Achtsam sprechen

Im Anfang war das Wort

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Was ein verletzendes Wort, eine beleidigende Bemerkung oder ein aggressiver Tonfall bewirken können, hat wohl jeder Mensch schon erlebt. Körper, Geist und Seele reagieren auf das gesprochene, das gehörte und sogar auf das gelesene Wort. Im zwischenmenschlichen Bereich, privat oder geschäftlich, ist eine gelingende Kommunikation ein Zaubermittel für ein wohlwollendes Miteinander. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sagte sogar: „Die Sprache ist das Haus des Seins“.

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf dürfte das ähnlich sehen. Unter dem Logo ihres Institutes „Lingva Eterna“ ist zu lesen „In der Sprache liegt die Kraft“. Die Institutsgründerin studierte Englisch, Französisch und Arabisch. Ihr Interesse galt vor allem der Sprachgeschichte und der Entwicklung der Sprache. Nach dem Hochschulabschluss war sie in der Industrie im Bereich Kommunikation tätig. Mitte der 1990er Jahre entwickelte die Sprachwissenschaftlerin schließlich das Lingva Eterna® Sprach- und Kommunikationskonzept und gründete 1999 das gleichnamige Institut in Erlangen.

FRIEDA im Gespräch mit Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf

(c) Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf

FRIEDA: Welche Wirkung hat Sprache auf uns selbst und auf andere?

von Scheurl-Defersdorf: Wir leben in einer Zeit vielfältiger Kommunikationsformen. Dabei dient die Sprache in erster Linie der Weitergabe von Information. Doch ist und kann Sprache weit mehr als das. Es gibt eine Sprache, die aufbaut und gut tut, und es gibt eine Sprache, die Kraft kostet und belastend ist. Dies gilt für den Gesprächspartner ebenso wie für den Sprecher selbst. Hier liegt ein großes Potenzial.

FRIEDA: Wie wirkt sich eine klare und wertschätzende Sprache auf unser privates und berufliches Umfeld aus?

von Scheurl-Defersdorf: Die Auswirkungen sind markant. Sie wirken sich auf zwei Ebenen aus. Die eine betrifft die Kommunikation und die zweite die Wirkung auf den Sprecher selbst. Eine klare, wertschätzende Sprache erleichtert die Kommunikation erheblich. Missverständnisse und Fehlinformationen können dann der Vergangenheit angehören und der Informationsfluss wird leicht. Das spart Zeit, Geld und völlig überflüssigen Ärger. Ein wesentlicher Aspekt sind kurze, vollständige Sätze und ein klarer Satzbau. Das klingt einfach und das ist es auch – doch braucht es Übung.

Eine solche Sprache wirkt auch auf den Sprecher selbst. Er gewinnt an Klarheit in seinem Denken und Handeln und entwickelt eine noch stärkere Ausstrahlung. Dies wiederum wirkt sich auf die Partnerschaft und die Kindererziehung ebenso aus wie auf den Beruf. Alles wird damit leichter. Es ist eine Aufwärtsspirale.

FRIEDA: Was ist neu an Ihrem Sprach- und Kommunikationskonzept und was unterscheidet es vom Neurolinguistischen Programmieren (NLP) oder von der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg (GfK)?

von Scheurl-Defersdorf: Wir haben mit Lingva Eterna einen rein sprachlichen Ansatz und bleiben immer auf der sprachlichen Ebene. Dabei lenken wir unseren Blick auf den Wortschatz, die Grammatik und den Satzbau. Die Struktur der Sprache spricht eine eigene Sprache! Dieser Ansatz ist neu. Dazu kommt, dass wir nur auf der Seite des Sprechers bleiben. Gezielte Änderungen der gewohnten Ausdrucksweise haben eine nachhaltige Wirkung auf das Denken, Sprechen und Handeln und eröffnen neue Handlungsspielräume.

Sie fragten nach dem Unterschied zu NLP und GFK. Diese beiden Konzepte haben einen psychologischen Hintergrund und befassen sich mit Emotionen und Konflikten. Wir haben im Gegensatz dazu eine rein sprachliche Ausrichtung. Damit sind wir hochwirksam.

