in intimsten Posen beinahe nackt in der Öffentlichkeit präsentieren, was als „normal“ angesehen wird. „Playboybunnys“ gehören in LKW-Fahrerkabinen, Bundeswehrspinten und vielen anderen „Männerräumen“ zur üblichen Deko, auch deutsche Männer reisen für Sex mit Minderjährigen nach Thailand. Da erstaunt es doch eigentlich, dass sich die Gemüter so erhitzen, wenn etwa eine muslimische Modeschöpferin Burkinis entwirft, m.E. ein Kleidungsstück, das durchaus auch für die eine oder andere westliche Frau kleidsamer wäre als ein String-Tanga.

Einwurf Tine Wittler: Seien Sie mir nicht böse, wenn ich Sie auch hier darauf aufmerksam mache, dass Ihre Formulierung bzw. Fragestellung bereits eine – vermutlich völlig unbeabsichtigte – Wertung bzw. (wenn auch nicht ausformulierte) Vorverurteilung Ihrerseits beinhaltet. Das ist bestimmt nicht böse von Ihnen gemeint: Es geschieht einfach. Aber genau das ist so problematisch. Denn was für eine westliche Frau kleidsam ist oder nicht, soll doch bitte jede/r für sich selbst entscheiden. Niemand hat das Recht, jemand anderem zu sagen, was er oder sie „tragen kann oder sollte“ oder „nicht tragen kann oder sollte.“ Gleichberechtigung gilt doch nicht nur zwischen Frauen und Männern! Sie gilt auch zwischen Frauen und Frauen – ein Punkt übrigens, den ich für sehr entscheidend halte, da wir alle das oftmals noch immer nicht gelernt haben. Die Gleichberechtigung gilt nämlich auch darin, dass ich als Frau anderen Frauen zugestehe, dass sie genau das tun, was sie selbst für richtig halten – völlig egal, welche Form der Körper dieser Frau hat, und darüber hinaus noch viel „egaler“, ob es sich dabei, was diese Frau an ihrem Körper trägt, um eine Burka, einen String-Tanga oder einen Tankini handelt. Unser Körper ist nur eine Hülle, und was wir tragen, ist die Hülle der Hülle, also erst recht nichtig als Be- oder Verurteilungskriterium. Entscheidend ist, was sich im Inneren abspielt.

(Einwurf von FRIEDA: Da stimme ich Ihnen völlig zu. String-Tangas sind, wie alles, Geschmackssache und letztendlich obliegt es jeder Frau/jedem Mann, wie viel sie/er öffentlich von seinem nackten Körper präsentiert…)

FRIEDA: Man muss kein Fan der Totalvermummung sein und erst recht keiner der so genannten Islamisierung, aber geht nicht in der ganzen Burka-Schlammschlacht die Frage unter, wie Männer weltweit, auch hierzulande, mit Frauen umgehen, zumal Frauen, egal welcher Religion sie angehören, insgesamt global sehr ähnliche Konflikte mit Männern haben dürften, egal, ob diese Männer Horst oder Ali heißen?

Tine Wittler: Es ist, wie es ist: Wenn wir Frauen zu wenig anhaben, wird es jemandem nicht recht sein; und wenn wir zu viel anhaben, wird es ebenfalls jemandem nicht recht sein. Im schlimmsten Fall sind die, denen es nicht passt, wenn wir heute zu viel anhaben, sogar die gleichen, die vor vierzig Jahren behaupteten, wir hätten zu wenig an. Was lernen wir daraus? Noch einmal: Es ist völlig egal, was wir anhaben. Wichtig ist, dass wir – Frauen UND Männer – das anhaben, was wir anhaben möchten. Dass wir dies grundsätzlich und immer selbst entscheiden können – und zwar ohne die Angst, dafür abgeurteilt oder sanktioniert zu werden. So simpel wäre es. Aber wir sind leider weit davon entfernt.

FRIEDA: Ich führte kürzlich ein Interview mit einem Mitarbeiter eines Vereins, der Männer berät, die gewalttätig gegenüber ihren Partnerinnen geworden sind. Er sagte, dass Männer, wurden sie von ihrer Partnerin vor die Tür gesetzt, häufig wieder zur „Mami“ rennen. Glauben Sie, dass die „Männer von heute“ ihr Ödipus-Thema überhaupt schon im Griff haben, oder verbirgt sich hinter der coolen Maske so manchen Machos in Wahrheit eine sentimentale Lusche? (Anm.: Mit Sentimentalität ist hier nicht Sensibilität gemeint!)

Tine Wittler: Ich habe nicht das Wissen, mich zu dieser Frage kompetent zu äußern. Mir ist Gewalt – ob von Männern oder Frauen – zum Glück bislang nur sehr selten begegnet, und wenn, dann nicht im häuslichen Umfeld. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es hat mich stark und mutig gemacht. Das einzige, was ich zu wissen glaube, ist: Gewalt und Aggression werden oft durch Angst hervorgerufen. Und in Situationen, in denen man Angst hat, wendet man sich gern an jene, vor denen man keine Angst haben zu müssen glaubt.

