Austherapiert? Vielleicht gibt es ja doch Auswege…

Im Gespräch mit Dr. Harald Wiesendanger

„30.000 Krankheiten kennt die Schulmedizin. Doch bloß ein Drittel davon kann sie vollständig heilen oder zumindest deutlich lindern, und dies oft nur mit Nebenwirkungen, mit seelischen Belastungen, mit erheblichen Kosten. Zu den Leidtragenden zählen Millionen chronisch Kranker – sei es mit Herz-/Kreislauferkrankungen, Diabetes, Rheuma, Krebs, Asthma, Neurodermitis, Allergien, Epilepsie oder psychischen Störungen. Bestürzend viele gelten als ‚therapieresistent‘, wenn nicht gar als ‚unheilbar‘.“ So steht es auf der Website der Stiftung Auswege, die bereits am Rande in dem Interview „Emotionale Intelligenz statt chemischer Zwangsjacke“ mit Dr. Milan Meder erwähnt wurde.

Wer selbst von einer chronischen Krankheit betroffen ist oder im näheren Umfeld jemanden in einer solchen Situation kennt, hat womöglich schon erlebt, welche Odysseen Menschen mitunter auf sich nehmen müssen, um Linderung ihrer Symptome oder gar Heilung erfahren zu können. Immer häufiger handelt es sich dabei auch um sehr junge Menschen, um Kinder wie vielleicht der an Enuresis, unwillkürlichem Einnässen, leidende Chris oder wie Nick, bei dem das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde. Beiden konnte nach einem langen Leidensweg im Therapiecamp der Stiftung Auswege geholfen werden. Und vielen anderen Menschen ebenso. Die im Jahre 2005 von Dr. Harald Wiesendanger gegründete Stiftung Auswege hat sich zum Ziel gesetzt, chronisch kranken Kindern und Erwachsenen auf ganzheitliche Weise zu helfen.

FRIEDA im Gespräch mit Dr. Harald Wiesendanger

FRIEDA: Sie studierten Psychologie, Philosophie und Soziologie, promovierten schließlich in Philosophie. Als Wissenschaftsjournalist publizierten Sie mehr als 50 Bücher und über 3000 Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Internetportalen. Wie kamen Sie als Nicht-Therapeut dazu, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die chronisch kranken Kindern und Erwachsenen Zugang zu komplementärmedizinischen Therapien verschaffen soll?

(c) Dr. Harald Wiesendanger

Dr. Harald Wiesendanger: Glück verpflichtet, und davon hatte ich eine Menge. Das Schicksal hat mir drei kerngesunde Kinder geschenkt, die Kliniken nur von außen kennen, und ich selbst bin nun schon sechs Jahrzehnte lang von schweren Krankheiten verschont geblieben. Es erfüllt mich, von diesem Glück etwas zurückzugeben. Mittels der so genannten „Anderen Medizin“ kann ich es.

FRIEDA: Stets dann, wenn die Massen mittels der Fußball-WM sediert werden, verabschiedet die Regierung Gesetze, die sich auf die eine oder andere Weise in der Regel nachteilig auf die Bevölkerung auswirken. So wurde während der diesjährigen Fußball-WM – besonders auf Drängen der SPD – unter anderem im Eilverfahren beschlossen, die Parteienfinanzierung von bisher 165 Millionen jährlich auf 190 Millionen anzuheben. Gleichzeitig werden die Daumenschrauben für beispielsweise Heilpraktiker immer enger gedreht und das, obwohl vielfach belegt ist, dass ganzheitliche Behandlungskonzepte, insbesondere bei chronisch Kranken, sehr effektiv sein können. Die Stiftung Auswege gibt es seit nunmehr 13 Jahren. Wie haben Sie die Entwicklung in unserem Gesundheitssystem seitdem wahrgenommen?

Dr. Harald Wiesendanger: Mit wachsendem Entsetzen. Die Ökonomisierung dieses kranken Systems schreitet ungebremst voran. Daraus erklärt sich sein Grundzug: Mit immer gewaltigerem Aufwand – allein in Deutschland eine Milliarde Euro pro Tag – produziert es immer weniger Gesundheit. Allmählich begriff ich: Insofern versagt es nicht etwa; genau dazu ist es vielmehr da, zumindest in den Augen der übermächtigen Interessengruppen, die in ihm die Fäden ziehen. Als Wirtschaftszweig betrachtet geht es der Gesundheitsbranche nämlich umso besser, je schlechter es uns geht. Florieren und wachsen kann sie nur, wenn immer mehr Menschen immer früher zu Patienten werden und es immer länger bleiben. An Gesunden gibt es nichts zu verdienen, an Toten ebensowenig. Lukrativ sind die dazwischen: die chronisch Kranken. Nichts gefährdet Geschäfte in der Medizin mehr als Gesunde, die es bleiben; als Kranke, die wieder gesund werden; als Ansätze, die ihnen dazu verhelfen.

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Sobald uns dieser Grundzug des Systems einleuchtet, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Schlagartig durchschauen wir all seine Besonderheiten: von Überdiagnostik und Übertherapie, der chemie- und technologielastigen Karikatur von wahrer Heilkunst über Preiswucher, Lobbyismus und Korruption, die Instrumentalisierung von Wissenschaft und Ärzteschaft bis hin zum Rufmord an Kritikern und alternativen Heilkundigen. All das stellt eine monströse Manipulationsmaschine mit schier unbegrenzten Werbe-, Druck- und Schmiermitteln sicher. Allein die Pharmaindustrie schöpft dazu aus einem Marketingtopf von mehreren hundert Milliarden Euro – pro Jahr.