FRIEDA: Auf welche Säulen stützt sich Ihr Konzept konkret?

von Scheurl-Defersdorf: Lingva Eterna ruht auf drei Säulen: dies sind die Präsenz des Sprechers, die Klarheit der Botschaft und eine fundamentale Wertschätzung. Die Präsenz umfasst alle Eigenschaften des Sprechers wie Selbstbewusstsein, Selbstdarstellung, seine Ausstrahlung und sein Rollenverständnis. Sie zeigen sich in seiner Sprache.

Zur Klarheit der Botschaft gehören kurze, vollständige Sätze mit einer widerspruchsfreien und eindeutigen Grammatik und einem sinnkonformen Wortschatz. Zur widerspruchsfreien Grammatik gehört zum Beispiel der eindeutige und korrekte Gebrauch der drei Satztypen (Frage, Aussage oder Aufforderung). Wir vermeiden bedeutungslose Füllwörter und Negationen und benennen das wirklich Gemeinte.

Die Wertschätzung kennzeichnet die Haltung gegenüber dem Gesprächspartner. Es ist die grundsätzliche Anerkennung des anderen, auch wenn er eine andere Meinung zu einer Sache hat als ich. Das beginnt schon mit der Eröffnung eines Gesprächs mit den „drei A“, bevor ich weiterrede. Die drei A stehen für „mit dem Namen Ansprechen, Anschauen und einen Atemzug Pause“.

FRIEDA: Sie erwähnten gerade einen sinnkonformen Wortschatz. Können Sie das anhand eines Beispiels veranschaulichen?

von Scheurl-Defersdorf: Beim sinnkonformen Wortschatz passen der Inhalt und die Form zusammen. Diese Kongruenz fehlt oft. Dann sagt jemand: „Ich fahre auf dem Heimweg beim Bäcker vorbei.“ Doch wird er nicht wirklich beim Bäcker vorbeifahren wollen. Er meint in Wirklichkeit, dass er auch dort halten und einkaufen wird. Wir sind an solche sprachlichen Ungenauigkeiten gewöhnt und hinterfragen sie meistens nicht. Wer auf einen sinnkonformen Wortschatz achtet, wird als Folge davon in seiner Persönlichkeitsentwicklung einen wichtigen Schritt machen. Er gewinnt an Präsenz und Klarheit.

FRIEDA: Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Veranstaltungen und Publikationen?

von Scheurl-Defersdorf: Wir empfinden einen gesellschaftlichen Auftrag. Wir leisten einen Beitrag zu mehr Frieden und zu bewusst gelebten Werten in Familien und am Arbeitsplatz. Mit der Wandlung der Sprache eines Einzelnen beginnt die Wandlung einer ganzen Gesellschaft. Jedes Wort wirkt – darin liegt eine große Chance!

FRIEDA: „Das schaffst du ja doch nicht!“, „Du bist ja völlig unfähig!“, Sätze wie diese können, gerade bei einem Kind, zur „selffulfilling prophecy“ werden. Welche Rolle spielt die Sprache für die Entwicklung der Persönlichkeit?

von Scheurl-Defersdorf: Sie haben mit Ihrem Hinweis sicher recht. Solche früh gehörten Zuschreibungen prägen Kinder nachhaltig und haben eine erhebliche Wirkung auf ihre seelische Entwicklung. Wir schauen mit unserem Konzept auf die Struktur der Sprache. Wir achten auf einen differenzierten Wortschatz und auf eine klare, wertschätzende Sprache. Sie beide fördern die Entwicklung einer differenzierten Persönlichkeit. Martin Heidegger benennt die Bedeutung der Sprache in seinem berühmt gewordenen Satz: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“

FRIEDA: Sind Sie der Ansicht, dass Sprache bereits auf das ungeborene Kind im Mutterleib wirkt? Oder spezieller gefragt: Kommt das gesprochene Wort der Mutter, und auch das der Menschen in der Umgebung der Mutter, schon beim Embryo an und zwar nicht nur auf auditive Weise, sondern auch auf kognitive?

von Scheurl-Defersdorf: Die Sprache der Mutter und ihrer Umgebung kommt mit Sicherheit schon beim ungeborenen Kind an. Sie beeinflusst das Denken und Fühlen der Mutter, und das überträgt sie selbstverständlich auf das Kind in ihrem Leib. Ich habe dazu ein eindrückliches Beispiel. In einem meiner Seminare saß eine hochschwangere Teilnehmerin und fasste sich immer wieder an ihren Bauch. Ein Teilnehmer sagte, dass er noch nie in seinem Leben die Bewegung eines Kindes im Bauch einer Frau mit seiner Hand spüren durfte. Die werdende Mutter bot ihm an, ihr recht munteres Baby zu spüren.

