Die Welt im Blick der Kunst

Im Gespräch mit der Künstlerin Angelika Weigelt

Angelika Weigelt vor ihrem Werk „Im Auge des Betrachters“

Die Welt im Blick der Kunst

Im Gespräch mit der Künstlerin Angelika Weigelt

Übergänge, flüchtige Momente, der blinde Fleck im Denken, Potenziale erkennen – das und noch eine Menge mehr inspiriert Angelika Weigelt. Ob es um Malerei, Bildhauerei, Design oder die eigene „Edition Weigelt“ geht – die Wahrnehmung und das, was das Menschsein ausmacht, sind Themen, welche die Werke der 1961 geborenen Künstlerin an- und umtreiben. Bevor sie 1996 ihr eigenes Atelier in Burhafe, Ostfriesland, eröffnete, absolvierte sie eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin, bildete sich umfassend im Bereich EDV und CAD weiter und studierte schließlich „Gestaltende Kunst“ an der Hochschule für Künste in Bremen mit dem Schwerpunkt „Malerei“. Es folgten verschiedene künstlerische Aufenthalte, Ausstellungen und Publikationen.

Frieda: Vielseitigkeit ist etwas, das einem beim ersten Blick auf deine Website auffällt. Du bist sogar noch Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Akupunktur, Shiatsu und TCM und hast Kinder auf die Welt gebracht. „Chapeau!“, kann man da nur sagen. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Angelika: (Lacht) Vielseitig, das höre ich oft, allerdings ist das nur auf den ersten Blick so. Alle meine Arbeiten korrespondieren mit einer Weiterentwicklung, Transformation oder Metamorphose. Das ist der rote Faden, bzw. das verbindende Element und dann handelt es sich nicht mehr um Vielseitigkeit, sondern nur um den gleichen Ausdruck in verschiedenen Gewändern. Du hast mit deiner Frage auch einen Bogen geschlagen, der sich über mehrere Jahrzehnte meines Lebens spannt; daher lautet die Antwort darauf, wie man das alles schafft: Nacheinander, Step by Step. Mein Alter erwähntest du ja schon. Da kommt schon eine gute Zeitspanne zusammen, in der sich die scheinbar verschiedenen Interessen und Lebensentwürfe bequem aufreihen lassen.

Die HP Ausbildung habe ich gemacht, als mir 1994 klar wurde, wohin das Gesundheitssystem steuert, wenn Mediziner mehr und mehr zu Kaufleuten werden. Na ja, und nebenbei profitiert auch die Malerei von fundierten Anatomiekenntnissen. TCM, Shiatsu und Akupunktur in Grundkursen waren damals die ersten Mittel meiner Wahl, mit der ich Verantwortung für meine Gesundheit und die meiner Familie übernehmen konnte. Tatsächlich ist die Heilkunde immer noch mein Thema, aber weniger spezialisiert; es geht meist viel natürlicher. Ich lebe heute einen ganzheitlichen Lebensstil, mit Gemüseanbau, Kräutergarten und koche leidenschaftlich gerne. Du bist was du isst, nicht wahr? (lacht)

Frieda: Eine deiner Reisen führte dich nach Auroville in Indien. Du lebst zeitweise in Dänemark und hast anscheinend auch eine besondere Affinität zur Insel Spiekeroog. Beispielsweise gibt es in deiner Edition Weigelt auch eine Anekdotensammlung von Joachim Breithaupt mit dem Titel „Himmlisches Spiekeroog“, für die du die Illustration gemacht hast. Gibt es so etwas wie einen Lieblingsort für dich und wovon hängt für dich ganz individuell ab, wann ein Mensch eine Region als Heimat wahrnimmt?

Angelika: Meine Lieblingsorte sind immer Inseln und gegenwärtig sind es zwei dänische Inseln. Dort lebe und arbeite ich so oft ich kann. Die Weite des unbegrenzten Horizonts und die Nähe zum Meeres-Wasser sind für mich essentiell; überhaupt habe ich eine besondere Empathie für die mich umgebende Natur. Was in vielen Kunstwerken auch zum Ausdruck kommt. Heimat ist für mich eher ein abstrakter Begriff, da Heimat das Haus (daheim) im Wortgebilde trägt. Wenn ich den Körper im übertragenen Sinne als Haus ansehe, dann ist Heimat immer da, wo ich mich voll und ganz in meinem Körper präsent fühle, sprich mich wohl fühle, geborgen und unterstützt.

Preserve

Frieda: Was hat dich eigentlich nach Auroville geführt und wie erlebtest du die Gemeinschaft dort?