Vor diesem Hintergrund ist systemgefährdend, was in bisher 28 Therapiecamps der Stiftung Auswege seit 2007 herauskam: Von rund 500 vermeintlich behandlungsresistenten chronisch Kranken machten über 80 Prozent binnen neun Tagen gesundheitliche Fortschritte wie zuvor seit Jahren, teilweise Jahrzehnten nicht – im Fall von sogenannten „psychischen Störungen“ sogar über 95 Prozent. (Nachzulesen bei https://www.stiftung-auswege.de/veranstaltungen/fruehere-camps.html.) So etwas darf sich keinesfalls herumsprechen, größere Nachfrage schaffen, Zweifel an der Schulmedizin schüren und verstärken, Alternativen aufwerten.

FRIEDA: Welche Menschen kommen überwiegend zu Ihnen?

Dr. Harald Wiesendanger: Das Diagnosespektrum ist denkbar breit. Zu „Auswege“ findet so gut wie jeder Typ von Patient, dem es seit längerem gesundheitlich schlecht geht, ohne dass die Schulmedizin ihm Linderung verschafft hat, geschweige denn Heilung.

FRIEDA: Gibt es bei diesen Menschen, die ja meistens eine längere Ärzteodyssee hinter sich haben dürften, eine Art gemeinsamen Nenner mit Blick auf ihre Erfahrungen im Gesundheitssystem?

Dr. Harald Wiesendanger: Sie bekamen nicht, was sie am dringendsten bräuchten: Hinweise auf tieferliegende Krankheitsursachen hinter dem manifesten Symptom, der gestörten Funktion, dem geschädigten Organ. Aufklärung über pharmaziefreie Behandlungsalternativen, die sich aus Erfahrung bewährt haben. Aufmerksamkeit, Zuwendung, Empathie. Und Impulse, endlich Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen – zum Selbstheiler zu werden.

FRIEDA: Auf Ihrer Website stellen Sie einige Fallbeispiele vor, bei denen große Erfolge durch Ihr Therapiekonzept zu verzeichnen waren. Eigentlich wäre es aus menschlich-empathischer Sicht doch wünschenswert, dass solche Erfolgsstories viel mehr öffentlich gemacht würden, denn uns allen, als Menschen und als Steuerzahler, sollte doch daran gelegen sein, bestmögliche Rahmenbedingungen für ein vitales Leben mitzugestalten. Sie selbst sind Journalist. Worauf führen Sie zurück, dass die meisten Medien komplementärmedizinische Verfahren nach wie vor eher stiefmütterlich behandeln, teilweise sogar diffamierend?

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Dr. Harald Wiesendanger: Da versagt die vermeintliche Vierte Gewalt im Staat erbärmlich. Viele Redakteure, die meisten freien Journalisten und erst recht die inflationär zunehmenden Blogger, werden beschämend mies entlohnt. Neben der Tastatur liegt allzu oft ein durchgenagtes Hungertuch. Das macht anfällig dafür, sich als Schreibknecht zu prostituieren.

Medienschaffende pauschal als korrumpiert zu beargwöhnen, wäre freilich absurd. Das ist die Minderheit, zumal bei überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, bei hochauflagigen Zeitschriften, bei großen TV-Sendern. Zu Dienern des Systems werden sie, in bester Absicht, auf einem Umweg, den sie ihre eigene Standesethik einschlagen lässt. Als Journalisten haben sie gelernt, Informationen gegenzuchecken, mittels seriöser Quellen. Und welche Quelle scheint verlässlicher als die heilige Kuh der Neuzeit, die Naturwissenschaft? Dass deren Maßstäbe für Evidenz und Wahrheit dem Subjekt Mensch womöglich unangemessen sind, kümmert so gut wie keinen. Dass der Forscher X, der Lehrstuhlinhaber Y, der Gutachter Z, den sie zu Rate ziehen und zitieren, auf der Honorarliste von Konzernen steht, erkundet kaum einer. Erst recht nicht unter Zeitdruck. Lieber schreibt man dann von Wikipedia ab – ohne damit zu rechnen, dass deren Administratoren ebenfalls gekauft sein könnten, nicht bei Artikeln über Brunnenkresse, die Waldameise und den Titicacasee, wohl aber, wenn es um Themen geht, die kommerziell bedeutsam sind. Und dazu zählen Einträge über Krankheiten, deren Diagnose und Behandlung, über Anbieter von medizinischen Leistungen in besonderem Maße.

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FRIEDA: Sie machen sich für einen stärkeren Dialog zwischen Schulmedizin und komplementärmedizinischen Verfahren stark und wünschen sich mehr Miteinander statt Nebeneinander beider Disziplinen. Wie sind Ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht mit jenen Ärzten, bei denen Ihre Patienten in Behandlung waren, bevor sie zu Ihnen gekommen sind? Gibt es dort Interesse an Kooperation mit Ihnen oder reagiert man eher mit Abwehr oder Desinteresse?

Dr. Harald Wiesendanger: Teils, teils. Ärzte, die ihren Hippokratischen Eid ernst nehmen, öffnen sich zunehmend für unkonventionelle Heilweisen, ihren Patienten zuliebe. Der eine oder andere schaut sogar in unseren Camps vorbei, wirkt anschließend ehrenamtlich mit. (Näheres in meinem Buch „Geistiges Heilen in der ärztlichen Praxis“, http://psi-infos.de/LESETIPPS/Geistiges_Heilen_-_Liste_Bucht/Geistiges_Heilen_in_der_arztli/geistiges_heilen_in_der_arztlichen_praxis.html.) Doch weiterhin überwiegen bekennende Schulmediziner, die vollziehen, wofür das System sie zurechtbiegt: während ihres pharma- und techniklastigen Studiums, in der industriegesponserten Fortbildung, durch gekaufte Meinungsführer ihres Fachs, durch eloquente Pharmareferenten, durch PR-missbrauchte Fachjournale.

FRIEDA: Natürlich ist jede Krankengeschichte so individuell wie der dazugehörige Mensch. Gibt es trotzdem Fälle, die Sie persönlich besonders berührt haben während der Jahre Ihrer Tätigkeit und wenn ja, könnten sie ein paar davon näher beschreiben?