Als er die Hand auf ihren Bauch legte, hörte das Baby umgehend auf, sich zu bewegen. Ich habe dann nach Rücksprache mit der Mutter die Gruppe gebeten, ein Wort mehrfach und langsam halblaut zu sagen: „schaukeln“. Es dauerte nur kurz, da schaukelte das Baby sanft im Mutterleib. Es hatte das Signal ganz klar aufgenommen und reagiert!

FRIEDA: Das Internet, soziale Netzwerke und Mobiltelefone haben die Kommunikationskultur stark verändert und auch anonymisiert. Welche Auswirkungen auf die Gehirn- und Persönlichkeitsentwicklung könnte das Ihrer Ansicht nach haben?

von Scheurl-Defersdorf: Die Auswirkungen sind vielfältig und lassen sich mit Sicherheit noch nicht umfassend einschätzen. Das Internet, die sozialen Netzwerke und die Mobiltelefone haben ihre Vorteile und auch ihre Nachteile. Sie erfordern einen achtsamen und bewussten Umgang. Dann kann jeder davon profitieren. Unsere Hinweise zum Sprachgebrauch gelten auch hier. Der jeweils gebrauchte Wortschatz wirkt und hat Wirkung, ebenso die Grammatik und der Satzbau – das ist immer so.

FRIEDA: An welche Zielgruppen richten Sie sich?

von Scheurl-Defersdorf: Wir wenden uns an Menschen, die etwas zu sagen haben und Gehör finden wollen. Sie kommen aus unterschiedlichen beruflichen Bereichen: aus Wirtschaft, Industrie, Verwaltung, Pädagogik, Pflege und Gesundheit, Handel, Handwerk, sozialen Einrichtungen und Familien. Wichtig ist der Aspekt, dass wir alle sprachliche Vorbilder sind für unsere jungen Kollegen und Mitarbeiter, und natürlich für die eigenen Kinder.

FRIEDA: Gibt es Literatur für Menschen, die einen bewussteren Umgang mit ihrer eigenen Sprache lernen möchten?

von Scheurl-Defersdorf: Ja, es gibt dazu einige Literatur. Ich habe auch selbst mehrere Bücher, ein Hörbuch mit 2 CDs und je 8 Mini-Weiterbildungen zum Ausprobieren sowie mehrere Kartensätze geschrieben.

Ich mache Sie auch gern auf meine regelmäßigen Sprachtipps aufmerksam. Wir senden sie alle zwei Monate mit unserem Newsletter SprachLicht an Interessierte.

FRIEDA: Vielen Dank für das Gespräch!

Tipps:

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Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf, Deutlich reden, wirksam handeln – Kindern zeigen, wie Leben geht (Verlag Herder, Neuausgabe 2016)

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf, In der Sprache liegt die Kraft. klar reden, besser leben (Verlag Herder, Neuausgabe 2016)

Hörbuch bestellen

Hörbuch:

Mechthild von Scheurl-Defersdorf, Theodor von Stockert, In der Sprache liegt die Kraft. Sich selbst und andere führen (LINGVA ETERNA Verlag, 2. Auf. 2015)

Kartensatz:

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf, Die Kraft der Sprache, 80 Karten für den alltäglichen Sprachgebrauch (LINGVA ETERNA Verlag, 10. Auflage 2015)

(c) https://www.lingva-eterna.de/

Weitere Titel auch von anderen Autoren gibt es auf der Webseite www.lingva-eterna.de

Kontakt:

Lingva Eterna Institut für bewusste Sprache

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf

Anderlohrstraße 42 a, 91054 Erlangen

www.lingva-eterna.de

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