Angelika: Eine Einladung führte mich nach Auroville. Die Gemeinschaft und der Ort selbst sind speziell. Die Ortsarchitektur z. B. ist wie eine Spiralgalaxie angelegt. Mich hat die Straßenführung daher eine ganze Weile irritiert. Im Zentrum steht das Matrimandir, ein Kugelgebäude mit einem einzigartigen Meditationsraum. Der Kristall im Innern wurde in Deutschland geschliffen. Der Raum selbst hat kein Fenster, das Tageslicht wird von Lichteinlässen auf dem Dach mit Hilfe von Spiegeln gebündelt und senkrecht nach unten auf den Kristall projiziert. Er stellt eine Kontemplationshilfe dar, etwa mittels der Visualisierung so zu sein, wie dieser Kristall, der im Licht erstrahlt. Ich erlebte meinen Aufenthalt dort als inspirierend, spirituell, innovativ, künstlerisch, gekoppelt an einen permanenten und sichtbaren Existenzkampf – bei Mensch und Tier. Letzteres war für mich beängstigend. Ich brauchte eine Zeit für die Integration dieser Gegensätze in mir, die auch das Umland in Indien betrafen. Grundsätzlich verfolgt Auroville ein interessantes Konzept, das für einige Aussteiger, kommend aus allen Kontinenten, funktioniert, als Beruf und Berufung zugleich.

Frieda: Das Magazin Frieda möchte ganz besonders auch Frauen auf regionaler Ebene zu mehr Selbstermächtigung ermutigen. Da Frieda für den Weltfrieden ist, sieht die Betreiberin dieses Portals gerade bei den Frauen ein enormes Potenzial, dieses Ziel mitzugestalten. Man denke da an die griechische Komödie Lysistrata, was so viel wie die „Heeresauflöserin“ bedeutet. Darin schmieden Frauen aus Sparta und Athen einen Plan, mit dem sie ihre Männer dazu bringen, einen langen Krieg zu beenden. Sie verweigern ihnen den Sex, damit die Jungs die Waffen niederlegen. Nun möchte sicherlich keine sinnliche, selbstbewusste (heterosexuelle) Frau gern dauerhaft auf Sex verzichten. Nichtsdestotrotz ist Frieda der Meinung, dass Frauen sehr viel mehr erreichen könnten, wenn sie sich solidarischer miteinander verhielten und sich gemeinschaftlich organisieren würden. Was wäre dein Appell an alle Frauen angesichts des aktuellen Säbelrasselns auf der Welt?

Angelika: (Tiefer Seufzer) Das Säbelrasseln auf der Welt basiert meiner Ansicht nach auf Furcht. Die Furcht vor Verlust, vor dem Fremden, vor dem Neuen. (…) Ich führe das mal nicht weiter aus. Jeder mag für sich herausfinden, wo die eigene Furcht Grenzen in der Entwicklung setzt.

Mein Appell an alle Frauen lautet daher, sich zunächst mal innerlich davon frei zu machen, dass der gegenwärtige Kanon, das „Weiblich-Sein“ schlechter bewertet, als das „Männlich-Sein“. Weiblich und männlich verhalten sich in unserer Gesellschaft, zurzeit noch, wie zwei Seiten einer Münze, immer entweder oder, wie Kopf oder Zahl. Ich wünsche mir eher einen Zusammenschluss, wie es im Yin und Yang symbolisiert wird. Sich gegenseitig ergänzen, das ist eine Bereicherung für die Welt.

Frieda: Frieda, selbst in Ostfriesland aufgewachsen, erinnert sich noch gut an die Situation in den 1960er und 1970er Jahren: Akkurate Gärten, kaum Unkraut, Frauen mit Kittelschürze im Garten oder am Kochtopf. Wie sieht es direkt bei dir in der Region heute mit den Frauen aus? Erlebst du sie als selbstbewusst und wenn ja, wie äußert sich das?

Angelika: (lacht) Die Kittelschürze ist weg. Ob das jetzt schon eine Weiterentwicklung darstellt? Vielleicht. Die akkuraten Gärten gibt es leider immer noch in der Überzahl. Wir bauen unsere Häuser ins Land und nehmen den Tieren und Pflanzen immer noch wie selbstverständlich ihre Lebensräume weg. Mein naturnaher Garten beherbergt und ernährt als Ausgleich natürlich so manches Getier und ist deshalb wenigstens einer Nachbarin ein Dorn im Auge.

Es gibt sie aber, die Frauen auf der Ostfriesischen Halbinsel, die selbstbewusst ihr Leben gestalten und dabei einen ganzheitlichen Ansatz haben. Das merkt man z. B. an ihren Gärten (lacht), aber besonders an der Bereitschaft, sich für weibliche Werte einzusetzen, Verantwortung zu übernehmen für die Umwelt, das soziale Zusammenleben oder auch in der Regional-Politik.

Frieda: Du hast unter anderem das Kinderbuch „Schwanskinder“ in deiner eigenen Edition herausgebracht. Es trägt den Untertitel „Oma, du kennst dich doch aus mit Gott“. Darin geht es um die Rätsel der Existenz. Hast du eine Lösung für diese Rätsel gefunden und wenn ja, wie sieht sie aus?