Dr. Harald Wiesendanger: Als Vater aus Leidenschaft sind mir Kinderschicksale besonders nahegegangen. Unvergesslich ist mir die fünfjährige Mira geblieben, eine schwere Epileptikerin, die seit ihrem zweiten Lebensjahr heftig krampfte, mit bis zu 20 Anfällen pro Tag. Seither stand ihre geistige Entwicklung still. Weil Medikamente nicht halfen, setzte die Mutter ihre letzte Hoffnung auf ein „Auswege“-Therapiecamp. Ich erinnere mich an den späten Vormittag des vierten Camptags: Da spielte Mira zunächst im Garten ausgelassen Fußball mit mir, eine Viertelstunde später saß sie neben mir am Mittagstisch. Plötzlich begann sie zu zucken, verdrehte die Augen, sackte in sich zusammen – und krampfte minutenlang in meinen Armen. Als ihr Hirngewitter endlich vorbei war, blieb sie eine knappe Stunde lang apathisch, nicht ansprechbar. Mir blutete schier das Herz. Dieses Kind könnte mein eigenes sein – was würde das für mich bedeuten?

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Nach Campende wurde Mira von einem Heiler sowie einem homöopathischen Arzt aus unserem Netzwerk weiterbetreut. Nach einem Monat war die Kleine erstmals eine ganze Nacht anfallsfrei, nach sechs Wochen zwei aufeinanderfolgende Tage. Nach knapp einem Vierteljahr geschah das Unfassbare: Die Epilepsie verschwand. Das war 2008. Zehn Jahre später kommt es nur noch zwei-, dreimal pro Jahr zu kurzen, leichten Attacken. Ihren Entwicklungsrückstand hat Mira seither in Riesenschritten verkürzt.

Auch Daniel, 11, fällt mir ein: extrem unruhig und unaufmerksam, ständig in Bewegung, ein klassischer Fall von „ADHS“. Am Abend des vierten Camptags, nach einem Dutzend Heilsitzungen, spielte er knapp zwei Stunden lang mit mir Mühle – hochkonzentriert, durch nichts und niemanden abzulenken. Wie er, so sind 37 von 39 „ADHS“-Diagnostizierten in unseren Camps vollständig symptomfrei geworden, unter ärztlicher Kontrolle. Ritalin, Medikinet? Überflüssig. Fast immer erwies sich das Elternhaus als Schlüssel zur Heilung: In Verhaltensauffälligkeiten – bei ADHS ebenso wie bei einer vermeintlich pathologischen „Depression“, einer „autistischen“, „Anpassungs-“ oder „Angststörung“ – spiegeln Kinder fast immer ein unheiles Umfeld, überforderte Eltern, schwerwiegende Erziehungsfehler. Deshalb setzen wir systemisch an, laden möglichst viele nächste Angehörige mit ein.

(c) Stiftung Auswege: Mira (Epileptikerin)

Besonders betroffen machen mich immer wieder haarsträubende Schicksale von Menschen, die in die Mühlen der modernen Psychiatrie geraten sind, nachdem ihnen Diagnose-Etiketten für „psychische Störungen“ verpasst wurden. Die Eltern einer 17-jährigen angeblich Schizophrenen konnte ich während eines Camps dazu bewegen, ihr Kind nach vierjähriger psychiatrischer Internierung, mit fortgesetzter pharmazeutischer Körperverletzung, endlich heimzuholen. Bei einer 44-jährigen mit derselben Diagnose konnten wir bloß noch Begleitsymptome lindern – ihre Persönlichkeit war bereits unumkehrbar deformiert, ihr Leben verpfuscht, nach zwei Jahrzehnten Dauermedikation in psychiatrischen Einrichtungen. Wie war sie dorthin geraten? Ein Arzt wies sie kurzerhand ein, nachdem sie „durchdrehte“, weil sie unentwegt gemobbt wurde und bei der Abiprüfung durchgefallen war.

Für eine menschlichere Psychiatrie, die sich endlich aus dem Klammergriff von Big Pharma befreit, wirbt die Stiftung Auswege zur Zeit mit einer Petition. (https://www.stiftung-auswege.de/unterstuetzen/abstimmen.html) Besonders eindrucksvolle Behandlungserfolge bei seelisch Belasteten stellt mein neues Buch „Der Psychofalle entkommen“ vor. (http://supr.com/stiftung-auswege-shop/buecher/der-psychofalle-entkommen-auswege-schriftenreihe-psycholuegen-band-10-printausgabe/)

FRIEDA: Das Thema „psychische Störungen“ berührt ja auch den Bereich Trauma. Meine Vermutung ist, dass Angststörungen, Depressionen und dergleichen oft auch falsch behandelt werden, weil die Möglichkeit der Traumatisierung nicht unbedingt in Betracht gezogen wird. Spielt das Thema Traumatisierung auch bei Ihnen im Therapiecamp eine Rolle?

(c) Stiftung Auswege – Gruppenfoto: Patienten und Angehörige

Dr. Harald Wiesendanger: Ja, aber auf unübliche Weise. In unseren Camps werden Diagnosen für Traumata und sonstige „psychische Störungen“ weder gestellt noch überprüft noch handlungsleitend gemacht. Wozu auch? Warum mag heutzutage kaum einer mehr Angst haben, sondern eine „Angststörung“? Wieso will niemand mehr anhaltend niedergeschlagen, traurig und lustlos sein, sondern „depressiv“? Nicht mehr nachhaltig erschüttert, sondern „traumatisiert“? Nicht mehr ständig zappelig und kaum bei der Sache, sondern „ADHS“-geschädigt? Wieso nicht andauernd erschöpft, sondern im Griff eines „Burn-out“ oder CFS? Sobald wir das psychiatrische Sprachspiel mitzuspielen beginnen – und uns dabei womöglich noch besonders gebildet vorkommen -, schnappt die Falle zu. Wir definieren uns selbst in einer fremden Begrifflichkeit, von der Fachleute besser wissen, ob sie passt. Und das heißt: Wir überlassen ihnen die Deutungshoheit darüber, ob, was und wieviel uns fehlt, was in uns eigentlich vorgeht, wer wir in Wahrheit sind. Wir sagen Ja zu einer anderen, expertokratischen Lebensform.