FRIEDA: In diesem Magazin interviewte ich u.a. Dr. Hilde Schmölzer, die in ihrem Buch „Die abgeschaffte Mutter“ postuliert, Männer seien eigentlich neidisch auf die Gebärfähigkeit der Frauen und das zeige sich bereits seit Jahrtausenden. Sie haben Kultur- und Kommunikationswissenschaften studiert. Wenn man sich die Geschichte und die Gegenwart ansieht, insbesondere mit Blick auf den Umgang mit Frauen, was erscheint Ihnen da plausibler – Penisneid oder Gebärneid?

Tine Wittler: Vermutlich liegt, wie so oft, die Wahrheit in der Mitte, und es gibt beides. Wobei beide dieser „Neide“ un(ter)bewusst bzw. instinktgetrieben sind. Und da liegt meiner Meinung nach die Herausforderung: Nämlich darin, diesen Neid überwinden zu können – auf dem Weg zur Entwicklung einer gleichberechtigten und doch vielfältigen Gesellschaft, die es vermag, die reine Natur durch Kultur zu bereichern. Ich glaube noch immer daran, dass sich der Mensch genau darin vom Tier unterscheidet: dass er seine Natur überwinden kann. Nicht, indem er die Natur als Feind sieht, den es zu bekämpfen gilt. Sondern, indem er seine Natur durch das „gewisse Etwas“ ergänzt, das es ihm ermöglicht, eben nicht mehr rein instinktiv geleitet zu werden.

FRIEDA: Zu mir sagte kürzlich ein Mann: „Die Emanzipation dient in erster Linie der Kontrolle der Frau. Und die, die das nicht wissen, sind die Frauen!“ Würde ein Mann das zu Ihnen sagen, was wären Ihre Gedanken dazu?

Tine Wittler: Eine interessante These, deren Nachvollziehbarkeit sich mir aber in der hier dargestellten Kürze nicht erschließt. Ich würde den Herrn, der sie aufstellt, vermutlich umgehend nach seinen Argumenten für diese These befragen. Solche Diskurse können sehr spannend sein! Ich schätze es sehr, Gespräche zu führen, die auf provokanten, für mich persönlich zunächst vielleicht sogar absurd anmutenden Aussagen basieren. Denn sie schulen genau das, was für das Fortkommen der Menschheit so wichtig ist: die Möglichkeit des Perspektivwechsels und die Bereitschaft, anderen und ihren Argumenten zuzuhören.

FRIEDA: Heute existieren offiziell noch etwa zwanzig Völker, die wesentlich nach matriarchalen Strukturen organisiert sind. Bei denen funktioniert Demokratie auf beispiellose Weise. Frauen und Männer kooperieren gleichwertig mit- und nebeneinander. Was zählt, sind der mehrheitliche Konsens und das Gemeinwohl. Erstaunlich ist, dass diese Themen selbst hierzulande kaum diskutiert werden. Matriarchale Gesellschaftsformen setzen aber wohl voraus, dass man einander kennt und der Lebensraum überschaubar ist. Dezentralisierung wäre da wohl ein Schritt in solch eine Richtung. Die Akan-Völker in Ghana gehören noch zu den wenigen Ethnien mit matriarchalen Mustern. „Tine Wittler auf den Spuren des Matriarchats in Ghana“ – wäre das eine Idee für ein neues Buch oder einen weiteren Dokumentarfilm? (Wenn ja, komme ich mit! 🙂 )

Tine Wittler: Ginge es allein um das Thema und um die Aufmerksamkeit, die es verdient, wäre ich sofort ganz vorn dabei. Aber ich will ehrlich sein: „Wer schön sein will, muss reisen“ war ein absoluter Kraftakt. Als unabhängige Produzentin und One-Woman-Show einen Dokumentarfilm in die Kinos zu bringen, der ein Thema beackert, das andere nicht mit der Kneifzange anfassen würden (jedenfalls nicht, sofern sie es mit dem Anspruch bearbeiten wollen, dabei wirklich ehrlich und unabhängig zu sein), hat mich nicht nur fünf Jahre härtester Arbeit gekostet, sondern auch eine Menge Geld, das sich zu meinen Lebzeiten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wieder einspielen lassen wird. So ist es nun mal. Und deshalb werde ich wohl nie wieder einen Kinofilm auf eigene Faust produzieren (können). Geld regiert die Welt – und beeinflusst leider auch die Bereiche „Themenaufmerksamkeit“ und „-agenda“.