Angelika: Für mich persönlich bin ich fündig geworden, ja – wie es aussieht, das lässt sich in Worten schwierig bis gar nicht ausdrücken, denn das hat mit der persönlichen Wahrnehmung zu tun. Was ich in dem Buch anbiete, ist ein Weg für Kinder und Erwachsene sich dem Thema auf kreative Art zu nähern. Der Weg ist angelegt, das Ergebnis offen. Ich weiß nicht was die Leser finden werden, aber ich hoffe, dass sie es uns im Blog von Schwanskinder mitteilen.

Frieda: Aus deinen Bildern spricht ein enger Bezug zur Natur und aus deinen Skulpturen ein enger Bezug zur Erde. Wie sieht dein persönlicher Himmel aus und welche Rolle spielt die Erde dabei?

Dickkopf, Speckstein

Angelika: Der Bezug zur Natur in meinen Bildern stimmt, viele zeigen daher oft grüne Themen. Das sensible Gefüge zwischen Mensch und Natur liegt mir sehr am Herzen. Ich zeige gerne wie verstrickt wir darin sind. Preserve (Bewahren) ist z. B. so ein typischer Vertreter dieser Sichtweise. Aber auch die eigene Natur wird thematisiert, da sind wir dann bei der menschlichen Wahrnehmung. Wir mögen die gleiche Sprache sprechen, aber deswegen teilen wir noch lange nicht die gleichen inneren Bilder, die zu den Sprachbegriffen gehören. Wenn ich z. B. Tür sage, kennst du dann mein inneres Bild für Tür? Du kennst die Funktion, mehr nicht. Darüber macht sich kaum jemand Gedanken, aber genau dieser Umstand des Kopfkinos, wie ich das gerne nenne, führt zu vielen Missverständnissen im Umgang mit anderen und auch mit sich selbst.

Die Skulpturen stehen grundsätzlich für die Wandlungsfähigkeit des Elementes Erde. Die Themen sind oft subtil humoristisch. Meinen persönlichen Himmel stell ich mir also himmelblau vor, frei von Wolken aus Verstrickung oder Leid und die Erde als Ort der Erneuerung.

Frieda: Du nennst deine Kunst Gezeiten-Kunst, was verbirgt sich dahinter und was willst du damit erreichen?

Angelika: Dahinter verbirgt sich die Küste, als Arbeitsplatz und die Gestaltungsweise, die ich als eine Analogie zu den Lebenszyklen verstehe. In der Malerei z. B. wechseln sich nasse und trockene Malprozesse ab, wie Ebbe und Flut. Aus den vielen Überflutungen entstehen irgendwann Strukturen, die ich weiter ausarbeite. Charakteristisch sind am Schluss viele kleine malerische Figuren, die zusammengesetzt und komplex sind. Sie bilden meine besondere Ausdrucksform, die ein näheres Herantreten, den Schritt zurück und ein nochmaliges Betrachten aus nächster Nähe lohnend machen. Das Betrachten des Bildes oder der Skulptur durch Nähe und Abstand überträgt den Rhythmus auf den Betrachter. Durch dieses Nivellieren verlässt er seine automatisierte Wahrnehmung, er kann Gefühl und Aufmerksamkeit spielerisch zusammenbringen. In der heutigen reizüberfluteten Zeit ist das ein unbedingter Mehrwert, wie man so schön sagt.

World in Motion

Frieda: Frieda ist Visionärin und sie möchte auch neue Visionen kreieren. Wie sieht deine Vision aus?

Angelika: Ich soll jetzt eine Vision kreieren? (schaut kurz nach unten…). Ich entscheide mich spontan für etwas Naheliegendes. Das Wort Kunst kommt von kunnan, das ist indogermanisch und bedeutet kenntnisreich. Da sehe ich eine deutliche Parallele zu Müttern, die sich Kenntnisse in Ernährung, Erziehung, Heilkunde u.v.m. erwerben. Den Künstlern, sowie den Müttern wird unterstellt, es gehöre zu ihrer persönlichen Lebensführung Künstler oder Mutter zu sein, daraus leite sich keine unterstützende gesellschaftliche Verpflichtung ab. Ich finde das ist viel zu kurz gedacht. Schließlich sind es die Kinder, die die Gesellschaft von morgen bilden und es sind die Kunstwerke, die für die Gesellschaft die Synthese von gestern, heute und morgen veranschaulichen. Nicht wenige von den heute hoch gehandelten Werken bescherten ihrem Urheber zu Lebzeiten kein Einkommen.

Ich stelle mir also eine Welt vor, in der die Lebensleistung von Müttern und Künstlern durch die Gesellschaft mit einem auskömmlichen Rentenanspruch Anerkennung findet. Think outside the box! – verlasse das Gewohnte, wenn du dich entwickeln willst!

Frieda: Danke für das Gespräch und dafür, dass du die Welt mit deiner Kreativität bereicherst!

Angelika: Danke gleichfalls!

Fotos: (c) Angelika Weigelt

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