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Muss das sein? In den „Auswege“-Camps sagen uns Betroffene, was sie bedrückt, sie erzählen uns ihre Geschichte, schildern uns ihre Lebensumstände – und wir hören zu, aufmerksam, geduldig, mitfühlend und -denkend. Dann helfen wir, indem wir trösten, ermutigen, zum Umdenken anregen, Alternativen, Perspektiven und Wege aufzeigen, manchmal sanft, manchmal eher resolut. Das mutet höchst unprofessionell an, erweist sich aber als verblüffend heilsam: Von unseren Erfolgsquoten nach gerade mal einer Woche kann die übliche psychiatrische Praxis und Klinik nur träumen. Und ja, erfreulich oft halten die erzielten Besserungen hinterher an, vor allem, wenn wir nachbetreuen können.

Wirft das nicht ein bezeichnendes Licht auf das Psycho-Profitum, das seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die westliche Welt heimsucht und tiefgreifend verwandelt? Sein Boom ist maßgeblich industriegesteuert: Ihre Diagnostik, die immer mehr Befindlichkeitstiefs immer früher pathologisiert, ist ein willkürliches, schädliches und überflüssiges Machwerk von Big Pharma, deren Mietmäuler die ICD- und DSM-Gremien beherrschen. Dem Krankheitsbegriff der Psychiatrie fehlt weiterhin ein naturwissenschaftliches Fundament – zwangsläufig, denn was „stört“, bestimmen soziokulturelle Normen, nicht Hirnstoffwechsel und Gensequenzen.

Aus ebenso triftigen Gründen misstrauen wir professioneller Therapie. In unseren Campteams überwiegen – wie skandalös! – psychologische und medizinische Laien mit besonderen Merkmalen: Sie sind empathisch, kommunikativ geschickt, kreativ, spontan, authentisch, hingebungsvoll, mit seelisch Belasteten vertraut, lebenserfahren, weise. Damit bringen sie die allerwichtigsten Eigenschaften mit, die einen fähigen Psychotherapeuten auszeichnen. Nichts davon lernt man erst und ausschließlich auf der Uni. Und so kommt es zu jenem hundertfach bestätigten, oberpeinlichen Befund vergleichender Psychotherapieforschung, den Fachverbände und Lehrbuchautoren tunlichst unter den Teppich kehren: Beim Behandeln von so gut wie allen sogenannten „psychischen Störungen“ können geeignete Laien mit Profis nicht bloß mithalten – häufig kriegen sie sogar mehr hin. Übrigens ohne jegliche Psychopharmaka.

Klar, das ist starker Tobak, er schreit nach ausgiebiger Begründung, aber die würde unser Interview sprengen. Ich verweise einfach auf die „Auswege“-Schriften „Das Märchen von der Psycho-Seuche – Profis erkennen nicht besser, was uns fehlt“ (http://supr.com/stiftung-auswege-shop/buecher/das-maerchen-von-der-psycho-seuche-profis-erkennen-nicht-besser-was-uns-fehlt-auswege-schriftenreihe-psycholuegen-band-2/) und „Seelentief – Ein Fall für Profis? Fachleute behandeln uns nicht besser“ (http://supr.com/stiftung-auswege-shop/buecher/seelentief-ein-fall-fuer-profis-fachleute-behandeln-uns-nicht-besser-auswege-schriftenreihe-psycholuegen-band-3/)

FRIEDA: Ihr Behandlungskonzept, das eine breite Palette an alternativmedizinischen Verfahren beinhaltet, die Sie also anbieten oder zumindest empfehlen, spannt auch den Bogen zum Geistigen Heilen. In England hat bereits jeder Krankenhauspatient das Recht darauf, einen Geistheiler hinzuzuziehen. In britischen Krankenhäusern arbeiten geistige Heiler schon längst als feste oder freie Mitarbeiter, sofern sie entsprechende Qualifikationen nachweisen können. Deutschland hinkt auch in diesem Bereich hinterher. In der Stiftung Auswege spielt die Geistheilung eine gleichwertige Rolle neben anderen Methoden. Wie ist die Akzeptanz darauf bei Ihren Patienten und welche Erfahrungen werden damit gemacht?

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Dr. Harald Wiesendanger: Aus tiefer Überzeugung lassen sich die Wenigsten die Hand auflegen. Zu Recht überwiegt Pragmatismus: Hauptsache, es nützt. Und das tut es verblüffend oft. In den „Auswege“-Camps zählt Geistiges Heilen – zumindest wenn Könner es praktizieren – zu jenen Heilweisen, die auch bei hartnäckigen Leiden besonders rasch und tiefgreifend wirken.

FRIEDA: Die Argumentation seitens des schulmedizinischen Establishments lautet ja häufig, dass es weder für die Homöopathie noch für beispielsweise das Geistige Heilen wissenschaftliche Erklärungen gäbe. Womit erklären Sie sich die Wirkung des Geistigen Heilens?

Dr. Harald Wiesendanger: Vermutlich gibt es keine Theorie hierüber, die mir nicht schon begegnet wäre – aber keine einzige überzeugt mich vollauf. Bloß: Brauche ich überhaupt eine? Benötigt sie der Patient? Warum sollten wir uns nicht eines erwiesenermaßen hilfreichen Instruments bedienen dürfen, ohne den blassesten Schimmer zu haben, wie es funktioniert? Müssten andernfalls die meisten von uns nicht von Computern und Fernsehern, Smartphones und Kreditkarten, Autos und Navis schleunigst die Finger lassen?