Ich habe lange dafür gebraucht, diese Erkenntnis zu verarbeiten und zu erkennen, dass auch einem scheinbar unerschöpflichen kreativen Antrieb wie dem meinen durch so etwas Profanes wie „finanzielle Mittel“ nun mal Grenzen gesetzt werden. Leider. Grundsätzlich ist die Enge unserer Welt meiner Meinung nach oft genug genau darauf zurückzuführen. Aber ich kann das nur begrenzt verändern, und meine persönliche Grenze habe ich in diesem Punkt kennen gelernt. Mein aktuelles Projekt – die Künstlerförderung in meinem kleinen Kulturzentrum „parallelwe.lt“ – versuche ich wirtschaftlich solide aufzubauen, um es mit der gebotenen Umsicht, aber nicht mit weniger Elan, auch langfristig finanziell stemmen zu können.

FRIEDA: In Ihrem dritten Roman „Parallelwelt“, in dem es um die überraschend arbeitslos gewordene Online-Redakteurin Marnie geht, thematisieren Sie auch die Fragen: „Arbeite ich um zu leben, oder will ich leben, um zu arbeiten?“ Immer mehr Menschen in diesem Land müssen in mehreren Jobs arbeiten. Da geht es nicht mal mehr um die Frage des Lebens, sondern des Überlebens. Von Christian Felber, Begründer des Konzepts der Gemeinwohl-Ökonomie und Initiator der ersten ethischen Alternativbank in Österreich, stammen umsetzbare neue Wirtschaftsmodelle, die aber öffentlich auch bislang kaum wahrnehmbar thematisiert werden. Ist es Ihrer Ansicht nach nicht an der Zeit, die gesamte Arbeitswelt – samt Fortschrittsglauben und Wachstumswahn – zu überdenken und Ethik sowie das menschliche Miteinander sehr viel mehr zu diskutieren als es bisher der Fall ist?

(c) Tine Wittler
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Tine Wittler: An der Zeit dafür ist es doch nicht erst seit heute! Ich erinnere mich sehr genau daran, dass ich schon während der Arbeit an dem Roman, der mittlerweile fast fünfzehn Jahre auf dem Buckel hat, immer wieder auf dieses Thema zurückgeworfen wurde. Die Frage beschäftigt mich auch heute noch laufend und mit wachsender Dringlichkeit – was aber meiner Meinung nach auch grundsätzlich zum Künstlerdasein dazugehört. Dieser unerschütterliche Wachstumsglaube, der doch allein schon aufgrund der Begrenztheit von Ressourcen logisch ad absurdum geführt werden müsste, erklärt sich mir bis heute nicht. Erst recht nicht, weil wir alle wissen: Der Mensch ist verführbar – und er ist, leider, von Natur aus auch gierig. Womit wir wieder bei der „Natur“ und der „Kultur“ wären. Wie erleichternd und hilfreich wäre es, wenn der Mensch die Natur seiner Gier zum Wohle aller Menschen überwinden und die Kultur des Teilens zu seiner Natur machen könnte! Aber das ist wohl, zumindest nach aktuellem Stand, nichts weiter als eine Utopie…

FRIEDA: Abschließend nochmal zurück zum – manchmal kurzweiligen, manchmal deprimierenden – Thema „Männer“. Haben Sie aus Ihrer reichhaltigen Erfahrungswelt noch ein probates Hausrezept gegen Liebeskummer?

Tine Wittler: Nö. Außer: Da muss man durch – nämlich mit voller Wucht. Liebeskummer muss man so dermaßen zelebrieren, dass man irgendwann selbst die Schnauze voll davon hat. Man muss heulen, toben, sich fürchterlich betrinken, fluchen – und darf sich, wenn es denn hilft, auch rächen. Um dann irgendwann darüber zu lachen und sich zu sagen: Alles klar. Weiter geht’s. Ich bin liebenswert. Und wer mich nicht will, der hat mich auch nicht verdient. Und wer weiß, wofür’s gut war.

FRIEDA: Die Würde der Frau ist… / die Würde des Mannes ist… abhängig – von? Was fällt Ihnen spontan ein, um diese Sätze zu vervollständigen?

Tine Wittler: Die Würde des Menschen ist unantastbar – jedenfalls solange bezüglich dieser Würde nicht zwischen Geschlechtern, arm und reich, schwarz und weiß, klein und groß, dick und dünn unterschieden wird. Es ist eigentlich traurig, dass auch das eher wie eine Utopie klingt. Aber ich arbeite auf meine mir eigene Art und Weise an der Wahrwerdung dieser Utopie. Das ist mein Motor. Der brummt auf Hochtouren. Und zum Glück darf ich regelmäßig Menschen kennen lernen, die es genau so handhaben. Das ist wichtig, denn genau das hält den Motor am Laufen.

FRIEDA: Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Gespräch, weiterhin viel Schaffensfreude, einen hohen Wirkungsgrad und Erfolg!

Mehr Infos zu Buch und Film ‚Wer schön sein will, muss reisen‚“

Übrigens: Das Album „Lokalrunde“ von Tine Wittler ist jetzt im Handel!

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