FRIEDA: Da stimme ich Ihnen völlig zu. Im Rahmen von jährlich stattfindenden Therapiecamps können sich chronisch kranke Kinder und Erwachsene bei Ihnen also durch sehr erfahrene Therapeuten behandeln lassen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um an einem solchen Therapiecamp teilnehmen zu können und welche Kosten entstehen für die Teilnehmenden?

Dr. Harald Wiesendanger: Herzlich willkommen ist so gut wie jeder, bei dem die Schulmedizin seit längerem an ihre Grenzen stößt. Beratung und Behandlung bieten wir Minderjährigen kostenlos, Erwachsene zahlen eine Tagespauschale von 40 Euro. Hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung.

Von einer Teilnahme abraten würde ich allerdings bei genetischen Defekten, schweren körperlichen und geistigen Behinderungen. Zwar sind Symptomlinderungen erfahrungsgemäß selbst in solchen Fällen möglich – aber eher in der langfristigen Obhut eines wohnortnahen Therapeuten aus unserem Netzwerk (http://ivh.stiftung-auswege.de) als binnen einer Campwoche.

FRIEDA: Das, was es zur Gesundheit braucht, ist ja eigentlich recht einfach. Neben einer nährstoffreichen und schadstofffreien Ernährung, spielen das soziale Umfeld eine wichtige Rolle, die Qualität des Wassers, die Möglichkeit, sich selbst kreativ und mitgestaltend auszudrücken, Bewegung und frische Luft, der möglichst komplette oder weitgehende Verzicht auf Medikamente. Doch all das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Sie bieten kranken Menschen nicht nur Hilfe an, wenn die Symptome die Lebensqualität bereits schwer beeinträchtigen, sondern sind auch im Bereich Prävention engagiert. Was machen Sie da konkret?

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Dr. Harald Wiesendanger: Eine Menge. Wir bemühen uns um Aufklärung über unsere umfangreiche Website, unseren Gratis-Newsletter „Auswege Infos“ (https://www.stiftung-auswege.de/infos/newsletter.html), über Präsenzen bei Social Media wie Facebook (https://www.facebook.com/Auswege/) und Instagram, (https://www.instagram.com/stiftungauswege/) mit Dutzenden von Büchern und Broschüren, (www.stiftung-auswege-shop.com) durch Infoveranstaltungen. (https://www.stiftung-auswege.de/veranstaltungen/benefizabende.html) Nicht nur über Behandlungsoptionen, auch über intelligente Vorsorge beraten wir Hilfesuchende in unseren Camps sowie über unseren telefonischen Infodienst, (https://www.stiftung-auswege.de/hilfe/wir-beraten.html) an dem rund 30 Ärzte, Psychotherapeuten, Heilpraktiker ehrenamtlich mitwirken.

FRIEDA: Zu Ihrem Netzwerk gehören derzeit etwa 200 ausgewählte Therapeuten aus 35 Ländern, vorwiegend jedoch aus dem deutschsprachigen Raum. Interessierte können mittels der Postleitzahl auf Ihrer Website herausfinden, ob sich in der Nähe einer der von Ihnen empfohlenen Ärzte oder Heiler befindet. Welche wesentlichen Kriterien müssen Therapeuten erfüllen, um bei Ihnen gelistet zu werden?

Dr. Harald Wiesendanger: Erstens: Sie sollten ethisch tadellos arbeiten. Dazu verpflichten wir sie auf einen achtteiligen Verhaltenskodex. (https://ivh.stiftung-auswege.de/ivh-verzeichnis/ehrenkodex.html) Er verlangt von ihnen unter anderem, nichts zu versprechen, keinerlei Druck auszuüben, keine unüberprüfbaren Diagnosen zu stellen, vorab klare Honorarvereinbarungen zu treffen.

Zweitens: Sie sollten therapeutisch außergewöhnlich fähig sein. Das versuchen wir anhand eines zehnteiligen Kriterienkatalogs abzuschätzen. Unter anderem werten wir Erfahrungsberichte von Patienten aus, nachdem wir sie vermittelt haben. Wir lassen so genannte „Meldebögen“ ausfüllen, mit denen wir zwei Dutzend wichtige Details von Behandlungsverläufen erfassen. Rund 20 „Screener“ suchen in unserem Auftrag Praxen auf, um dort nach dem Rechten zu sehen – verdeckt, vorgeblich als gewöhnliche Hilfesuchende. Auch Erfahrung zählt: Wir empfehlen niemanden, der nicht seit längerem praktiziert. Außerdem verschaffen wir uns möglichst einen persönlichen Eindruck; dazu laden wir Kandidaten zu Infonachmittagen ein, zu „Schnupper“besuchen in unseren Camps, zu Begegnungen unter vier Augen.

All das liefert keine Qualitätsgarantie, zugegeben. Zumindest aber verringert es erheblich das Risiko für Hilfesuchende, mit vermeintlichen „Wunderheilern“ ihr blaues Wunder zu erleben.

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FRIEDA: Die Stiftung Auswege trägt sich durch Spenden und viel ehrenamtliche Mitarbeit. Interessierte können auch vor Ort Veranstaltungen organisieren. Was es dazu braucht und inwieweit Sie dabei Unterstützung anbieten, ist unter dem Punkt „Helfen Sie mit!“ auf Ihrer Website zu finden. Welche Erfahrungen haben Sie dazu bisher gemacht? Steigt das Interesse, Ihre Arbeit und Ihr Wissen auf diese Weise bekannter zu machen?

Dr. Harald Wiesendanger: Leider nein. Für „Auswege“ einen erfolgreichen, vielbeachteten Benefizabend hinzukriegen, der die Mühe lohnt, erfordert reichlich Zeit, Organisationstalent und ein gutes Beziehungsnetz vor Ort. Unter unseren Sympathisanten bringen das die wenigsten mit. Allerdings unterstützen wir jeden Interessenten nach Kräften bei der monatelangen Vorarbeit.

FRIEDA: Ich führte für FRIEDA-online im März 2017 eine Parteienumfrage zum Gesundheitssystem durch, deren Ergebnisse mich insgesamt nicht gerade fröhlich stimmten. Wären Sie Gesundheitsminister, welche Reformen hätten für Sie absolute Priorität?

Dr. Harald Wiesendanger: Wie viele Gigabyte Webspace hat „FRIEDA“?

Im Ernst: Nach vielen verlorenen Jahrzehnten gäbe so bedrückend viel nachzuholen, gegenzusteuern, um- und aufzubauen, dass ich kaum wüsste, wo ich anfangen sollte. Achtzehn sogenannte „Gesundheitsreformen“ sind den drängendsten Fragen, die unsere überteuerte, ineffiziente Medizin aufwirft, beharrlich ausgewichen. Die eine oder andere Gesetzesänderung tat dem medizinisch-industriellen Komplex zwar ein bisschen weh – an entscheidende Strukturen, Zielsetzungen und Weichenstellungen traute sich indes keine einzige heran, nicht einmal ansatzweise. Durchweg handelte es sich um Notwehrreaktionen auf äußerste monetäre Engpässe: leere öffentliche Kassen, malade gesetzliche Krankenversicherungen, überforderte Beitragszahler. Soweit Bundesregierungen in Versorgung und Regulierung eingriffen, ging es ausnahmslos darum, Kosten zu dämpfen und finanzielle Lasten umzuverteilen – um Themen wie Beitragshöhe, Arbeitgeberzuschüsse, Einschränkung von Leistungen, Vergütung der Leistungserbringer, Praxisgebühren, Zuzahlungen zu Arzneimitteln, Selbstbeteiligung, Ausgabenbudgets, Preisgestaltung, Festbeträge, Rationalisierung.

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Niemals nahm der Staat echte, dringend notwendige Reformvorhaben in Angriff: Wann endlich entzieht er sich der Dauerbelagerung durch Lobbyisten? Wann endlich gewährt er Patienten die gleiche Chance, Gehör zu finden, wie der Pharma- und Versicherungswirtschaft, Vertretern von Ärzten und Apothekern? Warum schiebt er der routinemäßigen Studientrickserei von Industrieseite nicht einen Riegel vor, legt Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel nicht ganz in die öffentliche Hand oder unterwirft sie zumindest strikter Aufsicht? Wann überarbeitet er endlich das Patentrecht, um dessen dreistem Missbrauch durch pharmazeutische Scheininnovationen einzudämmen, die einen einzigen Zweck verfolgen: Vermarktungsmonopole aufrechtzuerhalten? Weshalb setzt er dreister Preistreiberei nicht ein rigoroses Ende? Wo bleibt die seit Jahrzehnten angekündigte „Positivliste“, die Ärzten und Verbrauchern vorgibt, welche Arzneimittel wirklich hilfreich, nötig und preiswert sind? Wo bleibt eine unabhängige „Stiftung Warentest“ für den Arznei- und Nahrungsmittelsektor? Wann endlich verpflichtet der Staat die gesetzlichen Kassen dazu, nicht mehr für teure Originale aufzukommen, wenn mindestens ebenso wirksame, längst bewährte ältere Mittel oder Nachahmerpräparate, Generika, zu einem Bruchteil des Preises erhältlich wären? Wieso verschärft er Antikorruptions- und Transparenzgesetze nicht drastisch? Wann endlich zieht er Manager persönlich zur Verantwortung, wenn ihre Produkte schwere, bleibende Gesundheitsschäden anrichten? Wieso baut er kein unabhängiges öffentliches Informationssystem auf, finanziert aus möglichen Milliardeneinsparungen im Arzneimittelsektor und dem prallgefüllten Marketingtopf der Konzerne? Weshalb fördert er so gut wie gar nicht die Erforschung chemiefreier Behandlungsansätze, hilfreicher psychosozialer Projekte sowie selbstverantwortlicher Gesundheitsfürsorge? Wo bleibt dringend notwendiger, intensiver Gesundheitsunterricht, vom Kindergarten bis zum Schulabschluss – sollten Kinder nicht eher über industrielle Fertignahrung, über ein Übermaß an tierischem Eiweiß, versteckten Zucker und Salz Bescheid wissen als über die Keilerei 333 bei Issos, die 8848 Höhenmeter des Mount Everest, über Integral- und Vektorrechnung? Wann endlich sorgt der Staat dafür, dass die ärztliche Aus- und Weiterbildung pharmafrei wird? Wann endlich wird Ärzten verboten, Zuwendungen jeglicher Art von der Industrie anzunehmen? Wann endlich wird Inhabern politischer Ämter untersagt, in die Industrie zu wechseln? Wann bläst Berlin endlich das kläglich gescheiterte Experiment der „Selbstverwaltung“ im Gesundheitswesen ab, die seit Jahr und Tag auf die gemeinschaftliche Selbstbereicherung der beteiligten Interessengruppen hinausläuft? Wenn Pharmazie ein Multimilliardengeschäft ist, für das staatliche Institute ohnehin einen Großteil der Grundlagenforschung leisten – weshalb macht er dieses Geschäft nicht besser gleich selbst, statt bei den Selbstbereicherungsorgien von Managern, Investoren und Aktionären tatenlos zuzusehen?

Und niemals ging es bisher um brennende Grundsatzfragen wie: Worin besteht Gesundheit eigentlich? Was bedeutet Heilung? Was erhöht und sichert Wohlbefinden und Lebensqualität? Was motiviert Patienten über finanzielle Anreize hinaus, Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen, zu ihrer Genesung aktiv beizutragen? Welche präventiven Ansätze können dafür sorgen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen? Vertragen Helfen, Heilen und Pflegen überhaupt Kommerz, dürfen sie betriebswirtschaftlichem Kalkül unterworfen werden? Gibt es zu Pharmazeutika preiswertere, nebenwirkungsärmere, patientenfreundlichere Alternativen? Wie fördern und gestalten wir eine integrative Medizin, die das Beste aus unterschiedlichen Heiltraditionen und Therapierichtungen verbindet? Wie wird Humanmedizin humaner, wie befriedigt sie grundlegende menschliche Bedürfnisse?

FRIEDA: Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass unser Gesundheitswesen insofern die Kurve kriegt? Oder anders gefragt: Wie sieht Ihres Erachtens die Medizin der Zukunft aus?

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Dr. Harald Wiesendanger: Einerseits stimmen manche Entwicklungen hoffnungsfroh. Immer mehr Menschen nehmen übliche medizinische Maßnahmen nicht mehr brav hin, sondern hinterfragen sie. Die Nachfrage nach Behandlungsalternativen ist ungebrochen und wächst weiter. Es wächst die Zahl der Stiftungen, Vereine, Akademien und Institute, die sich mit viel Herzblut und Esprit für ein anderes Gesundheitswesen einsetzen. Immer mehr Menschen ernähren sich vollwertig, verhalten sich auch sonst gesundheitsbewusster. Manchen systemkritischen Webseiten und Facebook-Accounts folgen Zehntausende. Jene „Enteignung der Gesundheit“, die der Philosoph Ivan Illich schon in den siebziger Jahren anprangerte, bricht ja nicht als unabwendbares Schicksal über uns herein. Sie kann nur stattfinden, weil und solange wir sie zulassen: durch Expertengläubigkeit, durch Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, durch die falschen Wahlentscheidungen, durch einen Mangel an politischem Engagement. Ein Milliardengeschäft sind synthetische Arzneien nur, solange wir sie uns arglos verschreiben lassen und brav schlucken.

FRIEDA: Und andererseits?

Dr. Harald Wiesendanger: Eine humanere, patienten- statt profitorientierte Medizin fordern weiterhin zu wenige, sie bewegen zu wenig, sie sind zu unorganisiert und finanziell zu impotent, die Gegenkräfte des Systems sind übermächtig. Und so stelle ich in meinem Bekanntenkreis bei vielen klugen, sensiblen Leuten zunehmende Weltflucht fest: Die Nachrichtenlage ist niederschmetternd – also kündigt man das Zeitungsabo, guckt keine Tagesschau mehr. Zwar setzt man eifrig „Likes“ und „Shares“ in sozialen Medien, man sendet „geistige Energien“, „das Licht der Liebe“ irgendwohin, meint aber, damit schon genug zu tun. Man harrt eines New Age, das bestimmt von ganz alleine kommt, wie für einen Zeugen Jehovas die Tausend-Jahre-Herrschaft des Allmächtigen. Man arrangiert sich neobuddhistisch mit dem Lauf der Dinge: Alle Übel dieser Welt ergeben sich bloß aus glücksverhindernder Wahrnehmung und emotionaler Anhaftung. Man bevorzugt Selbsterlösung.

FRIEDA: Belegen die zumindest wahrnehmbaren Erfolge der Friedens-, Öko-, Antikernkraft-Bewegung, auch die Nachwirkungen der ´68er-Proteste, nicht, dass Sie da vielleicht doch ein wenig zu schwarz sehen?

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Dr. Harald Wiesendanger: Atompilze und tote Bäume verbreiten Angst und Schrecken durch starke Bilder, die mobilisieren, indem sie Gefahren anschaulich machen. Chronische Krankheit hingegen bedroht schleichend. Wirklich greifbar wird sie erst, wenn sie eintritt – also zu spät. Sie vorher vollauf zu erfassen, setzt Neugier und Flexibilität, Intelligenz und Bildung voraus; ein gewisses Maß an Respektlosigkeit gegenüber Akademikern, insbesondere gegenüber den Halbgöttern in Weiß; und ausreichend Zeit, sich schlau zu machen. Wenn ich in Wartezimmern von Arztpraxen, in Fußgängerzonen, in Gasthäusern, auf Volksfesten in die Gesichter meiner Mitmenschen schaue: Wie vielen traue ich zu, das Not-Wendige zu begreifen? Wie viele würden mir auch nur ein paar Minuten lang aufgeschlossen zuhören, innehalten und ins Grübeln kommen, ein Buch zur Hand nehmen, geschweige denn grundlegende Einstellungen, Denkmuster und Gewohnheiten aufgeben? Wie viele würden ihre Smartphones und VR-Brillen beiseite legen, ihren PC und TV ausschalten, um hinzuzulernen und zu handeln?

Uns umgeben fünf Millionen funktionale Analphabeten, die nur einzelne, kurze Sätze lesen und schreiben können; weitere zwei Millionen kommen über einzelne Wörter nicht hinaus, rund 300 000 Menschen scheitern selbst daran. Anderthalb Millionen gelten laut Statistischem Bundesamt als geistig schwerbehindert. Beim Rest reicht die Aufmerksamkeitsspanne oft nicht weiter als eine Minute, der Interessenhorizont nicht weiter als die Sonderangebote beim Discounter, die neue VW-Generation und das nächste Reiseziel. Moderne Freizeitgestaltung tendiert dazu, Neil Postmans Buchtitel „Wir amüsieren uns zu Tode“ zum Lebensmotto zu machen. Ein Fußballspiel, bei dem 22 Multimillionäre anderthalb Stunden lang einem Ball hinterherjagen, um ihn zwischen zwei Pfosten zu treten, lockt bis zu 30 Millionen Bundesbürger vor die Glotze, manchmal mit 70 Prozent Marktanteil und mehr; die meisten kennen die Namen jedes einzelnen Kickers auswendig. Sollten sie nicht besser 22 Toxine kennen, die sie ihren Babies mit jeder Impfung in die Blutbahn spritzen lassen? 22 Chemikalien, die ihnen auf die Dauer Allergien, Krebs, MS, Demenz und Alzheimer bescheren können? Die 22 nährstoffreichsten Lebensmittel?

FRIEDA: Doch manchmal folgt die Masse, wenn Pioniere voranschreiten …

Dr. Harald Wiesendanger: Selbst wenn unermüdliche Aktivisten im Gesundheitsbereich irgendwann eine kraftvolle soziale Bewegung in Gang brächten: Sie dürfte zu spät kommen. Um redlicherweise bei mir selbst zu beginnen: Obwohl ich mich für weder überdurchschnittlich ungebildet noch desinteressiert noch unreflektiert noch verantwortungslos halte, dauerte es Jahrzehnte, bis mir endlich ein Licht aufging, bis ich endlich in meiner eigenen Lebensweise Entscheidendes änderte. Wie viele weitere Jahrzehnte dauert es wohl, bis bestens begründete Warnungen in unserem Land zu einem politischem Kurswechsel führen – unter bestürzend visionslosen Regierungen und fachlich inkompetenten Gesundheitsministern, umlagert von einem Lobbyistenheer, beraten von gekauften Sachverständigen? Wie viele Jahrzehnte, bis ein globales Umsteuern stattfindet? Zum Vergleich: Von den ersten triftigen Hinweisen, dass Asbest schwere Lungenerkrankungen verursacht, bis zu einem gesetzlichen Verbot, diesen teuflischen Baustoff herzustellen und zu verwenden, dauerte es über 90 Jahre.

FRIEDA: Immerhin: Irgendwann tat sich dann ja doch etwas…

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Dr. Harald Wiesendanger: Wie beim Naturschutz, so haben wir auch im Gesundheitswesen aber nicht mehr Jahrzehnte Zeit, befürchte ich. Längst hat sich ein neoliberaler Turbokapitalismus dem bändigenden Sozialstaat entzogen. Von ethischen Skrupeln unbelastet, agiert er weltweit, und weltweit schafft er längst vollendete Tatsachen, ob im Energie- oder Rüstungssektor, im Ernährungsbereich oder der Medizin. Genmanipulierte Organismen, Mikroplastik, künstliche Nanopartikel sind längst in unserer Umwelt, unserer Nahrungskette, unseren Körpern. Die Massenvergiftung durch Industrienahrung, verseuchtes Trinkwasser, Ultrafeinstaub, Medikamente und Impfstoffe tut ein übriges. Sie wird sich fortsetzen. Denn, wie gesagt: Es ist Teil eines billionenschweren Geschäftsmodells, dass immer mehr Menschen immer früher, immer länger krank werden.

Aus Furcht davor werden die meisten eine digital revolutionierte High-Tech-Medizin begrüßen, die von der Wiege bis zur Bahre konstant Vitalfunktionen, aber auch psychische Befindlichkeiten überwacht, um möglichst früh einzugreifen, vorgeblich präventiv: durch Pharmazeutika, durch Hautsensoren und Implantate, durch Manipulationen im Gehirn und am Erbgut. Ob Homo sapiens dadurch nicht nur kontrollierbarer, sondern auch gesünder wird, bezweifle ich. Aus der Erde könnte noch in diesem Jahrhundert ein Planet werden, auf dem am ehesten eine nichtmenschliche Intelligenz überlebt – die Evolution könnte über unsere Spezies hinweggehen, sie braucht uns nicht. Was Stephen Hawking in Bezug auf KI orakelte, gilt nicht minder für andere gefeierte Schlüsseltechnologien, die „next Big Things“: Robotik, Bio- und Nanotechnologie. Jede „könnte die großartigste Errungenschaft der Menschheit werden, aber auch ihre letzte“. Bei solchen apokalyptischen Aussichten halte ich es bezüglich meiner Stiftung Auswege mit Hoimar von Ditfurth: „Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Allerdings keine weiteren Kinder mehr zeugen.

FRIEDA: Aber auch bei der KI, über die inzwischen beinahe täglich zu lesen ist, finden in der Berichterstattung – nach meiner Wahrnehmung – überwiegend die Befürworter Gehör. Ähnlich verhält es sich mit der Nano-Technologie, deren enorme Risiken m.E. ebenso wie die KI womöglich eines Tages noch zu einem bösen Erwachen führen könnten. Aber: Widerspricht es sich nicht, wenn Sie einerseits noch ein Apfelbäumchen pflanzen würden, auch wenn die Welt morgen unterginge, andererseits aber keine Kinder mehr zeugen würden? Sollten wir uns nicht lieber die Frage stellen, wie wir denn dazu beitragen können, integre Kinder zu erziehen, die sich eben nicht so leicht instrumentalisieren lassen?

Dr. Harald Wiesendanger: Ohne Gaia-Anbetern und Panpsychisten zu nahe treten zu wollen: Bei der Aussicht, dass ein Apfelbäumchen womöglich nicht mehr wächst, halten sich Empathie und Panik bei mir in Grenzen. Ganz anders verhält es sich mit der Aussicht, dass mein eigenes Kind, egal wie fabelhaft erzogen, einer Welt ausgeliefert sein könnte, in der nicht mehr richtig wachsen kann, was einen gesunden Menschen körperlich, geistig und psychisch ausmacht – eine Welt, die insofern die dystopischsten Science Fictions wahr macht. In Zeiten wie diesen ist Optimismus zwar noch wohltuender als ohnehin, scheint mir aber reichlich realitätsblind. Hoffentlich täusche ich mich da.

FRIEDA: Ja, hoffen wir, dass uns und unseren Nachkommen das erspart bleibt. Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Interview!

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Zudem möchte ich noch auf einen Vortrag von Dr. Milan Meder verweisen, der auf dem Youtube-Kanal Neue Horizonte TV von Götz Wittneben zu sehen ist. Bitte direkt auf den Kanal klicken.

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